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Als Wissenschaftsdirektor der Nasa war der Schweiz-Amerikaner Thomas Zurbuchen einst der wohl einflussreichste Wissenschaftler der Welt. Seit fast drei Jahren leitet Zurbuchen als Professor das Space-Programm an der ETH Zürich. Dort nutzt er seine Erfahrung, um die nächste Generation an Weltraumforschern auszubilden – und die grossen Fragen der Menschheit zu beantworten; etwa: Sind wir allein im Universum? Europas Rolle im Rennen um den Weltraum gibt dem Spitzenforscher aber zu denken.
Es ist ruhig an der ETH Zürich, konkret: am Department of Earth and Planetary Sciences. Einige Besucher sehen sich die Ausstellung «focusterra» an, die sich auf die Erklärung der Hintergründe komplexer Vorgänge in und auf unserem Planeten fokussiert. Genau hier hat auch Thomas Zurbuchen sein Büro, der an diesem Sonntag Zeit für das Interview mit Forbes gefunden hat. «Unter der Woche hätte ich diese Zeit nicht gehabt», sagt Zurbuchen.
Es ist kein grosses Wunder, dass Zurbuchen gefragt ist. Von 2016 bis 2022 war der Astrophysiker Wissenschaftsdirektor der US-Weltraumagentur Nasa – und damit der vielleicht einflussreichste Wissenschaftler der Welt. In Zurbuchens Zeit fiel die Fertigstellung des James-Webb-Teleskops, das in seiner Entwicklung insgesamt rund 10 Mrd. US-$ (7,93 Mrd. CHF) kostete; auch die Mars-Rover-Missionen Perseverance and Ingenuity leitete er – wie insgesamt 130 Missionen in seiner Zeit an der Spitze der US-Agentur. 2022 entschied sich Zurbuchen, die Nasa zu verlassen; eine Entscheidung, die er bis heute als richtig bezeichnet. Nach etwas Bedenkpause, die Zurbuchen auf Skiern in Utah verbrachte, entschied er sich, in seine Heimat zurückzukehren – der Wissenschaftler wurde im Berner Oberland geboren, ist heute aber schweizerisch-amerikanischer Doppelbürger. «Ich hatte meine ganze Ausbildung in der Schweiz genossen, verliess das Land aber zwei Wochen nach meinem Doktortitel. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich der Schweiz etwas schulde», sagt Zurbuchen im Gespräch.
Er hatte nach der Verkündung seines Abschieds zahlreiche Angebote, doch die Entscheidung, in die Schweiz zu gehen und die Leitung von ETH Zurich Space zu übernehmen, hatte nicht nur sentimentale Gründe. Die ETH gilt heute als eine der besten technischen Hochschulen der Welt und will auch ein Wörtchen im globalen Rennen um den Weltraum mitreden. Zurbuchen zeigt sich durchaus beeindruckt: «Die Universität ist unglaublich positiv und schnell. Die Art und Weise, wie unsere Programme gebaut worden sind, ist schneller und oft besser, als ich es bisher an einer Universität erlebt habe – auch in den USA.»
Doch Zurbuchen zeigt sich durchaus auch besorgt – weniger über die ETH, sondern über die Rolle Europas in der globalen Raumfahrt: «Ich bin vor zweieinhalb Jahren nach Europa zurückgekommen. Meine Meinung ist: Wir liegen weiter zurück als damals. Europa holt also nicht auf, sondern fällt noch mehr zurück.» Die Ursachen dafür sind mannigfaltig, wie Zurbuchen im Gespräch ausführt. In jedem Fall ist das aber ein desaströses Zwischenergebnis. Denn obwohl die Schlagzeilen zwar aktuell verstärkt irdischen Themen gelten, etwa kriegerischen Auseinandersetzungen, ist der Weltraum laut Zurbuchen relevanter denn je. «Tatsache ist, dass viel mehr Länder in den Weltraum wollen oder auch im Weltraum sind und viele Länder unglaubliche Fortschritte machen, zum Beispiel Indien oder Japan. Aber der grosse Wettbewerb findet heute zwischen China und den USA statt», so der Wissenschaftler.
Den Kopf in den Sand stecken will Zurbuchen deshalb nicht – vor allem will er seine Kritik auch nicht als «Europa-Bashing» verstanden wissen. «Wir stellen uns aktuell grosse Fragen: Was ist das nächste James-Webb-Teleskop? Finden wir biologisches oder gar intelligentes Leben im Universum? Diese Lösungen benötigen echte Zusammenarbeit.» All das sei nur mit einem starken Europa möglich, so Zurbuchen.
Meine Meinung ist: Europa liegt weiter zurück als bei meinem Antritt. Europa holt also nicht auf, sondern fällt noch mehr zurück.
Thomas Zurbuchen
Die Space Economy bietet enorme Chancen – auch und vor allem für wirtschaftliche Akteure. Laut Schätzungen des Beratungshauses McKinsey könnte der Markt bis 2035 auf 1,85 Bio. US-$ anwachsen. Das würde ein jährliches Wachstum von 9 % bedeuten – deutlich über dem prognostizierten Schnitt des globalen Wirtschaftswachstums für die nächsten Jahre. Die Dynamik ist auch von einem Phänomen getrieben, das als «New Space» bezeichnet wird – und das Zurbuchen in seiner Zeit als Nasa-Direktor massiv angetrieben hat. Darunter versteht man die zunehmende Kommerzialisierung von Weltraumaktivitäten. Während die Investitionen in die Erschliessung des Weltraums in Zeiten von «Old Space» nahezu ausschliesslich von öffentlichen Stellen – etwa der Nasa, der sowjetischen Roskosmos oder später auch der europäischen Weltraumagentur ESA – getragen wurden, spielen heute private Akteure eine tragende Rolle.
Neben dem dominanten Akteur, Elon Musks Space X, mischen auch das von Jeff Bezos gegründete Blue Origin, das US-Unternehmen Rocket Lab, das Münchner Unternehmen Isar Aerospace (die Gründer schafften es 2018 auf die Forbes Under 30-Liste) sowie auch etablierte Player wie Boeing, Lockheed Martin oder Airbus mit. Der Wettbewerb sowie die massiven Investitionen führen zu stark fallenden Kosten in der Entwicklung und Produktion von Raketen und Satelliten, was wiederum die Eintrittsschwelle deutlich niedriger gestaltet.
Zurbuchen gibt ein Beispiel: Kostete ein Satellit in der Entwicklung früher 20 Mio. US-$, ist das heute oft für weniger als 2 Mio. US-$ möglich. «Kleine Forschungssatelliten zu bauen bedeutet, dass der Himmel plötzlich offen ist für kleinere Projekte.» All das führt aber auch dazu, dass Länder, in denen ein Schulterschluss zwischen der Regierung, privaten Akteuren und der bestehenden Industrie passiert, deutlich schneller in der Entwicklung sind. Europa habe hingegen einige strukturelle Probleme, so Zurbuchen. Allen voran sieht der Forscher die fehlende Offenheit und Durchlässigkeit als Herausforderung: Zurbuchen kritisiert, dass grosse europäische Länder ihre Märkte oft stärker abschotten als die USA. Dies hindert hochinnovative Firmen aus kleineren Ländern (namentlich nennt Zurbuchen etwa Finnland, Belgien oder die Schweiz) daran, zu wachsen, da sie keinen fairen Zugang zum gesamten europäischen Markt haben. Verschärft wird das durch das Geo-Return-Prinzip: Es besagt, dass Staaten ihre Finanzierungsbeiträge grossteils und meist in Form von Industrieaufträgen wieder zurückbekommen.
Zurbuchen sagt, dass genau das Europa daran hindere, möglichst viel Geld in die besten Projekte zu investieren – und zwar weitgehend frei von nationalen Interessen: «Wenn die beste Firma etwa in Finnland ist, sollten wir das Geld dort investieren, auch wenn dann grosse Länder vielleicht weniger Geld zurückbekommen.» Dafür gibt es übrigens bereits Beispiele: Für die Trägerrakete Ariane 6 wurde das Geo-Return-Prinzip ausgesetzt, um gegenüber Space X wettbewerbsfähig zu bleiben. Zurbuchen: «Wie kann Europa auf dem Mond landen? Wie kann Europa Beobachtungs-Raumstationen bauen und benutzen? Das sind die Fragen, die wir lösen sollten und die wir auch lösen können.»
Doch nicht alles, was die New-Space-Bewegung mit sich bringt, sieht Zurbuchen als sinnvoll an – kommerziellen Weltraumtourismus etwa. Zwar geht er davon aus, dass die aktuell noch sehr hohen Kosten sinken werden, aber Zurbuchen betont, dass es auch einen gesellschaftlichen Nutzen brauche: «Für mich ist Tourismus alleine einfach nur Tourismus. Mir ist wichtig, dass es auch einen Zweck dahinter gibt.» Doch Zurbuchen, der sich seit Jahrzehnten mit dem Weltraum beschäftigt, verspürt auch einen gewissen Reiz: «Wenn ich billig in den Weltraum gehen könnte, würde ich das auch tun. Früher brauchte es 15 Jahre Training, damit man in den Weltraum gehen kann. Wenn ich das plötzlich mit drei Monaten Training schaffen könnte, würde ich das machen.»
Sein Karriereweg war bei einem Blick in Thomas Zurbuchens Kindheit nicht unbedingt abzusehen. Er wurde 1968 in Heiligenschwendi geboren, einem kleinen Dorf in den Bergen nahe des Thunersees. Er wuchs als Sohn eines Freikirchenpredigers auf – in einer tief religiösen Umgebung. Weltliche Dinge wie Sport waren verpönt, die Existenz war auf das eigene Dorf und die dort wohnenden Menschen begrenzt. Die Nähe zur Natur half Zurbuchen, geistig auszubrechen – er erkannte schnell, dass dieses Dorf für ihn nicht ausreichte: «Das ist eine sehr starke Erinnerung in meiner Kindheit: diese Ehrfurcht, das Verständnis; und sich der Schönheit der Natur zu öffnen.»
Zurbuchen ging aufs Gymnasium und wollte studieren – als Erster in seiner Familie. Er musste aber mit seiner Familie brechen, um Physik und Mathematik in Bern zu studieren, und promovierte 1996 in experimenteller Astrophysik. Er verliess die Schweiz kurz nach seinem Abschluss und dockte als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der University of Michigan an. 2008 wurde er Associate Professor; sein bleibendes Erbe an der Universität war aber die Gründung des Michigan Center for Entrepreneurship im Jahr 2007. Überhaupt war ihm das Thema Unternehmertum stets wichtig, so Zurbuchen auf Nachfrage – es ziehe sich durch seine Biografie: «Ich habe in meinem Vater unglaublich unternehmerische Ansichten beobachtet; diesen Mut, etwas zu starten und hineinzugehen, ohne zu wissen, was passiert; andere mitzuziehen, ihnen Möglichkeiten und Macht zu geben.» Sein Vater hätte das aber natürlich «nie so gesagt», so Zurbuchen ergänzend.
Und doch ist das unternehmerische Denken tief in ihm verankert. «Für mich ist die Forschung ein Zeichen für die Hoffnung für die Zukunft. Und so sehe ich auch Unternehmertum.» Es ist ein weiteres Problem, das Zurbuchen in Europas Bemühungen identifiziert hat: Es werden zu wenige Firmen gebaut – allgemein und im Speziellen im Space-Bereich. Zurbuchen lobt zwar die Bemühungen der ETH, universitäre Spin-offs zu ermöglichen. Er sagt aber auch: «Ich wünsche mir mehr Dichte. Wir brauchen viel mehr kluge Menschen, die Unternehmen gründen – auch solche, die dann nicht funktionieren.» In diesen Momenten kommt der Wissenschaftler durch: Zurbuchen stellt das Lernen, das Weiterentwickeln des menschlichen Wissens, gefühlt über alles – egal ob nationale Interessen, persönliche Schicksale oder finanzielle Interessen. Das ist wohl auch notwendig, um die vielleicht wichtigste Frage zu beantworten, die Zurbuchen und die Wissenschaft beschäftigt: Gibt es im Universum noch anderes Leben? «Wenn ich Vorträge halte, ist das die Frage, die am häufigsten gestellt wird: Gibt es Aliens?» Zurbuchen erzählt von der «Drake-Gleichung», einer eigens entwickelten Formel, um die Anzahl intelligenter Zivilisationen in unserer Galaxie zu schätzen. Sie bricht die Fragestellung in verschiedene Faktoren herunter, darunter die Entstehungsrate von Sternen, die Anzahl der Planeten, die einen Stern umkreisen, sowie die Wahrscheinlichkeit für die Entstehung von Leben und intelligenter Kommunikation. Laut Zurbuchen hat die Wissenschaft in den letzten 15 Jahren enorme Fortschritte gemacht, die Parameter der Gleichung präzise zu messen.
Meine Hoffnung – und ich glaube, die Hoffnung der meisten Wissenschaftler – ist, dass biologisches Leben vielerorts passiert.
Thomas Zurbuchen
Doch es dauerte: Während man lange annahm, dass nur ein kleiner Bruchteil der Sterne Planeten besitzt, weiss man heute, dass es im Universum mehr Planeten als Sterne gibt. Die aktuelle Forschung konzentriert sich nun verstärkt auf die nächsten Faktoren: die Bestimmung der Wahrscheinlichkeit für biologisches Leben auf diesen Planeten sowie die fundamentale Frage, wie häufig sich daraus fortgeschrittene Intelligenz entwickelt hat. Doch wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit?
«Am Ende bin ich Wissenschaftler und muss sagen: Ich weiss es nicht.» Und doch äussert Zurbuchen eine klare Präferenz: «Meine Hoffnung – und ich glaube, die Hoffnung der meisten Wissenschaftler – ist, dass biologisches Leben vielerorts passiert. Das intelligente Leben ist aber viel seltener. Ich glaube, das erste Leben, das wir finden werden, ist eben nicht intelligentes Leben. Es ist nicht ein Alien mit einem Spaceship, sondern biologisches Leben.» Die Zeit und die Komplexität, damit intelligentes Leben entsteht, illustriert er an einem Beispiel: «Wenn die Erdgeschichte zwölf Stunden auf einer Uhr wären, würde das intelligente Leben nur die letzten paar Sekunden einnehmen. Es hat sehr lange gedauert, dass sich intelligentes Leben entwickelt hat.»
Eine andere Art von Intelligenz ist aktuell auch tief in den Köpfen der Space-Wissenschaftler: künstliche Intelligenz. 100 Stunden habe er in letzter Zeit mit Fragen der künstlichen Intelligenz verbracht, sagt Zurbuchen. Die Möglichkeiten, auch für das eigene Feld, seien gigantisch: Während das Hubble-Teleskop über 30 Jahre lang Daten lieferte, wird das Roman-Teleskop in nur einem Monat die gleiche Datenmenge zur Erde schicken. Der Einsatz von KI sei absolut notwendig, um diese Datenmengen überhaupt verarbeiten zu können. Auch die Möglichkeiten seien viel grösser: Zurbuchen erzählt von einem Schüler, der mithilfe öffentlicher Nasa-Daten und einer selbst programmierten KI neue Planeten entdeckte – mit einer Analyse, die besser war als die vieler professioneller Wissenschaftler. Doch Zurbuchen warnt auch: Er sei damals bei Social Media sehr positiv gewesen, heute sei er nicht mehr sicher: «Ich wäre bei meinen eigenen Kindern heute viel restriktiver, als ich es damals war.» Vorsicht sei auch bei KI geboten.
Als Zurbuchens Wechsel an die ETH Zürich verkündet wurde, stand in der Pressemitteilung: «Seine Ziele möchte Thomas Zurbuchen innerhalb der nächsten drei Jahre erreichen, deshalb ist seine Stelle zunächst auf drei Jahre angesetzt.» Zurbuchen startete im August 2023, die drei Jahre sind also im Sommer 2026 vorbei. Gibt es denn bereits etwas zu verkünden? Zurbuchen gibt sich zugeknöpft: «Der Entscheid steht an, die Diskussion ist aber noch nicht endgültig abgeschlossen.»
Eine Prognose abzugeben wirkt schwer. Immer wieder äussert sich Zurbuchen im Gespräch positiv über die ETH – als wir ihn jedoch zu den Unterschieden zu seiner Rolle als Nasa-Wissenschaftsdirektor ansprechen, nennt er, dass er ein Budget von 8 Mrd. US-$ zu verwalten hatte und täglich folgenschwere Entscheidungen treffen musste; zudem war er als Botschafter für die Raumfahrt stets repräsentativ unterwegs: «Es gibt schon Momente, an denen ich froh bin, dass ich heute nicht ein Milliardenproblem lösen oder jeden Tag mit der Politik umgehen muss. Ich schlafe mit weniger Druck, aber ich vermisse das auch ein bisschen.»
Einiges ist auch jetzt schon gelungen: Der Masterstudiengang Weltraumwissenschaft produziert bald die ersten Absolventen, Zurbuchen spricht von «spektakulären Studierenden». Die ETH Zürich hat an internationalem Renommee gewonnen und Zurbuchen konnte seine empfundene Schuld gegenüber der Schweiz jedenfalls zu einem Teil «abarbeiten». Letztendlich ist es aber bis zu einem gewissen Grad auch egal, wo Zurbuchen wirkt – denn für ihn geht es um grössere Themen als die Karriere eines einzelnen Forschers. Und die Faszination, die er schon als Kind in den Schweizer Bergen beim Blick in den Himmel spürte, treibt ihn bis heute an. Er sagt, dass das englische Wort «Awe» das Gefühl am passendsten beschreibt. «Dieses Wort ‹Awe› hat zu tun mit der Mächtigkeit, der Wichtigkeit und auch der Ehrfurcht vor alldem. Ich verbringe sehr viel Zeit damit, darüber nachzudenken. Für mich ist das … man kann gut sagen, das ist mein Gott.»
Fotos: Lukas Lienhard