Wo Humor Geschäftssinn trifft

David Schalko zählt zu den vielseitigsten Künstlern Österreichs. Der Schriftsteller, Drehbuchautor und Filmregisseur lockt mit Formaten wie „Braunschlag“ und „Willkommen Österreich“ Hunderttausende vor den Fernseher. Ein Gespräch über kreatives Schaffen, die Herausforderungen der heimischen Filmlandschaft und die Rückkehr nach Braunschlag.

Wer die Kult-Serie „Braunschlag“ gesehen hat,
kennt auch „Bauxi“ – der Schäferhund des alten Dorf­bewohners Matussek taucht in Folge fünf überraschend wieder auf. Wo er nach seinem Verschwinden gewesen ist, darüber können die Ortsbewohner nur rätseln. Jetzt, mehr als 13 Jahre nachdem der Österreichische Rundfunk die letzte Folge von „Braunschlag“ ausgestrahlt hat, wird Bauxi seinen Aufenthaltsort wohl nicht mehr wechseln – seine präparierte Hülle sitzt in den Räumlichkeiten der Superfilm Filmproduktions GmbH im siebten Wiener Gemeindebezirk, unweit der Mariahilfer Strasse. Drehbuchautor und Regisseur David Schalko geht wohl täglich an ihr vorbei, wenn er das Büro seiner Produktionsfirma aufsucht.

Der Kreative Schalko ist umtriebig. Davon zeugt auch eines seiner jüngsten Projekte, ein Fotoband namens „Geister“ – Schalko hat dafür Flecken und Risse auf Strassen, in Hinterhöfen und an Hauswänden ­fotografiert. „‚Geister‘ ist der erste Fotoband von David Schalko und wahrscheinlich auch sein letzter“, heisst es in der Beschreibung der Wiener Galerie Ostlicht, die Schalkos Fotos ausgestellt hat, mit einem Augen­zwinkern. In anderen Bereichen hat sich Schalko längst einen Ausnahmeruf erarbeitet: Wenn „Willkommen ­Österreich“ über die Fernsehbildschirme flimmert, schalten wöchentlich mehrere Hunderttausend Menschen ein. Auch „Braunschlag“ lockte zeitweise knapp eine Million Zuseher vor den Fernseher. Wie fühlt es sich an, das halbe Land zu unterhalten? „Ja, das ist schon schön“, sagt Schalko nachdenklich – und fügt hinzu: „Etwas zu schaffen, das den Menschen Freude macht, das ihnen etwas bedeutet, das sie vielleicht sogar zitieren – das ist das Schönste, was einem passieren kann, wenn man schreibt.“

Kunst ist nicht da, um Preise zu gewinnen oder besser als andere zu sein.

David Schalko

Schalko hat das längst professionalisiert. Seine Produktionsfirma Superfilm Filmproduktions GmbH zählt 17 Teammitglieder, die an mehreren Projekten arbeiten. Sie produzieren für Film und Fernsehen, vor allem in Österreich und Deutschland, häufig begleitet von schwarzem Humor. Gemeinsam mit John Lüftner, einem österreichischen Filmproduzenten, gründete Schalko das Unternehmen im Jahr 2006. Der Name war ironisch gewählt, sagt Schalko, weil es schwer ist, „eine Firma, die Superfilm heisst, schlechtzureden“.

Wie sehr das Adjektiv „super“ auch auf die Bilanz des ­Unternehmens zutrifft, ist schwieriger festzu­machen – Geschäftszahlen sind nicht öffentlich ein­sehbar. Leichter zu finden sind die Preise, die die Filmproduktionsfirma bisher abräumte, darunter mehrere Goldene Romys und internationale Preise wie etwa bei den New York TV & Film Awards. Schalko erwähnt sie nicht – „Kunst ist nicht da, um Preise zu gewinnen oder besser als andere zu sein“, sagt der Autor.

Geboren wurde Schalko in Waidhofen an der Thaya, im tiefen Waldviertel, in dem auch der fiktive Ort Braunschlag angesiedelt ist. Zwar zog die Familie kurz nach Schalkos Geburt nach Wien, doch er verbrachte im Lauf seiner Kindheit viele Wochenenden in der Waldviertler Gegend, die als Inspiration für „Braunschlag“ gedient hat. „Meine Eltern haben sich in der Diskothek kennen­gelernt, die wir in der Serie zeigen“, so der Autor.

Ursprünglich wollte Schalko selbst vor der Kamera oder zumindest auf der Bühne stehen – seine Bewerbung beim renommierten Max-Reinhardt-Seminar wurde aber abgelehnt. „Der Welt ist ein mittelmässiger Schauspieler erspart geblieben“, zeigt sich Schalko versöhnt. Nach der Absage begann er lustlos, Betriebswirtschaftslehre zu studieren; sein Vater hoffte, dass ihm sein Sohn im Finanzwesen nachfolgt. Aber Schalko wollte lieber schreiben.

Noch während seiner Zeit an der Universität verfasst Schalko sein erstes Buch, einen Lyrik-Band, der 1995 unter dem Titel „Bluterguss und Herzinfarkt“ beim Wiener Kubus-Verlag erscheint. „Der war ziemlich juvenil“, so Schalko. Aber er lernt in dem Umfeld Schriftsteller wie H. C. Artmann kennen, die ihn nachhaltig inspirieren. „Das war sehr wichtig für mein Schreiben, aber auch in der persönlichen Beziehung“, sagt er.

Dass Schalko den Weg zum Fernsehen fand, war dem Zufall zu verdanken: Auf der Suche nach Zigaretten stolperte er ins Café Torberg in der Josefstadt, das der werdende Kabarettist und spätere „Braunschlag“-Darsteller Robert Palfrader mit 21 Jahren gegründet hatte. Palfrader fungierte als Moderator der Jugendsendung „Zap“, für die Schalko später das Drehbuch schrieb und Regie führte. Sie legte den Grundstein für Schalkos spätere Arbeiten: absurde Mini-Sketche und ironische Einspieler anstelle von freundlichen Pointen und sauberen Übergängen. Schalko nennt es eine ­„bezahlte Filmschule“.

Vieles, das Schalko bei „Zap“ mitentwickelte, prägte seine späteren Fernsehsendungen wie die „Sendung ohne Namen“ und „Willkommen Österreich“. Anders als die Schriftstellerei zahlte das Fernsehen die Miete, sagt der Autor; und sogar mehr als das: An jeder Episode der wöchentlich erscheinenden Sendung verdiente Schalko 25.000 Schilling (1.817 €) – „von null auf viel“, wie er es nennt.

Dass Künstler am Geschäftlichen scheitern, hält Schalko für ein Klischee. „Mozart hat eine neue Form der Tantieme eingeführt und David Bowie die Rechte an seinen Liedern auf dem Aktienmarkt verkauft“, sagt er. Ob es dennoch Fähigkeiten gibt, die er sich für die Gründung angeeignet hat? „Zum Beispiel Bilanzen zu lesen. Aber je mehr John davon macht, desto besser“, schmunzelt Schalko; und betont in einem Zug: Kreati­vität ist kein Synonym für Weltfremdheit. Dass Schalko wenig Verständnis für Vorurteile wie diese mitbringt, mag auch an seinem eigenen Erfolg liegen.

Was bedeutet es, kreativer Kopf, gleichzeitig aber auch Geschäftsführer und Anteilseigner zu sein? „Man verhandelt mit sich selbst und einer von beiden gewinnt“, sagt Schalko und lacht. Einblicke ins Finanzielle möchte der Autor nicht geben – er bewegt sich lieber auf der gesellschaftskritischen, der politischen Ebene: „Man kann von Kunst nicht verlangen, dass sie erfolgreich sein muss – auch die halbe Wirtschaft lebt nicht ohne Förderungen“, zitierte Der Standard Schalko aus einem Interview im Jahr 2023.

Darauf angesprochen nickt der Autor. Dass die österreichische Regierung das Förderprogramm Fisa plus im Jahr 2025 ausgesetzt hatte, kritisiert er scharf: Die Förderung hatte internationale Produktionen nach ­Österreich geholt und pro investiertem Euro das Dreifache an Steuereinnahmen zurückgebracht, wie Studien nachweisen. „Aus einer florierenden Branche ist innerhalb eines Jahres eine geworden, die eher schaut, dass sie gut durchkommt“, so Schalko. Seit 2. Jänner dieses Jahres haben Filmschaffende nun wieder die Möglichkeit, Fisa plus zu beantragen – der Fördertopf liegt mit 55 Mio. € allerdings deutlich unter den 80 Mio. €, die im Herbst vergangenen Jahres veranschlagt waren.

Die österreichische Filmförderlandschaft ist vielschichtig. Filmproduktionen finanzieren sich typischerweise aus zahlreichen Quellen: dem Österreichischen Filminstitut, verschiedenen Länderförderungen, Senderbeiträgen, Vertriebsgeldern und Eigenkapital der Produktionsfirmen. „Eine Kinofinanzierung besteht aus 30 unterschiedlichen Töpfen“, erklärt Schalko. Dabei unterscheidet man zwischen „effektfreiem“ Geld, für das keine Gegenleistungen erbracht werden müssen, und Förderungen, die an Bedingungen geknüpft sind – etwa dass in bestimmten Regionen gedreht oder lokale Fachkräfte engagiert werden. Seit 2018 hat Schalko ­einige deutsche Projekte abgewickelt, die aber vielfach in Wien gedreht wurden. „Der österreichische Film ist international sichtbarer als im eigenen Land“, sagt der Autor. Er spricht sich für eine Abgabepflicht für Streamingdienste aus, deren Erlöse in die Filmförderung fliessen könnten – umgesetzt wurde sie bislang nicht.

So klar Schalkos kulturpolitische Positionen sind, so sehr fokussiert er sich in seiner filmischen Arbeit auf die Ambivalenz, die das Leben beinhaltet. Die „Spannung zwischen Fassade und Realität“, wie er es nennt, wird auch in Staffel zwei von „Braunschlag“ Eingang finden, die im März dieses Jahres erscheinen soll. Bürgermeister und Gemeinderat erlassen darin eine skurrile Verordnung, die die Grenzen von Braunschlag auf das Jahr 1986 zurücksetzt. Im Zentrum steht die Frage, ob die Sehnsucht nach der „alten Zeit“ berechtigt ist – eine Frage, die Schalko mit dem ihm eigenen schwarzen Humor beantworten wird. Während die Fans auf die Rückkehr nach Braunschlag warten, sitzt „Bauxi“ unverändert im Büro der Superfilm. Manche Dinge bleiben eben, wo sie sind.

Fotos: Gianmaria Gava

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