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Asset-Tracking gilt als Milliardenmarkt, bleibt in der Praxis jedoch oft Stückwerk: zu teuer, zu energiehungrig, zu komplex. Chiara Koopmans will das ändern: Mit Truvami entwickelt sie Tracking-Lösungen, die klein, robust und wartungsarm genug sind, um im industriellen Alltag zu bestehen – von schweren Maschinen über Logistikprozesse bis hin zu sicherheitskritischen Einsätzen. Der Anspruch ist hoch: nicht ein weiterer Tracker, sondern eine durchgängige Lösung, die aus Daten operative Realität macht.
Montag, Zürich-Binz, kurz vor den Feiertagen: Koopmans, Managing Director des Start-ups, wirkt darüber eher erleichtert – nicht wegen fehlender Arbeit, sondern weil sie selten Zeit hat, Abstand zu gewinnen. Dabei steht für Truvami viel auf dem Spiel: Das Unternehmen will Tracking-Lösungen so klein, robust und wartungsarm machen, dass Millionen von Assets weltweit – von Betonmischern und Logistikboxen bis zu Menschen in Gefahrengebieten – lückenlos sichtbar werden.
Koopmans, die es 2025 auf die Forbes Under 30-Liste für die Schweiz schaffte, sagt gleich zu Beginn, dass sie aufpassen muss, nicht zu tief in die Technik abzutauchen. Die 25-Jährige ist nicht nur Managing Director des Unternehmens, sie ist auch Informatikerin – und von Anfang an dabei. «Am Anfang war das hier eine One-Woman-Show», sagt sie. Inzwischen führt sie ein Team von 15 Mitarbeitern, baut Partnerschaften auf, managt Key Accounts – und verantwortet auch die Themen Strategie, Sales und Marketing.
Es ist klassischer Gründermodus, aber in einem besonderen Setup, denn Truvami ist keine typische Venture-Capital-Gründung. 2023 stellte Swisscom Broadcast, eine Tochter des grössten Telekommunikationsunternehmens der Schweiz, Truvami als Marke vor. Die Ausgründung des Unternehmens soll 2026 erfolgen. In den Jahren dazwischen lag der Fokus auf Forschung, Lösungsdesign und Geschäftsentwicklung. Die Lösung nutzt das von Swisscom Broadcast betriebene «LoRaWAN»-Funknetz und zeichnet sich durch ein kompaktes Elektronikdesign mit minimalem PCB-Footprint (Leiterplatten-Fussabdruck) aus.
Koopmans, die im Umfeld von ETH Juniors, einer studentischen Beratungsorganisation, bereits entschieden hatte, selbst unternehmerisch aktiv zu werden, war sofort Feuer und Flamme, als sie für die Rolle angesprochen wurde.
2026 soll Truvami formell in eine AG ausgegründet werden. Dabei soll auch das Managementteam an der AG beteiligt werden; neben Koopmans gehören dazu auch Michael Beutler (Platform Lead) und Guillaume Noël (Device & Operations Lead). Über die genaue Aufteilung der Anteile will Koopmans auf Nachfrage keine Angaben machen – jedenfalls will sie aber mit voller Geschwindigkeit vorankommen.
Das hat auch mit dem Markt zu tun. Asset-Tracking sei «ein riesengrosser Markt, milliardenschwer», sagt Koopmans. «Fast jedes Unternehmen bewegt Assets, und fehlende Transparenz wird am Ende richtig teuer.»
Schätzungen gehen – je nach Quelle – von einem globalen Marktvolumen von 30 bis 40 Mrd. US-$ (rund 24 bis 32 Mrd. CHF) aus. Und: Der Markt wächst im Schnitt um 10 % pro Jahr; bis 2032 soll das Volumen auf über 60 Mrd. US-$ anwachsen. Millionen von Assets könnten mit Trackern ausgestattet werden, um deren Standort, aber auch Temperatur, Luftdruck oder andere Parameter zu erfassen.
Doch der Markt ist technologisch bei Weitem noch nicht so erschlossen, wie man denken will: Trotz Potenzial ist Tracking in vielen Branchen noch weit von End-to-End-Transparenz entfernt. Schwierigkeiten mit der Netzverfügbarkeit, Batterien, die auf kleinstem Raum leistungsfähig sein müssen, die Komplexität der Daten, die übermittelt werden, und Übersetzungsprobleme zwischen Hardware und Software führen bis heute dazu, dass der Markt noch relativ fragmentiert und vergleichsweise wenig entwickelt ist.
Die heutzutage gängige RFID-Technologie kann etwa sagen, wo sich ein Asset befindet – aber nur auf Basis von Checkpoints, die überschritten wurden.
All das in kleinen Trackern zu leistbaren Preisen anzubieten, bringt Truvami nicht nur an die Grenzen der eigenen Ressourcen, sondern auch an physikalische Grenzen. «Unser Anspruch ist: so wenig Komplexität wie möglich für den Kunden; robust im Betrieb, einfach im Roll-out und modular so aufgebaut, dass unsere Kunden nur das nutzen, was sie wirklich brauchen. Wenn man so will: die eierlegende Wollmilchsau, aber industrietauglich», so Koopmans.
Wie könnte Truvami in ein paar Jahren aussehen, wenn das Team die richtigen Entscheidungen trifft? Koopmans überlegt kurz. «Ich halte es für realistisch, dass wir in den nächsten Jahren eine siebenstellige Anzahl an Trackern bei Kunden im Einsatz haben. Transparenz in der Supply Chain ist kein Nice-to-have mehr, das ist inzwischen ein Kosten- und Servicehebel.»
Bei einem Durchschnittspreis von 50 bis 100 CHF pro Tracker könnte das ein 100 Mio. CHF grosses Business werden. Im Moment ist das aber noch Zukunftsmusik.
Denn zuerst müssen die Produkte, die Truvami des Unternehmens lautet: «Tiny Trackers, Total Solution.» Gemeint ist: nicht nur ein Gerät, sondern eine Lösung aus einer Hand – Hardware und Software.
«Viele Lösungen liefern Rohdaten, aber keine Informationen, mit denen der Kunde arbeiten kann; das Problem ist die ganze Kette. Wir investieren in Technologie, um Grenzen bei Energie, Funk und Formfaktor zu durchbrechen, und bauen gleichzeitig eine Plattform, die aus dem Datenstrom genau die Datenqualität und Struktur macht, damit der Kunde die Informationen bekommt, die er braucht.»
Ein zweites Thema ist Energie – oder in Koopmans’ Welt: die Frage, ob und wie lange ein Produkt im Alltag einsatzfähig ist.
Ich will meinen Beitrag leisten und mit Technologie den Alltag leichter gestalten.
Chiara Koopmans
Operativ fokussiert sich Truvami heute auf drei Use Cases. Das aktuell grösste Feld sind Tracker für schwere Maschinen, etwa Betonmischer. Hier läuft z. B. ein Projekt mit dem Schweizer Baustoffproduzenten Holcim (Umsatz 2024: 26,4 Mrd. CHF).
Zweitens bietet Truvami Tracker für Menschen an – insbesondere für jene, die in Gefahrengebieten und abseits des klassischen Telefonnetzes unterwegs sind. Die Geräte waren etwa beim Bergsturz von Blatten im Mai 2025 im Einsatz. Dort werden Tracker genutzt, um zu überwachen, ob sich Personen in Bereichen aufhalten, in denen sie nicht sein sollten. Früher, sagt Koopmans, musste der Zivilschutz regelmässig patrouillieren; mit der Lösung könne man das aus der Distanz sicherstellen.
Und drittens, und das Feld mit dem wohl grössten Wachstumspotenzial: Logistik. Logistikunternehmen können mit dem von Truvami entwickelten «Smart Label» Assets unterschiedlicher Grösse und Form ausstatten und erhalten Daten, die über den bisherigen Standard hinausgehen.
«Ein Punkt auf der Karte reicht nicht. Die Kunden wollen wissen: Wann hat die Box das Warenhaus verlassen? Wie lange war sie im Transit? Wie lange ist sie an Punkt A stehen geblieben? Unser Ziel: weniger Blindflug in der Lieferkette», so Koopmans.
Diese Transparenz kann helfen, Flotten besser auszulasten, Abrechnungen zu digitalisieren oder Abläufe zu beschleunigen.
In einem kleinen «Sticker» auch in Sachen Energie ausreichend Power zu gewährleisten, war eine der grössten Herausforderungen. Das Label ist heute mit organischer Photovoltaik ausgestattet und ist sehr effizient unterwegs.
Koopmans: «Wir harvesten Energie aus Umgebungslicht; und damit fällt das ganze Batteriethema weg. In typischen Lager- und Warenhausumgebungen reicht das in der Praxis aus, ohne dass jemand laden oder tauschen muss.»
Seinen Fokus auf die drei Geschäftsfelder musste Truvami aber erst finden. «In der frühen Phase waren wir bewusst explorativ: Wir haben getestet, wo der Schmerz wirklich sitzt, und daraus den Fokus geschärft», sagt Koopmans. Man habe gesehen, dass die Tracker für viele Use Cases passen. Heute sei man klar ausgerichtet; im nächsten Jahr solle auch die Teamstruktur entsprechend aufgesetzt werden.
Wobei «Produkt» bei Truvami mehr bedeutet als ein Gerät: «Für uns ist das Produkt nicht nur Hardware. Das Produkt sind die Daten – und zwar so, dass sie zuverlässig entstehen, sicher übertragen werden und auf der Plattform als verwertbare Insights ankommen», so Koopmans.
Koopmans betont, wie viele IoT-Projekte scheitern, weil Systeme nicht sauber miteinander interagieren. Truvami will «out of the box» liefern – End-to-End. Und sie verschiebt damit das Gespräch weg vom Gerätepreis hin zu dem, was am Ende entscheidet: die Kosten über die Laufzeit.
«Wir optimieren auf Total Cost of Ownership – nicht auf Features.» Viele Kunden, sagt Koopmans, schauen zuerst auf die Hardware; aber entscheidend sei, was eine Lösung über drei bis fünf Jahre im Feld kostet: Batteriewechsel, Datenübertragung, Plattformservices, wiederkehrende Gebühren.
Diese End-to-End-Logik zeigt sich auch beim Pricing. Es gibt Modelle, bei denen die Hardware vorab gekauft wird und nur die Software im Abomodell läuft – oder das Gesamtpaket als «Tracking Solution as a Service». Koopmans: «Am Ende gewinnt die Lösung, die sich rechnet und die man im Betrieb ohne Bauchschmerzen ausrollen kann.» Kunden entscheiden sich dabei je nach interner Finanzlogik – ob Investitionen als Capex (einmalige Investitionsausgaben) oder als Opex (laufende Betriebskosten) verbucht werden sollen.
Logistik sei aber «ein sehr schwieriges Vertical», so Koopmans: «Enorme Volumina, extrem sensible operative Abläufe und zugleich ein Markt, in dem Technologien wie RFID seit Jahren gesetzt sind.» Die Under 30-Listmakerin sagt auch: Die Differenzierung sei nicht nur die Hardware. Statt die Position auf dem Gerät zu berechnen, werden bei gewissen Trackern nur Rohdaten gesendet; die komplexe Berechnung übernimmt eine Software-Engine. Das reduziere den Energiebedarf am Gerät und ermögliche Batterielaufzeiten von über fünf Jahren.
Ein zweiter Faktor ist weniger sichtbar, aber im B2B oft entscheidend: Datenhoheit. Tracking-Daten seien extrem sensibel, sagt die Gründerin. Truvami hostet Daten nach Bedarf auch ausschliesslich auf Servern in der Schweiz; für bestimmte Kunden gebe es auch Lösungen, bei denen alles auf dem eigenen Gelände bzw. auf eigenen Servern passiert – falls gewünscht sogar «air-gapped», also ohne Internetzugang.
Truvami bleibt ein kleines Team – und genau das macht Führung und Skalierung zu Koopmans’ grösster Baustelle. Die operative Realität bleibt gnadenlos. «Manchmal überlege ich einen halben Tag Strategien und Roadmaps. Am nächsten Tag renne ich kurz vor Ladenschluss noch zur Post, weil die Sendung raus muss», sagt sie.
Koopmans weiss, dass sie selbst zum Flaschenhals werden kann: «Sobald ich zu tief in den operativen Themen bin, bremst uns das als Team. Dann fehlen Fokus und Tempo bei den wichtigen Entwicklungsthemen.»
Einerseits sind die technologischen Entwicklungen schnell. Andererseits hängt ein junges Produkt am Zyklus der Kunden: Budgets, Innovationsprozesse, interne Freigaben. «Niemand hat auf uns gewartet», sagt Koopmans. Man müsse die Balance finden zwischen Serienproduktion und der Entwicklung neuer Lösungen.
Die Fokussierung führt auch dazu, dass manche Anwendungsfelder warten müssen. Truvami hat etwa auch Tracker für Wildtiere entwickelt, zum Beispiel für Vögel – ein Einsatzgebiet, das technologisch reizvoll ist, weil die Tracker extrem leicht sein müssen. Forschende hätten sich gemeldet, man sei sogar in wissenschaftlichen Publikationen zitiert worden. Koopmans: «Das ist ein Nischenthema. Wildtier-Tracking ist interessant, aber im Vergleich zu Logistik und Industrie deutlich kleiner.»
2025 stand bei Truvami im Zeichen der Industrialisierung, 2026 soll Skalierung bringen – beim Smart Label rechnet Koopmans ab dem zweiten Quartal mit höheren Stückzahlen. Umsatzseitig will Truvami im nächsten Jahr den siebenstelligen Bereich erreichen.
Koopmans spricht aber auch über die Zukunft: Wenn das Label in sieben- oder achtstellige Volumina komme, könne das extrem starkes Wachstum bedeuten, bis hin dazu, mit dem Smart Label Marktführer in diesem Segment zu werden. Das ist auch notwendig: «Wenn wir nicht ausreichend grosse Volumina erreichen, können wir die Kosten, die wir in die Entwicklung investiert haben, nicht zurückholen. Am Ende gewinnt aber nicht immer die beste Idee, sondern die Lösung, die sich im Betrieb rechnet und einfach durchzuhalten ist.»
Dass Truvami diese Wette überhaupt eingehen kann, hängt auch an der Ownership-Struktur. Ein starker Partner hilft, denn Hardwareentwicklung ist kapitalintensiv, braucht lange Zyklen. Zu viele Stakeholder wären in dieser Phase eher eine Last als eine Hilfe.
Gleichzeitig schliesst Koopmans externe Investoren nicht aus – im Gegenteil: Sobald die Skalierung kommt, sei ein neues externes Kapital «denkbar». Für die Kunden wiederum sei der «sichere Partner im Rücken» aktuell ein grosser Vorteil.
Ihr «Why» in einem Satz zusammenzufassen sei schwierig. Koopmans nennt Neugier und die Möglichkeit, Neues zu schaffen: «Mich motiviert, dass wir mit Technologie Dinge einfacher machen: weniger Suchen, weniger Verluste; weniger manuelle Arbeit im Alltag.»
Fotos: Florian Spring