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Streaming, Social Video und Gaming werden in Europa immer weniger über Content allein entschieden, sondern über Produktdesign: Regulierung (DSA/DMA) setzt Pflichten und Grenzen, Technologie liefert Personalisierung und Monetarisierung – und Nutzer erwarten gleichzeitig maximale Bequemlichkeit, Kontrolle und Sicherheit. Wer dieses Dreieck sauber auflöst, gewinnt Vertrauen und planbare Umsätze.
Digitale Unterhaltung war lange ein Growth-Spiel: mehr Watchtime, mehr Sharing, mehr Abo- oder Werbeerlöse. In Europa verschiebt sich der Wettbewerb spürbar. Drei Kräfte greifen ineinander – Regulierung, Technologie und Nutzererwartungen – und treffen am Ende immer dieselbe Stelle: den Aufbau der Plattform.
Der Digital Services Act (DSA) zielt nicht primär auf einzelne Posts, sondern auf systemische Risiken, die aus Design und Funktionsweise grosser Dienste entstehen können. Für „Very Large Online Platforms/Engines“ sind Risikoanalysen, Risikominderung und erweiterte Transparenzpflichten zentrale Bausteine – inklusive mehr Einblicken in Moderationspraktiken und in die Logik von Empfehlungssystemen. Für Entertainment-Plattformen ist das entscheidend, weil ihr Produktkern nicht „ein Film“ oder „ein Clip“ ist, sondern Feed-Architektur, Autoplay-Ketten und Recommender-Systeme.
Parallel verändert der Digital Markets Act (DMA) das Spielfeld an den Gateways: App Stores, Payments und Discovery sind für Entertainment direkte Margen- und Wachstumshebel. Die EU-Kommission hat Apple etwa wegen Verstössen gegen die Anti-Steering-Pflicht des DMA adressiert und Massnahmen angeordnet, die das „Lenken“ von Nutzerinnen und Nutzern zu alternativen Angeboten betreffen. Für Plattformen heisst das: Distribution kann sich öffnen, gleichzeitig steigen Komplexität und die Anforderungen an Pricing, UX und Vertrauen.
Während die EU vor allem Transparenz, systemische Risiken und Marktstruktur reguliert, zeigt das Vereinigte Königreich mit dem Online Safety Act, wie stark „Safety by Design“ in konkrete Nutzer-Flows eingreift – insbesondere über „hoch wirksame“ Altersprüfungen in sensiblen Bereichen. Ofcom hat dazu konkrete Zeitlinien und Erwartungen für robuste Age-Checks veröffentlicht. Das betrifft nicht nur Adult-Content, sondern wirkt als Signal in die gesamte Branche: Je höher das Risiko-Segment, desto eher wird Verifikation zur Produktanforderung – ähnlich wie es Nutzer bereits von einem Online Casino kennen.
Genau hier kollidieren Regulierung und Nutzererwartung. Nutzer wollen personalisierte Vorschläge, sofortige Abspielbarkeit und eine „endlose“ Experience. Gleichzeitig erwarten sie mehr Kontrolle, weniger Missbrauch, nachvollziehbare Regeln und Schutz von Minderjährigen – ohne dass sich die Plattform wie ein Verwaltungsakt anfühlt. Wenn Plattformen stärker auf Engagement optimieren, wächst der Druck auf Transparenz und Risikosteuerung. Wenn sie stärker absichern (z. B. Age-Assurance, strengere Moderation), steigt die Gefahr von Friktion und Abwanderung.
Die wirtschaftliche Konsequenz: Trust & Convenience wird zum Engineering-Thema. Compliance wird zur wiederkehrenden Produkt- und Kostenposition (Messsysteme, Reporting, Auditfähigkeit) – und Nutzerkontrolle wird zum Feature, das Retention und Markenvertrauen stabilisieren kann. In der nächsten Phase digitaler Unterhaltung in Europa gewinnt nicht zwingend der lauteste Content-Deal, sondern die Plattform, die Regulierung, Technologie und Nutzererwartungen in ein konsistentes, friktionsarmes Produkt übersetzt.
Foto: Sora
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