Mit dem FORBES-NEWSLETTER bekommen Sie regelmässig die spannendsten Artikel sowie Eventankündigungen direkt in Ihr E-mail-Postfach geliefert.
162 Jahre Geschichte, ein weltbekanntes Sturmgewehr und dennoch wirtschaftliche Schieflage: Steyr Arms ist ein Traditionsbetrieb im Umbruch. Mit Milan Šlapák übernimmt ein international erfahrener Industriemanager das Ruder – in einer Phase, in der Europas Verteidigungsindustrie rasant wächst. Mit neuer Eigentümerstruktur und aggressiver Vertriebsstrategie will der CEO aus einem angeschlagenen Kultbetrieb wieder einen profitablen Player formen.
Wie auch immer man sich den CEO eines Kleinwaffenherstellers vorstellen mag, Milan Šlapák passt nicht in dieses Bild. Der gross gewachsene Tscheche begrüsst Forbes mit einem warmen, fast schüchternen Lächeln. Er trägt einen blauen Trachtenjanker – Erfahrung damit, neue Kulturen zu erschliessen, hat Šlapák in seiner Managerkarriere ausreichend gesammelt. Seit Februar 2025 steht er dem oberösterreichischen Traditionsbetrieb Steyr Arms vor. Wie kam es dazu – und was bedeutet das für den 162 Jahre alten Familienbetrieb?
Im Jahr 1864 legte Industriepionier Josef Werndl gemeinsam mit seinem Bruder den Grundstein für Steyr Arms, indem sie die „Josef und Franz Werndl & Company, Waffenfabrik und Sägemühle in Oberletten“ gründeten. Erahnen lässt sich diese lange Zeitspanne im einzigen Raum, der im Gegensatz zum restlichen Gebäudekomplex originalgetreu „in Schuss“ gehalten wird: der Waffenraum, ein mit dunklem Holz verkleideter Saal, in dem Seite an Seite Steyr-Arms-Gewehre an den Wänden angebracht sind. Kaiser Franz Joseph sowie der sowjetische Staatschef Nikita Chruschtschow sollen die Waffenfabrik im Lauf der Jahre besucht haben, aber auch der Nationalsozialist und Kriegsverbrecher Hermann Göring, nachdem der Vorgänger von Steyr Arms – die Steyr-Daimler-Puch AG – 1938 in die Reichswerke Hermann Göring eingegliedert wurde. Zumindest der Besuch des Kaisers ist dokumentiert.
Nach der Zäsur durch den Zweiten Weltkrieg begann Steyr Arms im Jahr 1950 wieder damit, Jagdwaffen zu produzieren. 1977 folgte das Sturmgewehr, für das das Unternehmen noch heute bekannt ist: das Steyr AUG, auch unter dem Namen STG 77 geführt, das nach wie vor zu den meistverkauften Sturmgewehren weltweit zählt. Es war einer der Aspekte, die Šlapáks Interesse an dem Familienbetrieb geweckt haben. Anfang 2023 wurde der Manager CEO der tschechischen Investmentfirma RSBC, die ihre Verteidigungssparte ausbaute. RSBC-Gründer Robert Schönfeld bat Šlapák, seine Expertise in Industrie und dem internationalen Geschäft dafür einzusetzen. Gesagt, getan: Etwas mehr als ein Jahr nach Šlapáks RSBC-Antritt übernahm RSBC 100 % der Anteile an Steyr Arms.
In Tschechien nennen wir Unternehmen wie unseres „Familiensilber“ – sie sind wichtig für die lokale Wirtschaft, die Gesellschaft und das kulturelle Erbe.
Milan Šlapák
Ein typischer Familienbetrieb ist das Unternehmen zu diesem Zeitpunkt aber schon lange nicht mehr: Seit 2007 hatte die deutsche Beteiligungsgesellschaft SMH Holding GmbH Steyr Arms im Besitz – und im Lauf der Jahre „den Markt aus den Augen verloren“, wie es Šlapák in einem vergangenen Interview formulierte: Steyr Arms schrieb rote Zahlen.
Es reizte den erfahrenen Grosskonzern-Manager, vertrautes Terrain zu verlassen, um einen jahrhundertealten Betrieb wieder zukunftsfit zu machen. „In Tschechien nennen wir Unternehmen wie unseres ,Familiensilber‘ – sie sind wichtig für die lokale Wirtschaft, die Gesellschaft und das kulturelle Erbe“, sagt Šlapák. Die Mission sei nicht nur, Steyr Arms zu bewahren, sondern das Unternehmen weiterzuentwickeln.
Doch wie ist es möglich, dass ein Waffenhersteller in Zeiten des Sicherheitsbooms Verluste verbucht? Auf den ersten Blick scheint es paradox: Ein Unternehmen mit 162-jähriger Geschichte, weltbekannten Produkten und einer treuen Kundschaft schreibt rote Zahlen. Bei Steyr Arms lag das Problem nicht im Produkt, sondern im Vertrieb – das Auftragsbuch war dünn und wurde kontinuierlich dünner. Ohne ausreichende Aufträge sinken die Umsätze und die Produktion läuft unter Kapazität – bei einem teuren Produktionsstandort wie Österreich werden Fixkosten so schnell zum Klotz am Bein, sagt Šlapák. Hinzu kam ein Produktportfolio, das von seiner Vergangenheit zehrte: Die Kultprodukte wie das AUG galten als Ikonen, aber der Markt hatte sich weiterentwickelt. Investitionen in neue Produktlinien blieben aus.
Der neue CEO beschloss, an drei Fronten gleichzeitig zu handeln. Erstens: das Auftragsbuch füllen. Šlapák baute das Sales-Team sowohl in Europa als auch in den USA massiv aus – mit Leuten, die er selbst als „Hunter“ bezeichnet: Profis, die Aufträge aktiv „jagen“, statt auf sie zu warten. Zweitens: Produktinnovationen, die dem Vertrieb überhaupt erst Munition geben. Vier Produktlaunches sind für 2026 geplant – darunter neue Pistolenlinien und weiterentwickelte Scharfschützengewehre –, auch wenn solche Entwicklungen ein bis zwei Jahre Vorlaufzeit benötigen. Drittens: die Produktion hochfahren. Um den gestiegenen Auftragseingang zu bewältigen, wurde die Fertigungskapazität im zweiten Halbjahr 2025 um 70 % erhöht. Šlapák spricht von einem Kraftakt, der einer „Tsunami-Welle in der Produktion“ gleichkam. Der konsolidierte Umsatz lag 2025 knapp unter 30 Mio. €. Für 2026 ist die Verdoppelung des Produktionsoutputs das Ziel, unterstützt durch neue Mitarbeiter, einen frisch bestellten COO und zunehmende Automatisierung in der Fertigung. Geht es nach Šlapák, erreicht Steyr Arms im Lauf dieses Jahres zumindest die Gewinnschwelle.
Rund 85 % seiner Produkte verkauft das Unternehmen ins Ausland. Während der Steyr-Arms-Chef Forbes durch die Produktion führt, deutet er auf eine Sammlung grüner Waffen, die bereit sind, verschickt zu werden. Es handelt sich um einen Grossauftrag für Granatwerfer für die deutsche Bundeswehr. Der Export von Waffen und Rüstungsgütern aus Österreich ist streng reguliert und erfordert eine Ausfuhrgenehmigung – Exporteure müssen nachweisen, dass die Güter nicht in Krisengebiete oder an Empfänger gelangen, gegen die EU-Sanktionen oder UN-Waffenembargos bestehen. „Diese Exportkontrollen sind auch wichtig“, sagt Šlapák.
Was auffällt: Der CEO möchte sich nicht über Bürokratie beklagen. „Es wäre aber einfacher, mit nur einem Ministerium sprechen zu müssen statt mit drei Ministerien“, fügt er hinzu. Doch auch nachdem ein Unternehmen wie Steyr Arms Genehmigungen erhalten hat, können diese aus aussenpolitischen Gründen jederzeit verweigert oder widerrufen werden; selbst bei bereits abgeschlossenen Verträgen, was ein erhebliches Vertragserfüllungsrisiko schafft. Rüstungsgeschäfte sind häufig mit Offset-Vereinbarungen verbunden, bei denen der Käuferstaat Gegenleistungen wie Technologietransfer oder lokale Fertigungsanteile fordert. Hinzu kommen lange Beschaffungszyklen – und ein Reputationsrisiko: 20 % der Bewerber, die das Steyr-Arms-Team im Zuge der Neuausrichtung kontaktierte, sagten ab, als sie die Information zur Branche erhielten.
Überraschender war für Šlapák, wie viele Mitarbeiter dem Unternehmen treu blieben. „So ein Umbau ist kein einfacher Prozess“, sagt der CEO. Immer wieder machten Gerüchte die Runde, Steyr Arms verlasse Kleinraming. Als Šlapák gleich zu Beginn ein Treffen für die gesamte Mitarbeiterschaft einberief, waren einige überzeugt: Das war es jetzt. Doch Šlapák lag vor allem daran, die Entwicklungen im Unternehmen mit allen Mitarbeitern zu teilen. Alle zwei Monate findet das Treffen nach eigenen Angaben statt, die Bildschirme vor dem historischen Waffensaal kündigen bereits den kommenden Termin an. Dass zusätzlich weitere Produktionsstandorte ausserhalb Österreichs eröffnet werden, schliesst Šlapák aber nicht aus. Doch für ihn ist das kein Widerspruch: „Wenn die Flut steigt, hebt sie alle Boote.“
Der CEO blickt auf 24 Jahre beim internationalen Mischkonzern General Electric (GE) zurück. Nach seinem Abschluss an der Tschechischen Technischen Universität in Prag bekleidete er Managementpositionen in verschiedenen Abteilungen. Turin, Cincinnati, Beijing, Paris – Umzüge sind Teil dieser Karriere. Und wenngleich Steyr kaum wie der exotischste Arbeitsplatz scheint, war Šlapák bei diesem Antritt ein wenig nervöser als gewöhnlich. „Nicht nur bin ich kein Österreicher“, sagt er, „sondern auch noch Tscheche.“
Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns 1918 war das Verhältnis der nun getrennten Staaten von der Vertreibung der Sudetendeutschen und später dem Kalten Krieg belastet. Doch Šlapák dürfte schnell gemerkt haben, dass nur wenig an Animositäten in die Gegenwart übernommen wurde. Er sei sehr gut aufgenommen worden, sagt der Manager; möglicherweise zu gut: Seinen Plan, Deutsch zu lernen, hat Šlapák inzwischen ad acta gelegt. Die Kommunikation in Englisch unterstreiche ohnehin den Wandel zu einem stärker international ausgerichteten Unternehmen, sagt er. Doch Teamgeist entsteht nicht nur im Konferenzraum oder in der Produktionshalle: Šlapák ist mit einem Teil seiner Mitarbeitenden bereits zum Eisbaden ins kalte Wasser gestiegen. „Ich komme aus einem 500-Einwohner-Dorf, vielleicht liegt mir das Landleben einfach“, lacht Šlapák.
Der Chef von Steyr Arms sieht deutliche Parallelen zwischen seiner früheren Tätigkeit bei GE Aviation und seiner aktuellen Rolle: Beide Branchen sind technologisch hochgradig anspruchsvoll und stellen höchste Anforderungen an Produktqualität, Zuverlässigkeit und vor allem Sicherheit. Bei GE Aviation konnte das Versagen eines Triebwerks – das in 11 km Höhe bei extremen Temperaturen läuft – fatale Folgen haben. Dieselbe Logik gilt für die Rüstungsindustrie: Versagt ein Produkt im entscheidenden Moment, kann dies Menschenleben gefährden. Hinzu kämen in beiden Bereichen vergleichbare Anforderungen bei der Compliance, den rechtlichen Rahmenbedingungen und der Exportkontrolle, so der CEO.
Der Krieg in der Ukraine beeinflusst das Geschäft von Steyr Arms nicht direkt – österreichisches Recht verbietet Exporte in aktive Konfliktgebiete. Doch indirekt profitiert das Unternehmen durchaus: Verbündete der Ukraine rüsten auf und stellen dabei auch Material bereit, das letztlich der Ukraine zugutekommt.
Vor allem aber hat der Konflikt bei den europäischen Regierungen einen Bewusstseinswandel ausgelöst, den Šlapák als „Weckruf“ beschreibt – verstärkt durch den harten Kurswechsel der US-Führung unter Präsident Donald Trump, der Europa stärker in die Eigenständigkeit drängt. Die Folge ist eine wachsende Nachfrage nach Rüstungsgütern aller Art, auch wenn Steyr Arms als Kleinwaffenhersteller nicht in der ersten Reihe steht.
Parallel dazu beobachtet Šlapák eine Marktkonsolidierung auf zwei Ebenen: Grosse Konzerne schlucken andere Grosskonzerne, während gleichzeitig mittelständische Familienbetriebe, die jahrelang im Überlebensmodus operiert haben, den Sprung vom gemächlichen Dauerlauf in den Sprint schlicht nicht mehr aus eigener Kraft schaffen – weder finanziell noch technologisch. Sie suchen Partner, Käufer oder fusionieren untereinander. Für ein Unternehmen wie Steyr Arms, das genau in dieser Umbruchphase neu aufgestellt wird, könnte der Zeitpunkt kaum günstiger sein. Für das Jahr 2026 peilt der Steyr-Arms-CEO einen Umsatz von rund 50 Mio. € an, 20 Mio. € mehr als 2025.
Wer bei Šlapák eine frühe Faszination für Waffen vermutet, liegt daneben – sein Interesse an Gewehren und Granaten, wie sie Steyr Arms herstellt, entstand erst mit der Übernahme seiner heutigen Rolle. Was ihn anzog, war weniger das Produkt an sich als dessen technologische Dimension: Präzision, Zuverlässigkeit, Ingenieurskunst. Er verweist darauf, dass die Einsatzkräfte beim terroristischen Attentat in Wien im November 2020 ebenso mit einer Waffe von Steyr Arms ausgerüstet waren wie jene Polizisten, die beim Amoklauf an einer Grazer Schule im Juni 2025 einschritten. Šlapák, aufgewachsen im postkommunistischen Tschechien, verbindet damit eine grundsätzliche Überzeugung: „Ich weiss, dass man die Demokratie mit mehr als Stöcken und Steinen verteidigen muss.“
Fotos: Roland Wimmer