Der Internet- türsteher

Im digitalen Wettrüsten gegen Bots und Trollfabriken wird „Human only“ zum Luxusgut. Ludwig Thoma positioniert sein Start-up Trusted Accounts als Türsteher: Das Unternehmen prüft 80 Millionen Websiten-Besucher pro Monat auf ihre Menschlichkeit und will die Abwehr von Bots in ein neues Geschäftsmodell verwandeln – für eine Branche, die um ihre Existenz bangt.

Ein Mensch zögert. Er bewegt die Maus nicht in perfekten geometrischen Linien, sondern in zittrigen Kurven. Er tippt unregelmässig, macht Pausen, korrigiert sich. Ein Bot hingegen bewegt sich präzise über Websites – und genau das verrät ihn. „Bis zu 50 % des gesamten weltweiten Web-Traffics stammen heute nicht mehr von Menschen, sondern von Bots“, sagt Ludwig Thoma im Gespräch mit Forbes. Ein Bot ist ein Computer­programm, das wiederkehrende Aufgaben automatisiert ausführt, von der Beantwortung von Kundenanfragen bis hin zur Verbreitung von Inhalten in sozialen Netzwerken – oft so überzeugend, dass man kaum merkt, dass eben kein Mensch dahintersteckt.

Thomas Start-up Trusted Accounts analysiert monatlich mehr als 80 Millionen Website-Besucher für über 1.000 Kunden, darunter laut Thomas Angaben auch einige der grössten Newsplattformen im DACH-Raum. Die Mission ist simpel: die Antwort auf die Frage „Mensch oder Maschine?“ zu finden. Denn Bots sind unter anderem Werkzeuge für Desinformations­kampagnen, Diebstahl von Inhalten (sogenanntes Scraping) und DDoS-Angriffe (kurz für den englischen Begriff „Distributed Denial of Service“), mit denen ganze Server und Websites lahmgelegt werden.

Bots sind aber nicht grundsätzlich schlecht. Sogenannte Crawler sind automatisierte Programme, die von Suchmaschinen wie Google, aber auch anderen Diensten eingesetzt werden, um Website-Inhalte zu scannen. Sie bauen zum Beispiel eine Art Landkarte für das Internet. Für viele Betreiber ist das so wünschenswert, dass sich rund um Suchmaschinenoptimierung (SEO, Search Engine Optimization) eine ganze Branche aufgebaut hat. Schwieriger wird es bei Scrapern: Diese Bots holen sich gezielt Inhalte, bei einem Medienhaus etwa einen Artikel. Werden diese Inhalte woanders gelesen oder zum Training von KI-Modellen verwendet, fallen Klicks und damit potenzielle Werbeumsätze für den eigentlichen Herausgeber weg. Thoma platziert deshalb Trusted Accounts als „Türsteher“, der Bots nicht auf die Websites seiner Kunden lässt. Dadurch sinkt die Reichweite allerdings nicht, weil Bot-Traffic von gängigen Analysetools meist nicht erfasst wird.

Bei den Kunden von Trusted Accounts liegt die Bot-Quote bei etwa 40 %; sie ist laut Thoma aber stark branchenabhängig. „Wir machen das sichtbar. Unsere Kunden haben plötzlich 40 % mehr Traffic, von dem sie zuvor nichts wussten“, so Thoma.

Die Nachfrage nach Lösungen wie jener von Trusted Accounts wächst. Der Markt für Bot-Sicherheit wurde 2025 von Fortune Business Insights auf ein Volumen von rund 1 Mrd. US-$ (847 Mio. €) geschätzt und soll bis 2034 auf 5,6 Mrd. US-$ (4,74 Mrd. €) wachsen. Doch Thoma gründete sein Start-up „wegen der Sache und nicht wegen des Geldes“: Ein Exit kommt für ihn und Mitgründerin Eva Roth nicht infrage. Das Preismodell bei Trusted Accounts sei „bewusst so gestaltet, dass es auch für kleinere Plattformen wirtschaftlich sinnvoll ist“, so Thoma – schon ab 81 € pro Monat können die Tools genutzt werden, individuelle Enterprise-Lösungen können fünfstellige Beträge kosten. 2025 hat sich die Anzahl an registrierten Kundenaccounts verzehnfacht. Zu den Kunden zählen neben Medienunternehmen unter anderem Communitybetreiber, Onlineshops und Finanzplattformen.

Thoma möchte das Internet zu einem besseren Ort für Menschen machen. Rund um die US-Präsidentschaftswahlen 2020 und die Coronapandemie besorgten ihn die Berichte über Trollfabriken, die mit Millionen von Kommentaren, Posts und Likes die öffentliche Meinung messbar beeinflussen. Daran wollte er etwas ändern und „Vertrauen im Internet schaffen“, erzählt Thoma heute. Die zündende Idee kam bei einem Gespräch mit seinem Vater: „Er war damals Chefredakteur bei einem Onlineportal und meinte, die vielen Hasskommentare nicht in den Griff zu bekommen, weil sich die User immer wieder neue Accounts erstellten“, schildert Thoma. Auch die Moderation der Inhalte sei aufwendig und psychisch belastend gewesen.

Es ist schwierig, Sicherheit nur zum Zweck der Sicherheit zu verkaufen.

Ludwig Thoma

So entstand Trusted Accounts. „Die Idee war ursprünglich eine Verifikationslösung – ein digitaler Ausweis, anonym und wiederverwendbar“, erinnert sich Thoma. So konnte Trusted Accounts in Foren oder Kommentarspalten sicherstellen, dass sich ausschliesslich echte Menschen unterhalten. Doch schnell erteilte der Markt Thoma eine harte Lektion: Sicherheit darf nicht auf Kosten der Bequemlichkeit gehen. „Der User darf an kein Hindernis stossen“, so seine Erkenntnis. Das kennt man etwa von sogenannten Captchas, bei denen Nutzer mühsam Ampeln oder Hydranten auf verpixelten Bildern suchen müssen. Einerseits sollen dadurch keine Nutzer vergrault werden, andererseits sind KI-Systeme bei diesen Tests häufig schon besser als Menschen.

Die Lösung wurde deshalb um Hintergrund-Checks erweitert, um die Menschlichkeit nachzuweisen, ohne eine Barriere für die Benutzer aufzubauen. Mit dem neuen Ansatz konnte das Start-up erste grosse Kunden gewinnen. Inzwischen hat es auch weitere Sicherheitslösungen für Plattformen entwickelt. So können unter anderem die Erstellung von Fake-Accounts oder die Manipulation von Umfragen verhindert werden.

Um die Menschlichkeit von Nutzern zu identifizieren, werden keine personenbezogenen Daten verarbeitet. Unter anderem werden Tastaturanschläge analysiert, aber Trusted Accounts sieht nicht, was geschrieben wird, sondern nur, wie gleichmässig die Tasten gedrückt werden. „Oder wir analysieren die Bewegungen der Maus. Das sind Varianzen und Werte, die nichts über den Nutzer als Person aussagen, sondern nur über die Menschlichkeit“, sagt Thoma. Dieser Ansatz wird in der Cybersecurity als Verhaltensbiometrie (Behavioral Biometrics) bezeichnet. Im Gegensatz zur statischen Biometrie, wie etwa einem Fingerabdruck, analysiert sie dynamische Muster der Interaktion. Das erlaubt eine Identifizierung von Bots in Echtzeit, ohne dass der Nutzer aktiv Daten preisgeben oder zusätz­liche Sicherheitsschritte durchlaufen muss.

Als Unternehmen für Cybersecurity steht Trusted Accounts jedoch vor einer zentralen Herausforderung: „Es ist schwierig, Sicherheit nur zum Zweck der Sicherheit zu verkaufen“, so Thoma. Sein Zugang: Trusted Accounts schützt das wichtigste Asset von Medien­unternehmen, ihre Inhalte. Wenn KI-Scraper die Inhalte ungefragt abgreifen und Nutzer sie nur noch dort konsumieren, bedroht das werbefinanzierte Geschäftsmodelle. In der Medienbranche herrscht die Sorge, dass Nutzer keine News-Seiten mehr aufrufen, wenn das KI-Tool ihrer Wahl die gleichen Informationen personalisiert zur Verfügung stellt. Laut einer Befragung des Reuters Institute for the Study of Journalism rechnen Medienmanager weltweit damit, dass ihre Reichweite über Suchmaschinen in den kommenden drei Jahren um mehr als 40 % abnehmen wird. Als Gründe dafür werden unter anderem der KI-Überblick in der Google-Suche und das geänderte Nutzerverhalten angeführt. Wenn Chat GPT oder Gemini die Informationen aus den Artikeln allerdings nicht mehr wiedergeben, könnte dieser Trend zumindest verlangsamt werden.

Rückläufige Umsätze und Reichweiten von Medienhäusern scheinen trotzdem unausweichlich. Trusted Accounts möchte deshalb in Zukunft noch einen Schritt weitergehen und eine weitere Einnahmequelle anbieten: „Wenn wir es schützen, können wir es monetarisieren“, so Thoma. Mit der Lösung könnten Verlage Lizenzgebühren verlangen, wenn KI-Scraper auf Inhalte zugreifen wollen. Sein System erkennt den Bot und bittet ihn vollautomatisiert zur Kasse. Das Internet verwandelt sich so von einer Wildwestlandschaft, in der Daten abgesaugt werden, in einen Marktplatz mit automatisierter Mautstelle. So wird das B2C-Modell (Geld durch Leser-Klicks) durch ein B2B-Modell (Geld durch Lizenzzahlungen der KI-Firmen) ergänzt. Damit gibt Thoma den Verlagen die Kontrolle über ihre Einnahmequelle zurück: das recherchierte Wissen.

Ist das Internet nicht ohnehin schon tot? Davon gehen Vertreter der „Dead Internet Theory“ aus. Diese meint, dass das Internet nur noch ein geschlossener Kreislauf aus Bots ist, die Inhalte für andere Bots erstellen, während echte menschliche Interaktion zur Bedeutungslosigkeit verkommen ist. Was als Verschwörungstheorie in Foren auf Reddit, einem sozialen Netzwerk, begann, wird zunehmend zur statistischen Gewissheit. Dem „Bad Bot Report“ des Cybersecurity-Unternehmens Imperva zufolge waren 51 % des Traffics im Internet 2025 bereits nicht mehr menschlich.

Für die Ökonomie des Internets kann das zu einer nachhaltigen Bedrohung werden – denn die wahre Währung ist die Aufmerksamkeit von Menschen, und die wird dadurch immer unbedeutender. Für Thoma ist diese Theorie nicht ausschliesslich dystopische Science-Fiction: „Irgendwann kommt man an einen Punkt, an dem nur noch Bots miteinander kommunizieren. Und dann ist die Frage: Wie viel Lust haben Menschen da noch drauf?“ Besonders mit immer ausgefeilteren KI-Agenten wird die Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine für Nutzer zunehmend schwierig. Damit steigt auch das Risiko von Betrugsmaschen und Manipulationen.

Es ist nicht jedermanns Interesse, gegen diese Bots vorzugehen. „Bei manchen ist das Problem, dass ihr Geschäftsmodell darauf aufbaut, möglichst viele Nutzer zu haben, die möglichst viele Inhalte erstellen und auf Werbungen klicken – egal ob das Bots sind oder nicht“, sagt der Gründer. Plattformen wie X, Meta oder Tiktok stehen genau in diesem Verdacht: Ihr werbebasiertes Geschäftsmodell lebt von Nutzerzahlen und Inter­aktionen – und schafft damit wenig Anreiz, Bots konsequent zu bekämpfen. Thomas Kampf ist deshalb mehr als nur ein Geschäftsmodell: Es ist der Versuch, die Menschlichkeit in einer Welt zu bewahren, die zunehmend von Algorithmen kontrolliert wird. Auf die Frage, ob er grossen sozialen Netzwerken helfen könnte, überlegt er einige Sekunden und antwortet dann: „Wir würden gern helfen, wenn der Wille zur Lösung wirklich da wäre.“ Es gebe aber bereits kleine soziale Netzwerke, die Thoma auf Nachfrage nicht nennt, bei denen Trusted Accounts genau dafür eingesetzt werde.

Zunächst liegt der Fokus aber auf der Weiterentwicklung des Bot-Türstehers und der bestehenden Sicherheitslösungen. Mit der Vision eines automatisierten „Informations-Brokers“ baut Thoma ausserdem an einer Infrastruktur, die Medienhäusern in der KI-Ära das wirtschaftliche Überleben sichern könnte. Dass er dabei auf Unabhängigkeit statt auf einen schnellen Exit setzt, ist für ihn eine strategische Notwendigkeit, denn sein Produkt lebt von der langfristigen Integrität: „Das Ding kann unserer Meinung nach nur funktionieren, wenn Vertrauen da ist – in die Organisation, in das Tool und in die Technologie“, betont Thoma.

Fotos: Trusted Accounts

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