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Er nennt sich JJ, weil Johannes zu lang und Jojo zu generisch klang. Was als Spitzname auf dem Schulhof begann, ist heute eine Marke mit Wiedererkennungswert: ein Countertenor mit einer Ausbildung an der Wiener Staatsoper, der Opernkunst und Pop-Ästhetik verschmilzt, den Eurovision Song Contest 2025 gewonnen hat – und seinen Weg mit klarer Vision weitergeht.
Johannes Pietsch steht auf der Bühne – und hat das Gefühl, sich „in die Hose zu machen“: So beschreibt der Sänger, der besser unter seinem Künstlernamen JJ bekannt ist, seinen ersten Auftritt. Es war 2016 und
der damals 15-Jährige trat mit „O mio babbino caro“, einer Sopran-Arie aus der Oper „Gianni Schicchi“
von Giacomo Puccini, bei einem Schulkonzert auf. So herausfordernd der Tag auch war, so prägend sollte er bleiben. Die Begeisterung des Publikums führte bei JJ zur Erkenntnis: „Wenn ich Menschen mit meinem Gesang ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann – warum sollte ich es dann nicht auch beruflich machen?“
JJ, ein ehemaliger Opernschüler der Wiener Staatsoper, sicherte Österreich im vergangenen März den dritten Sieg beim Eurovision Song Contest, nach den Erfolgen von Udo Jürgens und Conchita Wurst, und bringt den ESC 2026 somit nach Wien. Pietsch, der sich klassischen Operngesang anfangs selbst beibrachte, behandelt in seinen Songs emotionale und persönliche Themen. Er trat sowohl an der Wiener Staatsoper als auch bei internationalen Wettbewerben wie „The Voice UK“ auf und bereitet sich dieses Jahr auf weitere Auftritte in Österreich und die nächsten Schritte in seiner Karriere vor. Nachdem er in der Vergangenheit mit politischen Äusserungen für Aufsehen sorgte, konzentriert er sich heute neben seiner Musik darauf, die LGBTQ+-Community und seine Generation zu ermutigen, ebenfalls ihre Stimme zu finden.
Geboren wurde JJ in Wien, den Grossteil seiner Kindheit verbrachte er aufgrund der Berufe seiner Eltern in Dubai, wo sie sich ursprünglich kennengelernt hatten. Sein Vater war dort als IT-Fachmann, seine Mutter als Köchin tätig. JJ wuchs mehrsprachig auf: Neben Deutsch spricht der Künstler Englisch, Französisch und Tagalog. 2016 kehrten er und seine Familie zurück nach Wien, wo er nach der Matura an der Opernschule der Wiener Staatsoper seine Stimmlage des klassischen Countertenors ausbaute. Die Fähigkeit habe er sich anfangs selbst beigebracht, nachdem er sein Talent dafür entdeckt hatte, Stimmen zu imitieren. Sowohl seine Grossmutter als auch seine Musikprofessoren wiesen ihn nach seinem Auftritt darauf hin: „Du bist wohl Countertenor!“ Die Erfahrung, bestätigt er, war der Wendepunkt, an dem Musik mehr als nur ein Hobby für ihn wurde. Heute studiert er an der Musik und Kunst Privatuniversität Wien (MUK) Sologesang bei der renommierten Opernsängerin Linda Watson.
Erstmals wurde Pietsch durch seine Familie in den Bann der Klassik gezogen – seine Eltern legten gerne CDs von Mozart und Bach auf. Die späteren Einflüsse des Sängers sind so gegensätzlich wie produktiv: Miley Cyrus weckte in ihm den Popstar-Traum; berühmte Namen der Klassik wie Maria Callas und Montserrat Caballé setzten Massstäbe in Ausdruck und Technik. Marianne Mendt, die beim Eurovision Song Contest 1971 in Irland Österreich vertrat, zählt ebenso zu seinen Inspirationen.
Nach jener ersten Vorstellung wollte Pietsch weiterhin Bühnen erobern. Er nahm an Auftritten der Wiener Staatsoper teil, spielte unter anderem den 1. Knaben in Mozarts „Zauberflöte“ und Nebenrollen in „Macbeth“ und „Tschick“. Während Opernauftritte bestehen blieben, nahm JJ an Wettbewerben wie „The Voice UK“ (2020) im Ausland und der ORF-Castingshow „Starmania“ (2021) teil, um sich mit anderen talentierten Künstlern zu messen – bei „Starmania“ schaffte er es ins Finale. Mittlerweile ist er ein routinierter Performer: Spätestens zwei Wochen vor einer Show fangen die Vorbereitungen an, die er in seinen Alltag vollkommen integriert. Das Ergebnis: „Ich habe jetzt mehr Lust, auf die Bühne zu treten, als Angst davor“, so Pietsch.
Ich habe heute mehr Lust, auf die Bühne zu treten, als Angst davor.
Johannes Pietsch
Der Weg zum Eurovision Song Contest 2025 begann paradox: Er war der Einzige in seinem Freundeskreis, der noch keinen eigenen Song veröffentlicht hatte. Er schrieb Teya, einer österreichischen Songwriterin und Freundin in Berlin, und vereinbarte eine gemeinsame Session, an der auch der Produzent Thomas Thurner beteiligt war. Am Ende des Tages stand der Song „Wasted Love“. „Was für ein geiles Lied!“, war sich das Trio einig, erzählt JJ – und entschied, ihn beim ESC einzureichen. Die Vocals blieben, danach machte sich das Team an die Postproduktion. Pietsch gewann mit dem Lied das Finalticket für den ESC in Basel, der im Mai 2025 stattfand. Mit 436 Punkten erzielte er dort den ersten Eurovision-Gewinn für Österreich seit über zehn Jahren, mit besonders guten Bewertungen von der Jury.
Warum er siegte? „Ich glaube, es ist die Vulnerabilität, die ich auf die Bühne gebracht habe“, sagt Pietsch. Als bedeutend für seinen Gewinn nennt er ebenso den Bruch in der Ästhetik: Die intime Kamerasprache der Live-Aufnahme, gehalten in Schwarz-Weiss und im 4:3-Format, stellte Emotionen in den Vordergrund, so der ESC-Sieger. Dieses Ungewohnte, sowie die Konzentration auf Gefühle und JJs stimmliche Fähigkeiten prägten sich im Publikum ein. Hinzu kam die in der Mainstream-Musik seltene Mischung aus Pop, Oper und Techno-Beats.
Nicht Geld, sondern eine gläserne Trophäe in Form eines Mikrofons verkörpert den Triumph beim ESC. Der Erfolg bedeutete für JJ internationale Bekanntheit, „Star-Treatment“, mehr öffentliche Nachfrage nach seinen Songs, aber auch Anerkennung von Einrichtungen, die er zuvor, vor seinem Studienabschluss an der MUK, nicht erreicht hätte. „Wasted Love“ hat seit seinem Release im März 2025 insgesamt über 45 Mio. Streams auf Spotify angehäuft und bekam vom Verband der Österreichischen Musikwirtschaft (IFPI) eine Gold-Bewertung.
Sein Celebrity-Status verblüfft JJ trotzdem immer noch: „Guys, it’s not that deep“, sagt er lachend, wenn er über seine öffentlichen Begegnungen mit Fans auf den Strassen Wiens erzählt. Der Sänger erntete neben grossem Lob auch Kritik für politische Äusserungen im Umfeld des ESC, was eine weitreichende Kontroverse bis in die Politik auslöste: Pietsch hatte sich gegen eine Teilnahme Israels beim Song Contest in Wien ausgesprochen, sprach später aber von einem Missverständnis und entschuldigte sich. Er betont jedoch, dass er vergangene Ereignisse ruhen lassen möchte und sich stattdessen auf seine Stärke konzentriert: die Musik. „Musik ist eine universelle Sprache, die uns alle verbindet“, so seine Überzeugung.
JJ arbeitet viel mit Themen wie Herzschmerz und Verletzlichkeit, um eine Verbindung zu den Zuhörern aufzubauen. In seine Songs fliessen viele Elemente aus seinem Privatleben ein. Ohne die schmerzhaften, prägenden Erlebnisse, die er durchgemacht hat, sagt er, wäre er nicht so weit gekommen und hätte möglicherweise damals keine Inspiration gehabt, um den Song zu schreiben.
„Relatability“, so der Sänger, ist für ihn die wichtigste Währung eines Songs. Momentan arbeitet er eng mit dem Label Warner Music Central Europe zusammen. Er betont, wie viel kreativen Freiraum ihm sein Team lässt. Eigene Ideen bei der Songproduktion sind für JJ Pflicht: Er kommt vorbereitet in Sessions, bringt eine Storyline mit Motiven und Bildern mit,
was den Prozess schneller, präziser und persönlicher macht. Das bedeutet, dass Sessions keine zwölf Stunden mehr dauern – wie bei der Produktion von „Wasted Love“.
Ohne den ESC-Sieg müsste Pietsch wohl noch einige Hürden für dasselbe Mass an Aufmerksamkeit überwinden. Seiner Meinung wird zu wenig heimische Musik im Radio gespielt und aufstrebenden Acts
wird zu wenig Fläche geboten: Die Charts sollen heterogener sein, nicht von einer einzigen Demografie dominiert, meint er. Sichtbarkeit solle nicht vom Zufall abhängen. Dennoch: „Wenn man wirklich hart arbeitet, wird man am Ende belohnt“, sagt Pietsch.
Dabei nimmt er künstliche Intelligenz als Bedrohung wahr: Vollsynthetische Songs nähmen der Musik die Menschlichkeit. Seine Herangehensweise ist, in seiner Musik Distanz zu jeglicher Form von KI zu bewahren. Von Streamingdiensten fordert JJ mehr Fairness bei Bezahlung, Sichtbarkeit und Diversität, denn angesichts des veränderten Nutzung traditioneller Musikquellen wie Vinyl, CDs oder Kassetten sind Künstler zunehmend auf Streamingplattformen wie Spotify und Apple angewiesen.
Eine Studie des Forschungsnetzwerks für Digitale Kultur veranschaulicht das Problem: Die Vergütung der Künstler erfolgt nach Marktanteilen – ein Verteilungssystem, das von vielen als ungerecht empfunden wird. Die zentrale Kritik: „Weniger als 1 % der über acht Millionen Spotify-Künstler verdienen 90 % des Gelds“ , so die Studie. Die Realität für die Mehrheit der Musikschaffenden ist ernüchternd, laut der Studie verdienen die meisten Künstler weniger als 1.000 US-$ (838,7 €) im ganzen Jahr. Kleine Artists, Newcomer und umsatzschwache Genres würden besonders darunter leiden – hohe Einkommen seien nur durch millionenfach geklickte Hits möglich. Dabei denkt Pietsch auch an die Konsumenten – für sie soll es keine endlosen Preiserhöhungen geben: „Kunst soll für jeden zugänglich sein.“
Die klare Präferenz bleibt für den jungen Sänger weiterhin Livemusik vor einem Live-Publikum. „Ich finde, Livemusik packt mich mehr; und da spüre ich auch die Personen im Publikum mehr“, sagt JJ. Obwohl er sich derzeit mehr auf Pop konzentriert, bleibt seine Musik hybrid: „Mal mehr Pop als Oper, mal umgekehrt. Aber die Klassik und die Oper werden mich immer begleiten“, so Pietsch. Erst kürzlich fand das Konzert „JJ – Barock und Pop“ in der Josefskirche St. Pölten statt, in dem der Sänger sowohl seine klassischen Wurzeln als auch seine weltberühmte Performance
als Popsänger zeigte. Der Auftritt im Rahmen der „Meisterkonzerte“ war bereits Tage zuvor ausverkauft. Auf Opernauftritte selbst wird Pietsch nicht verzichten: „Ich würde sehr gerne wieder mal an der Staatsoper singen. Ich vermisse die Bühne schon, muss ich ehrlich sagen“, sagt JJ. „Aber Opernauftritte werden so oder so stattfinden, auch im kommenden Jahr.“
Das kommende Jahr werde für ihn musikalisch ereignisreich, sagt der Sänger, seine bisherigen Erfolge seien für ihn erst der Anfang: Fans erwartet eine Single mit dem Titel „Shapeshifter“ (Anfang Februar), vor dem ESC 2026 sind ausserdem zwei Auftritte in Österreich und ein EP-Release geplant. Weiter geht es mit mehr Releases, und der Künstler macht Anspielungen auf eine Tour. Pietsch stellt klar: „Die Leute werden mehr von mir hören.“
Sein Traumfeature ist Ariana Grande – „selbst wenn es nur ein Atemzug in einem ihrer Songs wäre“, witzelt JJ. Aktuell höre er viel Adéla, eine slowakische Singer-Songwriterin, mit der er ebenfalls gerne arbeiten würde. Fest steht: In zehn Jahren will er nicht „nur“ der ESC-Sieger sein. Pietsch: „Man entwickelt sich als Person und auch als Künstler weiter, deshalb ist es mir wichtig, weiterzugehen und nicht nur da stehen zu bleiben, wo ich gerade bin. Ich habe ein Ziel und das möchte ich auch erreichen – und wenn ich ein Ziel erreicht habe, setze ich mir ein neues.“
Text: Klara Csongrady
Fotos: Brada Media