Der perfekte rasen

So gross und doch so unscheinbar: Nur mit dem richtigen Rasen läuft der Ball im Milliardengeschäft Fussball rund. An einigen europäischen Top-Adressen stammt der Untergrund von einem niederösterreichischen Familienunternehmen. In einer Welt von Hightech-Stadien ist sein wichtigstes Asset 10.000 Jahre alt – und sein grösster Feind die Uhr.

Mitte Jänner in Berlin-Köpenick: An der Alten Försterei, der Heimspielstätte des deutschen Bundesligisten 1. FC Union Berlin, besteht dringender Handlungsbedarf. An erstklassigen Fussball ist nicht mehr zu denken – gegnerische Spieler beschweren sich, die deutsche Boulevardzeitung Bild nennt das Spielfeld einen „schlimmen Acker“. Keine zwei Wochen später und pünktlich zum nächsten Heimspiel ist davon nichts mehr zu sehen. ­Dafür gesorgt haben Bianca und Philipp Götz-Richter: Binnen weniger Tage verlegt das Familienunternehmen aus Niederösterreich ein neues Spielfeld. Wenn die Arbeiten am Montag beginnen, „kann man dort am Freitag schon wieder Fussball spielen“, sagt Philipp Götz-Richter im Gespräch mit Forbes.

In der Welt des Profifussballs, in der Spieler für ­dreistellige Millionenbeträge den Verein wechseln, wird oft vergessen, dass das gesamte System auf einer nur 3,5 Zentimeter dicken Schicht aus biologischem Material beruht: Rollrasen. Wenn diese Schicht versagt, bricht das Produkt Fussball zusammen: Es gibt kein Tiki-Taka, wenn der Ball zum Mitspieler holpert. Richter Rasen ist ein Hidden Champion, der das verhindern will. Der Erfolg des Unternehmens beruht nicht nur auf Innovation, sondern auch auf einem 10.000 Jahre alten Wettbewerbsvorteil.

Heute führen Bianca und ihr Mann Philipp das Unternehmen in fünfter Generation. Während ihr Vater bereits erste Schritte im Fussballgeschäft ging, haben die beiden in den vergangenen zwölf Jahren das ­Geschäft darauf fokussiert. Um den Rasen vom Feld ins Stadion zu bringen, bieten sie inzwischen eine Komplettlösung an, vom Sportplatzbau über die Verlegung bis zum Rasen selbst. Bekommt ein Stadion einen neuen Rasen, wird dieser vom Richter-Rasen-Team verlegt. Für Bianca Götz-Richter ein klarer Vorteil: „Das ist quasi das Baby unserer Mitarbeiter. Sie sehen dieses Produkt von Anfang an, über das Wachstum und bis zu dem Punkt, an dem es geerntet und im Stadion von ihnen verlegt wird.“ Die Kosten für einen Stadion-Natur­rasen liegen bei rund 200.000 €. Wenn ein Hy­bridrasen mit speziell beigemischten Kunststofffasern zum Einsatz kommt, kostet es rund das Doppelte.

Viele europäische Topklubs spielen bereits auf Richter Rasen, wobei einige aber nicht öffentlich genannt werden wollen. Unter den bekannten Referenzen finden sich deutsche Vereine wie der VfB Stuttgart oder Eintracht Frankfurt sowie Teams aus Österreich, Kroatien, Serbien und Frankreich. Das Olympiastadion in Berlin ist langjähriger Stammkunde; bei der Fussball-Europameisterschaft 2024 fand dort unter anderem das Finale statt. Zudem wurde der Rasen von der UEFA als bester Platz des Turniers ausgezeichnet. „Das ist schon etwas Besonderes“, resümieren die beiden Unternehmer.

Das war, als hätte er eine Erleuchtung gehabt.

Bianca Götz-Richter

Inzwischen ist auch das Spielfeld im Fussball technologisiert. Das ist auch nötig, um den architektonischen Hürden zu begegnen: Steile Tribünen und imposante Dachkonstruktionen sorgen zwar für einen Hexen­kessel, dem Rasen fehlen jedoch Licht und Luft­zirkulation. Üblicherweise wird der Belag einmal jährlich getauscht – trotz Rasenheizung und speziellen Beleuchtungs­systemen. Selbst die Zusammensetzung des Anzuchtbodens für Sportrasen wird durch eine DIN-Norm festgelegt. Und genau dort steckt ein geologischer Wettbewerbsvorteil, den die Konkurrenz nicht kopieren kann: Denn Richter Rasen wächst auf Anbauflächen in der Slowakei, unter denen sich eine Sanddüne aus der Eiszeit verbirgt. Der Quarzsand im Boden erfüllt von Natur aus die Anforderungen an einen perfekten Fussballrasen. Bianca Götz-Richter erinnert sich noch an den Besuch des Chef-Greenkeepers eines europäischen Spitzenvereins: „Das war, als hätte er eine Erleuchtung gehabt.“ Dieser Sandboden sei für die Experten „wahres Gold“, sagt sie.

Der Weg vom Feld ins Stadion birgt allerdings einen massiven logistischen Aufwand. Bis zu 30 Lkw müssen dafür häufig binnen weniger Tage koordiniert werden. Geladen haben sie dann „Grossrollen“ – über eine Tonne schwer, 1,20 Meter breit. „Wenn da ein Fehler beim Ein- oder Ausladen passiert, ist der Rasen kaputt“, so die Unternehmerin. Besonders im Sommer ist es ein Spiel gegen die Zeit: Nach 24 Stunden am Lkw werden die ersten Stellen bereits braun.

Derzeit wird auf 140 Hektar Rasen angebaut. Mit den Wachstumszyklen des Rasens können damit bis zu 50 Sportplätze pro Jahr neu begrünt werden. Doch das war 2025 nicht genug: „Wir konnten nicht alle Interessenten beliefern“, so Bianca Götz-Richter. 2026 wollen sie wachsen – neben mehr Flächen im Anbau wird auch ein zweites Team aufgebaut, das den Rasen in den Stadien verlegt. Mit diesen erweiterten Kapazitäten erwartet Richter Rasen eine deutliche Steuerung des Umsatzes, der aktuell bei etwa fünf Mio. € liegt.

Da Bianca und Philipp Götz-Richter beruflich viel Zeit in Stadien verbringen, verfolgen sie in der Freizeit kaum noch Fussballspiele. „Ich schaue mir eher das Spielfeld im Vorher-nachher-Vergleich an!“, lacht Bianca Götz-Richter.

Fotos: Niko Havranek, FC Red Bull Salzburg

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