Wie ein Milliardär die Erleuchtung fand

Ron Carson hat sich aus der Armut befreit, indem er ein Dienstleistungsunternehmen aufgebaut hat, das auf einem Widerspruch basiert: persönlich zu bleiben und gleichzeitig wie verrückt zu expandieren. Mittlerweile hat der milliardenschwere Finanzberater einen pelzbesetzten Poncho angezogen und nimmt Psychedelika, während er danach strebt, „das Glück zu optimieren“

In dem Haus, das an einem Golfplatz in einer Sackgasse in Omaha, Nebraska, liegt, findet eine Geburts­tagsfeier für die dreijährige Enkelin von Omani ­Carson statt. Spielzeug und Partydekorationen liegen im Wohn­zimmer verstreut, wo die Kinder zwischen Spielen, Fernsehen und Kuchen wechseln. Carson zieht sich in sein ruhiges Büro im Erdgeschoss zurück. Die Wände sind mit signierten Gitarren und Jagdgewehren geschmückt. „Wir werden niemals von hier wegziehen“, sagt er, während er an einem polierten Holztisch sitzt. „Mein CEO und bester Freund wohnt ein Haus weiter; meine Kinder ziehen auf die andere Strassenseite. Sie haben die Strasse in ‚Cult-de-sac‘ umbenannt.“

Ein paar Kilometer weiter beraten einige der 672 Mitarbeiter in der Zentrale seiner Carson Group
– mit einem verwalteten Vermögen von 55 Mrd. US-$ (48 Mrd. €) Kunden dazu, welche Aktien sie kaufen und welche sie meiden sollten, und geben ihnen Tipps zur Einrichtung einer dauerhaften Vollmacht oder zum Verfassen einer Patientenverfügung. Andere helfen Finanzberatern im ganzen Land dabei, dasselbe zu tun. „Sie sind Teil unserer Grossfamilie“, sagt Carson, „und so behandeln wir sie auch.“

Vier Jahrzehnte lang, als sein Vorname noch Ron war, baute der heute 61-jährige Carson eines der grössten registrierten Finanzberatungsunternehmen des Landes auf, indem er sich auf persönliche Beziehungen zu seinen Kunden stützte. Er nahm Dutzende unabhängiger Berater auf, die nach Anleitung suchten, und entwickelte ein Coaching-Geschäft, um ihnen seine Methoden beizubringen, sowie einen Support-Service, der ihnen bei Themen wie Marketing, Technik und Infrastruktur half.

Heute verfügt die Carson Group über 150 Partner­büros, die 54.000 wohlhabende Familien im ganzen Land betreuen – 2020 waren es noch 33.000. Das Unternehmensvermögen hat sich seit 2021, als Carson eine Minderheitsbeteiligung an Bain Capital zu einer Bewertung von 1 Mrd. US-$ verkaufte, mehr als verdreifacht. Dank eines Anteils von rund 51 % an der Carson Group ist Carson, ein ehemaliger Forbes-Mitarbeiter, nach Ken Fisher aus Texas der zweite milliardenschwere Finanzberater mit Forbes-Vergangenheit (Fisher schrieb ebenfalls für Forbes).

„Carson beeindruckte uns als einer der besten Akteure in diesem Bereich“, sagt Rafael Mason, Partner bei Bain Capital. „Das Unternehmen hatte – und hat weiterhin – einen manischen Fokus auf den Kunden und den ehr­lichen Wunsch und die Fähigkeit, das Leben der Kunden zu verbessern.“ Doch inmitten des enormen Kundenwachstums der frühen 2020er-Jahre, als sein Geschäft einen historischen Höhepunkt erreichte, nahm Carsons Leben eine unerwartete Wendung: Im Jahr 2022, nachdem er indigene Führer aus aller Welt in seiner abgelegenen Jagdhütte, die zu einer Heilranch umgebaut worden war, zu Gast hatte, verlieh ihm ein Lakota-Häuptling den Namen „Ta Te Omani“. Das bedeutet so viel wie „In einen starken Wind hineinlaufen“. Carson änderte seinen Namen offiziell: Ron wurde zu Omani. Er verschenkte all seine Krawatten und begann, Psychedelika zu nehmen und zu fasten; als Teil dessen, was er „umfassende Bemühungen zur Selbstheilung“ nennt.

„Im ersten Kapitel meines Lebens sehnte ich mich nur nach finanzieller Stabilität“, sagt Carson. „Als ich sie erreicht hatte und sie mir nicht das gewünschte Gefühl gab, suchte ich nach emotionaler Stabilität.“ Jetzt, sagt er, sei er glücklicher denn je, lebe ein Leben voller „Liebe und Fülle“ und habe einen Plan – und ein neues Geschäft –, um anderen „verlorenen Führungskräften“ zu helfen, „ihr Betriebssystem zu wechseln“.

Es war ein langer Weg von den kalten Feldern Nebraskas, wo Carson seinem alkoholkranken, manchmal gewalttätigen Vater bei der Bewirtschaftung der Familien­farm half. Mit 17 erlebte er, wie seine überschuldeten Eltern in Konkurs gingen. „Es war das einzige Mal, dass ich meinen Vater weinen sah“, sagt Carson. „Ich hatte diesen unerbittlichen Wunsch, nicht arm zu sein, weil meine Eltern pleitegingen und das meine Seele zerbrach.“

Als 120 kg schwerer Defensive Lineman (eine Verteidigungsposition im American Football) mit Stipendium an der University of Nebraska-Lincoln versuchte Carson, schnell reich zu werden. Er verlor seine gesamten Ersparnisse in Höhe von 10.000 US-$, als er mit einem „skrupellosen“ Makler auf Vieh-Futures wettete. Dann aber fand er Erfolg im Verkauf von Versicherungen, indem er um 6:30 Uhr morgens Bauern aus dem Telefonbuch anrief. Er sass mit ihnen an ihren Küchentischen und unterhielt sich über schlechtes Wetter, miss­lungene Ernten und kaputte Geräte. „Die Leute vertrauten mir“, erinnert er sich, „obwohl ich wirklich unbewusst inkompetent war.“

1983 machte er sich selbstständig und gründete in seinem Studentenwohnheim die spätere Carson Group. Die nächsten sechs Jahre verbrachte er ohne Büro und hielt sich gerade so über Wasser. Dann, an einem besonders schwierigen Tag, begann er, Kunden anzurufen, einfach um sich zu melden; ohne eine bestimmte Absicht zu verfolgen. In einer Zeit, in der die meisten Vermögensverwalter extrem transaktionsorientiert waren und sich ausschliesslich auf den Verkauf von Anlageprodukten an Kunden konzentrierten, verlieh Carson dem Geschäft etwas Persönliches: „Ich lernte die Namen der Kinder der Leute, die Namen ihrer Haustiere – einfach alles.“

Ich habe den grössten Teil meines Lebens damit verbracht, mich auf Erfolg zu optimieren – aber ich habe mich nie gefragt, ob ich auch auf Freude optimiert bin.

Ron Carson

Eine gute Strategie und ein guter Zeitpunkt, denn alltägliche Anleger begannen, ihr Geld von traditio­nellen Brokern weg in die Hände von registrierten Anlageberatern zu verlagern, die gesetzlich verpflichtet sind, im besten Interesse ihrer Kunden zu handeln, anstatt ihre Provisionen durch den Verkauf ­verbundener Produkte in die Höhe zu treiben. Carsons Jahres­umsatz stieg innerhalb von zwei Jahren von weniger als 30.000 US-$ auf 1 Mio. US-$. Obwohl er weit entfernt von der Wall Street oder dem Silicon Valley tätig war, war er bald der bestverdienende Berater in seinem Broker-Dealer-Netzwerk.

Bereits Mitte der 1990er-Jahre begann Carson, seine Prozesse bis ins kleinste Detail zu dokumentieren, von der Begrüssung eines Kunden bis hin zum Hinterlassen einer Voicemail – „alles ist wiederholbar“, sagt er. Andere Berater reisten nach Omaha, um seine Methoden zu studieren. 1993 gründete er Carson Coaching, das auf Abonnementbasis Beratung und operative Blaupausen anbietet; 2012 gründete er Carson Partners, das unabhängigen Beratungsfirmen Zugang zu gemein­samer Technologie, Compliance, Marketing und anderer Infrastruktur bietet. Sein Brotverdienst bleibt jedoch die Unterstützung wohlhabender Haushalte bei Investitionen, Steuern, Altersvorsorge und Nachlassplanung gegen eine pauschale prozentuale Gebühr (bis zu 2,5 % des verwalteten Vermögens).

„Wenn Sie sich mit Vermögensberatung beschäftigen, kennen Sie wahrscheinlich die Carson Group“, sagt ­Philip Palaveev, der eine in Seattle ansässige Consulting­firma für Finanzberater leitet. „Das ist in etwa so, als würden Sie sich für Football interessieren und natürlich die Pittsburgh Steelers kennen.“

Doch während Carsons Geschäft florierte, zerbrach sein Privatleben. Als Workaholic, der Angst hatte, wieder in Armut zu verfallen, litt seine Ehe unter der Belastung. Zudem starb seine Mutter. Er litt unter Angstzuständen und Depressionen. Traditionelle Therapien halfen ihm nicht.

Im Jahr 2016 stellte ein Eheberater Carson Koorosh Rassekh vor, einen Therapeuten, der selbst einmal mit Sucht und Obdachlosigkeit zu kämpfen hatte und sich nun auf traumainformierte und somatische Heilungsansätze konzentriert. Er ermutigte Carson, sich von Routinen zu lösen und sich tieferen, von Angst geprägten Mustern zu stellen. „Das war der erste Schritt, um herauszufinden, wie ich mich selbst lieben kann“, sagt Carson. „Ich habe den grössten Teil meines Lebens damit verbracht, mich auf Erfolg zu optimieren – aber ich habe mich nie gefragt, ob ich auch auf Freude optimiert bin.“

Er reduzierte seinen Alkoholkonsum drastisch, strukturierte seinen Zeitplan um, um Besprechungen zu begrenzen und Zeit mit seinen Enkelkindern zu priorisieren, und begann, sich in Retreats, Wanderungen und psychedelisch unterstützte Sitzungen zu vertiefen, die er als „Medizin“ bezeichnet. Das half ihm auch, seine Ehe zu retten. Nachdem er ein Psychedelikum genommen hatte (er will nicht sagen, welches), fand er sich auf den Strassen von Venice, Kalifornien, wieder. „Die Leute lächelten mich an und ich lächelte zurück“, sagt Carson. „Früher habe ich die Menschen nie bemerkt.“

Er gestaltete auch die Führung seines Unter­nehmens neu: Mitarbeiter wurden zu „Stakeholdern“. Er investierte mehr Geld in die interne Führungskräfteentwicklung und begann, „nachhaltige Ambitionen“ zu fördern, wobei er sich auf Beständigkeit und Nachfolge statt auf Wachstum um jeden Preis konzentrierte. Er drängte Führungskräfte dazu, Kennzahlen, Strategien und Entscheidungsrahmen offener zu teilen.

Im Jahr 2024 gab er seine Position als Geschäftsführer auf (Carson bleibt weiterhin Vorsitzender) und begann, einen Grossteil seiner Zeit (und mehrere Mio. US-$ seines Vermögens) Omya zu widmen, einem nur auf Einladung zugänglichen Unternehmen, das er in diesem Jahr ins Leben gerufen hatte – für Gründer, die finanziell erfolgreich sind, aber persönlich feststecken.

Ich kann sie (Menschen in einer ähnlichen Lage, in der Carson war, Anm.) schon von Weitem erkennen – sie haben viel Geld, aber keine Freude in ihrem Leben.

Ron Carson

Omya ist eine Mischung aus Wellnessprogramm, Führungskräfte-Peergroup und Start-up-Inkubator und verspricht seinen Mitgliedern integriertes Coaching, Zugang zu Kapital und ein Programm mit spirituellen Heilungsretreats, privaten Abendessen und Abenteuerausflügen, die auf Carsons Freedom Healing Ranch ausserhalb von Omaha und an exklusiven Orten wie Aspen, Colorado, und dem Lake Powell in Arizona stattfinden. Die meisten zahlen eine monatliche Gebühr von 8.500 US-$, andere geben Anteile an ihren Start-ups ab.

Morad Fareed, ehemaliger Analyst bei ­Goldman Sachs und Profifussballer der palästinensischen National­mannschaft, hatte jahrelang ein Unternehmen im Bereich Müttergesundheit geleitet und war ausgebrannt. Als eines der ersten Omya-Mitglieder ent­wickelte er gemeinsam mit der Gruppe die Idee, Müttergesundheit mit globaler Sportbegeisterung zu verbinden. Das führte zur Gründung von FC Mother, einer Plattform, die Fussballgemeinschaften mobilisiert, um Mütter während der Schwangerschaft zu unterstützen. Fareed sagt, Omya habe ihm nicht nur Finanzmittel zur Verfügung gestellt, sondern ihm auch dabei geholfen, ein vages Konzept in ein Geschäftsmodell zu verwandeln. Dazu gehörte es, die Idee intensiv zu prüfen, das Modell zu verfeinern und sich mit Betreibern und Investoren zu umgeben, die ihm bei der Skalierung des Unternehmens helfen konnten. „Solche Ideen entstehen nicht in Konferenz­räumen“, so Fareed. „Sie entstehen in kleinen Räumen mit Menschen, denen das Thema wirklich am Herzen liegt.“

Das Ziel ist es, bis Ende 2026 100 Mitglieder zu erreichen, gegenüber derzeit etwa 25. Carson sagt, dass es bei Omya, anders als bei seinem ersten Unternehmen, mehr um eine höhere Berufung als um einfachen Profit gehe. Er möchte „das Bewusstsein erweitern“ und plant eine „weibliche Version von Burning Man“. Der Erfolg ist breit definiert – Carson spricht von einer „Auswirkung in Höhe von einer Billion US-$“ und der „Harmonisierung der Menschheit mit der Natur“ –, aber er hat viel Geld, das er dafür ausgeben kann, und es mangelt ihm nicht an Leidenschaft. „Am 12. November 2022 nahm ich DMT (ein Halluzinogen aus der Sonora-Wüstenkröte, Anm.) und gelangte vom Glauben zum Wissen“, sagt Carson inmitten des Stimmengewirrs der Geburtstagsfeier, die noch in Gange ist. „Da habe ich beschlossen, mein Leben der Suche nach weiteren Ron Carsons zu widmen, um ­ihnen zu einer Erleuchtung und zu Transformation zu verhelfen. Ich kann sie schon von Weitem erkennen: Sie haben viel Geld – aber keine Freude in ihrem Leben.“

Text: Sergei Klebnikov / Forbes US
Fotos: Cody Pickens für Forbes

Up to Date

Mit dem FORBES-NEWSLETTER bekommen Sie regelmässig die spannendsten Artikel sowie Eventankündigungen direkt in Ihr E-mail-Postfach geliefert.