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Tamara Höfer setzt sich mit ihrer NGO Richtungswechsel für nachhaltige Veränderung ein – und packt dafür im Bereich des Justizvollzugssystems an. Durch Vernetzung und internationale Projekte rückt sie dem Ziel einer gerechten Gesellschaft Schritt für Schritt näher.
„99 % der Menschen, die inhaftiert sind, kommen früher oder später aus dem Gefängnis und werden wieder ein Teil unserer Gesellschaft. Wollen wir verhärtete Kriminelle mit einem entsprechenden Label, oder wollen wir Menschen, die Chancen und die Hoffnung haben, in der Gesellschaft wieder einen positiven Beitrag zu leisten?“ Das ist die Frage, mit der sich Tamara Höfer tagtäglich beschäftigt. Die 28-Jährige gründete 2022 den Verein Richtungswechsel – die NGO besteht derzeit aus einem Team von vier Mitarbeitern und zwei Volontären und setzt sich für eine faire und gerechte Gesellschaft in Bezug auf das Justizsystem ein. Dazu gehört unter anderem die Verbesserung der Haftbedingungen für Inhaftierte, aber auch der Arbeitsbedingungen und Ausbildung der Menschen, die im Justizbereich tätig sind. Höfers Ziel ist nachhaltiger, systemischer Wandel im Strafvollzug – und aus ihrer Perspektive liegt der Schlüssel dazu in der Resozialisierung.
Richtungswechsel arbeitet an diversen Projekten, die diesen Systemwandel im Strafvollzug erzielen sollen. Als ihr wichtigstes Projekt nennt die junge Gründerin die „Champions Community“, ein Leadership-Programm für engagierte Persönlichkeiten, die sich in relevanten Bereichen einbringen, um Veränderungen zu bewirken. Ein weiteres nennenswertes Projekt sei „Bridge“, das sich systematisch mit der Veränderung der Jugendhaft befasst. Zu den positiven Effekten der Arbeit des Vereins zählt Höfer die zunehmende Nachfrage nach Zusammenarbeit und Fachwissen, die Beteiligung von Entscheidungsträgern an Veranstaltungen, die allmähliche Veränderung der Denkweise sowie das Interesse für gemeinsame Studienreisen und kleinskalige Hafthäuser basierend auf dem Konzept der europäischen Bewegung Rescaled, die sich für Hafthäuser anstatt klassischer Justizanstalten einsetzt.
Für Menschen ausserhalb des Justizbereichs ist es leicht, zu vergessen, dass inhaftierte Personen immer noch Menschen sind.
Tamara Höfer
Ihre Nominierung für die österreichische Forbes 30 Under 30-Liste war für Höfer eine Anerkennung für Arbeit in einem gesellschaftlich sensiblen, oft verdrängten Feld. Als ein Bekannter nominiert wurde, hatte sie bereits von der Initiative gehört – dass sie es selbst nur wenige Jahre später auf die Liste schaffen würde, hatte sie sich damals noch gar nicht vorstellen können. Zu der Zeit war sie im Rahmen von „Unlocked Graduates“ Justizvollzugsbeamtin. Das zweijährige Leadership-Programm wurde von Natasha Porter gegründet; im Rahmen des Programms absolvieren Studenten das berufsbegleitende Masterstudium Leadership and Custodial Environment und sind gleichzeitig in Vollzeit als Justizvollzugsbeamte bei Haftanstalten in England und Wales angestellt.
Zuvor hatte Höfer den Bachelor in Security and Crime Science am University College London abgeschlossen. Trotz Skepsis in ihrem Umfeld, nahm sie 2019 am Programm teil. Schon zu dieser Zeit war praktische Erfahrung für sie eine Priorität. Diese, sagt sie, habe ihren Berufsweg stark geprägt.
Über ein Praktikum bei den Vereinten Nationen kam sie in Kontakt mit dem Incarceration Nations Network. Der Verein beschäftigt sich damit, gelebte Erfahrung in Policy-Making von Inhaftierung einzubringen, aber auch mit der Vernetzung internationaler Organisationen, die Justizreformen betreiben. Dort erkannte Höfer die Möglichkeiten im Bereich der Justizreform. Die Frage „Warum gibt es so etwas wie ,Unlocked‘ nicht in Österreich?“ wurde schliesslich zur Gründungsidee. Nicht nur an der Organisation selbst nahm sich Höfer ein Beispiel: „Natasha Porter (Gründerin von „Unlocked“; Anm.) ist ein grosses Vorbild für mich. Sie leitet und führt sehr viel mit Ehrlichkeit“ – ein Wert, den Höfer als CEO bis heute besonders wertschätzt. Porter vernetzte Höfer mit Teach For Austria, wo sie im Rahmen der „Future Wings Challenge“, die Bildungsinnovationen und soziale Projekte fördert, ihre Idee pitchte, eine ähnliche Wohltätigkeitsorganisation wie „Unlocked“ zur Gefängnisreform zu gründen. Sie gewann ein Startkapital von 15.000 €; die Gründung von Richtungswechsel erfolgte schliesslich Ende 2022. Höfers erstes EU-Projekt war der Startschuss für eine strategische Ausrichtung von Richtungswechsel auf Bildungsmanagement, Leadership-Kompetenzen und nachhaltige Organisationsentwicklung.
Die Gründungsidee wurde zu ihrem ersten Projekt: Prisgrads. Es war der Start eines Graduiertenprogramms nach dem Modell von „Unlocked“, das in Österreich, Deutschland und Rumänien umgesetzt werden sollte. Rasch wurde klar, dass es eine Organisation braucht, die internationale Netzwerke und innovative Konzepte nach Österreich bringt. Ihre Tätigkeit brachte Höfer den Namen „The Austrian Natasha“ ein.
„Für Menschen ausserhalb des Justizbereichs ist es leicht, zu vergessen, dass inhaftierte Personen immer noch Menschen sind“, sagt Höfer. Gegen diese Einstellung der Gesellschaft zu Justiz, Haftpersonal und Täterarbeit kämpft Richtungswechsel heute hart an. Der Verein vertritt die Überzeugung, dass Täterarbeit direkter Opferschutz sei: „Erstens, weil viele Täter selbst Opfer waren; zweitens – und viel zentraler – geht es darum, zukünftige Opfer zu verhindern, indem man die Täter dazu bringt, keine weiteren Straftaten mehr zu begehen“, sagt Höfer.
Die Mängel eines veralteten Systems sind laut Höfer ein gesamtgesellschaftliches Problem. Laut der WHO leiden 80 % der inhaftierten Frauen unter mentalen Problemen, gleichzeitig aber kommen laut Höfer viele Menschen in Haft das allererste Mal in ihrem Leben an psychische Betreuung. Laut Statistik Austria haben Jugendliche mit 56 % eine besonders markante Rückfälligkeitsrate. Auch hohe gesellschaftliche Kosten von Rückfälligkeit sprechen für Resozialisierung und einen Bedarf an tiefgreifender Veränderung: Ein Haftplatz kostet etwa 56.000 € pro Jahr, und allein in England verursacht Rückfälligkeit bzw. unwirksame Resozialisierung laut Höfer jährlich Kosten von rund 18 Mrd. Pfund (20,8 Mrd. €). „Steuerzahler geben dafür Geld her, dass man eigentlich nur weggesperrt wird, und nicht dafür, dass wir dann im Endeffekt sichere Gesellschaften haben“, sagt die Gründerin.
Funding ist eine grosse Herausforderung. „An Fördermittel heranzukommen und die Einstellung von Personal sind nach wie vor grosse Themen“, bestätigt Höfer. Laut eigenen Angaben kommen die derzeitigen Einnahmen zu 60 % aus EU-Fördermitteln, hauptsächlich vom Förderprogramm „Erasmus+“, zu 35 % aus privaten Stiftungen sowie zu 5 % aus Spenden bzw. Awards. Bei neuen Fördermitteln werden Stiftungen, die im Bildungs- und Criminal-Justice-Bereich tätig sind, bevorzugt. „Es ist mir extrem wichtig, dass wir als gemeinnützige Organisation keinesfalls von der Inhaftierung oder den Haftbedingungen profitieren“, sagt die Gründerin.
Für die Zukunft plant Richtungswechsel, die Beziehungen zu Privatstiftungen weiter auszubauen und FFG-Quellen (Forschungsförderungsgesellschaft) genauer zu untersuchen. Der Fokus soll sich stärker auf Advocacy, Ausbildung und Prävention richten, etwa durch Workshops an Schulen und in Justizanstalten in verschiedenen europäischen Ländern. Obwohl die öffentliche Wahrnehmung von Richtungswechsel derzeit noch gering ist, ist dies die strategische Grundlage für die Vorhaben des Vereins im kommenden Jahr.
Für nächstes Jahr soll ein neues Projekt die gelebte Erfahrung von Menschen im Justizvollzug miteinbeziehen. Im Allgemeinen möchte sich Höfer von der starken Projektorientierung des Vereins in Zukunft aber etwas lösen. Von grosser Bedeutung und ein laufendes Ziel ist für Höfer Vernetzung: „Je grösser unser Netzwerk ist, desto mehr kann unsere Organisation erreichen.“
Text: Klara Csongrady
Fotos: Gianmaria Gava