Zu besuch beim kaiser der paradeiser

Gemeinsam mit seiner Frau Priska baut Erich Stekovics im Burgenland Paradeiser an; über 5.000 verschiedene Sorten. Dazu kommen unter anderem Zwiebeln, Knoblauch und Chili. Das Ziel: Geschmack – und nur das.

Im Hofladen von Erich und Priska Stekovics türmen sich Gläser mit eingelegten Chilis, Paprika, Paradeisern; Tapenaden. Hinter dem Laden, in einem grossen Raum, liegen kiloweise Gemüse und Früchte zum Trocknen auf und warten auf die weitere Verarbeitung. Ein würziger Geruch hängt in der Luft. Erich Stekovics begrüsst uns rund 100 Meter weiter unten auf der Strasse in seinem weitläufigen Haus. Durch die grossen Fenster, die auf einen grosszügigen Garten blicken, strahlt auch an diesem grauen, bewölkten Wintertag einiges an Licht
in das Esszimmer und die Küche. An den Wänden hängen Gemälde; einige von ihnen stellen religiöse Szenen dar. Stekovics bietet uns einen selbst gemachten Apfel­kuchen an, bevor wir uns zum Gespräch hinsetzen.

Der 59-jährige Gemüsebauer aus dem Burgenland hat sich mit seinem Betrieb in Frauenkirchen einen Namen gemacht, der auch ausserhalb von Österreich bekannt ist. Über 5.000 verschiedene Sorten Paradeiser – das Gemüse, dem er den Namen „Kaiser der Paradeiser“ verdankt – kultiviert er. Dazu kommen Zwiebeln, Knoblauch, Chili und zahlreiche andere Gemüsearten. Von seinem umsatzstärksten Produkt, Zwiebeln, verkauft er laut eigenen Angaben rund 400 Tonnen pro Jahr. Er beliefert Spitzenrestaurants in Österreich und die Supermarktkette Spar, mit der eine langjährige Zusammen­arbeit läuft, und verschickt Jungpflanzen in ganz Europa. Der Landwirt zieht auch Touristen nach Frauenkirchen und hat hin und wieder auch Prominenz zu Gast – von Joe Cocker bis zum Emir von Katar. Das sei aber alles zweitrangig (wenn überhaupt). Sein Gemüse muss drei Kriterien erfüllen, sagt er: „Das Wichtigste ist Geschmack, das Zweitwichtigste ist Geschmack und das Drittwichtigste ist Geschmack.“ Ertrag, Lager- und Transportfähigkeit, Anfälligkeiten auf Krankheiten, Erntezeiten – das stelle er alles in den Hintergrund. „Was nützt die reichtragendste Tomate oder Paradeis, wenn sie nach nichts schmeckt?“, fragt er. Doch wie funktioniert so ein Betrieb langfristig? Und wie wurde Stekovics zum „Kaiser der Paradeiser“?

Was nützt die reich­tragendste Tomate oder Paradeis, wenn sie nach nichts schmeckt?

Erich Stekovics

Stekovics wuchs als eines von sieben Kindern auf. Sein Vater arbeitete als Chauffeur in Wien, nebenbei baute er Paprika und Chili an. „Damals haben sich viele Auswanderer aus dem damaligen Jugoslawien angesiedelt. Wir sind mit den Sorten von dort nach Oberösterreich gefahren und haben ihnen den Geschmack ihrer Kindheit, ihrer Jugend gebracht“, so Stekovics. Später studierte er Theologie und arbeitete jahrelang in der Diözese als Religionslehrer und Pastoralreferent. Mit Mitte 30 kündigte er – „wir hatten damals sehr turbulente Zeiten, mit den Bischöfen Kurt Krenn und Hans Groër (der nach Vorwürfen sexuellen Missbrauchs zurücktrat; Anm.). Mit ihren sehr konservativen Haltungen konnte ich mich überhaupt nicht identifizieren“, sagt Stekovics – und gründete den landwirtschaftlichen Betrieb, den er heute betreibt.

Zunächst pachtete er vier Hektar, später stockte er auf acht auf. Die Idee ist ähnlich wie die, die seine Eltern rund zwanzig Jahre zuvor hatten: „Ich wollte Obst und Gemüse in einer Geschmacksform an die Konsumenten bringen, die sie das letzte Mal bei ihren Grosseltern erlebt haben.“ Er begann mit Chili, dem Gemüse seiner Kindheit. Ein Jahr später kamen in Zusammenarbeit mit dem Verein Arche Noah Paradeiser dazu. Zunächst baute er rund 70 Sorten an, doch als er erfuhr, dass es weltweit rund 300.000 verschiedene Tomatensorten gibt, setzt er sich das Ziel, 1.000 davon anzubauen. Die Medien wurden auf ihn aufmerksam – und tauften ihn den „Kaiser der Paradeiser“. Auch heute noch arbeite er eng mit Organisationen zusammen, die sich dem Erhalt alter Sorten verschrieben haben, etwa mit Association Kokopelli in Südfrankreich oder Wild Boar Farms in den USA.

Seit zehn Jahren führt Stekovics den Betrieb gemeinsam mit seiner Frau Priska. Zusammen diversifizierten sie den Betrieb. „Das Thema Zwiebeln hatten wir überhaupt nicht, und heute ist die Zwiebel unser umsatzstärkstes Produkt“, nennt er ein Beispiel – und schweift ab: Die Zwiebel sei die „Königin der Küche“, doch die meisten Österreicher kennen kaum Sorten beim Namen – „geschweige denn, dass man weiss, diese Zwiebel für ein Gulasch zu nehmen, diese für eine Fischsuppe und diese für einen Zwiebelkuchen“, bedauert Stekovics. Er plädiert für eine „Gemüsekultur“, analog zu der von Wein: „Für uns ist das grosse Vorbild der Winzer, der es geschafft hat, aus einer Traube etwas zu veredeln, das ein Kulturgut wird.“ Während es beim Wein längst eine eigene Sprache gebe, fehle das bei Obst und Gemüse. „Alles, worüber wir nicht reden können, verliert an Bedeutung“, so Stekovics.

Heute mache er ungefähr 40 % seines Umsatzes mit Zwiebeln, 35 % mit Knoblauch und 20 % mit Chili. Paradeiser machen rund 5 % aus, sagt der Gemüsebauer; dazu kommen noch andere Produkte wie Marmeladen. Die höchsten Margen hätten Frischprodukte, die er an Restaurants verkauft. Mengenmässig gehe der Löwenanteil jedoch an Spar, und in den letzten Jahren sind die Verkäufe an Restaurants weiter zurückgegangen. Konserven – etwa diverse Chili- oder Paprikasorten im Glas – verkaufe er hauptsächlich ab Hof. Ausserdem verkauft Stekovics Pflanzen an Betriebe und Haushalte in ganz Europa (das Saatgut selbst darf er aufgrund von Regulierungen nicht verkaufen, ohne seine Pflanzen kontrollieren und zertifizieren zu lassen).

Hin und wieder führt Stekovics’ Passion ihn zu Menschen, auf die er wohl sonst nicht treffen würde – oder besser gesagt, sein Gemüse führt sie zu ihm. 2006 sei der Emir von Katar zu Besuch gewesen, erzählt der Landwirt: „Wir haben aus Sicherheitsgründen nur eine Stunde davor erfahren, dass er kommt. Wir haben ihm das Feld gezeigt und Alain Weissgerber (ein bekannter französischer Koch, der in Österreich aktiv ist, Anm.) hat für ihn mit unseren Früchten gekocht.“ Auch Joe Cocker, der selbst begeistert Paradeiser anbaute, war im Burgenland bei Stekovics zu Besuch – „Zu seinem 70. Geburtstag haben wir ihm dann 20 Sorten von uns gegeben, die er in Colorado kultiviert hat“ –, genauso wie King Charles und Queen Camilla (damals noch als Prinz und Prinzessin).

Mit 59 Jahren muss sich Stekovics auch mit seiner Nachfolge beschäftigen – er und Priska suchen einen Geschäftsführer, der den Betrieb nach ihrer Philosophie weiterführen kann: „Wir sind in einem Alter, wo andere schon in Pension sind.“ Die Leidenschaft, die ein solches Unternehmen verlangt – „in der Saison muss man auch 80 Stunden in der Woche da sein“, sagt er –, habe aber nicht jeder.

Am langen Tisch in seinem Haus in Frauenkirchen werde regelmässig mit der Familie gegessen. Das gemeinsame Essen, die Kommunikation dabei – das sei etwas, das in der Gesellschaft verloren gehe. „Es wird immer weniger Zeit zum Kochen aufgewendet, immer öfter zu Convenience-Produkten gegriffen. Das Essen wird immer rascher zu sich genommen – und an Orten, an denen früher keiner gegessen hat. Viele essen im Auto, am Weg zur Arbeit“, so Stekovics. Und doch ist er überzeugt: „Gutes Essen und guter Geschmack werden immer einen Platz finden. Das geht niemals verloren!“

Fotos: Gianmaria Gava

Erik Fleischmann,
Redakteur

Up to Date

Mit dem FORBES-NEWSLETTER bekommen Sie regelmässig die spannendsten Artikel sowie Eventankündigungen direkt in Ihr E-mail-Postfach geliefert.