Zwischen Werkbank und Weltmarkt

„F/List“ baut Interieurs für die besten Privatjets der Welt, mit Holz, Stein und Handwerk aus Niederösterreich. Damit hat es das Unternehmen zu 159 Mio. € Umsatz, über 1.200 Mitarbeitern und Kunden wie Bombardier und ­Gulfstream gebracht. Katharina List-Nagl führt die einstige Dorftischlerei in dritter Generation – ohne das Handwerk ­gelernt zu haben.

80 Kilometer südlich von Wien, in der als „Bucklige Welt“ bekannten Region Niederösterreichs, fährt man von der Autobahn ab und landet im 1.200-Seelen-Dorf Thomasberg. Bevor man in die List-Strasse abbiegt, kann man sich ob der Szenerie kaum vorstellen, dass hier rund 850 Menschen Interieurs für die ­teuersten Privatjets der Welt bauen. Forbes trifft Katharina List-Nagl, sie ist CEO und führt „F/List“ in dritter Generation. Das Unternehmen wurde 1950 von ihrem Grossvater als Tischlerei im Nachbarort Aspang-Markt gegründet – heute ist es ein führender Luxus-Interieur-Ausstatter für Privatjets. Der konsolidierte Umsatz der Unter­nehmensgruppe lag 2025 bei 159 Mio. €; weltweit sind über 1.200 Mitarbeiter aus mehr als 30 Nationen an zehn Standorten für das Unternehmen tätig, von Thomasberg bis nach Dubai und Fort Lauderdale in den USA. Zu den Kunden zählen auch die grossen Namen der Industrie: Bombardier, Embraer und Gulfstream. Rund 300 neue Flugzeuge stattet „F/List“ pro Jahr aus, dazu kommen jährlich rund 70 sogenannte Retro­fits, also die Neuausstattung des Innenraums eines bestehenden Jets. Zudem bietet das Unternehmen sogenannte „Completions“ für Grossraumflugzeuge an, die zu Privatjets umgebaut werden. Preise nennt das Unternehmen nicht – die Bandbreite reiche in die Millionen.

Mehr als drei Viertel des Umsatzes kommen aus der Luftfahrt, der Rest aus den Bereichen Yachten und Luxusresidenzen. Seit Katharina List-Nagl 2017 die Führung übernahm, hat sie das Unternehmen weiter internationalisiert, mit Innovationen für Aufregung gesorgt und den Führungsstil verändert. Doch sie muss den Betrieb auch ganz anders führen als ihre Vor­gänger – auch, weil er massiv gewachsen ist: Allein in den vergangenen fünf Jahren hat sich der Umsatz beinahe verdoppelt. Zudem sind ihre Voraussetzungen ganz andere: „Mein Vater war Tischler, mein Grossvater war Tischler“, sagt sie; „ich bin die Erste, die das Unternehmen führt und nicht Tischlerin ist.“

Doch den Blick fürs Detail hat List-Nagl auch ohne Meisterbrief. Als wir durch die Fabrikhallen gehen, rückt sie ein Bauteil zurecht, das nicht ganz gerade auf dem Regal liegt. Ein Oberflächenmuster im Showroom legt sie weg, bevor Fotos gemacht werden: „Das repräsentiert keine Exzellenz, das gehört hier nicht hin“, sagt sie leise, mehr zu sich selbst als zu den Menschen um sie herum.

Einerseits riecht es in der Werkhalle nach Holz. Rund zwei Drittel der Mitarbeiter haben einen handwerklichen Beruf erlernt. Andererseits werden im Innovationslabor neue Materialien entworfen, um speziellen Kundenwünschen zu entsprechen. „Wir haben immer diese Spannungsfelder: traditionelles Handwerk versus Hightech, global versus regional“, sagt List-Nagl. Der Standort zwingt „F/List“, Fachkräfte aus einem weiteren Umkreis zu rekrutieren. Doch er bietet auch Vorteile: Durch die Lehrlingsausbildung, die man vor allem im DACH-Raum kennt, sei das Niveau der Fachkräfte deutlich höher als an den internationalen Standorten; derzeit sind 47 Lehrlinge im Unternehmen. Deshalb werden zum Aufbau neuer Standorte immer Mit­arbeiter aus dem Hauptquartier entsandt. Doch die geopolitische Lage bremst die Expansion in den Nahen Osten. Die CEO muss all das zusammenhalten und in die Zukunft führen – dabei wollte sie ursprünglich eigentlich gar nicht hier sein.

Ich bin die Erste, die das Unternehmen führt und nicht Tischlerin ist.

Katharina List-Nagl

List-Nagl wuchs im und mit dem Unternehmen auf. Anfang der 1990er-Jahre begleitete sie ihren Vater nach Warschau. Er nahm sie – wie so oft – auf Baustellen oder zu Kunden mit. Sie durfte sich das Cockpit einer Lauda-Air-Maschine ansehen. Der Pilot schaute auf das Mädchen hinunter und fragte, was so eine Kleine denn in Warschau mache. „Ich bin auf Geschäftsreise“, sagte sie. So erzählt List-Nagl das heute mit einem Grinsen im Gesicht.

Damals war noch völlig unklar, wohin die Reise des Unternehmens gehen würde. Ihr Grossvater Franz List hatte 1950 eine Tischlerei in Aspang gegründet, wenige Kilometer von Thomasberg entfernt. Das Hauptgeschäft: Möbel für Kunden in der Region. Sein Sohn Franz List junior übernahm die Werkstatt – und dachte grösser. Zunächst erweiterte sich das Geschäft auf den gehobenen Innenausbau, insbesondere für Hotels, etwa das Hotel Louis C. Jacob in Hamburg. In den 90er-Jahren wurde der Besitzer der MS Deutschland – im Fernsehen besser bekannt als das „Traumschiff“ – auf den Betrieb aufmerksam. Von Kreuzfahrtschiffen (die heute vom Unternehmen nicht mehr ausgestattet werden) führte der Weg zu Privatyachten und schliesslich in die Luftfahrt. Den Firmensitz hatte Franz List junior 1989 nach Thomasberg verlegt und mehrfach ausgebaut. „Er war der klassische Pionier“, sagt seine Tochter. Wer die geforderte Leistung brachte, konnte bei ihm alles haben.

Der entscheidende Wendepunkt kam 2004 – „F/List“ stieg ins Luftfahrtgeschäft ein. Erster Auftrag: die Innenausstattung für den „Learjet 40/45“ von Bombardier. Es war der Beginn einer Transformation in Richtung eines globalen Markts – mit Rahmenverträgen ähnlich der Automobilindustrie, in denen „F/List“ für ein komplettes Flugzeugprogramm sämtliche Interieur-Optionen vorentwickelt und liefert. 2006 folgte die „Challenger“-Baureihe; mittlerweile hat „F/List“ über 1.000 Flugzeuge dieses Typs ausgestattet. 2004 kam auch Katharina List-Nagl ins Unternehmen – sie hatte Wirtschaft in Wiener Neustadt studiert und war danach beruflich für ein Jahr in Spanien. Eigentlich wollte sie nicht ins Familienunternehmen einsteigen, doch dann kam der Anruf des Vaters: Ein Grossprojekt war ausgelaufen – und die Auftragsbücher waren leer. „Kathi, bitte komm nach Hause.“

Sie kam – und wäre am liebsten wieder gegangen. „Ich war am Anfang ‚die Tochter‘ und ich wollte nie da sein, nur weil ich ‚die Tochter‘ war.“ Sie sass in Meetings, hörte zu und fand keine Rolle. Sie bewarb sich sogar anderswo. Erst eine Jobrotation – von Controlling über HR und Marketing – gab ihr den Zugang zu den Leuten und zum Geschäft. „Irgendwann“, sagt sie, „bin ich picken geblieben. Aber ich bin froh darüber.“

2009 kam sie, noch keine 30 Jahre alt, in die Geschäftsleitung. „Viel zu früh“, findet sie selbst. Aber ihr Vater sprach kein Englisch, also übernahm sie früh Kundenverhandlungen. 2011 und 2013 bekam sie ihre Töchter, 2014 hatte Franz List seinen ersten Herz­infarkt. Ab dann war Katharina List-Nagl operativ voll drin; er stärkte ihr den ­Rücken. 2017, zu seinem 70. Geburtstag, zog er sich formell in den Aufsichtsrat zurück. Ihr Führungsstil musste ein anderer werden: „Erstens bin ich eine Frau, zweitens habe ich diese jahrzehntelange Erfahrung nicht, drittens bin ich keine Tischlerin.“ Was sie stattdessen versuchte: einen multiplikativen Ansatz – Führungskräfte, die den Spirit weitertragen, statt einer einzelnen Person, die alles entscheidet. „Ich bin manchmal zu nett“, sagt sie. Pause. „Finde ich.“

Doch auch in den Jahren danach war ihr Vater jeden Tag im Betrieb und hielt List-Nagl den Rücken frei, wie sie sagt. „Ihr müsst am Tatort sein“, hatte er seinen Leuten immer gesagt. „Ihr könnt nicht vom Computer aus diesen Betrieb führen.“ Im März 2024 starb Franz List junior mit 76 Jahren nach schwerer Krankheit. Jetzt war der Tatort verwaist. Nun brauchte List-Nagl ein grosses Team, „weil ich mich nicht klonen kann“. Denn durch die Internationalisierung und das Wachstum des Unternehmens wurde sie zunehmend auch an anderer Stelle gebraucht.

Die Produktion wirkt teilweise wie ein Bienenstock: Überall wird gefräst, geschleift, lackiert und geschraubt. In der Endmontage können sich Besucher etwas besser vorstellen, was hier entsteht – in diesem Fall eine Galley, eine Bordküche, für eine „Bombardier Challenger“. Ein Mitarbeiter kontrolliert, ob die Schubladen ­sitzen. Dabei achtet er auf jeden Millimeter. Um global auf diesem Niveau konkurrieren zu können, reicht für „F/List“ allerdings nicht nur beste Qualität, die Produkte müssen auch innovativ sein. 4,5 Mio. € werden jährlich in Forschung und Entwicklung investiert, mehr als 35 Experten arbeiten in einem eigenen Innovations­labor. Ihr Auftrag: „Scheinbar unmögliche Konzepte“, wie es List-Nagl nennt.

Das repräsentiert keine Exzellenz – das gehört hier nicht hin.

Katharina List-Nagl

Die Innovationen tragen extravagante Namen wie „Aenigma“, „Whisper Leather“ oder „Linfinium“. Es sind flexibel einsetzbare und nachhaltige Materialien. Teilweise sind sie aus der Nachfrage nach Lederbezügen aus exotischen Tieren entstanden. Optisch und haptisch sind sie vom Original nicht zu unterscheiden und List-Nagl ist stolz, hier Alternativen anbieten zu können. „Ich besitze keinen Pelz“, meint sie – „braucht man auch nicht.“ Die wohl grösste Innovation der vergangenen Jahre trägt allerdings den Namen „Shape­shifter“: Das ist ein Kabineninterieur-Konzept, bei dem sich Möbel durch pneumatische Mechanismen verwandeln. Was auf den ersten Blick nach einer massiven Holzplatte aussieht, verbiegt sich auf Knopfdruck, um in engen Privatjet-Kabinen grösstmögliche Flexibilität zu bieten. So kann aus einem Beistelltisch eine vollwertige Arbeits- oder Essfläche werden. Im Showroom erscheint es beinahe surreal, weil es fast geräuschlos passiert. Was wie eine unnötige Spielerei wirkt, ist dabei für die Industrie sehr relevant: Privatjets werden häufig gechartert, doch die Anforderungen an das Interieur unterscheiden sich, je nachdem, ob Familien mit Kindern, Freundesgruppen oder Geschäftsleute an Bord sind. Wenn jeder Meter in der Kabine zählt, kann diese Funktionalität zum Game­changer werden.

Der „Shapeshifter“ ist ausgerechnet aus einer Krise entstanden. Während der Coronapandemie, als die Luftfahrt stillstand, entschied sich List-Nagl gegen Kurz­arbeit und für einen ungewöhnlichen Schritt: Sie trommelte die Belegschaft zusammen und sagte: „Lasst uns die nächste Generation von Cabin Interiors entwickeln!“ „Da hat es nicht diese Befindlichkeiten gegeben“, erzählt sie. „Keine Egos, da haben einfach alle angepackt.“

Das Unternehmen strebt auch für die kommenden Jahre einen Wachstumskurs an – mit Bedacht, wie List-Nagl betont. Der Standort in Dubai wurde 2025 vergrössert, in Thomasberg wird erneut angebaut, weil die Steinfertigung für Flugzeugböden an ihre Kapazitäts­grenzen stösst. Doch das Ziel ist, nicht zu sehr vom Flugzeugmarkt abhängig zu sein. Ihr Vater meinte dazu: „Ein Hocker mit drei Haxen (Beinen, Anm.) wackelt nicht.“ Das soll mit den drei Standbeinen der „F/List“-Gruppe – Aviation, Yachting, Residenzen – gelingen. Noch dominiert die Luftfahrt mit 80 %, aber das Yachtgeschäft holt auf.

Die Frage, ob es eine vierte Generation geben wird, lässt List-Nagl offen. Ihre Töchter sind Teenager. Beide haben schon gefragt: „Mama, was passiert eigentlich mit ‚F/List‘ in der Zukunft? Dürfen wir dann eh mitarbeiten?“ Doch die Mutter will keinen Druck machen: „Ich wünsche ihnen, dass sie einen Job finden, der für sie nicht nur ein Job ist, sondern wo das Ganze von ­Beruf in Richtung Berufung geht.“

Doch was würde ihr Grossvater sagen, wenn er heute durch diesen Betrieb ginge – zu den Hightech-­Maschinen, beweglichen Holzmöbeln, Steinböden für Privatjets, Standorten auf drei Kontinenten? „Ich glaube, er würde es überhaupt nicht fassen“, sagt List-Nagl. Und dann, leiser: Auch ihr Vater habe es bis zuletzt kaum ­fassen können. „Dem sind regelmässig die Tränen gekommen, weil er so stolz war, was da ent­standen ist.“

Fotos: Gianmaria Gava

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