Zahnarztpraxen werden neu bewertet

Die Zahnarztpraxis war lange ein klassisches Einzelunternehmer-Modell. Jetzt verschiebt sich die Logik: Nachfolge-Engpässe, Investitionsdruck und der Aufstieg von Ketten und Finanzinvestoren verändern, was eine Praxis wert ist – und wer sie künftig besitzen will.

Wer heute über den Wert einer Zahnarztpraxis spricht, meint nicht mehr nur Geräte und Patientenkartei. Entscheidend ist planbarer Cashflow in einem Markt, der gleichzeitig wächst und zur Engstelle wird.

Ein strukturelles Signal liefert Eurostat: 2024 berichteten 4,6% der EU-Bevölkerung (ab 16 Jahren) von unerfülltem Bedarf bei zahnärztlicher Untersuchung oder Behandlung. Bei Menschen mit Armutsrisiko zeigt sich die Schere besonders deutlich: Unter jenen mit Zahnpflege-Bedarf lag der Anteil unerfüllter Versorgung (wegen Kosten, Entfernung oder Wartelisten) bei 13,6% – gegenüber 5,1% ohne Armutsrisiko. Genau diese Kostendimension ist auch der Nährboden für Zusatzprodukte von Versicherungen und damit für zusätzliche Zahlungsströme im System.

Auch in Österreich wird der Engpass sichtbar. In Tirol waren laut ORF im Oktober 2025 52 von 228 Kassenstellen in der Zahnmedizin unbesetzt. In Oberösterreich waren rund 30 von 345 Kassenstellen vakant; zugleich geht laut ORF fast die Hälfte der Zahnärzte in den nächsten zehn Jahren in Pension. Für Bewertungen ist das zentral: Wo Nachfolger fehlen, werden funktionierende Strukturen knapp – und Knappheit verändert Preise und Käuferprofile.

Parallel wächst die Konsolidierung. In Deutschland zeigt eine KZBV-Analyse (Datenstand 31.12.2023), dass von Investoren getragene MVZ inzwischen rund 30% aller zahnmedizinischen MVZ ausmachen (MVZ = Medizinische Versorgungszentren, also ambulante Praxiszentren unter einem gemeinsamen Träger; investorengetragene MVZ/iMVZ sind MVZ, die von externen Kapitalgebern bzw. Investorenstrukturen kontrolliert werden). Identifiziert wurden 468 investorengetragene MVZ; 79% liegen in städtischen Räumen. Der grösste Investor kommt auf 96 Standorte. Solche Grössenordnungen verändern den Markt: Praxen werden nicht mehr nur als „Lebenswerk“, sondern als skalierbares Betriebsmodell bewertet – mit Fokus auf Prozesse, Auslastung, Personalstabilität und belastbare Zahlen.

International ist die Logik ähnlich. In Grossbritannien übernimmt Bridgepoint eine Mehrheitsbeteiligung an mydentist, das nach Unternehmensangaben mehr als 500 Praxen betreibt; Branchendienste ordnen den Deal in eine Enterprise-Value-Grössenordnung von über 800 Mio. £ ein (rund 920 Mio. €, umgerechnet mit dem EZB-Referenzkurs Ende Jänner 2026: 1 € ≈ 0,868 £).

Für Praxisinhaber folgt daraus ein betriebswirtschaftlicher Imperativ: Wer verkaufen oder übergeben will, steigert den Wert weniger über „mehr Leistung“, sondern über bessere Steuerbarkeit – saubere Kennzahlen, digitalisierte Abläufe, stabile Teams und planbare Auslastung. Die Praxis bleibt lokal. Die Bewertung wird zunehmend professionell.

Foto: Caroline LM

 

 

 

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