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Mit Anfang 20 verlor Ricardo Hager Geld durch einen Krypto-Betrug – der Startschuss für ihn, sich mit den Themen Cybercrime und Blockchain-Technologie auseinanderzusetzen. Heute leitet der 28-Jährige Foreus, eines der aufstrebenden Private-Intelligence- Unternehmen Europas.
Der Automobilpionier Henry Ford hat es gemacht, Malerin Frida Kahlo auch, der Regisseur Quentin Tarantino ebenso: Sie haben sich ihr Wissen abseits formaler Ausbildungswege angeeignet. Inmitten neuer Berufsfelder, die der technologische Fortschritt hervorbringt, gewinnt der autodidaktische Weg erneut an Bedeutung. Dass selbst gesteuertes Lernen besonders in der Cybersicherheit verbreitet ist, unterstreicht ein OECD-Bericht des Jahres 2024: 86 % der befragten Young Professionals, die in der Branche tätig sind, erweitern auf diese Weise regelmässig ihr Wissen.
Einer von ihnen ist U30-Listmaker Ricardo Hager. Vor fünf Jahren wurde er Opfer eines Krypto-Betrugs: Er investierte in eine entstehende Kryptowährung, doch der Ersteller sammelte das Geld ein und liess das Projekt fallen. Zurück blieb ein verärgerter junger Mann, der sich zu fragen begann, wie ein solcher Vorfall hätte verhindert werden können. „Also habe ich mich bei verschiedenen Newslettern angemeldet und mich in das Thema eingearbeitet“, sagt Hager. Monate später stiess er auf eine Stellenausschreibung von Foreus – das zu diesem Zeitpunkt frisch gegründete Unternehmen suchte nach Verstärkung, um Betrugs- und Spionagefälle mithilfe (cyber-)forensischer Methoden aufzuklären.
Jetzt, mit 28 Jahren, leitet Hager als Organization Director die Geschäfte von Foreus. Das Unternehmen ist Teil der Rocfortis-Holding, die Sicherheitsleistungen entlang des gesamten Intelligence Cycle anbietet. Rechtskanzleien, Industriekonzerne, Konsumgüterriesen und Regierungen weltweit greifen auf die Lösungen seines Teams zurück. Foreus hilft privaten und staatlichen Kunden, Wirtschafts- und Cyberkriminalität abzuwehren, etwa durch Hintergrundüberprüfungen und Bedrohungsmanagement.
Wir wollen das bekannteste Private- Intelligence-Unternehmen Europas werden.
Ricardo Hager
Wie das in der Praxis aussieht, skizziert Hager an einem pseudonymisierten Beispiel: Ein türkischer Bauherr hatte Probleme, bestimmte Bauteile zu erhalten,
da die Lieferkette eine russische Entität aufwies. „Unser Job war, herauszufinden, wie und warum Russland eine Rolle spielt“, erzählt der Foreus-Chef. „So konnten wir den österreichischen Lieferanten eine Ausfuhrgenehmigung einbringen und sie davon überzeugen, dass der wirtschaftlich Berechtigte der türkische Kunde und kein russisches Unternehmen war, und das Projekt ist schliesslich zustande gekommen.“ In Einzelfällen führen Hager und seine Kollegen auch Nischenservices im Bereich Counter Intelligence durch – wenn sie etwa Immobilien auf Wanzen absuchen. Hagers Position ist mittlerweile aber weniger operativ, sondern vielmehr strategisch geprägt: „Meine Aufgabe ist es – vom Lieferanten bis zum Partner, vom Backoffice bis zum Analysten –, alles wie ein Puzzle zusammenzuführen.“ Hager leitet ein Team aus 15 Personen; auf Augenhöhe: Er möchte kein Chef sein, der als unantastbar gilt.
Aufgewachsen ist Hager in Mattighofen, einer kleinen Stadt im oberösterreichischen Innviertel. Als gelernter Produktionstechniker konstruierte er 3D-Modelle – in seiner Freizeit beschäftigte sich Hager aber vor allem mit Open-Source-Intelligence (OSINT), einem Vorgehen, um möglichst viel Information aus öffentlich verfügbaren Quellen zu gewinnen. Mit diesem Wissen bewarb er sich im Jahr 2022 als Cybercrime Investigator bei Foreus. Dort war er die ersten zwei Jahre für die Bereiche OSINT und Kryptobetrug zuständig.
Hager entwickelte einen für ihn atypischen Ehrgeiz: In der ersten Woche bei Foreus absolvierte er mehr Überstunden als in den fünf Lehr- und Arbeitsjahren zuvor, erzählt er mit einem Lächeln. „Nach zwei Jahren konnte ich alle Foreus-Leistungen bedienen“, so Hager. Es war seine Eintrittskarte in den Vertrieb und schliesslich in die Geschäftsführung, wo er lernte, die Buchhaltung, Projekte und Mitarbeiter zu führen. „Das war härter zu lernen als der Beruf“, sagt er heute rückblickend.
Gibt es Tipps, die Hager teilen kann? Er zögert nicht lange: Nicht ohne Eigennutz betont Hager die Vorzüge davon, Experten als Berater zu konsultieren. Darüber hinaus nennt er zwei weitere Prioritäten: die physische Sicherheit sicherzustellen und das Sicherheitsbewusstsein bei den Mitarbeitern zu erhöhen. Seit Anfang dieses Jahres übernimmt Foreus Pro-Bono-Fälle, wenn sie einen Mehrwert für die Öffentlichkeit bieten. Zudem wird die Sicherheits-App Navq, die Hager mitentwickelt hat und die seit Oktober 2025 zum Download verfügbar ist, in diesem Jahr im Monatstakt verbessert.
„Wir wollen das bekannteste Private-Intelligence-Unternehmen Europas werden“, sagt Hager. Seit vier Jahren hält er Vorträge an weiterführenden Schulen, macht Jugendliche auf Cybersicherheit aufmerksam – und arbeitet gezielt daran, einen eigenen Talentepool aufzubauen. Das Wichtigste dabei? „Der Charakter“, sagt Hager. Wer durch einen Betrug den Antrieb gefunden hat, eine ganze Branche zu verstehen, weiss vermutlich, wonach er sucht.
Foto: Tim Walker