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Rechenzentren bleiben meist unsichtbar, verbrauchen aber immense Mengen Strom. Holger Nickel, Geschäftsführer von AixpertSoft in Aachen, hat es sich zur Aufgabe gemacht, digitale Infrastruktur transparenter und ökologisch tragfähiger zu machen — mit selbst entwickelter Software, europäischen Werten und einem ungewöhnlichen Projekt: Supercomputing im Windrad.
Drei Kilometer entfernt von dem Ort, an dem Holger Nickel aufwuchs, stand ein Kernkraftwerk. Was andere Kinder bloss zur Kenntnis nahmen, liess ihn nicht los: Was hat es mit diesem Gebäude auf sich? Welche Energien verbergen sich dahinter? Diese Fragen begründeten sein Interesse an Ökologie und Energieträgern – und prägen seine Karriere bis heute.
Rund drei Jahrzehnte später sitzt Nickel im Büro von AixpertSoft in Aachen und entwirft Lösungen für eine der drängendsten Fragen unserer Zeit: Wie kann digitale Infrastruktur ökologisch tragfähig sein? Im Februar feierte das Unternehmen sein 20-jähriges Bestehen. In einer Branche, die von amerikanischen Hyperscalern dominiert wird, die nicht immer das Gemeinwohl im Sinn haben, hat Nickel bewusst einen anderen Weg gewählt: «Ich habe den wunderbaren Begriff IT-Manufaktur gefunden», sagt der geschäftsführende Gesellschafter. «Er beschreibt unser Unternehmen sehr gut.» AixpertSoft ist kein Massenhersteller, sondern ein Spezialist für den europäischen Markt, der hochqualitative Software fertigt – und soziale und ökologische Verantwortung übernehmen möchte.
Das Kernprodukt heisst AixBOMS (Aix-la-Chappelle Business Object Management System). AixBOMS bildet IT-Assets digital ab und optimiert sie. Nickel nennt es den «digitalen Drilling» – denn im Rechenzentrum laufen auch Prozesse, die nicht sichtbar Ressourcen verbrauchen. Sichtbar zu machen, was unsichtbar ist, ist die Kernidee hinter dem Produkt. Ein Rechenzentrum ist ein Multi-Gewerk, das aus Gebäuden und Strom besteht, aber auch aus Klimatisierung, Netzwerk und Servern. Diese Fachsilos sprechen selten dieselbe Sprache – AixBOMS verbindet sie.
Das Team hat die Software auf Open-Source-Standards selbst entwickelt. Obwohl Branchenkollegen die Entscheidung nicht immer nachvollziehen konnten, setzte AixpertSoft vor 20 Jahren auf die zielführenden Technologien. «Heute würde das niemand mehr infrage stellen», so Nickel. Die Wahl macht unabhängig von Lizenzmodellen und den gesetzlichen Backdoor-Verpflichtungen, denen US-amerikanische Cloud-Anbieter unterliegen. Mit der europäischen Einstufung von Rechenzentren als kritischer Infrastruktur ist die Nachfrage nach souveräner Technologie weiter gestiegen. 2019 gewann AixpertSoft eine WTO-Ausschreibung des Schweizer Bundes. Viele Kunden des Unternehmens sind Behörden, die ihre Daten sicher verwahrt wissen wollen.
Ob Google-Suche oder Netflix – alles läuft im Rechenzentrum, und alles verbraucht Energie. Kaum jemandem sei die energetische Auswirkung bewusst, sagt Nickel. In Deutschland verbrauchen Rechenzentren mittlerweile etwa 4 bis 5 % des gesamten Stroms, erzählt der Geschäftsführer, doch dieser Anteil wird weiter steigen. In Frankfurt etwa, dem grössten europäischen Standort für Rechenzentren, lässt sich aber nicht einfach ein Kernkraftwerk errichten, um die nötigen Mengen Energie bereitzustellen. Nickel und seine Kollegen entwickeln Lösungen, die helfen sollen, diese Problematik einzudämmen.
Jetzt ist der Zeitpunkt, um zu sagen: Wir Europäer können das auch, und zwar besser.
Holger Nickel
Das wohl aussergewöhnlichste Projekt in diesem Zusammenhang: die Simulation von Supercomputing im Windrad. Windräder werden abgeschaltet, wenn das Stromnetz voll ist – was aber, wenn Hochleistungsrechner genau dann aktiv werden? Das Fraunhofer-Institut errechnete, dass die CO2-Bilanz mit dieser innovativen Methode auf den Faktor 1:10 gegenüber klassischen Betriebssituationen gesenkt werden kann. Auf der Hannover Messe stellte AixpertSoft das Projekt vor wenigen Wochen vor.
Das Windrad ist der Vorgeschmack auf eine neue Logik: das Smart Grid, die Kopplung von IT-Netz und Stromnetz. Dezentrale Rechenknoten an erneuerbaren Quellen schaffen doppelten Mehrwert: Überschussstrom wird genutzt und die Abwärme heizt Haushalte. Rechnerisch könnten allein die Frankfurter Rechenzentren die gesamte Stadt mit Abwärme versorgen, erzählt Nickel. Dem Geschäftsführer geht es auch darum, dass Europa nicht die alten Fehler wiederholt: Die Grundlagenforschung zu neuronalen Netzen beispielsweise kam aus Europa – die Produkte bauten die US-Amerikaner. Nickel glaubt, dass es diesmal anders sein kann: mit eigener Infrastruktur und einem europäischen Wertekanon. «Jetzt ist der Zeitpunkt, um zu sagen: Wir Europäer können das auch, und zwar besser», so Nickel.
2020 verabschiedete AixpertSoft drei Leitlinien: We care, we share, we reduce. Etwa Messwerte nicht nur an der Steckdose zu erfassen, sondern bis zum einzelnen Dienst: Was kostet der E-Mail-Dienst ökologisch und energetisch im eigenen Rechenzentrum – und was, ihn in die Cloud zu verlagern? Gemeinsam mit Dr. Ralph Hintemann vom Berliner Borderstep Institut hat Nickel dazu einen Forschungsantrag eingereicht.
In Nickels letzter beruflicher Dekade kommt viel von dem zusammen, was ihn seit seiner Kindheit beschäftigt hat: die Leidenschaft für die Natur, für die Software-Entwicklung und für Unternehmensprozesse. Was ihn besonders antreibt? Seine zehnjährige Tochter, verrät der Geschäftsführer. «Ich stelle mir vor, wie sie in 20 Jahren lebt», so Nickel. «Unsere Kinder sollen auch noch in den Genuss unberührter Landschaften und einer natürlichen Umgebung kommen.»
Text: Forbes-Redaktion
Foto: Robert Eikelpoth