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Hörgeräte waren lange ein klassischer Medtech-Markt: reguliert, beratungsintensiv, dominiert von wenigen Herstellern und dem Fachhandel. Jetzt rückt Consumer Tech in dieselbe Alltagssituation – und verschiebt den Kundenzugang. Für Europa ist das weniger Hype als Chance: niedrigere Einstiegshürden, mehr Tests, mehr potenzielle Versorgung. Und ein Geschäft, das sich von Hardware in Richtung Services bewegt.
Der Treiber ist klar messbar. Die WHO erwartet bis 2050 weltweit fast 2,5 Milliarden Menschen mit einem gewissen Grad an Hörverlust; mehr als 700 Millionen werden voraussichtlich Hörrehabilitation benötigen. Unversorgter Hörverlust verursache jährlich nahezu 1 Bio. US-$ an globalen Kosten. Damit wird „besser hören“ zu einem Thema, das weit über Gesundheit hinausgeht – ökonomisch, gesellschaftlich, für Arbeitgeber und Versicherer.
Der sichtbarste Hebel kommt über das Smartphone-Ökosystem. In den USA hat die FDA am 12. September 2024 erstmals eine „Over-the-Counter“-Hörhilfe-Software autorisiert, die mit kompatiblen Apple AirPods Pro genutzt werden kann – vorgesehen für Erwachsene ab 18 Jahren mit subjektiv wahrgenommenem leichtem bis moderatem Hörverlust. Apple rollt entsprechende Hörgesundheits-Funktionen seit 2025 in mehreren Ländern aus – jeweils abhängig von lokalen Zulassungen. Entscheidend ist nicht die Marke, sondern der Mechanismus: Der Erstkontakt wandert vom Akustiker in die Hosentasche. Wer im Alltag schlechter versteht, kann binnen Minuten testen – und verinnerlicht, dass Anpassung zunehmend wie ein Software-Update funktioniert.
Für den traditionellen Hörgerätemarkt bedeutet das Druck und Rückenwind zugleich. Druck, weil das Einstiegssegment stärker über Preis, UX und schnelle Verfügbarkeit definiert wird. Rückenwind, weil Europa weiterhin stark unterversorgt ist. Laut einem Report 2024 leben rund 59 Millionen Europäer mit einem Hörverlust, der die tägliche Kommunikation beeinflusst; nur 22 % nutzen Hörgeräte. Genau dort liegt das Wachstum: nicht primär im Austausch der High-End-Geräte, sondern bei den Millionen, die bislang keine Lösung nutzen. Marken, wie das österreichische Hörakustikunternehmen Hansaton spielen in diesem Umfeld ihre Stärke aus, wenn sie Versorgung und Technologie so verbinden, dass der Einstieg niedrigschwellig wird – ohne bei Anpassqualität und Langzeitbetreuung Kompromisse zu machen.
Ökonomisch verschiebt sich die Logik: weg vom reinen Geräteverkauf, hin zu wiederkehrenden Erlösen. Wo Hörunterstützung softwarefähiger wird, werden Services skalierbar: Remote-Feinanpassungen, Profile für unterschiedliche Hörsituationen, Garantie- und Versicherungsmodelle, Updates. Die zentrale Frage lautet daher weniger „Wer baut die beste Hardware?“, sondern „Wer besitzt Beziehung, Daten und Versorgungskanal?“ Consumer-Plattformen sind stark in Distribution und Nutzerführung. Medtech-Anbieter sind stark in Evidenz, Anpassqualität und Langzeitversorgung. Die Gewinner in Europa werden jene sein, die beides zusammenbringen: medizinische Qualität mit Consumer-Einfachheit – und transparent machen, wofür der Kunde bezahlt (Hardware, Anpassung, Service).
Foto: Sora
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