HIGHTECH IM KRÄUTERGARTEN

Wer an moderne Landwirtschaft denkt, hat meist weite Äcker und schwere Traktoren vor Augen. Doch Arsenije Grgur beweist, dass die Zukunft der Ernährung in der Vertikalen liegt – und massgeblich durch Software gesteuert wird. Mit GreenState AG – das unter seiner Führung als CEO das Unternehmen Yasai AG akquiriert hat – schlägt er eine Brücke zwischen traditioneller Schweizer Lebensmittelproduktion und radikaler technologischer Innovation.

Das ursprüngliche Ziel von GreenState klingt so simpel wie logisch: Die Abhängigkeit von Importen massiv zu reduzieren. «Wir importieren Zehntausende Tonnen Salat und Kräuter», erklärt Grgur im Interview mit Forbes Swiss. Sein Zehnjahresplan sieht vor, diese Zahlen so weit wie möglich zu senken, um die Versorgungssicherheit in der Schweiz zu stärken. Dass er heute an der Spitze eines Agrotech-Unternehmens steht, ist kein Zufall. Grgur wuchs im Umfeld der Agrarwirtschaft auf; sein Grossvater war CFO eines grossen Agrounternehmens, sein Vater hatte ein Unternehmen für die Herstellung von Traktoren-Teilen. Nach Stationen im Investmentbanking fand Grgur während der Pandemie schliesslich zurück zu seinen Wurzeln – jedoch mit einem digitalen Twist.

Der Weg zum Erfolg war dabei steinig. «Wir sind in die Verhandlungen mit den grossen Detailhändlern ein bisschen naiv reingegangen», gesteht Grgur offen. Nach einem fulminanten Start, bei dem die Nachfrage innerhalb weniger Tage von 1.000 auf 2.500 Pakete explodierte, verlor das Team kurzzeitig den Griff. Heute setzt GreenState auf kontrolliertes Wachstum und starke Partnerschaften. Statt alles allein zu stemmen, kooperiert man für die grossen Anlagen mit Spezialisten wie der italienischen ONO Farms.

Der Weg zur industriellen Reife führt bei GreenState über eine konsequente bauliche Optimierung. Im Mai und Juni 2026 steht ein entscheidender Meilenstein an: Der massive Umbau der Fabrik in Niederhasli. «Die Teile sind bereits in der Produktion», so Grgur. Ziel ist es, den vorhandenen Raum durch ein modulares System noch effizienter zu nutzen, um ab Juli die volle Produktionskapazität hochzufahren. Dieser Umbau ist das physische Fundament für die geplante Skalierung auf 160 Tonnen Jahresertrag und markiert den Übergang vom Pilotprojekt zum industriellen Standard.

Besonderes Augenmerk liegt auf der Rentabilität. Vertical Farming gilt oft als kapitalintensives Risikogeschäft, doch Grgur hat eine klare Strategie: «Wir wollen ab September profitabel sein». Ein zentraler Hebel ist dabei die Energieeffizienz. Durch optimierte Lampentechnologie und ausgeklügeltes Engineering will GreenState den Energieverbrauch um 75 % senken und gleichzeitig den Ertrag pro Quadratmeter um 50 % steigern.

Grgur blickt durchaus kritisch auf die internationale Konkurrenz, bei der viele Projekte trotz Milliarden-Fundings scheiterten. Oft lag der Fehler im mangelnden Fokus auf das Produkt und die Kostenstruktur: Viele Unternehmen leisteten sich teure Büros in Weltmetropolen wie Manhattan oder Berlin, statt in die Agrowissenschaft zu investieren. «Am Ende ist es eine Kräuterproduktion», stellt Grgur trocken fest. Während andere Ansätze oft versuchten, dem Einzelhandel ihre Bedingungen zu diktieren, setzt GreenState auf einen «Modular Approach» und die enge Abstimmung mit den Bedürfnissen der Schweizer Detailhandelssupermärkte.

Bei der Besichtigung der Produktion merkt man genau das: Grgur und sein Team haben die Produktionsschritte voll im Griff. Viel Zeit fliesst darin, jeden einzelnen Schritt zu optimieren, damit die Kräuter bestmöglich wachsen, rechtzeitig geschnitten und dann schnell ausgeliefert werden. Während andere Start-ups den grossen Hebel in der Vision und Mission gesehen haben, sieht Grgur Vertical Farming vor allem auch als Prozessoptimierung. Und das scheint er im Griff zu haben.

Ich will erst in anderen Ländern anfangen, wenn der Schweizer Markt profitabel läuft.

Arsenije Grgur

Das Herzstück von GreenState ist aber nicht der Pflanzentrog, sondern der Code. In Serbien arbeitet ein 60-köpfiges Team von Ingenieuren an der hauseigenen Software. Über ein komplexes System aus Kameras und Sensoren wird jede Pflanze überwacht. «Die Software nutzt uns, um bessere Erträge zu erwirtschaften», so Grgur. Wenn eine Kamera beispielsweise lila oder gelbe Blätter am Basilikum erkennt, reagiert das System automatisch. Dennoch ist es Grgur wichtig, zwischen einfacher Automatisierung und generativer KI zu unterscheiden – am Ende geht es darum, ein lebendiges Produkt optimal zu begleiten.

Obwohl Anfragen aus Saudi-Arabien, Dubai oder Katar vorliegen, bleibt der Fokus klar auf der Schweiz. «Ich will erst in anderen Ländern anfangen, wenn der Schweizer Markt profitabel läuft», betont er. GreenState setzt dabei bewusst auf eine eigene Marke statt auf reine White-Label-Produktion. Der Grund: Emotionale Kundenbindung und ein Premiumpreis. Ab September möchte Grgur jedoch die Preise so weit reduzieren, dass sie mit Importware konkurrieren können, um Schweizer Kräuter für die breite Masse zugänglich zu machen.

Für die Zukunft stehen die Zeichen auf Expansion. Die Produktionsziele sind ambitioniert: Von aktuell rund 25 Tonnen pro Jahr soll die Kapazität bis 2027 auf 160 Tonnen steigen. Für Arsenije Grgur ist GreenState mehr als nur ein Business – es ist die Antwort auf globale Herausforderungen wie unterbrochene Lieferketten und steigende Energiepreise. Wer das Unternehmen heute in Niederhasli besucht, sieht ein Team, das bereit ist, den «heiligen Gral des Vertical Farming» zu finden: nachhaltige Profitabilität durch Technologie.

Foto: Mara Truog

Forbes Editors

Up to Date

Mit dem FORBES-NEWSLETTER bekommen Sie regelmässig die spannendsten Artikel sowie Eventankündigungen direkt in Ihr E-mail-Postfach geliefert.