KI in der wirtschaft: Give it time

Es ist selten, dass sich Technologie und Mythos so perfekt überlagern, wie wir es aktuell bei der künstlichen Intelligenz sehen. Seit Chat GPT vor drei Jahren in den Alltag von Millionen Menschen platzte, begleitet uns ein Gefühl, als würde sich die Zukunft plötzlich massiv beschleunigen: schneller, besser, effizienter – und vor allem alles sofort.

Wer wird nicht ungeduldig, wenn das LLM länger als ein paar Sekunden für eine Antwort braucht? Unternehmen investieren Milliarden, Staaten entwerfen Strategien, Start-ups schreiben „AI“ auf jede Slide. Die Versprechen sind riesig: Produktivitätsschübe, neue Geschäftsmodelle, ein anderes Arbeiten, vermutlich auch eine ganz andere Welt.

Doch wer genauer hinsieht, erkennt ein Muster, das wir aus früheren technologischen Umbrüchen gut kennen: Wir überschätzen, was Technologie kurzfristig leisten kann – und unterschätzen, was sie langfristig verändern wird. Während Chips und Rechenzentren in Rekordgeschwindigkeit und für viel Geld gebaut werden, beginnen Unternehmen leise und laut zu zweifeln: Lässt sich die gewaltige Erwartungshaltung tatsächlich erreichen? Die Nachrichtenagentur Reuters zitierte kürzlich Studien, nach denen nur ein kleiner Teil der Unternehmen bislang echte Profitsteigerungen oder messbaren Mehrwert durch den Einsatz von KI sieht. Viele Projekte liefern erste messbare Effekte, aber selten die tiefgreifende Revolution, die uns versprochen wurde – oder die wir uns versprochen haben.

Das liegt nicht daran, dass KI überschätzt wird; im Gegenteil. Es liegt daran, dass wir der Technologie wie so oft zu wenig Zeit geben – und sie zu oberflächlich einsetzen. Zu oft suchen Unternehmen nicht Lösungen, sondern Bestätigung. Sie hoffen auf einen „Easy Button“, der Prozesse ersetzt, statt sie neu zu denken. Ganze Branchen warten auf die „Silver Bullet“, also eine magische Lösung für tiefgreifende Probleme und Herausforderungen. Doch KI ist kein Zauberstab, sondern ein Werkzeug. Sie verlangt Struktur, klare Fragen, gute Daten – und vor allem Demut vor ihrer eigenen Unschärfe. Die Technologie ist mächtig. Sie ist aber auch widersprüchlich: Sie löst komplexe mathematische Aufgaben – und scheitert gleichzeitig daran, einfache Regeln konsistent zusammenzufassen. Forscher nennen das die „gezackte Grenze“ der Fähigkeiten. Es ist nicht das Ende der Entwicklung. Aber es ist ein Reality-Check.

Und dann ist da noch etwas, das in den Debatten gerne vergessen wird: wir Menschen selbst. Der Fall des schwedischen Fintechs Klarna ist dafür ein Parade­beispiel. Der schwedische Konzern ersetzte grosse Teile seines Kundenservice durch KI-gestützte Systeme – und musste später zurückrudern. Warum? Weil Kundinnen und Kunden nicht nur direkte und klare Antworten wollen. Sie wollen verstanden und gehört werden; sie wollen, dass jemand zwischen den Zeilen liest, Emotionen erkennt, Unsicherheiten auffängt. Empathie ist kein „Feature“, sondern ein menschlicher Rohstoff. Und dieser bleibt – zumindest vorerst – konkurrenzlos.

Wir sollten diese Technologie ernst nehmen, ohne ihr blind zu vertrauen. Wir sollten sie dort einsetzen, wo sie wirklich hilft. Wir sollten akzeptieren, dass Transformation nicht im Quartalstakt funktioniert, sondern in Jahren und vor allem Jahrzehnten. Und wir sollten aufhören, uns zwischen zwei falschen Polen zu bewegen: Angst vor der Maschine auf der einen Seite, grenzenlose Heilsversprechen auf der anderen. Die Zukunft ist gross und hoffentlich voller positiver Entwicklungen – sie braucht aber vor allem eines: Zeit.

Illustration: KI generiert

Klaus Fiala,
Chefredakteur

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