Mit dem FORBES-NEWSLETTER bekommen Sie regelmässig die spannendsten Artikel sowie Eventankündigungen direkt in Ihr E-mail-Postfach geliefert.
Sam Altman gründete sein erstes Technologieunternehmen als Teenager und leitete Y Combinator, den weltweit führenden Start-up-Accelerator, mit 28. Als CEO von Open AI brachte der 40-jährige Milliardär Chat GPT auf den Markt und schuf damit einen 500 Mrd. US-$ schweren Giganten. Gleichzeitig gestaltet er als junger Vater die Zukunft, in der seine Kinder leben werden – und wir auch.
Sam Altman sagt, dass der Uranstab in seinem Büro kein Grund zur Sorge sei. Dieser steht aufrecht auf seinem Schreibtisch im Hauptquartier von Open AI in San Francisco wie ein gedrungener Slim Jim (ein US-amerikanischer Räucherfleisch-Stick) aus Ebenholz und ist vielleicht das auffälligste Stück in der beeindruckenden Sammlung historischer Innovationen, die Altman im Lauf der Jahre zusammengetragen hat. «Der ist abgereichert», sagt er beiläufig über den Stab aus Uran-238; das gleiche Element, das zur Erzeugung von Kernenergie verwendet wird. «Er kann Ihnen nichts anhaben.» Er schwenkt einen Geigerzähler darüber und beweist damit seine These.
«Man macht eine grosse Entdeckung in der Physik und … erschliesst sich damit praktisch unbegrenzte Energie», sagt er über den Uranstab. «Wir Menschen verstanden nichts davon und stellten dann die Theorie auf, dass so etwas möglich wäre. Ein paar Jahrzehnte später hatten wir die Atombombe gebaut. Einfach eine verrückte, schnelle Sache.»
Altman, der Adidas-Lego-Ultraboost-Sneakers und einen schlichten grauen Strickpullover trägt, arbeitet sich methodisch und chronologisch durch die Artefakte, von denen die meisten normalerweise in seinem privaten Büro zu Hause stehen und die nur seine engsten Freunde zu sehen bekommen. Heute sind laut Altman ausgestellt: eine 40.000 Jahre alte Handaxt («ein erstaunliches Allzweckwerkzeug aus der Steinzeit»), ein 3.500 Jahre altes Bronzeschwert («ein interessantes Beispiel für Technologie mit grosser geopolitischer Bedeutung») und ein Kompressorlüfterblatt aus einem Concorde-Triebwerk («das einzige Teil, das klein genug ist, um es mitzunehmen»). In lässiger Missachtung der Vorschriften für Museumskuratoren hat er all diese Gegenstände in einer Reisetasche, einzeln in Badetücher gewickelt, in sein Büro geschleppt.
«Ich bin immer wieder erstaunt, wie sehr sich jede Generation eine neue Ebene erschliesst», sagt er über den Technik-Fortschritt. «Das sehen wir jetzt wirklich.» So unvergesslich die Uranstange auch ist, eines der anderen bemerkenswerten Objekte in Altmans Sammlung ist ein alter GPU-Chip. Er trainierte eine frühe Version des Modells hinter Open AIs Flaggschiffprodukt Chat GPT, das die KI im November 2022 in den Mainstream katapultierte und eine Kettenreaktion von Innovationen auslöste, die sich als ebenso transformativ erweisen könnte wie die industrielle Revolution.
Amerika hat eine lange Tradition von Innovatoren, die nicht für ihre Erfindungen bekannt sind, sondern dafür, dass sie mit purer Willenskraft und Klugheit die Grenzen des Möglichen in den Alltag verlagert haben – man denke an Steve Jobs, Bill Gates und Elon Musk. Thomas Edison hat die Glühbirne nicht erfunden. Er (oder besser gesagt: sein Team) hat sie mit einem langlebigeren Glühfaden verbessert und dann aggressiv auf den Markt gebracht.
Altman ist von dieser Sorte: Er ist eher Investor und Accelerator als Ingenieur oder Wissenschaftler. Seine Vision besteht nicht darin, Konsumgüter zu perfektionieren, sondern die zugrunde liegenden Systeme aufzubauen, von denen der Rest der Wirtschaft bald abhängig sein könnte. Chat GPT hat mittlerweile mehr als 800 Millionen Nutzer pro Woche. Open AI, das im letzten Jahr einen Umsatz von mehr als 13 Mrd. US-$ (10,1 Mrd. CHF) erzielte, wurde kürzlich mit 500 Mrd. US-$ bewertet (Altman hält keine direkten Anteile an dem Unternehmen, aber seine anderen Investitionen machen ihn schätzungsweise 3 Mrd. US-$ schwer). Inspiriert von Open AI könnten die grossen Tech-Unternehmen in diesem Jahr schätzungsweise 500 Mrd. US-$ in KI-Rechenzentren und -Chips investieren. Derzeit ist es vielleicht das wichtigste Unternehmen der Welt.
Im Zuge dessen wird der 40-jährige Altman heute geradezu hagiografisch betrachtet; für viele Tech-Enthusiasten ist er in der Tat eine Art moderner Heiliger. Disney-CEO Bob Iger sagt, Altman könne «um die Ecke schauen», um die Zukunft zu sehen; Airbnb-Mitbegründer Brian Chesky bezeichnet ihn als «einen der beiden ehrgeizigsten Menschen, die ich kenne» (der andere ist Elon Musk). Apple-Designlegende Jony Ive sagt geheimnisvoll, dass Altman «sich mit dem Unbekannten wohlfühlt, aber seine Verantwortung nicht auf die leichte Schulter nimmt». Der renommierte Risikokapitalgeber Paul Graham (Altmans ehemaliger Mentor beim Start-up-Inkubator Y Combinator) drückt es deutlicher aus: «Er kann Menschen gut von Dingen überzeugen. Er kann Menschen gut dazu bringen, das zu tun, was er will.»
Trotz seiner ruhigen Stimme und seiner zurückhaltenden Midwest-Art ist Altman eher eine Art Marktschreier für KI. Seine aggressiven Vorhersagen über das exponentielle Wachstum dieser Technologie müssen wahr werden, um nicht nur die Bewertung von Open AI zu rechtfertigen, sondern auch die damit verbundenen enormen wirtschaftlichen und sozialen Risiken. Und es ist nicht klar, ob er genau weiss, wie er das erreichen will. Kann er eine Zukunft verwirklichen, die so gross, schnell und gewinnträchtig ist, wie er sie beschreibt?
Forbes verfolgt Altman, der auf unserer Liste der grössten lebenden amerikanischen Innovatoren (siehe Seite 70) den sechsten Platz belegt, seit mehr als einem Jahrzehnt. Im Jahr 2015 war er als frischgebackener 29-jähriger Leiter von Y Combinator ein prominentes Mitglied der ersten «30 Under 30 Venture Capital»-Liste von Forbes US. «Es ist cool, dass man eine Liste der Probleme in der Welt erstellen und dann Unternehmen finanzieren kann, um sie zu lösen», sagte er uns.
Betrachtet man Altman ausschliesslich unter dem Gesichtspunkt dieser Investitionen, so ist er ein äusserst ehrgeiziger Unternehmer, der seine Zukunftsvision akribisch plant. Als sich das mobile Zeitalter in den 2010er-Jahren festigte, unterstützte Altman vorausschauend eine Reihe von Unternehmen – beispielsweise investierte er 15.000 US-$ für 2 % des Zahlungsriesen Stripe, bevor dieser überhaupt einen Namen hatte, und leitete 2014 eine Finanzierungsrunde in Höhe von 50 Mio. US-$ für Reddit –, die sich zu tragenden Säulen der App-Wirtschaft entwickelten.
Mit KI macht er das wieder – die Rede ist natürlich von Open AI. Aber es gibt auch Helion, das versucht, die nahezu unbegrenzte Kraft der Kernfusion – die Energieform, die auch die Sonne nutzt – nutzbar zu machen, und Oklo, das konventionellere Kernspaltungsreaktoren entwickelt, die jedoch kleiner und modularer sind. Beide könnten den enormen Energiebedarf der KI decken. Dann gibt es noch World (ehemals Worldcoin), das Technologien entwickelt, um in einer aufstrebenden Welt der KI-Deepfakes einen «Beweis der Menschlichkeit» zu liefern. Ausserdem gibt es das junge Unternehmen Merge Labs, das sich mit neuronalem Computing beschäftigt. Und über die gemeinnützige Organisation Open Research unterstützte Altman eines der grössten Experimente Amerikas zum universellen Grundeinkommen – eine Initiative, die allen Bürgern einen kleinen, garantierten Lohn ohne Auflagen bieten würde, als mögliches Mittel gegen die wirtschaftlichen Verwerfungen, die KI verursachen könnte.
«Ich glaube, ich bin ungewöhnlich gut darin, mehrere Dinge Jahre oder Jahrzehnte in die Zukunft zu projizieren und zu verstehen, wie diese miteinander interagieren werden», sagt er. Manche Menschen sind gut darin, vorherzusagen, was als Nächstes kommt, andere sehen, wie sich verschiedene Welten überschneiden werden – «aber die Kombination aus beidem ist sozusagen mein Ding», so Altman.
Heute hat er eine neue Perspektive, durch die er die Chancen und Gefahren der KI betrachtet: die Vaterschaft. Er und sein Mann haben einen kleinen Sohn und erwarten später in diesem Jahr ihr zweites Kind. «Die Leute sagen: ‹Oh, ich bin froh, dass du ein Kind hast, denn jetzt wirst du nichts tun, was die Welt zerstört›», erzählt Altman. «Ich war aber schon vorher fest entschlossen, das nicht zu tun. Ich brauchte kein Kind dafür.»
Altmans Hintergrundgeschichte ist bekannt: Aufgewachsen in St. Louis, weit entfernt vom Silicon Valley, war er ein Nerd, der sich für Wissenschaft, Energie und künstliche Intelligenz begeisterte. «Ich bin mein ganzes Leben lang von denselben Ideen besessen gewesen», sagt er. Sie haben sich nicht geändert, «seit ich 18 war».
Altman kam 2003 nach Stanford, um KI zu studieren, in einer Zeit, als der Zeitgeist eher Web 2.0 war. In seinem zweiten Studienjahr gewann er einen Businessplan-Wettbewerb für das, was schliesslich sein erstes Start-up werden sollte: Loopt, eine Handy-App, mit der man seinen Standort mit Freunden teilen kann. Damals hörte er zum ersten Mal von Y Combinator. Er nahm den Nachtflug nach Boston, um sich mit dem Gründer Paul Graham zu treffen. «Ich erinnere mich, dass ich dachte: ‹So muss Bill Gates gewesen sein!›», erinnert sich Graham an ihr erstes Treffen.
Graham war so beeindruckt, dass er 2014, als er sich zurückzog, den damals erst 28-jährigen Altman mit der Leitung des Unternehmens beauftragte. Der Grund? «Sam bekommt, was er will», so Graham. «Wenn also der einzige Weg für Sam, im Leben erfolgreich zu sein, darin bestand, dass YC erfolgreich war, dann würde YC erfolgreich sein.»
Altman probierte sich bei YC in verschiedenen Bereichen aus, aber ein Nebenprojekt gefiel ihm besonders gut: eine KI-Forschungsgruppe namens Open AI. Open AI wurde 2015 als gemeinnützige Organisation gegründet und hatte sich zum Ziel gesetzt, AGI (Artificial General Intelligence) zu entwickeln, also künstliche allgemeine Intelligenz, die im Grunde genommen wie ein Mensch «denken» kann.
Altman rekrutierte persönlich Greg Brockman, den damaligen CTO von Stripe, und den berühmten KI-Forscher Ilya Sutskever, bekannt für seine Pionierarbeit im Bereich neuronaler Netze, als Mitbegründer. Er half auch dabei, Elon Musk – damals einer seiner persönlichen Helden – davon zu überzeugen, das Projekt mit 38 Mio. US-$ zu unterstützen.
Ich bin mein ganzes Leben lang von denselben Ideen besessen gewesen.
Sam Altman
Altmans Fokus auf Open AI wurde bald fast monomanisch, sodass Y Combinator eher zu einem verblassenden Hobby wurde als zu der Berufung, die Graham damit beabsichtigt hatte. Im Jahr 2019 waren Graham und YC-Mitbegründerin Jessica Livingston fassungslos, als sie eine Pressemitteilung lasen, in der Altman als CEO einer neuen gewinnorientierten Niederlassung von Open AI vorgestellt wurde. Livingston forderte ihn auf, sich erneut zu YC zu bekennen oder zurückzutreten.
«Daran gab es damals durchaus berechtigte Kritik», sagt Altman heute. «Als mir klar wurde, dass Open AI funktionieren würde, und ich beide Unternehmen leitete, dachte ich mir: ‹Ich kann zwar so tun, als würde mir YC immer noch genauso am Herzen liegen, aber Open AI ist meine Berufung und ich muss mich darauf konzentrieren.›»
Es war nicht das letzte Mal, dass Altmans Prioritäten mit denen seiner Kollegen kollidierten. Wenige Tage vor Thanksgiving 2023 wurde er vom Vorstand von Open AI entlassen, weil er nicht «konsequent offen» gewesen sei. An der Spitze der Revolte stand Mitbegründer Sutskever, der dem Vorstand mitteilte, dass «Sam ein konsistentes Muster des Lügens aufweist», und ihm vorwarf, Chaos zu verursachen, zu viele neue Projekte zu starten und Menschen gegeneinander auszuspielen, um seine Ziele zu erreichen. Altman wurde nur fünf Tage später wieder eingestellt, nach dem wohl lächerlichsten Unternehmensdrama in der Geschichte des Silicon Valley – einer Saga, in der Open-AI-Mitarbeiter revoltierten und mit Massenkündigungen drohten, wenn Altman nicht zurückgeholt würde; Microsoft plötzlich einschritt, um ihn einzustellen; und Gerüchte über ein neues KI-Modell kursierten, das so leistungsfähig war, dass es diejenigen erschreckte, die es sahen.
All dies geschah inmitten einer verwirrenden Flut von Vorwürfen wegen Doppelzüngigkeit und Leichtsinn. Eine Untersuchung des Vorstands kam später zu dem Schluss, dass Altman tatsächlich der richtige Leiter für Open AI war – aber der Vorfall hinterliess einen Makel in seinem Ruf. Es half auch nicht, dass drei Jahre zuvor ein interner Machtkampf eine Gruppe von Spitzenmitarbeitern von Open AI, darunter die Geschwister Dario und Daniela Amodei, dazu veranlasst hatte, sich vom Unternehmen abzuspalten und Anthropic zu gründen, einen Konkurrenten, der sich besonders auf die Sicherheit von KI konzentriert. Mit einem aktuellen Wert von rund 350 Mrd. US-$ und einem Umsatz von etwa 4,5 Mrd. US-$ im Jahr 2025 ist Anthropic zu einem der gefährlichsten Konkurrenten von Open AI geworden.
Noch brisanter als die Abspaltung von Anthropic war die Entscheidung von Open AI, das Unternehmen umzustrukturieren und einen gewinnorientierten Zweig hinzuzufügen. Durch diesen Schritt konnte Open AI eher wie ein typisches Unternehmen funktionieren und Finanzmittel von Investoren erhalten, darunter eine wichtige Investition von Microsoft in Höhe von 13 Mrd. US-$ ab 2019. Musk lehnte dies vehement ab und verliess das Unternehmen aus Protest, ohne Anteile an dem gewinnorientierten Unternehmen zu erhalten. In einer Klage behauptet Musk, er habe dem Unternehmen den Rücken gekehrt, weil Open AI seine ursprüngliche Mission, KI zum Wohle der Menschheit zu entwickeln, zugunsten der Gewinnmaximierung aufgegeben habe. Open AI behauptet hingegen, er sei gegangen, weil das Unternehmen ihm keine Kontrolle über den gewinnorientierten Zweig gegeben habe. Musk machte schnell eine Kehrtwende und gründete 2023 das Konkurrenzunternehmen «xAI», das heute einen Wert von 250 Mrd. US-$ hat. Der Fall wird voraussichtlich im Frühjahr vor Gericht verhandelt. «Das ist nicht die Art und Weise, wie ich die Tage verbringen möchte, die dafür nötig sein werden. Aber ich bin zuversichtlich, was unsere Position angeht», sagt Altman.
Altman war zwar der Meinung, dass die Gründung eines gewinnorientierten Unternehmens für den Erfolg von Open AI notwendig war, aber es steht ausser Frage, dass auch er davon profitierte. Es stärkte seinen Einfluss und seine Macht – allerdings, sehr zur Verwunderung seiner Kritiker, nicht seinen Reichtum. Altman hatte bei der Gründung von Open AI keine direkten Anteile und hat auch heute noch keine, obwohl er bei der Umstrukturierung welche hätte übernehmen können. Warum? «Ich weiss es nicht. Ich habe keine gute Antwort darauf», sagt er. «Wahrscheinlich sollte ich einen Anteil übernehmen, nur damit ich diese Frage nie beantworten muss.» Er fügt hinzu, dass sein fehlender Anteil «eine äusserst verwirrende, wahnsinnige Verschwörungstheorie hervorruft».
Die Umstrukturierung hat Altmans ehemaligen Helden Musk zu einem erbitterten Feind gemacht, der umgehend «xAI» nutzte, um seinen Chat-GPT-Konkurrenten Grok zu entwickeln. Das als «wahrheitssuchendes» KI-Modell beworbene Programm ist in einen endlosen Sumpf von Kontroversen verstrickt, weil es falsche Narrative über den «Völkermord an Weissen» wiederholt, sich selbst als «Mecha-Hitler» bezeichnet und sexualisierte Bilder von Minderjährigen generiert – das Unternehmen entschuldigte sich später dafür. «Ich wünschte, sie würden die Dinge anders angehen. Es ist verrückt, wie viel Zeit er damit verbringt, uns anzugreifen», sagt Altman und beschwert sich über Musks Vorwürfe, Open AI handle nicht sicher: «Ihr eigenes Haus steht in diesen Dingen ständig in Flammen.»
Obwohl Altmans Neigung, mit Ideen, die ihn begeistern, voranzustürmen, ihn schon in Schwierigkeiten gebracht hat, ist sie auch ein Grundpfeiler seines Erfolgs. Nehmen wir zum Beispiel die Einführung von Chat GPT: Im Jahr 2022 hatte die Führung von Open AI gezögert, das Modell der Öffentlichkeit vorzustellen; mit dem Argument, es sei besser, auf ein leistungsfähigeres Modell zu warten. Es war Altman, der alle davon überzeugte, es doch zu tun. «Sam meinte: ‹Lasst es uns einfach versuchen!›», erzählt Brockman, Mitbegründer und Präsident von Open AI. Er erinnert sich, dass das Team am Abend vor der Markteinführung Vorhersagen darüber machte, wie es laufen würde. «Ich dachte, es würde sich als Strohfeuer erweisen», sagt Brockman heute – «Sam war immer überzeugt».
Wie die Bewertung von Open AI und die Prognosen für die Grösse des KI-Markts belegen, hätte der Zeitpunkt für die Markteinführung nicht besser sein können. Er ist «extrem vorausschauend», sagt Disneys Bob Iger über Altman. «Er vereint Geduld und Ungeduld ideal.»
Aber es gibt noch etwas anderes, das hier eine Rolle spielt: Altman kennt seine Geschichte. Sein Drang, Produkte schnell auf den Markt zu bringen, basiert auf seinen Studien über Xerox PARC, das legendäre Forschungslabor im Silicon Valley, das für die Erfindung der modernen grafischen Benutzeroberfläche, des Laserdruckers und der Computermaus bekannt ist, aber keines dieser Produkte kommerzialisieren konnte. «Man braucht einen wirtschaftlichen Motor im Zyklus», sagt Altman. «Ich glaube, es gibt wahrscheinlich viele grossartige Innovationen, die nie aus dem Labor herausgekommen sind, weil niemand die Arbeit geleistet hat, sie den Menschen zugänglich zu machen.»
Das ist etwas, woran er derzeit arbeitet. Die rudimentäre Textschnittstelle von Chat GPT geht auf Eliza zurück, einen Chatbot aus den 60er-Jahren, der berühmt-berüchtigt dafür war, einen Psychotherapeuten schlecht zu imitieren. Altman möchte ein völlig neues Paradigma erfinden, Geräte – die KI – zu einem unverzichtbaren Bestandteil unseres täglichen Lebens machen.
Zu diesem Zweck hat Open AI im Juli IO, das Hardware-Unternehmen von Jony Ive (dem Designer des iMacs, iPhones und der Apple Watch), für 6,5 Mrd. US-$ gekauft. «Sam versteht, dass die Benutzeroberfläche keine Dekoration ist», sagt Ive. «Sie definiert die menschliche Erfahrung.»
Ich glaube, es gibt wahrscheinlich viele grossartige Innovationen, die nie aus dem Labor herausgekommen sind, weil niemand die Arbeit geleistet hat, sie den Menschen zugänglich zu machen.
Sam Altman
Altman ist von dem Projekt begeistert, weigert sich jedoch hartnäckig, es zu beschreiben; das Team arbeitet in einem geheimen Büro im Stadtteil North Beach in San Francisco. Er spricht darüber fast mit der Abstraktion der «Grinsekatze» aus «Alice im Wunderland»: Er sieht eine Familie von Gadgets, die «extreme Kontextbewusstheit und proaktive Unterstützung» bieten. Es könnte einen «kleinen, freundlichen Begleiter» geben, der einen beobachtet, bei der Erledigung von Aufgaben hilft und allgemein das tägliche Erlebnis verbessert. An einer Stelle beschreibt er ein Gerät, das die perfekte Auswahl der Artefakte getroffen hätte, die er zuvor vorgeführt hat. Es würde sagen: «Ich weiss, worüber Sam in letzter Zeit nachgedacht hat, worüber er sich wahrscheinlich freut», sagt er. «Ich habe auch beobachtet, wohin sein Blick im Raum wandert», wird das Gerät weiter zitiert.
Das könnte aber alles eine Irreführung sein. Altman ist bekannt für sein «Shiny Object Syndrome» – und die Herausforderung, Geräte zu entwickeln, die dazu beitragen könnten, die menschliche Erfahrung zu definieren, ist nicht ohne Risiko. Das Silicon Valley kennt zahlreiche «weltverändernde» Fehlschläge – den Segway-Roller, die masslos überbewertete Augmented Reality von Magic Leap und in jüngerer Zeit den albernen tragbaren KI-Assistenten-Pin von Humane (einem von Altman unterstützten Unternehmen). «Es könnte floppen», räumt Altman ein. «Es gab in der Geschichte nicht viele Fälle, in denen Menschen eine grundlegend neue Computer-Schnittstelle entwickelt haben.»
Es könnte auch schädlich sein. Open AI wurde dafür kritisiert, Produkte ohne angemessene Sicherheitsprüfungen auf den Markt zu bringen und Funktionen anzubieten, die das Engagement über das psychische Wohlbefinden stellen. Das Unternehmen wurde in mehreren Klagen wegen widerrechtlicher Tötung genannt, in denen behauptet wird, Chat GPT habe Selbstverletzung und Selbstmord direkt gefördert und/oder erleichtert. Viele argumentieren, dass die riesigen Rechenzentren, die Chat GPT benötigt, stromfressende, wasserverschwendende Umwelt-Albträume sind. Open AI hat sich immer schnell entschuldigt und versprochen, sich zu bessern – aber es ist schwer, darin kein Muster zu erkennen.
Im Dezember sorgten Altman und Iger im Silicon Valley und in Hollywood für Aufsehen, als sie eine Vereinbarung bekannt gaben, wonach Open AI Lizenzen für Figuren aus dem Disney-Universum – darunter Mickey Mouse, Darth Vader und Cinderella – für die Verwendung in der Sora-App von Open AI erwerben darf, die mithilfe von KI aus einfachsten Eingaben realistische Videos generiert. Es war eine überraschende Allianz, da Disney für den strengen Schutz seines geistigen Eigentums bekannt ist und Hollywood KI im Allgemeinen als existenzielle Bedrohung betrachtet.
Die Vereinbarung, über die mehr als ein Jahr lang verhandelt wurde, ermöglichte es Disney unter anderem, von Sora generierte Videos in seinen Streamingdienst Disney Plus aufzunehmen. Ausserdem überzeugte Altman den Unterhaltungsgiganten, eine Kapitalbeteiligung in Höhe von 1 Mrd. US-$ an Open AI zu erwerben, wodurch der KI-Gigant den magischsten Segen Hollywoods erhielt. «Sam wollte dies als Zeichen des Vertrauens und im Wesentlichen zur Stärkung der Partnerschaft; und um eine Situation zu schaffen, in der Disney ein bisschen mehr auf dem Spiel hatte», sagt Iger.
Dies spricht auch für Altmans Einfluss, der parallel zu dem von Open AI stark zugenommen hat. Am ersten Tag der zweiten Amtszeit von Präsident Trump erschien Altman zusammen mit Trump, Oracle-Mitbegründer Larry Ellison und dem milliardenschweren Tech-Investor Masayoshi Son von Softbank im Weissen Haus, um das Projekt Stargate vorzustellen, ein kühnes Projekt im Umfang von 500 Mrd. US-$ zur Förderung der KI-Infrastruktur in den USA. Es war ein extravaganter Schritt, der zu einem maximalistischen Präsidenten und einem risikofreudigen Investor wie Son passte. Aber es war Altman, der noch grösser denken wollte. «Wir haben darüber diskutiert und er sagte: ‹Noch mehr ist noch besser!›», erzählte Son Forbes.
Altman sagt, dass die Zusammenarbeit mit Trump in Sachen KI einfach sei, obwohl die nationalistische Politik der Regierung nicht ganz mit seiner eigenen oder der von Open AI übereinstimmt. «Seine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass Amerika gewinnt. Und ich sehe unsere Mission als eine Aufgabe für die gesamte Menschheit», sagt Altman. «Da gibt es gewisse Gegensätze.»
Da Open AI jedoch für die Zukunft eine weitreichende Expansion anstrebt, gibt es auch einige Synergien in ihren expansionistischen Tendenzen. Über Chat GPT, Sora und was auch immer Jony Ive wirklich entwickelt hinaus baut das Unternehmen einen massgeschneiderten KI-Chip, eine Social-Media-Anwendung, die mit X konkurrieren soll, und erwägt sogar humanoide Fabrikroboter. Im Januar kündigte Open AI eine Reihe von Software-Tools für Gesundheitsorganisationen und ein Freemium-Geschäftsmodell mit Werbefinanzierung für Chat GPT an. Mark Chen, Chief Research Officer bei Open AI, erklärte gegenüber Forbes, dass das Unternehmen im kommenden Jahr einen KI-Forschungsassistenten entwickeln möchte, der seinem Team dabei helfen soll, seine Ideen schneller umzusetzen.
«Wir streben ein System an, das in der Lage ist, selbstständig Innovationen zu entwickeln», sagt Altman. «Ich glaube nicht, dass die meisten Menschen weltweit bereits verstanden haben, was das bedeuten wird.» Kritiker sehen all dies und sagen, Altman versuche nur, Open AI zu gross zu machen, um scheitern zu können – ein Argument, das seine Verbündeten zurückweisen. «Ich glaube nicht, dass es einen geheimen Plan gibt», sagt Bret Taylor, Vorsitzender von Open AI; «die Menschen sind einfach sehr begeistert von den Auswirkungen der KI auf die Menschheit.»
Paul Graham glaubt, dass es einfach Altmans Natur ist: «Wenn er eine Chance sieht, die nicht genutzt wird, fällt es ihm sehr schwer, sie nicht zu ergreifen», sagt er und merkt an, dass sein ehemaliger Schützling eine besondere Schwäche für Dinge hat, die unterbewertet sind: «Ich wette, es fällt ihm schwer, dem Kauf von Gewerbeimmobilien in San Francisco zu widerstehen.»
Altman hält Anteile an mehr als 400 Unternehmen, was auf einen gewissen Mangel an Fokus hindeuten könnte. Mehrere Mitarbeiter von Open AI äussern gegenüber Forbes ihre Befürchtung, dass das Unternehmen zu schnell zu viel erreichen wolle. Sie machen sich Sorgen um dessen Fähigkeit, im Modellwettlauf die Nase vorn zu behalten, insbesondere nach «GPT-5», das weithin als enttäuschend angesehen wurde. Und sie waren erschüttert, als Apple sich für die KI-Modelle von Google entschied, um die nächste Generation von Siri anzutreiben – ein Deal, den Open AI eigentlich schon in der Tasche hatte, da es bereits das Apple-Intelligence-Angebot des iPhone-Herstellers mit seiner Technologie versorgte. «Ja, das war nicht toll. Viele von uns dachten, das wäre eine beschlossene Sache», sagt ein Ingenieur.
Altman seinerseits sagt, er konzentriere sich «zu 110 %» auf Open AI und dessen Kernaufgabe, die AGI, die praktischerweise schwer zu definieren ist und drei oder 30 Jahre oder sogar noch länger entfernt sein könnte. An einer Stelle erklärt er einfach den Sieg: «Wir haben im Grunde genommen die AGI gebaut oder sind sehr nah dran.»
Auf diese Behauptung angesprochen gibt Microsoft-CEO Satya Nadella einen Realitätscheck: «Ich glaube nicht, dass wir auch nur annähernd so weit sind wie AGI», sagt er mit einem Lächeln. «Wir haben einen guten Prozess etabliert. Es geht nicht darum, dass Sam oder ich das verkünden.» Selbst als einer der wichtigsten Partner von Open AI räumt Nadella ein, dass es natürlich «Reibungen» gibt, da die Unternehmen im Bereich KI miteinander konkurrieren. «Es wird Grauzonen geben», sagt er. «Der Begriff ‹Freinde› ist meiner Meinung nach eine gute Beschreibung für die Beziehung.»
Ein paar Tage später rudert Altman zurück. «Ich habe das als spirituelle Aussage gemeint, nicht wörtlich», sagt er. Um AGI zu erreichen, seien «viele mittelgrosse Durchbrüche» erforderlich, räumt er ein. «Ich glaube nicht, dass wir den einen grossen brauchen.»
Altman ist sich bewusst, dass seine Beweggründe für manche verwirrend sein können. Es sei «schwer zu sagen, was in seinem Kopf vorgeht», sagt Graham, sein langjähriger Mentor, von dem man meinen würde, dass er zumindest eine ungefähre Vorstellung davon hat. Die Beharrlichkeit des Open-AI-CEOs, sofort und aggressiv zu skalieren, zieht oft Kritik nach sich. Nehmen wir zum Beispiel seine Schlagzeilen machende Zusage, in den nächsten acht Jahren 1,4 Bio. US-$ auszugeben, hauptsächlich für KI-Chips und -Rechenzentren: Seiner Meinung nach ist es «offensichtlich», dass diese Summe und diese Rechenleistung notwendig sind, um mit dem exponentiellen Wachstum der KI-Nutzung Schritt zu halten. «Der Rest der Welt denkt dann: ‹Das scheitert an der finanziellen Realität!› Und ich glaube nicht, dass ich besonders gut darin bin, diese gegensätzlichen Perspektiven im Blick zu behalten», sagt Altman.
Altman hat einen ziemlich einfachen Nachfolgeplan für Open AI: Er will das Unternehmen an ein KI-Modell übergeben. Wenn das Ziel darin bestehe, künstliche Intelligenz so weit zu entwickeln, dass sie Unternehmen leiten könne, fragt er, warum dann nicht sein eigenes? «Ich würde dem niemals im Weg stehen», sagt Altman. «Ich sollte derjenige sein, der dazu am ehesten bereit ist!»
Und was dann? Er sagt, er habe keine beruflichen Ambitionen ausserhalb von Open AI, mit einer Einschränkung: In einer Welt nach der AGI könnte er vielleicht Leidenschaft für eine neue Art von Arbeit finden, die es noch nicht gibt. «Die Dinge, die ich wirklich erreichen wollte, habe ich grösstenteils erreicht», sagt Altman. «Ich habe das Gefühl, dass ich zu diesem Zeitpunkt um Bonuspunkte spiele.»
Text: Richard Nieva und Anna Tong / Forbes US
Fotos: Cody Pickens für Forbes