Reise(an)leiterin

Die Britin Clare Jones ist CEO der Reise-App Polarsteps, die weltweit von rund 20 Millionen Menschen genutzt wird. Die Plattform hat das klassische Reisetagebuch ins digitale Zeitalter übersetzt – mit überraschendem Erfolg.

Wer für Clare Jones arbeitet, darf jedes Jahr an einem virtuellen Glücksrad drehen. Es ist ein lieb gewonnenes Ritual im Unternehmen Polarsteps: Jeder Mitarbeiter kann einmal im Jahr eine Traumreise machen – wohin es geht, entscheidet der Zufall, die Transportkosten übernimmt die Firma. Nur Länder und Orte, die man noch nicht besucht hat, kommen in die Verlosung. Per Klick dreht sich ein Globus und bleibt dann per Zufallsgenerator auf einer Weltregion stehen. Auch Jones, die CEO der Firma und gleichnamigen Reise-Plattform, nimmt teil. Sie bekam den Senegal zugelost, also wird sie in zwei Wochen nach ­Afrika reisen und natürlich die Erinnerungen des Trips in der Polarsteps-App dokumentieren. „Alle lieben dieses Event“, sagt Jones, „denn es steht genau dafür, was Polarsteps ausmacht.“ Teamgeist und Wert­schätzung etwa, und natürlich die Freude am Reisen und das Sammeln und Festhalten von Erinnerungen.

Jones, eine 37-jährige Britin, steht seit knapp zwei Jahren an der Spitze der Amsterdamer Reise-App Polarsteps. Die Plattform bietet Usern seit ihrer Gründung vor zehn Jahren eine Art digitales Reisetagebuch, das Notizen und Fotos von Trips auf einer ­interaktiven Weltkarte aufzeichnet, die anschliessend in ein Fotobuch verwandelt werden kann. Polarsteps ist ein geschlossenes System; Inhalte werden vor allem mit engen Freunden und der Familie geteilt. Die App sieht sich daher als Gegenentwurf zu klassischen Social-Media-Plattformen und deren auf Reichweite und Aufmerksamkeit ausgerichtetes Geschäftsmodell.

„Wir wollen nicht, dass die Leute ihre Reise durch einen Bildschirm erleben – es geht darum, Momente zu sammeln und zu erleben. Die Technologie soll in den Hintergrund rücken“, sagte Jones im Gespräch mit Forbes beim Launch der „30 Under 30 DACH“-Liste im vergangenen Dezember in Berlin. Jones schaffte es 2019 selbst auf die europäische Under 30-Liste, nachdem sie fast eine Dekade lang als Chief Commercial Officer den Aufstieg des Start-ups What 3 Words mitgestaltete. Das System verwandelt geografische Koordinaten in aus drei Wörtern bestehende präzise Adressen und konnte einen starken Expansionskurs in 170 Länder hinlegen. Mercedes und verschiedene Notfalldienste nutzen das System in der Navigationstechnologie ihrer Fahrzeuge.

Nun soll Jones bei Polarsteps noch mal für ­starkes Wachstum sorgen und die App zu einer global führen­den Reise-Plattform ausbauen. Die Polarsteps-­Commu­nity hat aktuell mehr als 20 Millionen User – Tendenz steigend. Bald sollen es viele Millionen mehr sein; neben Europa, dem wichtigsten Markt, stehen vor
allem die USA und Asien im Fokus.

Polarsteps ist ein Tech-Start-up, das in Europa entwickelt und auf dem Atlantischen Ozean geboren wurde: Mitgründer Niek Bokkers suchte während einer Segeltour im Jahr 2014 nach einer technischen Lösung, um seine Familie über seine GPS-Koordinaten auf dem Laufenden zu halten. Er entwickelte einen Prototyp, der Standortdaten per Satellitentelefon an einen Server in den Niederlanden schickte. Aus dieser privaten ­Spielerei entstand 2015 in Amsterdam das Start-up,
das Bokkers gemeinsam mit Koen Droste, Job Harmsen und Maximiliano Neustadt gründete.

Das Unternehmen verfolgte von Anfang an ein ­Modell des organischen Wachstums. Statt massiv in Wer­bung zu investieren, nutzten die Gründer den „Flywheel-Effekt“: Reisende teilten ihre Routen mit Freunden, die wiederum die App installierten, um Trips mit Bekannten auszutauschen. Polarsteps hat seit seiner Gründung 2014 insgesamt 5,1 Mio. US-$ (4,4 Mio. €) an Wagniskapital von institutionellen Investoren und Business Angels erhalten. Seit Jahren ist das Unternehmen profitabel; heute wird ein Umsatz von 10 Mio. € ausgewiesen.

Laut Gründer Koen Droste ist Teil des Erfolgs der unkonventionelle Ansatz, den Fokus eher auf Kundenzufriedenheit als den Umsatz zu legen. So war ein starkes organisches Wachstum möglich. Die gängigen Start-up-Ratschläge, wie etwa ein frühzeitiger Markteintritt und das Streben nach kommerziell lukrativen Partnerschaften, waren bei Polarsteps lange Zeit
aussen vor. Dass Jones als CEO ins Unternehmen geholt wurde, so heisst es, war die bewusste Entscheidung
der ­Gründer, um mehr „Skalierungsexpertise“ in die Geschäftsführung zu bringen.

Polarsteps setzt auf den nostalgischen Charme des analogen Reisetagebuchs, nutzt aber auch Zukunftstechnologien. Herzstück des Portals ist ein KI-gesteuerter Routenplaner, der aufgrund bisheriger Reisedaten Vorschläge für den nächsten Trip macht. Unterkünfte von Airbnb, Booking oder Hostelworld lassen sich ­direkt integrieren. Eine neue Funktion für Video-Reels erlaubt es Nutzern, die Erlebnisse in den sozialen Medien zu teilen – ganz ohne die Brücke zu Meta und Tiktok geht es halt doch nicht.

Noch immer ist die Haupteinnahmequelle der Verkauf von physischen Fotobüchern, die Nutzer am Ende ihrer Reise automatisiert aus ihren digitalen Tracks und Fotos erstellen lassen können. Dazu kommen Vermittlungs­provisionen (Affiliate), wenn User Unterkünfte oder Aktivitäten direkt über die in der App integrierten Reise-Guides buchen.

Der Markt für Reise-Tracking und digitale Reisetagebücher ist umkämpft. Zu Polarsteps’ Mitbewerbern gehört die Schweizer App Find Penguins, die eine ähnliche (junge) Zielgruppe bedient. Find Penguins erlaubt eine noch detailliertere Kontrolle über die einzelnen „Footprints“ – beide Portale werben mit ihren strengen Richtlinien zu Datenschutz. Apps wie Penzu oder Day One setzen mehr auf Textform und Tagebuch.

Es geht darum, Momente zu sammeln und zu erleben. Die Technologie soll in den Hintergrund rücken.

Clare Jones

Jones positioniert Polarsteps als Alternative zur algorithmischen Reizüberflutung der Meta-Apps und der Datensammelwut Googles. „Wir haben keine Anzeigen, wir verkaufen keine Nutzerdaten“, sagt Jones. Ziel der Plattform sei es, die gesamte Reiseerfahrung an einem Ort zu bündeln: „Träumen, Planen, Reisen, Erinnern – jedes dieser Elemente verknüpft unsere Plattform.“

Manche sehen beim Thema „Planen“ Polarsteps sogar als künftigen Konkurrenten für Buchungs­portale von Hotels, Flügen und Mietwagen. Doch Jones will klassischen Anbietern nicht das Geschäft streitig machen. Viele Portale versuchen, Nutzer ans eigene Ökosystem zu fesseln und das Verlassen zu erschweren, etwa wenn es um Buchungen geht. Jones glaubt hingegen: „Unsere Nutzer kommen immer wieder in unser Portal zurück, nicht weil sie müssen oder weil wir den Ausstieg erschweren, sondern weil sie zurückkommen wollen.“

Jones ist selbst eine passionierte Entdeckerin, Neugier auf die Welt und auf neues Wissen durchziehen ihre Karriere. Sie wuchs als Tochter von Lehrern in Wiltshire im Westen Englands mit drei Schwestern auf, studierte an der Universität Cambridge Geografie und sammelte bei der Impact-Investmentbank Clearly So in London erste Erfahrung im Finanz- und Tech-Bereich, bevor der Wechsel zu What 3 Words kam.

Wer Jones begegnet, staunt über ihr Tempo. Bei der Britin scheint nahezu alles im Eilverfahren abzu­laufen: das Denken, Analysieren, Reden. Auch das Lesen – pro Jahr liest sie locker mehrere Hundert Bücher und somit Dutzende Werke pro Monat. Als Kind entwickelte sie eine Schnelllese-Technik, bei der einzelne Wörter übersprungen werden und stattdessen die Bedeutung des gesamten Satzes aufgenommen wird. Romane verschlingt sie genauso wie Sachbücher – sie schwärmt besonders von einem Werk über Tuberkulose und die Zusammenhänge, und wie die Krankheit Vergangenheit und Gegenwart der Weltgeschichte prägte bzw. prägt.

Innerhalb eines halben Tages hat sie etwa auch „Die Tesla-Files“ verschlungen, und „Unvernünftige Gastfreundschaft“ des New Yorker Gastronomen Will Guidara. Aus der Welt der Gastronomie hat sie umgehend Lektionen für ihren Job als CEO in der Tech-Branche mitgenommen: etwa Bescheidenheit im Umgang mit dem Team oder den unterschätzten Wert der Investition in Beziehungen (auch in die Beziehungen zu anonymen Usern), weil Kunden und Gäste sich immer daran erinnern, welche Gefühle ein Produkt oder ein Service ausgelöst hat. Wenn sie anderen von diesem Gefühl erzählen, ist das jeder Marketingstrategie weit überlegen. Auch den Rat, das Produkt, aber nicht sich selbst wichtig zu nehmen, hat Jones beherzigt: Sie erzählt eine Anekdote von einer Weihnachtsfeier, als sie von Kollegen imitiert und somit auch ein wenig ver­spottet wurde; ihr energischer Gang, ihr Hang, den Schlüssel, Taschen und andere Habseligkeiten im Büro fallen zu lassen oder zu verlieren. „Sie haben mich wirklich grossartig getroffen, wir alle hatten riesigen Spass!“

Die grösste Herausforderung beim Skalieren, so Jones, sei daher auch, das passende Personal zu finden. Von „Move fast and break things“ hält sie wenig. Stattdessen will sie ihrem Team Sicherheit geben und ein System schaffen, „in dem Menschen wachsen können, während das Unternehmen wächst“. Jones ist Verfechterin flacher Hierarchien und einer Fehlerkultur, die Experimente erlaubt. Auch dürfe Skalierung nicht Kern und Kultur eines Unternehmens gefährden. Zwar nutzt Polarsteps nun auch klassisches Marketing, doch die persönliche Ansprache und der direkte Austausch mit Reisenden bleiben wichtig. Um den Reisemarkt USA zu erobern, hat Jones etwa eine Mitarbeiterin auf den Appalachian Trail geschickt, eine ikonische Fern­wandertour von Georgia bis Maine. Dort soll sie andere Wanderer bei gemeinsamen Pizzaabenden in den ­Öko-Lodges für die App Polarsteps werben – so sieht
also eine Dienstreise bei Polarsteps aus.

Nicht nur Wanderer, auch Eltern schätzen die App, etwa wenn Kinder auf Weltreise oder Schüleraustausch gehen. So muss der Nachwuchs nicht per Whatsapp eine Standleitung nach Hause legen – sondern kann frei unterwegs sein, während die Familie trotzdem im Bilde ist, wo sich die Kinder gerade herumtreiben. (Zumindest, wenn diese ihre Live-Location teilen wollen.)

Jones hat auch selbst in Start-ups investiert und setzt sich ehrenamtlich für Obdachlosenhilfe im Süden Londons ein. Irgendwann nach ihrer Karriere als Managerin will sie sich noch intensiver für soziale Kam­pagnen einsetzen. Ein Projekt, das ihr am Herzen liegt, ist ein bedingungsloses Grundeinkommen, um die Schere zwischen Vermögenden und Bedürftigen zu reduzieren. Als Inspiration sieht sie den englischen Nationalen Gesundheitsdienst (NHS): Die Idee, allen Bürgern kostenfreie Gesundheitsversorgung zukommen zu lassen, galt anfangs als Irrsinn – heute gäbe es wenig, auf das Grossbritannien mit mehr Stolz blicke, sagt Jones.

Jones will auch deshalb etwas zurückgeben, weil sie glaubt, dass ihr Erfolg nur ihrem Glück zu ver­danken sei. Aber verkauft sie sich da nicht ziemlich unter Wert? Ist Erfolg nicht das Resultat von individuellen Fähigkeiten, von persönlichem Ehrgeiz und Antrieb? Jones meint: Diese Eigenschaften seien ihr von Eltern, Lehrern, Geschwistern, letztlich ihrem engen Umfeld mitgegeben worden. Und in einem solchen Umfeld aufzuwachsen, könne man nur bedingt beeinflussen, auch das habe also mit Glück zu tun.

Eine glückliche Fügung ist auch der Umstand, dass ihr Senegal als nächstes Reiseziel zugelost wurde. Denn dort findet Mitte Mai in der Stadt Saint-Louis das berühmteste Jazzfestival Afrikas statt. Jones freut sich darauf, neue Erinnerungen zu schaffen, und sagt: „Wir sind die Summe unserer Erfahrungen. Wenn Polar­steps dabei hilft, die schönsten Erfahrungen lebendig zu ­halten, haben wir einen guten Job gemacht.“

Fotos: Moritz Scheer, Polarsteps / Geke Bosch

Reinhard Keck

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