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Onkolytische Viren könnten Krebszellen zerstören und die Wirkung bestehender Immuntherapien verstärken. Eine neue US-Zulassung zeigt das Potenzial. Wie gross der klinische Nutzen tatsächlich ist, bleibt jedoch offen.
Viren stehen in der Medizin meist für Infektionen. In der Krebsforschung werden ausgewählte, teils gentechnisch veränderte Erreger inzwischen gezielt untersucht: Sie sollen Krebszellen zerstören und zugleich eine Abwehrreaktion auslösen. Onkolytische Viren könnten bestehende Verfahren ergänzen, vor allem dann, wenn Tumoren auf eine Immuntherapie bislang kaum ansprechen.
Ein Grund für das Interesse liegt in den Grenzen etablierter Behandlungen. Sogenannte Checkpoint-Inhibitoren blockieren Signale, die eine Immunreaktion gegen Tumoren abschwächen können. Ist die körpereigene Abwehr jedoch nicht ausreichend aktiviert, bleibt die Wirkung häufig begrenzt. Virusbasierte Ansätze sollen hier einen zusätzlichen Impuls geben: Wenn infizierte Krebszellen zerfallen, werden Bestandteile freigesetzt, an denen das Immunsystem den Tumor möglicherweise besser erkennt.
Am 6. August 2026 erteilte die US-Arzneimittelbehörde FDA einer Kombination aus einer onkolytischen Virustherapie und einem Checkpoint-Inhibitor eine beschleunigte Zulassung. Sie gilt für Erwachsene mit fortgeschrittenem, nicht operativ entfernbarem schwarzem Hautkrebs, deren Erkrankung trotz einer vorherigen Anti-PD-1-Behandlung weiter fortgeschritten ist. Das Virus wird dabei direkt in geeignete Tumorherde injiziert. Die Entscheidung betrifft die USA und ist nicht mit einer europäischen Zulassung gleichzusetzen.
Die Wirksamkeitsdaten stammen aus einer Studie ohne randomisierte Vergleichsgruppe. Unter 91 auswertbaren Patientenzeigte sich bei 24,2 % ein objektives Ansprechen auf die Kombinationstherapie. Die Reaktion hielt im Median 14,1 Monate an. Diese Werte sind ein Signal für einen möglichen Nutzen, belegen aber noch nicht, dass Betroffene insgesamt länger leben. Ob sich der klinische Vorteil bestätigt, müssen weitere Untersuchungen zeigen.
Eine zentrale Frage betrifft die Verabreichung. Die direkte Injektion setzt voraus, dass der Tumor für die Behandlung erreichbar ist. Eine systemische Verabreichung über die Blutbahn könnte künftig auch schwer zugängliche Krebsherde adressieren. Allerdings können Antikörper und andere Abwehrmechanismen die Viren abfangen, bevor sie ihr Ziel erreichen. Daher wird untersucht, wie sich die Wirkstoffe sicherer und zuverlässiger im Körper verteilen lassen.
Ein Unternehmen, das diesen Ansatz verfolgt, ist Oncolytics Biotech. Das Biotechnologieunternehmen entwickelt mit Pelareorep ein intravenös verabreichtes onkolytisches Reovirus, das die Immunreaktion gegen Tumoren verstärken soll. Der Wirkstoff wird unter anderem bei Darm-, Bauchspeicheldrüsen- und Analkrebs in Kombination mit bestehenden Behandlungen untersucht. Am 27. Oktober 2026 berichtete das Unternehmen über neue Ergebnisse aus der Phase-1/2-Studie GOBLET. Bei vorbehandelten Patienten mit Analkrebs erreichte die Kombination aus Pelareorep und dem Checkpoint-Inhibitor Atezolizumab laut Unternehmensangaben eine mediane Ansprechdauer von rund 15 Monaten. Ein gesicherter Überlebensvorteil gegenüber etablierten Therapien lässt sich daraus bislang nicht ableiten. Pelareorep befindet sich weiterhin in der klinischen Entwicklung.
Eine am 20. Oktober 2026 veröffentlichte Metaanalyse liefert ein differenziertes Bild. Sie berücksichtigte 18 randomisierte Studien mit insgesamt 2.922 Teilnehmern. Einzelne virusbasierte Verfahren und Kombinationen erzielten höhere Ansprechraten als die jeweiligen Vergleichsbehandlungen. Ein eindeutiger Vorteil beim Gesamtüberleben wurde jedoch nicht nachgewiesen. Die Autoren stuften die Sicherheit der Evidenz insgesamt als sehr gering ein und wiesen auch auf mögliche schwere Nebenwirkungen hin.
Aus wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Sicht liegt das Potenzial weniger in einem raschen Ersatz bestehender Krebsmedikamente als in deren gezielter Ergänzung. Bis daraus eine breiter einsetzbare Therapie entstehen kann, sind umfangreiche klinische Studien, verlässliche Herstellungsverfahren und klare Erkenntnisse zur Auswahl geeigneter Patientengruppen erforderlich. Die Wirkungen können sich je nach Krebsart erheblich unterscheiden.
Die Entwicklung deutet damit auf einen möglichen Wandel der Krebsimmuntherapie hin. Der nächste Fortschritt könnte nicht allein aus einem neuen Wirkstoff entstehen, sondern aus der Kombination vorhandener Verfahren mit einer gezielten Aktivierung des Immunsystems. Ob onkolytische Viren diese Rolle langfristig erfüllen können, ist noch nicht entschieden.
Foto: Fusion Medical Animation