Salz in den Adern

Die Salinen Austria AG und ihre Vorgänger prägen Ebensee seit über 400 Jahren – als Produktionsstandort, Arbeitgeber und kultureller Akteur. In der weitläufigen Anlage im Salzkammergut treffen jahrhundertealte Strukturen auf moderne Industrieprozesse und einen Markt, der sich verändert. Mit Ariane Herzog, Vorständin für Produktion und Technik, steht erstmals eine Frau an der Spitze der Saline.

Der erste Eindruck der Produktionsstätte Ebensee ist ein wenig düster: Der Weg zum Gelände der Salinen Austria AG führt über schneebedeckte Strassen, aus grauen Türmen steigt Dampf auf; schwere Lastkraftwagen donnern vorbei. Fussgänger lassen sich in diesem industriellen Universum nicht blicken. Als wir den Besprechungsraum für unser Interview betreten, fällt der Blick auf einen ausgebleichten Tannenzweig auf dem wandhohen Ausstellungsschrank – ein Relikt der Weihnachtsfeiertage. „Das sieht auf den Fotos nicht gut aus“, sagt Ariane Herzog, Vorständin für Produktion und Technik der Salinen Austria AG, und steigt kurzerhand auf einen Sessel, um die Zweige abzubauen. Links und rechts rieseln die trockenen Nadeln auf den Boden, wie ihre Assistentin anmerkt – Herzog stört das nicht. Nachdem sie den Weihnachtsschmuck eigenhändig entfernt hat, nimmt sie mit einem breiten Lächeln am Konferenztisch Platz.

Dass eine Deutsche zur Schlüsselfigur in einem der wichtigsten Industriebetriebe Österreichs wird, ist ungewöhnlich. Noch ungewöhnlicher ist eine Frau an der Spitze einer Saline, jener Betriebsstätte, die das im Bergbau gewonnene Salzgemisch zu verschiedenen ­Salzen weiterverarbeitet: „Frauen unter Tage bringen Unglück“ – diese Annahme war lange unter Berg­arbeitern verbreitet, wohl auch, um unliebsame ­Konkurrenz fernzuhalten.

Seit die Saline Ebensee in Oberösterreich im Jahr 1607 fertiggestellt wurde, ist Herzog die erste Frau, die die Position der Betriebsleiterin bekleidet. Täglich produzieren unter ihrer Führung Metalltechniker, Projektmanager, Produktionsmitarbeiter und Laboranten etwa 3.500 Tonnen Salz. Jeden Tag steuern Hunderte Lastkraftwagen das weitläufige Gelände der Salinen Aus­tria AG an, um die Paletten mit Industrie-, Speise- und Pharma­salzen aufzuladen und sie in Österreich und dem Ausland zu verteilen – wer also im Supermarkt zum Tafelsalz greift, im Winter auf Streusalz spaziert oder eine Infusion mit Kochsalzlösung erhält, hat es mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Salz zu tun, das eines dieser Fahrzeuge aus Ebensee abtransportiert hat.

In der Theorie könnten auch andere Unternehmen in Österreich Salz herstellen. „Wir halten kein Monopol mehr“, sagt Herzog. Faktisch ist das anders: Die Salinen Austria AG besitzt als einziges Unternehmen das Recht, Sole in Bad Ischl, Hallstatt und Altaussee zu gewinnen und zu erzeugen. Nachdem sich das Unternehmen ursprünglich in Staatshand befand und der Salzabbau über Jahrhunderte hinweg als staatliches Monopol organisiert war, erfolgte 1997 die vollständige Priva­tisierung – neue Eigentümer sollten den Betrieb modernisieren und konkurrenzfähiger machen.

Dass eine Frau im Bergwerk Unglück bringt, wurde mir gleich zu Beginn gesagt.

Ariane Herzog

Eine Handvoll der heutigen Mitarbeiter hat diese Veränderung selbst miterlebt. Viele von ihnen stammen aus der direkten Umgebung – anders als Herzog, die vor rund neun Jahren dazugestossen ist. Sie hat sichtlich Übung darin, die Salzproduktion in einfache Arbeitsschritte herunterzubrechen, um sie für Laien verständlich zu machen – denn hinter dem simpel scheinenden Produkt steckt ein komplexer industrieller Prozess.

Als ersten Schritt führt Salinen Austria Bohrungen durch, um Mineralvorkommen aufzuspüren. Wenn diese Bemühungen erfolgreich sind, löst das Unternehmen das salzhaltige Gemisch – die Sole – aus dem Berg und schickt es in einer Pipeline in Richtung Ebensee. Dort filtern Maschinen die Sole, bevor die wässrige Lösung verdampft wird und dabei Salzkristalle entstehen. Zentrifugen sorgen dafür, dass auch das restliche Wasser entfernt wird. „Das kann man sich vorstellen wie beim Schleudergang in der Waschmaschine daheim“, erklärt Herzog. Abschliessend wird das Salz getrocknet.

Die Trocknerhalle ist die neueste Investition, die Salinen Austria getätigt hat. Bis 2030 will das Unternehmen weitere 200 Mio. € aufwenden, vor allem, um die Energieinfrastruktur zu verbessern und mehr Salztabletten produzieren zu können. Die Tabletten, die Haushalts- und Gewerbegeräte vor Kalk schützen, böten gemeinsam mit den Pharmasalzen (Salze für pharmazeutische, medizinische und wissenschaftliche Zwecke) das grösste Potenzial am Markt. Das Geschäft mit Streusalz sei hingegen immer schlechter planbar, da das Wetter unvorhersehbarer wird. Das erzählt Herzog, während wir – begleitet von ihrer Assistentin sowie der Pressebeauftragten des Unternehmens – vorbei an laut arbeitenden Maschinen und den meterhohen Salztanks wandern. Helm und Warnweste sind Pflicht; das erklärt sich spätestens, als wir zur Salzlagerhalle gelangen.

Ähnlich einem arktischen Eisberg türmt sich das Salz bis knapp unter die Decke und lässt die Anwesenden zu kleinen Punkten in der weissen Landschaft schrumpfen. Vergangenen Juli trat hier das Bruckner Orchester Linz unter der Leitung von Markus Poschner auf. „Wir haben aufwendige Tests durchgeführt, um sicherzustellen, dass der Salzberg stabil steht“, sagt Herzog.

Eine Handvoll der heutigen Mitarbeiter hat diese Veränderung selbst miterlebt. Viele von ihnen stammen aus der direkten Umgebung – anders als Herzog, die vor rund neun Jahren dazugestossen ist. Sie hat sichtlich Übung darin, die Salzproduktion in einfache Arbeitsschritte herunterzubrechen, um sie für Laien verständlich zu machen – denn hinter dem simpel scheinenden Produkt steckt ein komplexer industrieller Prozess.

Als ersten Schritt führt Salinen Austria Bohrungen durch, um Mineralvorkommen aufzuspüren. Wenn diese Bemühungen erfolgreich sind, löst das Unternehmen das salzhaltige Gemisch – die Sole – aus dem Berg und schickt es in einer Pipeline in Richtung Ebensee. Dort filtern Maschinen die Sole, bevor die wässrige Lösung verdampft wird und dabei Salzkristalle entstehen. Zentrifugen sorgen dafür, dass auch das restliche Wasser entfernt wird. „Das kann man sich vorstellen wie beim Schleudergang in der Waschmaschine daheim“, erklärt Herzog. Abschliessend wird das Salz getrocknet.

Die Trocknerhalle ist die neueste Investition, die Salinen Austria getätigt hat. Bis 2030 will das Unternehmen weitere 200 Mio. € aufwenden, vor allem, um die Energieinfrastruktur zu verbessern und mehr Salztabletten produzieren zu können. Die Tabletten, die Haushalts- und Gewerbegeräte vor Kalk schützen, böten gemeinsam mit den Pharmasalzen (Salze für pharmazeutische, medizinische und wissenschaftliche Zwecke) das grösste Potenzial am Markt. Das Geschäft mit Streusalz sei hingegen immer schlechter planbar, da das Wetter unvorhersehbarer wird. Das erzählt Herzog, während wir – begleitet von ihrer Assistentin sowie der Pressebeauftragten des Unternehmens – vorbei an laut arbeitenden Maschinen und den meterhohen Salztanks wandern. Helm und Warnweste sind Pflicht; das erklärt sich spätestens, als wir zur Salzlagerhalle gelangen.

Ähnlich einem arktischen Eisberg türmt sich das Salz bis knapp unter die Decke und lässt die Anwesenden zu kleinen Punkten in der weissen Landschaft schrumpfen. Vergangenen Juli trat hier das Bruckner Orchester Linz unter der Leitung von Markus Poschner auf. „Wir haben aufwendige Tests durchgeführt, um sicherzustellen, dass der Salzberg stabil steht“, sagt Herzog.

Dass das Unternehmen kulturellen Veranstaltungen eine Kulisse bietet, ist auf den zweiten Blick wenig überraschend: Neben der Salzproduktion sind der Tourismus und Immobilien weitere Geschäftszweige, die nach eigenen Angaben etwa 9 % bzw. 2 % des Umsatzes von rund 224,7 Mio. € (Wirtschaftsjahr 2025) in die Kassen spülen. Denn Salinen Austria verwaltet nicht nur die Bergwerke Bad Ischl, Altaussee und Hallstatt, die Salzwelten in Hallein und die Produktionsstätte in Ebensee, das Unternehmen erhält auch sechs Musik­kapellen und die Spitalskirche zum Heiligen Geist in Bad Aussee. „Kulturvermittlung ist uns sehr wichtig“, sagt die Vorständin. In Ebensee ist Salz ohnehin Teil der kulturellen DNA – etliche der knapp 7.500 Einwohner arbeiten in der Saline oder kennen zumindest jemanden, der das tut. Das bedeute auch, dass jeder eine Meinung zu dem hat, was rund um das Unternehmen geschieht, sagt man uns – im Guten wie im Schlechten.

Auch Herzog pendelt nicht weit zur Arbeit. Dass die gebürtige Baden-Württembergerin in Oberösterreich Karriere macht, ist gleich mehreren Zufällen zuzuschreiben. Während der Schulzeit begeisterte sie sich für Kunst und Musik. „Ich war aber nicht gut genug, um damit Geld zu verdienen“, lacht Herzog. Ihre Eltern hätten sie gerne als Lehrerin gesehen – doch die junge Frau entschied sich für das Studium Geoingenieurs­wesen und Angewandte Geowissenschaften an der Technischen Universität Berlin. „Endlich in die Grossstadt!“, dachte Herzog damals.

Dort angekommen wählte sie den Schwerpunkt Rohstofftechnik – und stellte schnell fest, dass vor allem Salz im Mittelpunkt stand. Nach ersten Praktika während der Studienzeit begann Herzog ein Traineeship bei K+S, einem deutschen Bergbauunternehmen, das mehr Salz produziert als jeder andere Hersteller weltweit. Allein im Werk Zielitz gewinnt K+S jährlich zwölf Millionen Tonnen Rohsalz. Zwischen drei und vier Uhr morgens stieg Herzog in den Schacht, um ins Bergwerk herunterzufahren und im Untertagebau zu arbeiten. Sie bekleidete die Position des „Steigers“, verantwortete also einen Teil des Bergwerks sowie die Arbeit der dazugehörigen Personen – im Alter von 22 Jahren. Ihr untergeordnet waren ausschliesslich ältere, erfahrene und männliche Bergbau-Kollegen. Den grösseren Anstoss als Herzogs Alter lieferte ihr Geschlecht: „Dass eine Frau im Bergwerk Unglück bringt, wurde mir gleich zu Beginn gesagt“, erinnert Herzog sich. Ihre Waffe ist Humor: „‚Dann probieren wir mal aus, ob das so ist!‘, habe ich gesagt“, so die Vorständin. Geholfen hat ihr die Fähigkeit, schnell zu kontern – und offen damit umzugehen, dass sie frisch von der Universität kommend noch viel zu lernen hatte. „‚Je besser ihr mir das beibringt‘, meinte ich zu meinen Kollegen, ‚desto besser wird es!‘“, erzählt sie.

Auf Salinen Austria wurde Herzog etliche Jahre später durch eine Zeitungsannonce aufmerksam. Dass ein Unternehmen aus Österreich „so frech in fremden Teichen fischt“ – einer deutschen Bergbauregion –, habe ihr gefallen, sagt sie. Zu diesem Zeitpunkt zog es Herzog ohnehin zurück in den Süden. Einen Besuch in Ebensee und ein Vorstellungsgespräch später hatte sie die Zusage als Betriebsleiterin der ­Saline in der Tasche.

Als solche ist sie dafür zuständig, dass die Produktion reibungslos läuft, die Saline instand ­gehalten wird und das Team innovative Lösungen für die Salz­herstellung entwickelt. „Mein Tag ist geprägt von Besprechungen“, sagt Herzog. Ihr ist wichtig, dass der gesamte Betrieb auch ohne sie funktioniert.

Auch ohne, dass die Vorständin es ausgesprochen hätte, wird deutlich: Ihr Weg dorthin ist von einem kollegialen Miteinander geprägt. Auf dem Flipchart im Besprechungsraum hängt ein Poster, das visualisiert, welche Eigenschaften die einzelnen Abteilungen besonders aneinander schätzen. Herzog spricht schnell und lächelt, als sie die Abbildungen erklärt. Aufeinander zu achten habe das Team die Coronakrise gut überstehen lassen, sagt sie. Kurzarbeit musste das Unternehmen nicht anmelden.

Ist Salinen Austria kritische Infrastruktur, Kulturgut oder in erster Linie ein Industrieunternehmen? „Alles davon!“, sagt Herzog, ohne zu zögern. Als das Unternehmen 1997 von der staatlichen Hand vollständig in private Hände überging, war es der ehemalige Finanzminister Hannes Androsch (SPÖ), der einen Mehrheitsanteil von rund 41 % erwarb. Androsch war bereits in seiner Zeit als Minister damit beauftragt gewesen, die damals noch staatlichen Salinen zu verwalten. Gemeinsam mit der Invest Holding GmbH, einer 100-%-Tochter der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich, erwarb er das Unternehmen und stand fortan dem Aufsichtsrat vor. Noch ein halbes Jahr vor seinem Tod im Dezember 2024 eröffnete Androsch das Besucherzentrum der Saline.

Davon, Teil der Androsch-Gruppe zu sein, profitiert das Unternehmen Herzog zufolge noch heute; wie auch von seinem zweiten Haupteigentümer, der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. „Wir haben ein enges Verhältnis zu unseren Eigentümern, die uns immer wieder darauf hinweisen, woran andere Unternehmen der ­Beteiligung arbeiten und wo wir kooperieren können“, so die Vorständin. Darunter ist etwa der Agrarbetrieb Efko, für den Salinen Austria ein Düngemittel entwickelte.

Das aktuell dominierende Projekt ist eine neue Standseilbahn in Hallstatt, die ab dem Sommer 2026 Touristen von den überfüllten Pfaden um den Hall­stätter See hinauf zu den Salzwelten führen soll. „Das ist nicht nur Wissensvermittlung, die Salzwelten sind auch ein wirklich gutes Unternehmen“, so Herzog.

Den grössten Umsatzanteil macht mit 89 % aber die Salz­produktion aus. Im Laufe dieses Jahres will die Vorständin die gesamte Salzproduktion von rund 1,2 Millionen Tonnen jährlich um weitere 100.000 Tonnen steigern. Herzog ist optimistisch, weiss aber, dass Perfektion in der Praxis nicht existiert: „Wenn nie etwas anders laufen würde als geplant, bräuchte es keinen Abteilungsleiter, keine Ingenieure – und mich auch nicht“, sagt sie mit einem Schmunzeln. Mit dieser Einstellung hat Herzog nicht nur bewiesen, dass Frauen in der Salzproduktion kein Unglück bringen – sondern dass sie diese in eine erfolgreiche Zukunft führen können.

Fotos: Gianmaria Gava

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