Züge ohne grenzen

Bei einer Bahnreise werden wesentlich weniger Treibhausgase freigesetzt als bei einer Flugreise. Doch die Buchung bleibt oft kompliziert – der europäische Bahnmarkt ist fragmentiert, und es fehlt bis heute eine einheitliche Buchungsplattform, trotz Buchungsvolumen im Milliardenbereich. Das Start-up Simple Train von Mitgründerin Saskia Bilang vermittelt inzwischen jährlich über 10.000 Zugreisen, zählt rund 35.000 registrierte Nutzer und erwirtschaftet rund 3 Mio. € Umsatz – bei einem Wachstum von rund 33 % pro Jahr.

Das Ziel von Simple Train war es, internationale Zug­reisen so einfach buchbar zu machen wie einen Flug: „Es kann nicht sein, dass nachhaltige Mobilität politisch gefordert wird, aber die Buchung für die Nutzer eine Zumutung bleibt“, so Saskia Bilang. Das Gründerteam besteht aus fünf Personen, die sich aus der gemeinsamen Schulzeit kennen: Neben Bilang gehören Marius Portmann, Karin Hugentobler, Austin Widmer und Linus Egli zum Kernteam. Portmann brachte als Ideengeber das tiefe Verständnis für den europäischen Bahn­verkehr ein, Bilang ergänzte die wirtschaftliche Perspektive; Hugentobler und Widmer trugen zur operativen und technischen Weiterentwicklung bei. Egli war anfangs für das Partner­management verantwortlich, ist heute nicht mehr operativ tätig, aber weiterhin als Gesellschafter involviert.

Portmann hatte schon während der Schulzeit be­gonnen, für Freunde internationale Zugreisen zu organisieren: Wer nach Italien, Frankreich oder Spanien wollte, schrieb ihm eine Nachricht – er suchte auf verschiedenen Bahnseiten die beste Verbindung. Dieser Gefallen unter Freunden wurde schnell zu einem regelmässigen Service. Dabei zeigte sich ein grundsätzliches Problem: Wer mehrere Länder mit dem Zug bereisen will, muss sich durch unterschiedliche Buchungs­systeme, Tarife und Websites wühlen. Im Oktober 2020 rief er Bilang mit der Idee an, den Markt zugänglicher zu machen. Sie war sofort interessiert.

„Wir waren alle sehr unterschiedlich – genau das hat dazu geführt, dass wir Dinge intensiver diskutiert und bessere Entscheidungen getroffen haben“, sagt Bilang. Anstatt sich sofort in den Aufbau einer kom­plexen Plattform zu stürzen, wurde mit einem minimal funktions­fähigen Produkt gearbeitet. Kunden stellten eine Anfrage und erhielten manuell die passenden Verbindungen. Die Nachfrage wuchs schnell – doch ein manueller Service war nicht skalierbar.

Die Systeme sprechen oft nicht miteinander.

Saskia Bilang

Die grösste Herausforderung lag in der Struktur des europäischen Bahnmarkts. Anders als im Flug­verkehr existiert kein zentralisiertes System – nationale Bahnunternehmen betreiben eigene Plattformen und Tarifmodelle, häufig fehlen technische Schnittstellen. Selbst grundlegende Informationen wie Beförderungsklassen oder Tarifstrukturen unterscheiden sich von Land zu Land stark.

„Die Systeme sprechen oft nicht miteinander – und selbst wenn es Schnittstellen gibt, sind sie nicht standardisiert“, erklärt Bilang. Simple Train bündelt Daten verschiedener Bahnunternehmen, standardisiert diese über eigene Schnittstellenlogiken und macht internationale Verbindungen heute über eine zentrale Plattform buchbar. Einfache Strecken zwischen grossen Städten können vollständig automatisiert abgewickelt werden. Bei komplexeren Reisen – etwa Gruppenreisen, Reisen mit Fahrrädern oder Hunden oder Routen über mehrere Länder – setzt das Unternehmen auf einen manuellen Prozess. „Unser Anspruch ist, dass man für jede noch so komplexe Reise bei uns eine Lösung findet“, so Bilang.

Noch bevor Simple Train offiziell an den Start ging, wurde eine erste Finanzierungsrunde abgeschlossen. Diese frühe Kapitalbasis ermöglichte es, sich direkt auf den Produktaufbau zu konzentrieren. Während die Reise­branche während der Coronapandemie litt, konnte das Team in Ruhe Strukturen entwickeln und das Nutzer­verhalten analysieren.

Die Einnahmen stammen aus Provisionen von Bahnunternehmen wie Eurostar oder den ÖBB sowie aus Servicegebühren. Zusätzlich arbeitet die Plattform mit Reisebüros, Schulen und Unternehmen zusammen. „Gerade bei komplexeren Reisen braucht es diese ­persönliche Komponente – viele Kunden wollen einfach die Sicherheit, nachfragen zu können“, erklärt Bilang.

Heute vermittelt Simple Train jährlich über 10.000 Reisen. Rund 35.000 Nutzer sind registriert, 28 % davon buchten bereits öfter. Der durchschnittliche Buchungswert liegt bei automatisierten Buchungen bei rund 250 €, komplexere Reisen erreichen im Schnitt etwa 1.200 €. Insgesamt erwirtschaftet das Unternehmen rund 3 Mio. € Umsatz. Die Positionierung gegenüber ­bestehenden Platt­formen: Während sich viele Anbieter auf Standardrouten beschränken, kombiniert Simple Train verschiedene Verkehrsmittel wie Züge, Busse und Fähren – etwa für Reisen in den Balkan, wo die Schieneninfrastruktur lückenhaft ist. Besonders im Schweizer Markt, wo Rabattmodelle wie Halbtax weitverbreitet sind, schafft das einen entscheidenden Mehrwert. Geografisch liegt der Schwerpunkt auf der Schweiz, gefolgt von Deutschland und Österreich.

Ein Teil der manuellen Arbeit wird bereits durch Machine-Learning-Modelle unterstützt, die aus Tausenden vergangenen Buchungen lernen. „Am Ende basiert vieles auf unseren eigenen Daten – daraus können wir sehr präzise Vorhersagen treffen“, so Bilang. In den kommenden fünf Jahren will sie das Unternehmen technologisch weiter ausbauen und international expandieren – mit dem Ziel, internationale Zugreisen zu einer echten Alternative zum Fliegen zu machen.

Text: Theresa Mader
Foto: Simple Train

Forbes Editors

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