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Absenzen kosten die Schweizer Wirtschaft jährlich mehrere Milliarden – oft, weil zu spät reagiert wird. Das Insurtech grape führt mit «Mental Wealth» einen neuen Begriff in die Versicherungsbranche ein. Damit wollen Fabian Mächler und Gregory Inauen nicht nur das eigene Unternehmen neu denken, sondern die ganze Branche verändern.
Eigentlich wüsste man beim Namen schon, was einen in den Büroräumlichkeiten erwarten kann: Die grape insurance AG ist wenig überraschend ein Versicherungsunternehmen. Doch wer das Büro in Zürich-West betritt, hat nicht den Eindruck, bei einem Versicherer gelandet zu sein – vielmehr schreien die Einrichtung und das Durchschnittsalter der Mitarbeitenden sowie des Gründungsteams eher nach Technologie-Unternehmen.
Letztendlich stimmt beides, denn grape ist ein Managing General Agent (MGA), der sich selbst aber als Technologieunternehmen versteht. Fabian Mächler, Mitgründer und Co-CEO von grape, erklärt die Philosophie dahinter so: «Wir vereinen Health – was unsere Mission ist – kombiniert mit Technologie und Versicherung als Business Model und Model of Incentives. Wir sind mehr als eine Versicherung; wir sind ein Gesundheitspartner für die Unternehmen».
Wenn der Versicherer gewinnt, gewinnt auch der Kunde.
Fabian Mächler
Neudeutsch gesagt ist grape ein B2B-SaaS-Anbieter im Insurtech-Bereich. Mithilfe der hauseigenen Softwareplattform können Unternehmen eine anerkannte Personenversicherung anbieten, die nicht nur zusätzliche Angebote umfasst, sondern über Schnittstellen in mehr als 50 gängige HR-Systeme integriert werden kann. Mächler ergänzt: «Wir haben gemerkt: Wir müssen eine Lösung schaffen, die holistisch ist und alles vereint.»
Mächler und Gregory Inauen, die sich während des Studiums an der ETH Zürich kennenlernten und 2021 grape gründeten, sehen eine deutlich grössere Vision: Sie wollen ein Umdenken in der Branche ermöglichen, weg von der rein reaktiven Schadensabwicklung. Das Problem herkömmlicher Modelle sei die falsche Incentivierung. Inauen führt aus: «Ein Gesundheitspartner muss in Zukunft direkt incentiviert sein: Wenn Leute gesund sind, verdient er Geld; wenn Leute krank sind, verliert man Marge oder Geld. Es ist ein sehr einfaches Prinzip, um ‹Skin in the Game› zu haben. Das Gesundheitswesen ist aber heute oft ‹on demand› aufgestellt – und reagiert erst, wenn es zu spät ist.»
Die Dringlichkeit dieses Umdenkens wird durch einen Blick auf die nationale Statistik untermauert: In der Schweiz verursachen psychische Leiden zusammen mit muskuloskelettalen Erkrankungen die höchsten Produktionsverluste, wobei die ökonomischen Verluste allein durch arbeitsbedingten Stress auf rund 6,5 Mrd. CHF pro Jahr geschätzt werden. Laut OECD-Schätzungen belaufen sich die Gesamtkosten für Wirtschaft und Gesellschaft durch psychisch bedingte Absenzen sogar auf jährlich rund 21 Mrd. CHF – Tendenz steigend. Besonders alarmierend für Arbeitgeber ist die Dauer dieser Ausfälle: Psychisch bedingte Arbeitsunfähigkeiten dauern in der Schweiz im Schnitt fast sieben Monate – deutlich länger als die meisten körperlichen Erkrankungen.
Hinter diesen Summen verbirgt sich ein strukturelles Problem, das über die reine Fehlzeit hinausgeht. Während 26 % der Schweizer KMU bereits unter den direkten Folgen psychisch bedingter Absenzen leiden, bleibt die Dunkelziffer durch Präsentismus – damit ist das Arbeiten trotz Einschränkung gemeint – oft unberücksichtigt, obwohl weltweit jährlich rund 12 Milliarden Arbeitstage durch Depressionen und Angstzustände verloren gehen. Dass im Kanton Zürich mittlerweile mehr als die Hälfte der IV-Neurenten auf psychische Erkrankungen zurückzuführen sind (vor 20 Jahren lag dieser Anteil bei knapp über einem Drittel), verdeutlicht, dass die bisherigen Mechanismen der Risikoerkennung am Arbeitsplatz zu spät greifen. Für grape ist dies das entscheidende Argument, Gesundheit nicht mehr als Goodwill-Thema, sondern als messbare Bilanzposition zu führen.
grape agiert als Managing General Agent (MGA); Risikoträger ist der liechtensteinische Lebensversicherer Quantum Leben AG. Dieser Aufbau erlaubt es grape, sich voll auf die technologische Innovation und die Betreuung der Kunden zu konzentrieren, während im Hintergrund eine stabile Solvabilitätsquote für Sicherheit sorgt.
Das Gesundheitswesen ist heute oft «on demand» aufgestellt – und reagiert erst, wenn es zu spät ist.
Gregory Inauen
Ein zentraler Pfeiler dieser Strategie ist die Neudefinition von Gesundheit am Arbeitsplatz: Während viele Unternehmen «Mental Health» lediglich als Kostenfaktor oder Symptombekämpfung verstehen, führt grape den Begriff des «Mental Wealth» ein. Gregory Inauen erklärt den Unterschied: «Mental Health ist oft eine Individualbetrachtung und wird im Unternehmenskontext häufig als Krankheitsfaktor gesehen. Mental Wealth hingegen ist die Summe von Mental Health – es ist die Ressource im Unternehmen, das psychische Wohlstandskapital der Belegschaft. Es ist ein zentrales Asset und kein ‹Fringe Benefit›.»
Durch die tiefe technologische Integration sieht grape Absenzen ab dem ersten Tag und kann so viel früher intervenieren als klassische Versicherer, die oft erst Monate nach Krankheitsbeginn informiert werden. Dieser Fokus auf harte Daten und messbaren ROI führt dazu, dass grapes Versicherungslösungen immer häufiger direkt über den Schreibtisch des Finanzchefs laufen. Mächler beobachtet: «Interessant ist, dass man sieht, dass das langsam ein CFO-Thema wird. Der CFO sieht: Ich habe diesen Kostenblock Versicherung; wenn ich den durch niedrigere Absenzquoten runterbringe, spare ich doppelt.»
Gerade für mittelgrosse bis grosse Unternehmen (ab ca. 100 bis hin zu mehreren Tausend Mitarbeitenden) ist dieser Hebel massiv. Zu den Kunden, die bereits heute auf grape setzen, zählen etwa der Werkzeughersteller Hilti, Swissport (eine Servicegesellschaft für Fluggesellschaften und Flughäfen), das Einrichtungshaus JYSK sowie CWS Workwear, ein Hersteller von Arbeitskleidung.
In einem Umfeld, in dem Versicherungsprämien Jahr für Jahr steigen, bietet grape einen Ausweg aus der Kostenspirale. Und die Vision von grape endet nicht an der Schweizer Grenze: Mit ihrem Ansatz, Versicherung, Technologie und Gesundheit zu verschmelzen, wollen Mächler und Inauen das Modell international skalieren. Das Ziel ist klar: ein Versicherungsprodukt zu schaffen, das man nicht nur abschliesst, um im Notfall geschützt zu sein, sondern das aktiv dazu beiträgt, dass dieser Notfall gar nicht erst eintritt. Wie Fabian Mächler es zusammenfasst: «Wenn der Versicherer gewinnt, gewinnt auch der Kunde».
Text: Forbes-Redaktion
Fotos: Mara Truog