Mit dem FORBES-NEWSLETTER bekommen Sie regelmässig die spannendsten Artikel sowie Eventankündigungen direkt in Ihr E-mail-Postfach geliefert.
Die «Olé Olé Bar» ist eine Institution im Zürcher Nachtleben. Vom Barsterben ist hier wenig zu sehen, denn die Bar hat täglich bis vier Uhr morgens geöffnet – und ist quasi immer voll. Wie geht das?
Es ist früher Nachmittag an einem Freitag, und die «Olé Olé Bar» erholt sich gefühlt noch vom Vorabend: Alles ist ruhig, als wir gemeinsam mit Barchefin Elena Nierlich eintreten. Sie schaltet das Licht ein, geht wie selbstverständlich hinter den Tresen und fragt, ob wir etwas trinken wollen. «Kaffee? Wasser? Gin Tonic?», sagt Nierlich mit einem Grinsen.
Wir entscheiden uns für Wasser und setzen uns für das Gespräch mit Nierlich an einen der Tische in der Bar. 44 Quadratmeter umfasst die Gästefläche der Bar, knapp 100 Leute passen in Vollbesetzung hier rein. Auf dem Holz der Wände hängen allerlei Gegenstände – Schilder, Bilder, Masken, Fächer. «Manche Dinge müssen wir nachkaufen, weil Gäste sie abschrauben und mitnehmen», erzählt Nierlich. Dabei gibt es Gegenstände, die wichtiger sind als andere: Ein Requisit, das Gustav Klimts «Kuss» zeigt, sei fest angeleimt, sagt sie. Die Jukebox im Eck umfasst 2.000 Titel, Nierlich selbst kümmert sich um die Kuratierung: «Wir haben ein bisschen was von allem.»
Wir haben hier Taxifahrer; Menschen, die in Hollywood Filme drehen; auch Bundesräte waren schon bei uns.
Elena Nierlich
Nierlich ist mit Geschäftspartnerin Sonja Huwiler hier seit zwölf Jahren am Werk; gemeinsam mit Ramona Bolzli (die mittlerweile ausgeschieden ist) übernahmen sie von vier Geschwistern rund um Rita Guyer und Walter Fischer, die die Bar 1966 eröffnet hatten. Als diese aus gesundheitlichen Gründen nicht nur die Bar schliessen mussten, sondern auch das zugehörige Haus verkauften, liessen sie sich vom neuen Eigentümer des Objekts, der Caretta Holding AG, zusichern, dass die Bar bestehen bleiben würde. Die «Olé Olé Bar» ist täglich von 17 Uhr bis vier Uhr morgens geöffnet – nur an Pfingsten wird geschlossen. «Da machen wir unser Weihnachtsessen mit dem Team», sagt Nierlich. Doch an den restlichen 363 Tagen im Jahr ist hier was los – und meistens ist die Hütte voll.
Die Kundschaft ist ein bunter Mix aus Jung und Alt, verschiedenen Berufsgruppen und Lebensgeschichten. «Wir haben jede Branche, jedes Alter, jedes Geschlecht – auch die dazwischen. Wir haben hier Taxifahrer, Menschen, die in Hollywood Filme drehen; auch Bundesräte waren schon bei uns.» Vor allem ist die Bar ein Anlaufpunkt für jene, die in der Nacht arbeiten und danach noch einen Abschluss ihres Tages suchen. «Die haben ja auch Feierabend, nur eben etwas später», sagt Nierlich. Doch wie schafft es die Bar, in Zeiten des oft diskutierten Bar- und Clubsterbens zu reüssieren?
Ökonomisch ist eine Bar laut Nierlich wahrscheinlich das lukrativste Format in der Gastronomie – wenn sie gut läuft, natürlich. Gute Abende bringen in der «Olé Olé Bar» schon mal fünfstellige Umsätze, den von uns daraus kolportierten Jahresumsatz von etwa drei Mio. CHF pro Jahr kommentiert Nierlich aber nicht.
Das Team umfasst 25 Mitarbeiter, manche fix angestellt, manche auf Stundenbasis. Eine Person ist mindestens vor Ort, in Vollbesetzung arbeiten acht Personen in der Bar – inklusive Türsteher und Runner. «Das ist der Peak, wir bauen dann aber auch wieder ab», so Nierlich. Laut ihr müssen die Mitarbeiter ein paar Fähigkeiten mitbringen, um zu reüssieren: «Kopfrechnen, mit Menschen interagieren und diese lesen können – und natürlich Freude am Job haben.»
Doch das steigende Gesundheitsbewusstsein, gepaart mit höheren Lebenshaltungskosten, führt dazu, dass viele Menschen öfter auf Alkohol verzichten – oder gar nicht mehr trinken. Laut dem Bundesamt für Statistik ging der Anteil der Menschen über 15 Jahren, die täglich trinken, in den letzten 30 Jahren von 20 % auf 9 % zurück. Eine nationale Umfrage der Zürcher Bar- und Club-Kommission zeigt ausserdem, dass der durchschnittliche Umsatz in Clubs und Bars von 2018 bis 2023 um rund ein Drittel gefallen ist – von 45 CHF auf 30 CHF pro Kopf und Abend.
Gleich um die Ecke der «Olé Olé Bar» schloss kürzlich der legendäre Nachtclub «Zukunft» nach 20 Jahren, auch das «Mascotte» machte seine Pforten zu. Doch Nierlich beeindruckt all das kaum: «Wir merken davon nichts.» Klar sei die Klientel in der «Olé Olé Bar» im Schnitt etwas älter. Das sei aber nicht verwunderlich: «Ich bin mit 20 Jahren auch nicht in Läden gegangen, die von 50-Jährigen betrieben wurden. Die Jungen haben aber genauso ihre Spots.»
Und tatsächlich zeigen auch die Zahlen, dass etwa 31 % der jungen Männer (15 bis 24 Jahre) mindestens einmal im Monat rauschtrinken – und der Anteil der Menschen, die Alkohol konsumieren (83 %), zwischen 1992 und 2022 stabil geblieben ist.
Eine Erklärung für den ungebrochenen Erfolg der «Olé Olé Bar» könnte die Kombination sein: Ein legendäres Image trifft eine absolute Traumlage – die aber auch ihren Preis habe, so Nierlich: «Der ist relativ hoch. Wir sagen immer, die Langstrasse ist die Bahnhofstrasse der Bars, und wir liegen mitten am Paradeplatz. Dementsprechend ist das auch preislich – die Mieten für Gastronomie sind hier etwa höher als im Kreis 1 (Zürcher Innenstadt, Anm.).» Und: Die Öffnungszeiten führen dazu, dass ganz unterschiedliche Zielgruppen angesprochen werden. Vom Aperitif bis zur letzten Runde ist hier alles möglich.
Nierlich verbrachte quasi ihre ganze Karriere in der Nachtgastronomie; in unterschiedlichsten Jobs. Bevor die «Olé Olé Bar» startete, war sie Clubleiterin im «Plaza» – «ich wollte immer einen Club haben, hatte mir das aber anders vorgestellt. Man hat nicht so viel Flexibilität, daher habe ich meine Anteile verkauft.» Sie sei im Anschluss ein Jahr herumgetingelt und habe dann ihre Geschäftspartnerin getroffen. «Wir haben ein paar Pop-ups gemacht und gemerkt, es gefällt uns.» Ein Bekannter habe sie dann angerufen und gemeint, das Haus der «Olé Olé Bar» sei verkauft worden. Er wüsste, an wen, und sie solle sich beim neuen Besitzer melden. Es klappte – gemeinsam mit Ramona Bolzli bekamen Elena Nierlich und Sonja Huwiler den Zuschlag. Bolzli ist mittlerweile ausgestiegen, da sie aus der Schweiz ausgewandert ist.
Mit und rund um die Bar haben Nierlich und Huwiler sich heute ein kleines Gastronomie-Imperium aufgebaut. «Wir sagen auch immer: Das hier ist das Mothership. Es ist schwierig, etwas an einer attraktiven Lage zu bekommen, wenn man noch nichts hat. Da hat uns die Bar immer geholfen», so Nierlich.
Mit Partnern führen die beiden heute auch die «Cha Cha Cha»-Bar im Zürcher Niederdorf und die Restodisco «Charlatan», die halb Restaurant und halb Disco ist. Die «Cha Cha Cha»-Bar hat ebenfalls grosszügige Öffnungszeiten, fokussiert aber stärker auf Cocktails. Nierlich und Huwiler sind dort auch weniger stark ins Tagesgeschäft involviert. Die «Charlatan» laufe hingegen sehr gut, aufgrund eines Teilabrisses des Hauses ist die Location aber bis 2027 limitiert. «Wenn wir eine Fläche finden, die sich dafür eignet, werden wir das Format weiterführen», so die Gastronomin.
Die meiste Energie fliesst aktuell aber in das «jüngste Kind», so Nierlich: Gemeint ist der hauseigene Likör «Olé Olé Liq», den Nierlich und Huwiler entwickelt haben. 18 % Alkohol hat dieser, und das auch aus unternehmerischen Gründen: Shots haben die höchste Marge in der Bar, warum also nicht gleich den eigenen ausschenken? «Am meisten werden bei uns Bier, Gin Tonic und Shots bestellt. Deshalb haben wir einen eigenen Shot gemacht», sagt Nierlich.
Der Likör soll aber nicht nur in der eigenen Bar angeboten werden: «Wir wollen auch in den Handel und in andere Restaurants. Es wäre toll, wenn das hier durch die Decke ginge.» Mit Supermärkten sei man gerade im Gespräch, doch eine neue Marke zu etablieren brauche Zeit. Nierlich: «Ich habe mir sagen lassen, dass das zehn Jahre braucht.» Doch selbst wenn das Ganze nicht durch die Decke gehen sollte, wird der Likör kein Verlustgeschäft: «Wir müssen 10.000 Liter abfüllen. Falls wir die wirklich nur hier verkaufen, brauchen wir dann eben drei Jahre.»
Neben den bestehenden Formaten halte sie aber stets die Augen offen: «Wenn jemand kommt und etwas Spannendes anbietet, sagen wir sicher nicht Nein.» Sie selbst fände etwa auch eine Pizzeria spannend. «Ich mag Pizza!», so Nierlich.
Und wann muss man die Bar unfreiwillig verlassen? «Wir haben immer gesagt: Jeder ist willkommen – ausser unhöfliche Leute oder solche, die nicht mehr selbstständig die Treppe hinaufkommen, weil sie einfach schon zu viel getrunken haben. Dann müssen sie jetzt hier auch nicht mehr rein. Aber das geschieht mehr ihnen zuliebe: Wir müssen schliesslich auch nicht jeden Rappen mitnehmen und die Zitrone bis zum letzten Tropfen auspressen.»
Fotos: Lukas Lienhard