Europas KI-Unabhängigkeit

Erst im Oktober gründete Alexander Zehetmaier gemeinsam mit Jonas Vander Xinity, ein Start-up, mit dessen Hilfe Unternehmen KI-Systeme auf eigenen Servern betreiben können. Das sei nicht nur billiger als KI-Angebote von Open AI, Google und den anderen grossen Playern im Feld – es hilft Unternehmen auch, die Kontrolle über ihre Daten zu sichern.

Es ist Start-up-Kultur vom Feinsten: In einem Co-­Working-Space, der offen und sehr bunt eingerichtet ist, arbeiten rund ein Dutzend Menschen – die meisten von ihnen mit Kopfhörern auf den Ohren –, als wir den Raum betreten und nach Alexander Zehetmaier Ausschau halten. Er findet uns schnell, stellt sich freundlich und etwas nervös vor und führt uns in sein Büro. Xinity, sein junges Start-up, sei in einem eigenen Raum eingemietet, hatte er uns seine Arbeitsumgebung ein paar Tage zuvor am Telefon beschrieben. Den Raum, stellt sich schnell heraus, teilt er sich neben seinem Mitgründer und seiner Angestellten mit drei weiteren Personen, die alle nicht Teil seines Teams sind. Aber das ist alles kein Problem: Schnell ist eine Ecke freigeräumt, in der wir das Interview führen können.

Zusammen mit seinem einstigen Studienkollegen ­Jonas Vander beriet Zehetmaier jahrelang als Free­lancer Unternehmen, vor allem Start-ups, in Sachen künstliche Intelligenz. Im Oktober wurden die beiden selbst zu Gründern, als sie Xinity ins Leben riefen: Das Start-up stellt Software und Hardware für Unternehmen zur Verfügung, die – aus Kostengründen oder Datenschutzbedenken – ihre KI-Anwendungen nicht auf der Infrastruktur von grossen und meist US-amerikanischen Playern wie Open AI (dem Macher von Chat GPT) oder Google (Gemini) laufen lassen wollen.

Xinity steckt in den Kinderschuhen: Zehetmaier (CEO) und Vander (CTO) haben bis jetzt nur eine Teilzeit-Angestellte, die ihnen beim Marketing hilft. Doch das Team hat schon erste zahlende Kunden, darunter Paiperone (Legaltech, das von Zehetmaiers Schwester gegründet wurde), Meindienstplan (Software, um Dienstpläne zu erstellen; Zehetmaier berät das Unternehmen als Head of AI) und Xinitys grösster Kunde, ein österreichisches Unternehmen mit rund 150 Mitarbeitern.

Wir haben gemerkt, dass sehr viele Unternehmen ähnliche Probleme bei der Entwicklung von KI-Systemen haben.

Alexander Zehetmaier

Wie möchte Zehetmaier Europas Unternehmen dabei unterstützen, von den Tech-Giganten in den USA unabhängig zu werden? Sein Claim auf Linkedin lautet nämlich „Building Europe’s compute independence, one company at a time“. Und wieso denkt er, dass jetzt genau der richtige Zeitpunkt ist, um das zu tun?

„Ich habe auf der HTL Mödling Elektrotechnik studiert und habe durch ein Projekt, für das wir einen Roboter gebaut haben, realisiert, dass das ganze ‚Intelligente‘ eines Roboters in der Software steckt. Ab da war für mich klar: Ich will künstliche Intelligenz studieren“, erzählt Zehetmaier. Der Niederösterreicher ging in die Niederlande, wo er an der Radboud University genau das studierte – und seinen heutigen Mitgründer kennenlernte. Nach dem Studium startete er gemeinsam mit seiner Schwester ­Carina Taxtastic, das laut ihm rund 1,4 Mio. € an Förder­geldern einsammeln konnte. Die Idee war, dass eine KI die Rechnungen der Nutzer analysieren und zum Beispiel die Steuerkategorie der Ausgaben erkennen könnte; oder melden, welche von ihnen steuerlich absetzbar sind. Das Produkt konnten die Geschwister aber nicht gut ver­kaufen, weshalb sie Taxtastic nach rund drei ­Jahren wieder einstellen mussten. Daraufhin machten sich Zehet­maier und Vander, der auch bei diesem Projekt mit an Bord gewesen war, als KI-Berater selbstständig.

„Wir haben in unserer Consulting-Arbeit gemerkt, dass sehr viele Unternehmen ähnliche Probleme bei der Entwicklung von KI-Systemen haben. Und dann haben wir gesagt: Bringen wir doch ein Produkt raus, das diese Probleme löst! Das ist Xinity“, so Zehetmaier über den Gründungsgedanken. Viele Start-ups bauen ihre Anwendungen auf Basis der KI-Modelle von Open AI und Co auf – doch das sei oft teuer, besonders wenn viele Kunden die Angebote verwenden, sagt er. Für andere Unternehmen steht die Datensicherheit im Vordergrund. Zehetmaier erklärt: „Deren Daten dürfen die eigenen Server nicht verlassen. Da geht es darum, dass sie intern Daten an KI-Systeme senden können, ohne dass die Daten die eigenen Serverräume verlassen.“

Xinity nutzt Open-Source-KI-Modelle wie jene von Mistral aus Frankreich oder Deepseek aus China, die es auf den Servern seiner Kunden einrichten kann. Für die Endnutzer verändere sich wenig, sagt Zehetmaier: Anstatt dass die Anfragen an Server in den USA geschickt werden, werden sie auf den Servern der österreichischen Unternehmen bearbeitet. Auch die Server bieten Zehetmaier und sein Team an: Verfügt ein Un­ter­nehmen nicht über die nötigen Rechen­kapazitäten, kann Xinity diese anschaffen und in das bestehende ­System integrieren. Für einen zusätzlichen Server ­verlangt Xinity 199 € im Monat; für mehr Rechenkapazität rund 999 € im Monat, wobei der genaue Preis je nach Konfiguration variiert.

Zusätzlich schafft die Software von Xinity etwas, das in der Fachsprache „Load Balancing“ heisst: Sie erkennt, wenn ein Server ausgelastet ist – etwa weil viele Kunden­anfragen in kurzer Zeit eingehen –, und verteilt die Rechenlast auf mehrere Computer. „Im Prinzip schaffen wir eine Cloud-AI-Experience (ein Vorteil von Cloud-Computing ist, dass viel Rechenleistung zur Verfügung steht; Anm.) auf eigenen On-Premise-Computern“, also Rechnern, die sich in den Räumlichkeiten des Unternehmens befinden, die es nutzt, so Zehetmaier.

Das Geschäftsmodell sei in dieser Form erst seit ­Kurzem möglich, sagt er. Seit Oktober verkauft der Chiphersteller Nvidia seinen „AI-Supercomputer“ „DGX Spark“ für etwa 4.000 € (der genaue Preis hängt von den Spezifikationen und dem Reseller ab) – ein niedriger Preis für die Rechenkapazität, die dahintersteckt. „Durch diese Supercomputer sind Rechenressourcen massiv günstiger geworden. Für eine ähnliche Rechenleistung hat man vor ein paar ­Monaten noch gut 30.000 € gezahlt“, erklärt der Xinity-Gründer nicht ohne Begeisterung.

Zehetmaier und Vander starteten Xinity gemeinsam mit den Business Angels Klaudius Kalcher und Roland Boubela, die beide in der österreichischen KI-Landschaft gut vernetzt sind. Beide investierten früh in ­Magic, ein KI-Start-up zweier Wiener (einer von ­ihnen, Sebastian de Ro, steht gemeinsam mit Zehetmaier auf der Under 30-Liste 2025, siehe Seite 34) mit Sitz in San Francisco, das im Sommer 2024 eine Finanzierungsrunde in Höhe von mehr als 200 Mio. US-$ (169,7 Mio. €) zu einer Bewertung von 1,5 Mrd. US-$ abgeschlossen hat. Kalcher ist ausserdem Mitgründer und Chief Data Officer, Boubela Mitgründer und CTO von Mostly AI, einem weiteren Wiener Unternehmen in dem Feld. „Das hat als eine Freundschaft begonnen“, sagt Zehetmaier über die Beziehung mit den beiden. Er und sein Mitgründer haben Kalcher und Boubela ihre Idee gepitcht: „‚Habt ihr dieselben Probleme? Könnte das nicht eine Lösung sein?‘, haben wir sie gefragt. Eigentlich wollten wir nur ihren Input – aber sie waren so interessiert, dass sie investiert haben.“ Die Angel Investors halten je 3 % an Xinity. Die Investmentsumme kann Zehetmaier nicht preisgeben, es dürfte sich aber um weniger als 1,5 Mio. € handeln.

Abgesehen von dem Investment möchten Zehetmaier und Vander Xinity grösstenteils bootstrappen. Sie seien gerade dabei, Förderungen zu beantragen, erzählt er, und haben auch Geld aus der Beratungsarbeit übrig, die sie nach wie vor verfolgen – allerdings mit der Bedingung, dass Kunden mit ihren Rechenressourcen und ihrer Software arbeiten. Der Fokus liege darin, die bestehenden Kunden zu betreuen und langsam neue zu akquirieren. Zehetmaier: „Wir schauen, dass wir Kunden bekommen und unseren Monthly Recurring Revenue so weit wie möglich ausreizen. Und dann können wir immer noch überlegen: Wollen wir langsam und stetig (und gebootstrappt; Anm.) ­wachsen? Oder wollen wir die Weltherrschaft und holen uns VC-Geld?“

Fotos: David Višnjić

Erik Fleischmann,
Redakteur

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