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Nur ein Wimpernschlag trennt den zweifachen Doppel-Olympiasieger im Zweier- und Vierer-Bob, Francesco „Franz“ Friedrich, vom dritten Olympia-Gold im Vierer-Bob bei den diesjährigen Winterspielen in Mailand und Cortina d’Ampezzo. Der Zweier-Bob mit Friedrich konnte bereits Silber holen. Trainer Gerd Leopold, der den deutschen Ausnahmesportler seit 2010 begleitet, ist für das dritte Olympia-Gold im Vierer-Bob optimistisch: „Wir haben alles für den Sieg getan.“
Sämtliche Vorbereitungen, körperliche und mentale Trainings, die sportliche Routine, die Erfahrung und der Teamgeist verdichten sich in diesem einen Moment, Sekundenbruchteile vor dem Start. Pilot Francesco Friedrich sowie die Anschieber des Bobteams Friedrich, Felix Straub, Matthias Sommer und Alexander Schüller, die Weltmeister des Vorjahres, klopfen sich selbst und einander gegenseitig fest ab, bevor der Viererbob explosionsartig unter lautem Getöse von Trainer und Fans von den Athleten in den Eiskanal geschoben wird. Ein Ritual, erklärt Trainer Gerd Leopold, mit dem sich das Team den Korpsgeist bewusst und unterbewusst in die Leiber trommelt. Das hebe das Zusammengehörigkeitsgefühl, den Respekt voreinander; man signalisiert das Gefühl der Verbundenheit und der Freundschaft und zeigt damit auch, dass man sich aufeinander verlassen könne, so Leopold. „Man manifestiert damit auch, dass man jetzt das Maximale aus sich herausholen wird. Bobfahren ist einfach ein Mannschaftssport – und jeder, der denkt, dass er Siege alleine verantwortet, wird das nächste Rennen definitiv verlieren“, betont er.
Die Kräfte, die sowohl im Zweier- als auch im Viererbob wirken, sind enorm: Auf einer durchschnittlichen Streckenlänge zwischen 1.200 und 1.600 Metern und bei Geschwindigkeiten zwischen 110 und 150 km/h entscheiden oft nur Hundertstelsekunden zwischen einem Podestplatz und den Rängen. Phasenweise sind die Athleten Fliehkräften von 5G ausgesetzt. Im Prinzip wird der Bob, ein 210 Kilogramm schweres Geschoss aus Carbon oder Glasfaser in einem Metallrahmen, mit der Gravitation, der Gewichtsverlagerung durch die Athleten und mithilfe zweier Seilzüge gelenkt; wobei man als Pilot versucht, die Seilzüge so wenig wie möglich zu bedienen, weil durch eine schräger gestellte Kufe Zeit verloren wird, erklärt Friedrich. Die Athleten selbst tragen Helme und aerodynamische, elastische Rennanzüge, die optional mit Kevlar-Einsätzen an Schultern, Armen und Rücken als Schutz vor Abschürfungen im Eiskanal ausgestattet sind. Wie bei anderen Disziplinen im Spitzensport fährt auch beim Bob Verletzungsrisiko mit. Mit Angst dürfe man freilich nicht fahren, sagt Friedrich. „Wenn wir ins Rennen gehen, sind wir gut vorbereitet. Wir wissen, was wir können, und müssen Zuversicht haben, zu gewinnen“, ergänzt Leopold. Wer diese Sicherheit nicht habe, sollte zu Hause bleiben, so Leopold weiter. Präzise Arbeit und Vorbereitung verringern das Risiko, sagt er.
Wir begleiten Francesco Friedrich, sein Team und Trainer Gerd Leopold am Tag der Eröffnung der 25. Olympischen Winterspiele zum Training in Innsbruck. Auch der junge Tim Becker trainiert als „Joker“, wie Gerd Leopold ihn stolz nennt, mit, falls der in diesen Tagen verkühlte Alexander Schüller ausfallen sollte. Die Eröffnungszeremonie in Italien lassen die Athleten in diesem Jahr aus; sie nutzen die bis zum Wettkampf verbleibenden Tage abseits des Trubels in familiärer Umgebung und ruhigen Trainingsbedingungen. Der Bob ist schon in Italien, auch das Team war die vergangenen vier Tage noch in Cortina. Jetzt sei man für letzte Vorbereitungen wieder ins ruhigere Innsbruck gekommen, sagt Leopold. An diesen letzten Tagen vor dem Wettkampf wird noch an der Athletik gefeilt; werden Sprinttrainings, Maximalkraft- und Schnellkrafttrainingseinheiten umgesetzt, so der Trainer weiter.
Einmal im Jahr, meistens rund um den Weltcup in Igls, sagt Friedrich, steigt die Truppe beim Isserwirt in Lans ab. Man kennt die Betreiberfamilie Raitmayr seit vielen Jahren, der Ton untereinander ist familiär. Gerd Leopold hält seine Hand in Hüfthöhe: „Ich kenne die Kinder der Familie Raitmayr, seit sie so gross sind. So lange kommen wir schon hierher.“
Der Gastbetrieb Isserwirt zählt mit seiner ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 1313 zu den ältesten im Land und wird unter der Führung von Andreas Raitmayr und seinen drei Schwestern Lisa, Christine und Margarete in 16. Generation geführt. Nur der älteste Bruder wollte nicht in den Familienbetrieb einsteigen, erzählt der junge Patron; er sei allerdings im Gastronomiegrosshandel tätig – also auch nicht ganz weit weg vom Gewerbe. Er selbst, so Andreas Raitmayr weiter, habe die Entscheidung, in die Unternehmensnachfolge zu gehen, auch nicht schnell getroffen. Er wollte ursprünglich Pilot werden, sagt der 32-Jährige. Je älter er aber geworden sei, sagt er, desto mehr konnte er sich für die Gastronomie und Hotellerie begeistern, so Raitmayr weiter. „Einen eigenen Betrieb zu führen, die eigenen Ideen und Vorhaben umzusetzen und zu sehen, wie sich etwas entwickelt, war am Ende dann doch interessanter, als durch die ganze Welt zu fliegen“, sagt er. „Ich bin gerne das ganze Jahr über mit derselben Mannschaft beieinander“, so Raitmayr weiter. Er sei froh, dass es sich auch mit den Schwestern so gut ergeben und entwickelt habe: „Denn am Ende bin ich ein Familienmensch. Ich geniesse meine Familie rund um mich und teile unser tolles Haus gerne mit unseren Gästen.“ Das mache ihm Freude.
Mit den Jahren und Generationen sei die Gastwirtschaft um Gästezimmer erweitert worden; auch wurde während der Coronapandemie aus dem ursprünglichen Kufenraum, der 1905 angebaut wurde, eine Erweiterung des Gasthauses. Jetzt finden zwischen 150 und 190 Personen an den Tischen Platz. Man spüre, sagt Lisa Raitmayr, die älteste der drei Schwestern, die Grösse der Aufgabe, den Betrieb in die nächste Generation zu führen. Wachstum ist bei der neuen Generation nur begrenzt gewünscht, „weil man dann doch sehr schnell Gefahr läuft, an Qualität zu verlieren“, so die Geschwister unisono. Die Gäste, die bereits viele Jahre zum Isserwirt kommen, ergänzt Lisa Raitmayr, schätzen die familiäre Atmosphäre und das Wissen um ihre speziellen Wünsche. „Wir halten gerne an bestehenden Dingen fest, verschliessen uns aber auch keinen neuen Ideen“, so Andreas Raitmayr. Vielleicht sei dies die Haltung, die es ermöglicht hat, den Betrieb seit 1313 bis heute erfolgreich zu führen, sagt er.
In der Sporthalle hinter den Klettertürmen in der Innsbrucker Matthias-Schmid-Strasse nimmt in der Zwischenzeit das Training der Bob-Olympiamannschaft langsam Fahrt auf. Felix Straub ist der schnellste Läufer im Team. Er nimmt die hinterste Position in der Mitte bzw. am Ende des Viererbobs ein, hakt das Kabel des sogenannten „1080 Sprint“-Geräts mit einem Karabiner an einen Stoffgurt, den er um die Hüften trägt, und sprintet explosionsartig los. Die durchschnittlichen Start- und Endgeschwindigkeiten, also die Geschwindigkeit beim Einstieg des vierten Mannes, liegen bei 45 km/h, „in Cortina sogar bei 47 km/h“, sagt Gerd Leopold. Die Kabelwinde surrt in hohem Ton auf. Das in Schweden entwickelte Gerät wird im Widerstands- und Geschwindigkeitstraining eingesetzt, erklärt er. Dabei kann die Zugkraft unterschiedlich eingestellt werden. „Da der Bob rund 210 kg schwer ist, teilt man das Gewicht etwa durch vier, auf die Anschieber und den Piloten“, erklärt der Trainer die individuellen Last- und Geschwindigkeitseinstellungen. Immer wieder blickt er auf die Anzeige des „1080“ – „Felix ist in Bestform“, sagt er zufrieden, „alle im Team bringen aktuell Höchstleistungen.“ Denn eines müsse hier auch klar sein, so Leopold bestimmt: „Wer mit Francesco als Pilot antritt, weiss, dass er um Gold fährt und nicht um den sechsten Platz.“ Friedrich ist, da ist Leopold ganz eindeutig, „der absolute Leader. Und den Besten macht aus, dass er in der Stunde, wo er gefordert ist, abliefert. Viele können samstags liefern, aber sonntags, wenn alle zuschauen, können sie nichts mehr. Du musst bringen. Das allein ist die Eigenschaft, die du als Dominator, wie Francesco einer ist, hast. Ansonsten bist du nicht so lange an der Weltspitze.“
Gemeinsam mit dem heute 35-jährigen Francesco Friedrich hat der 67-jährige Gerd Leopold bis heute 90 Weltcupsiege errungen. Dazu kommen viermal olympisches Gold, 16 WM- und 8 EM-Titel. Ans Ende beider Karrieren im Spitzensport wollen beide im Moment nicht denken – auch nicht daran, dass es in diesem Jahr 2026 die letzten Olympischen Spiele für sie sein könnten. Nach der errungenen Silbermedaille im Zweierbob in Cortina arbeiten alle auf das fünfte Olympiagold hin. „Fünf Mal Olympiagold“, so Leopold, „hat noch kein Bobpilot erkämpfen können. Darüber hinaus ist unser gemeinsames Ziel nach diesen Olympischen Spielen, die 100 Weltcup-Siege zu schaffen“, sagt Leopold, der Friedrich bereits mehr als 15 Jahre als Trainer begleitet.
Francesco Friedrich kam, wie viele im Bobsport, aus der Leichtathletik. Das sei nicht selten, so Leopold: Der Körper gewöhne sich beim Sprint, im Mehrkampf, beim Wurf oder beim Sprung an bestimmte Bewegungsabläufe, erklärt der Trainer. „Es wird viel Koordination und einfach ‚viel von allem‘ gemacht“, sagt er; was gut sei. Denn: „Auch, wenn das beim Bobfahren alles relativ simpel aussieht – anrennen, reinsteigen und fahren –, ist es das gar nicht. Jeder muss seine Füsse und ebenso seine Hände genau platzieren und hinsortieren, damit man beim Anschieben bei über 40 km/h keine Zeit verliert. Wenn etwas nicht exakt passt, dann verlierst du bei der Startzeit, nimmst nicht genug Schwung mit; und wenn du dann auch noch schlecht sitzt, verlierst du auch die Aerodynamik“, so der Trainer in strengem Ton. „Deswegen ist es auch wichtig, dass die Sportler nicht bloss geradeaus rennen können, sondern ein bisschen mehr können, koordinative Vorbildung haben und vielseitig sind.“ Noch wichtiger seien herausragende „Schnelligkeitsfähigkeiten“, so der Trainer weiter; „sie sind sehr schnellkräftig in Sprint, Sprung und Wurf“, erklärt er. Gerd Leopold grinst schelmisch, während Friedrich den Gesprächsfaden wieder aufnimmt und weiter von seinen Anfängen im Bobsport erzählt, mit dem er über seinen älteren Bruder erstmals in Berührung kam.
„Mein Bruder war ursprünglich Hürdenläufer und ist im Jugendalter auch in den Endläufen der Deutschen Meisterschaften angetreten“, so Friedrich – nur sei er aber nicht weiter als seine heutigen 1,77 Meter gewachsen, während die Hürdenhöhe vom Jugend- zum Männeralter von einem Meter auf einen Meter und acht Zentimeter erhöht wurde. „Da kam er dann nicht mehr drüber“, so der Sportler. „Und wie es der Zufall so wollte, wurde in meiner Heimatstadt Pirna (Sachsen; Anm.) am Stadtfest eine mobile Anschubstrecke aufgebaut – und dort hat er sich ganz gut angestellt.“ Der Bruder wurde zum Probetraining eingeladen und besuchte daraufhin das Sport-Internat in Altenberg, wo auch Friedrichs Heimat-Eiskanal steht. Zwei Jahre nach seinem Bruder habe dann auch er selbst mit dem Bobfahren begonnen, erzählt er.
Rasch wurde deutlich, dass dieser Sport mehr als nur ein Hobby sein sollte. Der Kontakt zu Sporthilfegruppen wurde geknüpft. Bis heute ist dieser Bereich des Spitzensports auf die Sporthilfe angewiesen. Friedrich: „Wir sind bei der Bundeswehr, der Landes- bzw. Bundespolizei tätig. Das ermöglicht uns einerseits, unseren Sport so perfekt wie möglich auszuüben, und andererseits, trotzdem über ein geregeltes Einkommen zu verfügen.“ Darüber hinaus ist man bei der Suche nach Sponsoren mehr oder weniger auf sich selbst gestellt – was mit jedem Jahr, besonders seit Corona und dem Krieg in der Ukraine, schwieriger werde, so Friedrich weiter. Trotz der grossen medialen Präsenz, vor allem in Deutschland, wo der Bobsport besonders beliebt sei, habe er, Friedrich, das Gefühl, dass der Sport an Ansehen verliere. Gerd Leopold schliesst sich an: „Immer weniger Kinder üben wettkampfmässigen Sport aus, deshalb kommen auch immer weniger Talente nach oben. Dadurch, dass es von allem im Übermass gibt, ist die Jugend einfach auch sehr abgelenkt“, sagt er.
Auf der Website des Teams Francesco Friedrich sind rund 70 verschiedene Sponsoren gelistet – und die braucht das Team auch dringend. Denn je erfolgreicher ein Sport mit unter anderem erheblichem Materialeinsatz betrieben wird, desto kostspieliger wird dieser auch. Ein Viererbob kostet durchschnittlich 120.000 €, ein Paar Kufen bewegt sich zwischen 10.000 € und 15.000 €. Dazu kämen, so das Team, die Reise- und Unterkunftskosten, die medizinische Betreuung und jene durch den Physiotherapeuten und auch Psychologen und andere Experten, die um das Team herumschwirren, so Friedrich. „Die Bobs werden von FES in Berlin, dem Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten, gebaut. Das wird vom Bundesministerium für Inneres unterstützt. Dafür sind wir enorm dankbar“, so Friedrich weiter. Allerdings gilt diese Unterstützung ganz vielen unterschiedlichen Winter- und Sommersportarten – beginnend beim Skispringen über das Kanufahren bis hin zum Radsport. „Die müssen sich also ihre Ressourcen auch gut einteilen“, so der Spitzensportler. Seine Kufen entwickelt Friedrich gemeinsam mit einem Unternehmen in Neustadt selbst, sagt er: „Diese Kufen kommen nur auf meine Bobs.“ Neben dem Training wird also auch fleissig am Sportgerät getüftelt und das Material stetig weiterentwickelt. Und auch hier stehen die Zeichen auf olympisches Edelmetall.
Der Einzige, der Francesco Friedrich – vor allem im Zweier-Bob – hier einen Strich durch die Rechnung machen kann, ist sein härtester Konkurrent Johann Lochner, ebenfalls Deutscher. „Gerade haben wir noch ganz schön mit Hansi zu kämpfen“, so Friedrich. „In den letzten zwei Jahren ist er an uns herangekommen; damit tun wir uns natürlich schwer.“ Die Zweikämpfe, die auch medial nicht gerade klein gespielt werden, befeuern diese fast schon legendäre Konkurrenz zwischen den Landsmännern. „Natürlich macht es mehr Spass, wenn man gegen einen wirklich ernst zu nehmenden Konkurrenten antreten kann – und manchmal ist es natürlich auch recht anstrengend. Für die Zuschauer ist es aber immer gut und für die Sponsoren macht uns das interessanter“, so Friedrich weiter.
Für Cortina wünscht sich die Bobmannschaft Francesco Friedrich kaltes Wetter und viele Zuseher. Gemeinsam, so das Team, werden sie 120 Prozent geben. „Wir haben Bock“, sagen sie. Wir jetzt auch – und drücken die Daumen.
Fotos: Gianmaria Gava