halsband trifft hightech

Die Mission von Michael Hurnaus und seinem Unter­nehmen Tractive hat sich seit der Gründung vor über zehn Jahren kaum verändert: das Leben von Haustieren zu verbessern und das ihrer Besitzer zu erleichtern. Beginnend mit einem GPS-Tracker hat sich das Unter­nehmen seither stark auf Gesundheitsmonitoring verlagert – und verfügt nun über eine der weltweit grössten Sammlungen von Tiergesundheitsdaten.

Es ist auf den ersten Blick unscheinbar – doch in dem kleinen Gerät, das auf dem Halsband von ­Haustieren ­angebracht wird und das etwa so gross ist wie ein Feuerzeug, steckt modernste Technik: Live-GPS-­Ortung kombiniert mit Health-Tracking. Hinter dem kleinen Gadget steckt eine grosse Mission, die Mission von ­Tractive: mehr Sicherheit für Haustiere durch zuverlässige Ortung, ein virtuelles Zaunsystem und ein Frühwarnsystem ­basierend auf aufgezeichneten Gesundheitsdaten, ­welche durch eine Smartphone-App eingestellt und abgerufen werden können. Dieses System macht Tierbesitzer seit letztem Jahr mit KI-­basierten Analysen und Alerts auf potenzielle Probleme aufmerksam, oft schon bevor Besitzer Auffälligkeiten selbst bemerken.

„Wir geben Hunden und Katzen eine Stimme, wenn es ihnen nicht gut geht“, sagt Tractives Gründer und CEO Michael Hurnaus. Das Unternehmen ist heute nicht nur Weltmarktführer im GPS-Tracking für Haustiere, sondern sammelt laut eigenen Angaben auch eine der weltweit grössten Mengen an Tiergesundheitsdaten. Dank eines Abomodells mit geringer Abwanderungsrate, hoher Produktqualität sowie der Kombination aus verlässlicher Hardware und leistungsstarker Software zählt das Unternehmen mittlerweile mehr als 1,7 Millionen zahlende Kunden weltweit und plant für dieses Jahr einen Umsatz von über 200 Mio. €.

Michael Hurnaus, der bei Amazon und Microsoft tätig war, erkannte 2012 durch einen beängstigenden Moment eine Marktlücke: Als ein Hund eines Freundes ausbüxte, erlebte er die Sorge, die viele Haustier­besitzer nur zu gut kennen, hautnah mit. „Es war eine sehr emotionale Geschichte – das ist, wie wenn man sein Kind im Einkaufszentrum verliert“, erinnert sich Hurnaus. Damals gab es noch kein Gerät, das Besitzern diesbezüglich Seelenfrieden verschaffen konnte – für den Softwareentwickler war die Lösung ein No-Brainer, das Marktpotenzial offensichtlich. Mit Hauptsitz in Pasching und über 280 Mitarbeitenden ist Tractive heute in den Schlüsselmärkten Europa und Nordamerika erfolgreich etabliert, während im Bereich der Produktbekanntheit noch erhebliches Potenzial besteht.

Ich hoffe, dass Tracker für Haustiere so selbstverständlich werden wie Gurt oder Helm für den Menschen.

Michael Hurnaus

Die Kernfunktion des Trackers liegt in seiner Konnektivität: Er unterstützt in jedem Land zahlreiche Mobilfunknetze und kann bei Bedarf auf verschiedene Anbieter ausweichen. Dies sei besonders wichtig, so Hurnaus, weil Haustiere nicht selten an Orten mit schlechter Netzabdeckung weglaufen. Der wasserdichte Tracker mit langer Akkulaufzeit und globaler Verbindung wird auf der eigenen Homepage von Nutzern als „Lebens­retter“ für Haustierbesitzer bezeichnet. Gleichzeitig funktioniert das Gerät laut Usern nicht immer fehlerfrei – in Gebieten ohne Mobilfunkempfang sei keine Ortung möglich, und Grösse sowie Gewicht können für sehr kleine Hunde und Katzen nachteilig sein, berichtet Stern.de.

Die Stärke von Tractive liege primär in der Software – „technisch gesehen ist das Gerät wie ein Smartphone ohne Display“, so der Gründer. „Für uns ist die Hardware nur das Vehikel, um die Daten des Tiers zu sammeln.“ Gesammelt werden neben dem Live-Standort Daten zu Aktivität, Schlafmustern und -unterbrechungen, zum Kratz- und Bellverhalten sowie – als besonderes Unterscheidungsmerkmal – Puls- und Atemfrequenz. Gesundheitsmonitoring und die Erstellung rasse­spezifischer Referenzdaten sind Tractives Spezialgebiet: „Es weiss keiner auf der Welt so gut wie wir, was ein ­normaler Ruhepuls für einen drei Jahre alten männ­lichen Beagle ist“, sagt Hurnaus selbstbewusst. Er betont aber, der Tracker sei keinesfalls ein Medizinprodukt: „Wir versuchen, das Symptom zu erkennen, und nicht,
zu diagnostizieren.“ Diese einzigartigen, ­anonymisierten und auf das Tier zugeschnittenen Daten sollen in weiterer Folge etwa Tierärzten dabei helfen, Verhaltens­änderungen und Aktivitätsniveaus ins Verhältnis zu ­setzen: Es gibt eine Integration, die es Tier­medizinern ermöglicht – nach expliziter Freigabe durch den Nutzer –, die Tracker-Daten einzusehen.

Künstliche Intelligenz spielt laut Hurnaus eine entscheidende Rolle im Kundenservice sowie bei der Analyse von Terabytes an Daten, um veränderte Bewegungsmuster bei Hunden zu erkennen. Einige KI-Modelle arbeiten sogar direkt auf dem Gerät, um Aktivitäten wie Kratzen oder Schlafen zu identifizieren. Hurnaus betont, dass Tractive einen Wettbewerbsvorteil durch die notwendige Hardware zur Datenerfassung hat – dies erschwere es externen Anbietern, das Geschäftsmodell allein durch Software zu imitieren.

Ökonomisch folgt das Unternehmen der Logik von Netflix oder Spotify: Hardware plus Abo. Der Tracker kostet einmalig je nach Modell zwischen 49 und 99 €. Die Produktion erfolgt mit Partnern in Asien und – als grösstem Standort – Litauen, wobei das Ziel darin besteht, mehr Produktion nach Europa zu verlagern, um geopolitische und zollbedingte Risiken zu mindern.

Hinzu kommt eine monatliche Gebühr von 5 bis 10 €, inklusive integrierter E-SIM, was Mobilfunkkosten abdeckt und eine möglichst verlässliche Verbindung ermöglicht. „Wir verdienen an der Hardware nichts, zahlen dabei sogar drauf. Unsere Marge ist in der Subscription“, so Hurnaus. Trotz öffentlich ­geäusserter Kritik an der Höhe der Preise liege die Churn-Rate (Abwanderungsrate) dennoch unter 2 % pro Monat, bei Hunden sogar bei nur rund 1,5 %. „Besser als Netflix, besser als Spotify“, sagt Hurnaus selbstbewusst. Seit der Einführung der Health-Features habe sich die Kundenbindung zusätzlich erhöht.

Über 90 % des Umsatzes erzielt Tractive über die eigene Website und Amazon, der stationäre Handel spielt kaum eine Rolle – „unser Produkt ist für den ­Onlinevertrieb gemacht“, so der CEO. Dies stelle aber auch eine Herausforderung dar, denn Länder mit ­geringer Amazon-Anbindung seien für den Anbieter somit deutlich schwerer zu erreichen.

Die USA seien das grösste Land in Bezug auf die Kundenzahl, gefolgt von Deutschland und Gross­britannien. Im Marketing setzt das Unternehmen fast ausschliesslich auf messbare Performance-Kanäle: Meta sei der grösste Hebel, ergänzt durch Tiktok, Google, Amazon Ads und selektiv TV. Zudem kooperiert das Unternehmen mit Martin Rütter, einem der bekanntesten Hundetrainer Deutschlands; weitere strategische Partnerschaften bestehen mit Tierversicherungen und Premium-Futterherstellern sowie Tierschutzorganisationen wie Tasso in Deutschland.

Trotz 1,7 Millionen Kunden sieht Hurnaus sein Unternehmen erst am Anfang. Allein in Europa und Nordamerika leben über 400 Millionen registrierte Hunde und Katzen – „viele Leute wissen noch nicht, dass es diese Produktkategorie gibt“. Der Tracker, so Hurnaus, soll zum Standard werden: „Ich hoffe, dass Tracker für Haustiere so selbstverständlich werden wie Gurt oder Helm für den Menschen.“

Tractive konzentriert sich weiterhin gezielt auf Hunde und Katzen, um die Position als Marktführer in der Branche zu behalten. Das Unternehmen plant zudem den Ausbau der Gesundheitsfunktionen, die Expansion nach Südamerika und Asien sowie den weiteren Aufbau eines globalen Datennetzwerks für Tier­gesundheit, ohne dabei Kundenfeedback aus den Augen zu verlieren.

Die Mission von Tractive hat sich seit der Gründung vor 14 Jahren nicht wesentlich verändert: Besitzern ein sorgloses Leben zu ermöglichen – in dem deren ­Vierbeiner nicht nur sicherer, sondern auch gesünder leben können.

Text: Klara Csongrady
Fotos: Tractive

Forbes Editors

Up to Date

Mit dem FORBES-NEWSLETTER bekommen Sie regelmässig die spannendsten Artikel sowie Eventankündigungen direkt in Ihr E-mail-Postfach geliefert.