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Das Medtech-Startup MMI (Medical Microinstruments) startet erstmals von der US-Gesundheitsbehörde FDA genehmigte klinische Studien mit Menschen, um eine neue, experimentelle Behandlung gegen Alzheimer zu testen. Dabei sollen winzige chirurgische Roboter mit Nadeln in der Grösse von Wimpern helfen, Abfallstoffe aus dem Gehirn von Patienten zu entfernen.
Seit einigen Monaten bereiten Neurochirurgen in Krankenhäusern in Florida, Connecticut und New York eine neuartige Operation vor. Ziel ist es, die Drainagewege des Gehirns zu öffnen, sodass das körpereigene lymphatische System Giftstoffe ausspülen kann, die als zentrale Ursache der Krankheit gelten. Allein in den USA leben rund sieben Millionen Menschen mit Alzheimer.
Die Operation erfolgt mit den kleinsten chirurgischen Robotern der Welt. Sie können Nadeln, Scheren und Instrumente steuern, die nur so breit sind wie ein menschliches Haar. Die Lymphgefässe im Hals, an denen operiert wird, haben teilweise nur einen Durchmesser von etwa 0,2 Millimetern. „Es ist, als würde man ein paar Haarsträhnen mit winzigen Nähten zusammenbinden“, sagt MMI-CEO Mark Toland.
Im März sollen die ersten fünf Patienten operiert werden. Die Studie soll zunächst zeigen, dass das Verfahren bei 15 Menschen sicher ist. Wenn die Ergebnisse positiv ausfallen, plant das Unternehmen noch in diesem Jahr eine grössere Studie mit 200 bis 300 Patienten. Toland hofft, dass eine Zulassung der Technologie bis Ende 2027 möglich ist.
Die Idee basiert auf rund 5.000 experimentellen Operationen, die in den vergangenen Jahren in China und anderen asiatischen Ländern durchgeführt wurden. Berichten zufolge konnte dort das Fortschreiten der Krankheit teilweise verlangsamt werden – in einigen Fällen verbesserten sich Patienten sogar von einem moderaten zu einem milderen Krankheitsstadium. Allerdings gelten diese Ergebnisse bislang als wissenschaftlich nicht ausreichend belegt.
Der Ansatz basiert auf einem relativ neuen Forschungsfeld: dem Abfallentsorgungssystem des Gehirns, das erst 2012 entdeckt wurde. Bei Alzheimer lagern sich sogenannte Amyloid-Plaques und das Protein Tau im Gehirn ab. Die Operation soll helfen, diese Stoffe über das lymphatische System besser abzutransportieren. „Es ist im Grunde ein Klempnerproblem“, sagt Toland. „Wenn man die Leitungen wieder frei macht, kann der Körper funktionieren.“
MMI wurde 2015 von drei italienischen Robotikern gegründet. Das Unternehmen entwickelt hochpräzise Operationsroboter für extrem kleine Gefässe, etwa bei Nervenreparaturen, Brustrekonstruktionen nach Krebs oder der Behandlung von Lymphödemen. Der Roboter namens Symani ermöglicht Eingriffe an Gefässen mit weniger als 0,5 Millimetern Durchmesser.
Jeder Roboter kostet rund 1,5 Millionen Dollar. Zusätzlich verdient das Unternehmen an Einweg-Instrumenten wie Nadeln und Scheren. Nach Angaben von CEO Toland soll der Umsatz des Unternehmens 2026 etwa 50 Millionen Dollar erreichen, nach rund 20 Millionen Dollar im Jahr 2025. Insgesamt hat MMI bislang rund 220 Millionen Dollar Kapital eingesammelt und wird derzeit mit etwa 500 Millionen Dollar bewertet.
Die Alzheimer-Operation wäre der bislang grösste Schritt für das Unternehmen – und ein potenziell riesiger Markt. Weltweit leben mehr als 55 Millionen Menschen mit Alzheimer oder anderen Demenzformen, bis 2030 könnte diese Zahl auf 78 Millionen steigen.
Innerhalb der Wissenschaft gibt es jedoch sowohl Hoffnung als auch Skepsis. Einige Forscher sehen in dem Ansatz eine interessante neue Richtung, andere warnen vor möglichen Risiken wie Hirnschwellungen und betonen, dass bislang noch keine grossen klinischen Studien vorliegen.
Sollten die US-Studien jedoch positive Ergebnisse liefern, könnte die Technologie ein völlig neues Kapitel in der Behandlung von Alzheimer eröffnen.
Text: Amy Feldman
Foto: MMI Newsroom