stimme ihrer generation

Ganz früh schon habe sie eine sehr hohe Stimme gehabt und konnte Stücke wie Mozarts „Königin der Nacht“ singen, sagt die Sopranistin Hila Fahima. Ihr Fokus auf den klassischen Operngesang habe sich aber Schritt für Schritt entwickelt, erzählt sie beim Fotoshooting in der Wiener Staatsoper.

Es liegt vielleicht ein wenig in der Natur der Profession jener, die im künstlerischen Auftreten geübt sind: ­Bühnenmenschen „erscheinen“ oft. Egal, ob man im Pulk über den Zebrastreifen marschiert oder im Kaffeehaus sitzt, der Blick wandert nicht selten genau auf diese Menschen. So ist das auch bei Hila Fahima – ob zu einer informellen Abendveranstaltung, zum Videocall für ein Briefing ebenso wie zum Fotoshooting: Die Opernsängerin ist stets elegant gekleidet und geradezu makellos im Auftritt. Sie ist zurückhaltend und freundlich, weiss um ihre Wirkung und ihr Können.

Zum Fotoshooting trägt sie Stücke aus der aktuellen Kollektion der österreichischen Designerin Lena Hoschek. Die Kleider passen wie angegossen und werden perfekt inszeniert. „Hätte man meinen Eltern gesagt, ich würde mit Bühnenauftritten meine Karriere be­streiten“, holt Fahima aus, „hätten sie es nicht geglaubt.“ Gerade das Auftreten sei die grösste aller Hürden ­gewesen, die sie für sich überwinden musste, sagt sie: „Ich war als Kind und junge Frau extrem schüchtern.“

Hila Fahima wurde 1987 in Karmi’el im Norden Israels geboren und entdeckte früh – durch ihre fünf Jahre ältere Schwester Yifat – ihre Liebe zum Gesang. Im dortigen Konservatorium habe sie begonnen, im Chor zu singen, erzählt sie: „Die Liebe zu Musik und Kunst war bei mir immer schon vorhanden, und seit ich denken kann, wollte ich – kreativ, aber auch schüchtern, wie ich war – diese Welt erkunden.“ In der Gruppe fühlte sie sich wohl – bei Familienfesten und anderen grösseren Zusammenkünften war sie zwar immer gerne dabei, aber am liebsten im Hintergrund, während ihre extrovertiertere Schwester sowohl auf der Bühne als auch auf Tischen tanzte und sang, erinnert sich Hila Fahima zurück. Ihre Schwester, eine Mezzosopranistin, mit der sie heute ab und zu auch Konzerte gibt, sei der eigentliche Grund dafür gewesen, warum sie selbst die Musik überhaupt für sich in Erwägung gezogen habe, so Fahima.

Eine gewisse offizielle Note bekam der Beginn ihrer Gesangskarriere, als Hila Fahimas Talent dann auch von ihren Lehrern an die Eltern kommuniziert wurde, als sie acht, neun Jahre alt gewesen sei, erzählt sie. „Ich hatte immer schon eine sehr gute Stimme und konnte bereits im jungen Alter die ,Königin der Nacht‘ singen“, sagt sie. Auf der Bühne zu stehen war für sie aber nicht einfach – und so konnte und wollte Fahima Bühnen­auftritte eine Zeit lang überhaupt nur an der Seite ihrer Schwester absolvieren, erinnert sie sich. Zunächst Herausforderung, eröffnete ihr der Bühnenauftritt – auch inspiriert durch andere Künstler und Wegbegleiter – „eine neue, absolut magische Welt, die ich so vorher noch nicht kannte“, sagt sie heute.

Man arbeitet immer an zwei bis drei Rollen gleichzeitig – von verschiedenen Komponisten und in verschiedenen Sprachen.

Hila Fahima

Zu den Chorstunden kamen dann bald Klavier­unterricht, Klarinette und Lektionen in Stimmbildung dazu, erzählt Fahima die Entwicklung ihrer Stimme und der Musik im Allgemeinen zum bevorzugten Ins­trument der Kommunikation nach. Als junger Teenager, mit etwa 13 Jahren, nahmen dann die Einzelauftritte langsam zu. Und mit dieser Übung wuchs auch ihr Selbst­bewusstsein: „Ich fühlte erstmals eine starke Verbindung zu mir selbst. Interessanterweise war dieses Gefühl auf der Bühne viel stärker als alles andere, was ich im Alltag so empfunden und erlebt habe“, so Fahima weiter. „Und plötzlich fühlte ich mich auf der Bühne zu Hause.“ Es waren viele – damals auch viele kleine – Auftritte gewesen, an denen sie mit viel Freude und auch hart gearbeitet habe, so die heute 38-Jährige. Dabei habe sie auch in Kindertagen nie zum Üben angehalten werden müssen: „Den Satz, den viele Kinder hören, wenn sie zum Beispiel ein Instrument lernen – ,Du musst üben!‘ –, den habe ich nie gehört.“ Auch nach einer Probe oder dem Gesangsunterricht wollte sie immer weitermachen, sagt sie.

Wie gut sie tatsächlich war, fand Fahima erst an der Musikhochschule heraus. „In Karmi’el gab es für mich wenig Vergleichsmöglichkeiten“ – und an der Jerusalem Academy of Music and Dance, die Fahima absolvierte, begann sie zu verstehen, dass es da „etwas gab, wofür es sich lohnte, sich weiter anzustrengen“.

An der Hochschule, erinnert sie sich, gab es auch nicht sehr viele Opernsänger; und die Reaktionen jener, die sie singen hörten, zeigten ihr, „dass ich tatsächlich gut genug war – und eigentlich, dass ich noch um vieles besser war, als ich mir zunächst selbst zugestehen wollte. Dieser Prozess hat bei mir länger gedauert; aber als dieses Bewusstsein in mir gesackt ist, gewann ich Stipendien und Wettbewerbe“, so Fahima weiter.

Um eine Gesangskarriere aufzubauen, braucht es viele Menschen, betont Fahima immer wieder. Während ihres Studiums in Jerusalem etwa konnte sie mit unterschiedlichen Professoren nicht nur an ihrer Stimm­bildung arbeiten, sie nahm auch Schauspielunterricht und lernte, sich als Sängerin gut auf der Bühne zu präsentieren. All diese einzelnen Teile trugen letztlich dazu bei, ihre Fähigkeiten als professionelle Opern­sängerin auf „eine Ebene der Exzellenz“ zu heben, sagt sie.

Denn nicht unerwähnt bleiben sollte auch, dass bevor die letztgültige Entscheidung für den Operngesang fiel, Fahima die Wahl zwischen ganz unterschiedlichen künstlerischen Stilen treffen sollte: zwischen Volks­liedern, Jazz und Operngesang – Fahimas Repertoire war breit aufgestellt. Rückblickend betrachtet sei das Studium auch eine wichtige Zeit gewesen, um zu sehen, welche Musikgattung am besten zu ihren Fähigkeiten passte, sagt sie.

Nach dem Abschluss in Jerusalem belegte Fahima dann das sogenannte Young Artist Program an der Oper in Tel Aviv – „das ist wie eine Art Stage, ein Praktikum, das im Regelfall zwei Jahre dauert und im Rahmen dessen man sich als Musiker in kleineren Produktionen einfach erproben kann“, so Fahima weiter. Auch sei das der Zeitpunkt, an dem man in Kontakt mit verschiedenen Agenten komme, die auch für Häuser weltweit rekrutieren.

Auf diesem Weg kam auch Fahima mit einer Studien­gangsleiterin der Deutschen Oper Berlin in Kontakt, die sie vom Fleck weg für ein Vorsingen ebendort einlud. Dann ging es Schlag auf Schlag: Fahima, damals 22 und beim Vorsingen in Begleitung ihrer Mutter, wurde für ein Jahr in Berlin verpflichtet. „Ein halbes Jahr später brach ich nach Berlin auf“, erzählt die Sopranistin; „ins Unbekannte – aber es war eine dieser grossen Chancen im Leben, der man ohne gross zu überlegen einfach folgt.“ Es sei ein lebensverändernder Moment für sie gewesen, blickt Hila Fahima zurück: „Das waren die ersten Schritte von einer jungen israelischen Opernsängerin zu einer internationalen, professionellen Opernsängerin. Das waren meine ersten Schritte in der ,echten Welt‘.“ Eine Entscheidung, die goldrichtig war, erzählt sie heute – sie habe dort begonnen, ihr Repertoire aufzubauen. Und so wurde aus einem Jahr ein weiteres und danach noch eines, so Hila Fahima weiter. „Das Einzige, das mir wirklich zusetzte, war, dass mir meine Familie sehr fehlte; obwohl mich meine Eltern monatlich in Berlin besuchten“, ergänzt sie.

Nach drei Jahren im Ensemble der Deutschen Oper Berlin – „eine Erfahrung, für die ich unendlich dankbar bin“ – wollte die Sopranistin weiterziehen. „Ich habe mich an unterschiedlichen Häusern beworben – die Wiener Staatsoper war auch dabei. Im Opernhaus ebenso wie in der Stadt fühlte ich mich vom ersten Moment an zu Hause.“

Von 2013 bis 2020 war Hila Fahima Mitglied des Ensembles der Wiener Staatsoper – eine Zeit, sagt sie, in der sie täglich in der Oper war, um selbst zu singen, für Kollegen einzuspringen und auch, um Kollegen zuzuhören. „Dabei lernt man ungemein viel“, sagt sie. „Die Anzahl der Vorstellungen an der Wiener Staatsoper ist eine der höchsten weltweit“, sagt Fahima. Fast jeden Tag gebe es Vorstellungen.

Der Alltag der Sänger sehe so aus, dass man für jede Spielzeit eine lange Liste an Rollen zur Vorbereitung bekomme, für die man besetzt sei bzw. für die man für kranke Kollegen einspringe. Darüber hinaus gelte es auch laufend neue Partien einzustudieren. So studiert man etwa eine Rolle in der Früh ein, geht danach zu Regieproben für eine andere Produktion, tritt auf und/oder wiederholt das am Morgen Einstudierte, erklärt die Sängerin. „Man arbeitet also immer an zwei bis drei Rollen gleichzeitig – von oft verschiedenen Komponisten und in verschiedenen Sprachen“, sagt sie. Auf jeden Fall inakzeptabel ist es, unvorbereitet zu einer Probe zu erscheinen – „dieses Level an Professionalität in Häusern wie der Wiener Staatsoper ist ein Non-Negotiable.“ „Sicher, es ist anstrengend“, so die Sopranistin, „auf der anderen Seite aber geniesst man das Privileg, mit den besten Dirigenten, Regisseuren und Bühnenbildnern und vielen anderen exzellenten Leuten zusammenzuarbeiten.“ Auf Fahimas Spielplan standen von der Gilda in „Rigoletto“ bis hin zur Königin der Nacht viele Rollen. „Einen grossen Teil meiner grossen Partien habe ich zum ersten Mal an der Wiener Staatsoper gesungen; in diesem Haus habe ich wohl die grössten Chancen in meiner Karriere bekommen“, drückt Fahima immer wieder ihre Dankbarkeit gegenüber der Staatsoper aus.

Ihr Repertoire an Opernpartien zählt bis heute mehr als 30 Rollen, die sie – neben Wien und Berlin – auch in anderen Häusern weltweit auf die Bühne brachte. Insgesamt sei das jedenfalls eine sehr gute Schule, sagt sie; allerdings eine, in der maximale Hingabe, Disziplin und zeitliche Flexibilität gefragt sind – „hier eine Balance zwischen Arbeit und Privatleben zu finden ist schwierig“, sagt Fahima. Wenn sie heute Engagements annehme, sagt die Sopranistin (die Mutter zweier Kinder – sechs und ein Jahr alt – ist und mittlerweile in Wien lebt), müsse das nicht nur sehr genau und gut organisiert sein, es sei auch ausschliesslich mit der Unterstützung ihrer Familie möglich.

Bei Auftritten an der Oper in Tel Aviv etwa im kommenden März oder bei früheren Auftritten in New York und gleich danach in Krakau reise ihr Mann mit den Kindern nach, oder ihre Eltern kamen, um die junge ­Familie mit den Kindern zu unterstützen. „It’s a col­lective effort!“, sagt Hila Fahima.

Mit dem Blick auf andere bekannte Operngrössen wie Maria Callas, Jessie Norman, Anna Netrebko oder Edita Gruberová, deren Karrieren – auch altersbedingt – unterschiedlich fortgeführt wurden, wollten auch wir wissen: Sollte man einen Plan B haben? „Darüber habe ich nie nachgedacht – bis zur Covid-Pandemie. Ich war im Schockzustand, weil unklar war, wann ich jemals wieder eine Bühne betreten werde können.“ Man könne auch nicht vorhersehen, wie sich die eigene Stimme mit den Jahren verändere, so die Sopranistin. „Eine Gruberová hat bis zum letzten Moment gesungen, andere wiederum nicht – keine Operngesangskarriere gleicht der anderen“, so Fahima weiter. „Ich schaue aber immer mehr auf die kommende Generation“, so die bald 39-Jährige weiter: Sie unterrichte junge Talente, sagt sie.

„Für uns Künstler aber ist die Bühne unser ,natural Place‘, das ist eine Passion, die, denke ich, ewig bleibt. Es ist ein hartes Leben, man muss dafür auch sehr fit sein. Darüber hinaus brauchst du auch die Unter­stützung deines Partners, um auch ein erfülltes Privatleben führen zu können“, so Fahima weiter. „Aber eines ist auch klar: Wenn der Gesang oder die Kunst deine Mission in diesem Leben ist und die Schönheit des Berufs seine Herausforderungen überstrahlt und dir einfach auch Freude macht, wird dich das immer in­spirieren, weiterzumachen!“

Fotos: Gianmaria Gava

Heidi Aichinger,
Herausgeberin

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