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Thomas Taroni baut mit seinem Team an der Schnittstelle von Quantencomputing, künstlicher Intelligenz und souveräner Cloud-Infrastruktur: Phoenix Technologies entwickelt ein Betriebssystem für Super- und Quantencomputer – die «letzte Meile», die Hochleistungsrechner für Unternehmen nutzbar macht. Sein Antrieb? Zu zeigen, dass ein solches Unternehmen in der Schweiz und Europa machbar ist. Doch die Konkurrenz schläft nicht.
Der Gemeindepräsident bezeichnete die Gegend vor ein paar Jahren gegenüber Medien als «verschlafene Ecke» – und auch heute wirkt Arlesheim, nur einen Steinwurf von Basel entfernt, auf den ersten Blick nicht wie das Zentrum der Zukunft. Doch der Schein trügt, denn der Industriepark Uptown Basel soll eine wichtige Rolle in der Entwicklung von Zukunftstechnologien in der Schweiz spielen: Der Basler Geschäftsmann Thomas Staehelin gab 2019 bekannt, gemeinsam mit seiner Frau Monique rund eine halbe Milliarde CHF in das Areal zu investieren.
Der Fokus liegt auf Industrie 4.0, mit Fokus auf Gesundheitswesen, Logistik und generell Digitalisierung. Das Kernstück des Areals: der erste kommerziell genutzte Quantencomputer-Hub der Schweiz. Mittendrin: Thomas Taroni. Der Mitgründer und Executive Chairman von Phoenix Technologies weiss genau, dass ein solches Umfeld für den Erfolg seines noch jungen Unternehmens entscheidend sein kann. Das zeigt sich auch an der zweiten Niederlassung, quasi dem «Zuhause» von Phoenix: dem Technopark in Zürich. In Zürich trifft Forbes Taroni beim zweiten Interview und Fotoshooting – das erste Gespräch fand in Basel statt.
Beide Locations sind aus zwei Gründen für Taroni wichtig: Einerseits wegen der Nähe zu anderen innovativen Playern; andererseits aber auch, um mitzuhelfen, dass solche Ökosysteme überhaupt entstehen können. «Man muss einen Magneten bauen, um andere Firmen und Partner auf einem Areal anzuziehen. Dadurch, dass wir hier sind, erfüllen wir neben reiner Technologieentwicklung eben auch die Funktion, Standorte attraktiv zu machen. Das ist ganz wichtig», so Taroni.
Laut Taroni baut sein Unternehmen die «letzte Meile» in der Nutzung von Quanten- respektive Supercomputern: «Wir haben ein Betriebssystem für Supercomputing-Cloud-Systeme entwickelt.» Soll heissen: Phoenix baut für Kunden ein Operating System, damit diese die Rechenleistung von Hochleistungscomputern nutzen können. Das ist vor allem für Unternehmen interessant, die hohe Rechenleistungen benötigen und mit sensiblen Daten arbeiten. Nicht umsonst kommt der Grossteil der Kunden von Phoenix aktuell aus der Pharma- bzw. der Finanzbranche – und mehrheitlich aus der Schweiz.
Dabei versteht Taroni den Ansatz aber nicht als Entweder-oder: «Alle unsere Kunden nutzen irgendeine Public Cloud – und unsere Lösung. Das, was hochsensibel oder regulatorisch schwierig ist, läuft bei uns; andere Themen laufen wiederum in der Public Cloud.»
Phoenix Technologies hat Grosses vor: Mit rund einhundert Mitarbeitern erwirtschaftete das Gründerteam rund um Taroni sowie seine Mitgründer Carla Bünger, Bruder Stefan Taroni sowie CEO Angel Nunez Mencias im Jahr 2025 Umsätze im mittleren zweistelligen Millionenbereich; ARR wohlgemerkt, also «Annual Recurring Revenue», was jährlich wiederkehrenden Abo-Umsatz bezeichnet. Vor drei Jahren lag diese Zahl noch im mittleren einstelligen Millionenbereich, das Wachstum ist also rasant. Konkrete Zahlen will Taroni im Gespräch nicht kommentieren, das Ziel für 2026 sei aber klar: Den Umsatz weiterhin deutlich erhöhen – bis Jahresende soll der Umsatz im hohen zweistelligen Millionenbereich liegen. Gleichzeitig überdenken Taroni und sein Team auch den bisher konservativen Ansatz, was Fremdkapital angeht. Denn Wachstum braucht in diesem Bereich enorme Summen an Kapital – nur so kann Phoenix sicherstellen, dass man im Wettrüsten «der Grossen» mithalten kann.
Die Vereinten Nationen ernannten das Jahr 2025 zum «International Year of Quantum Science and Technology». So wollte man das hundertjährige Jubiläum der Entwicklung der Quantenmechanik feiern. Die Zahlen zeigen, welches Potenzial Investoren der Technologie zusprechen: 2024 lag der von Quantencomputing weltweit erzielte Gesamtumsatz laut dem Beratungshaus McKinsey noch bei vier Mrd. US-$; bis 2035 könnte diese Zahl auf bis zu 72 Mrd. US-$ wachsen. Der Markt für Quantentechnologie als Ganzes, also zusätzlich auch Quantenkommunikation sowie Quantensensoren, könnte dann sogar rund 100 Mrd. US-$ an Jahresumsatz erwirtschaften.
Etwas vereinfacht erklärt beruht unsere digitale Welt auf einem einfachen Prinzip: 0 oder 1. Klassische Computer arbeiten mit Bits, die ausschliesslich einen dieser beiden Zustände annehmen können. Doch die Realität funktioniert selten binär – sie ist geprägt von Unsicherheit, Zwischentönen und Wahrscheinlichkeiten; etwas, das selbst Supercomputer nur begrenzt abbilden können. Genau an diesem Punkt setzt die Quantenmechanik an. Quantencomputer arbeiten mit sogenannten Qubits, die nicht nur 0 oder 1 sein können, sondern beides zugleich. Diese Eigenschaft, Superposition genannt, erlaubt es, Rechenoperationen durchzuführen, die Unsicherheit direkt miteinbeziehen.
Ein anschauliches Bild ist der Münzwurf: Während eine liegende Münze eindeutig Kopf oder Zahl zeigt, befindet sich die geworfene Münze in der Luft in einem Schwebezustand – sie ist gewissermassen beides zugleich. Qubits verhalten sich wie diese rotierende Münze. Zusätzlich können sie miteinander verschränkt sein, sodass der Zustand eines Qubits unmittelbar mit dem eines anderen verbunden ist. Dadurch lassen sich Probleme berechnen, an denen klassische Computer scheitern würden – etwa die Simulation komplexer Moleküle für die Medikamentenentwicklung.
Wir können nicht irgendwo günstig outsourcen. Wir brauchen die Besten, sonst funktioniert die Technologie gar nicht.
Thomas Taroni
Angesichts deutlich erhöhter Ansprüche an Geschwindigkeit und Rechenleistung versprechen sich Unternehmen Grosses. Das Potenzial ist auch für Phoenix Technologies riesig – denn der aktuelle Boom in Sachen KI macht die Technologie erst richtig nutzbar. Taroni: «Ein Quantencomputer alleine macht wenig Sinn, der produziert einfach nur enorm viele Daten. Man benötigt jedenfalls auch einen AI-Supercomputer. Man muss da noch optimieren, aber Quantum und AI beschleunigen sich gegenseitig. Über kurz oder lang wird das die Winning Technology sein.»
Das Geschäftsmodell von Phoenix Technologies ist zweiteilig: In der Cloudsparte mieten Unternehmen über Phoenix Technologies Infrastruktur und bezahlen je nachdem, wie viel und wie lange sie mieten. Das würde man als «Infrastructure-as-a-Service» bezeichnen. Taroni: «Die Kunden mieten im Prinzip hochsichere Spitzentechnologie; es ist ein Infrastruktur-Enablement.» Doch Computing-Leistung zu vermieten alleine ist ihm zu wenig. Deshalb baut Phoenix aktuell sein Angebot an KI-Tools stark aus. Das hat nicht nur damit zu tun, dass die Kunden das nachfragen, sondern auch mit einer Art Signalling: «Wenn wir kein AI-Angebot haben, glauben uns manche Kunden gar nicht, dass wir die komplexen Cloudservices beherrschen.»
Gleichzeitig entwickelt sich KI so schnell, dass gewisse Workflows, die bisher in der Cloud gelöst wurden – Taroni nennt etwa ganze ERP-Systeme (Enterprise Resource Planning) –, durch AI ersetzt werden. Mit den beiden Geschäftsfeldern ist Phoenix Technologies stabil aufgestellt. Für die KI-Produktpalette nutzt Phoenix einen klassischen Software-as-a-Service-Ansatz. Was genau Phoenix anbieten kann, unterscheide sich nicht massgeblich von dem, was grosse Player wie Microsoft oder Amazon Web Services bieten: «Man erhält bei uns dasselbe Feature-Set auf die gleiche Weise. Das ist eigentlich crazy, dass wir das hier in der Schweiz hinbekommen haben.«
Taroni spricht einen USP von Phoenix an, der in den Gesprächen immer wieder aufkommt: Unabhängigkeit und Souveränität. Einerseits kann Phoenix Technologies die Rechenleistung zu 100 % in der Schweiz abbilden, was vor allem in Zeiten turbulenter Geopolitik für viele Unternehmen entscheidend ist. Gleichzeitig seien aber auch viele Unternehmen von grossen Playern, in der Regel aus den USA, abhängig. Das sei bei Phoenix nicht der Fall: «Wir haben keinen Vendor-Lock-in, keine Abhängigkeit vom Markt. Das macht uns, ausserhalb der USA, in gewisser Weise einzigartig.»
Thomas Taroni wuchs in einem Bergdorf in den Walliser Alpen auf. Seine Faszination für Technologie und dafür, wie die Dinge funktionieren, zeigte sich früh: Als Kind bekommt er einen Computer geschenkt – statt ihn einzuschalten, zerlegt Taroni das Gerät, um zu sehen, was sich darin verbirgt. Er baut den Computer schliesslich wieder zusammen, die Faszination, «hinter die Kulissen» zu blicken, blieb aber. Taroni betreibt viel Wintersport, insbesondere das Snowboarden ist bis heute eine grosse Leidenschaft. Als wir ihm wegen einiger Nachfragen am Wochenende schreiben, antwortet er, dass er diese abends beantworten könne – er habe noch in der Snowboardschule ausgeholfen.
Mit zwölf Jahren fängt er an, Computerspiele zu spielen, und merkt, dass man mit etwas Programmierwissen grosse Vorteile hat, um die Regeln zu den eigenen Gunsten zu «biegen». Nach der Schule fängt
Taroni dann mit eigenen technischen Projekten an. 2004 startet er mit seinem Bruder die erste Firma, die Software baut. Später fokussiert er sich dann darauf, Datencenter zu «retten» – er kommt ins Spiel, wenn Unternehmen die Hoffnung quasi schon verloren haben, und schafft es oft, die Daten zur Gänze wiederherzustellen. Der heutige Unternehmensname «Phoenix» stammt aus dieser Zeit – quasi die Wiederauferstehung von totgeglaubten Datensets.
Mehrere Subunternehmen, die von Bünger sowie den Taroni-Brüdern gegründet wurden, werden 2018 zu Phoenix Technologies zusammengezogen. Seine frühen Erfahrungen prägen auch Taronis Blick auf die heutige Arbeit des Unternehmens: «Ich glaube, dass jedes System hackbar ist. Die entscheidende Frage ist aber nicht, ob es hackbar ist, sondern wie lange man den Angriff hinauszögern kann, bis er nicht mehr relevant ist. Viele glauben, Technologie ist absolut sicher, aber das ist nicht die Realität. Es geht immer darum, möglichst viel Zeit zu gewinnen.»
Neben kommerziellen Kunden ist Phoenix auch
mit einem «öffentlichen» Auftrag betraut: dem Hosting von Apertus, dem einzigen Large Language Model (LLM) der Schweiz. Das Modell wurde von der EPF in Lausanne, der ETH Zürich und dem Swiss National Supercomputing Centre (CSCS) entwickelt. Für Unternehmen und Organisationen in regulierten Branchen bedeutet dies, dass sie generative KI nutzen können, ohne auf ausländische Plattformen angewiesen zu sein oder Daten ausserhalb der Schweiz zu verarbeiten. Technisch kombiniert die Lösung ein Open-Source-LLM mit der Hochleistungsinfrastruktur von Phoenix Technologies. Taroni: «Zu lange standen Schweizer Unternehmen vor einer schwierigen Entscheidung: entweder mit ausländischer KI innovativ zu sein und die Datenhoheit zu riskieren oder ins Hintertreffen
zu geraten. Heute ist diese Entscheidung überholt:
Man kann den souveränen Weg wählen, falls man möchte.»
Taroni sieht seine Rolle dezidiert nicht als jene des CEOs. Offiziell trägt er den Titel Executive Chairman, doch er will frei von operativen Zwängen sein: «Innovation ist heute die wichtigste Komponente, um am Markt erfolgreich zu sein. Die operative Umsetzung hat für mich persönlich an Magie verloren. Die Zukunft erkennen und diese dann schnellstmöglich in ein funktionierendes Businessmodell umzusetzen ist es, was mich antreibt.» Ein Vorteil: Die Mitarbeiter sprechen seine Sprache. Von den rund hundert Menschen, die heute für Phoenix arbeiten, sind 80 % Ingenieure. Auf die Frage, ob Outsourcing ein Thema ist, also etwa einen Entwickler-Hub in Osteuropa oder Asien zu eröffnen, schüttelt Taroni den Kopf: «Wir können nicht irgendwo günstig outsourcen. Wir brauchen die Besten, sonst funktioniert diese Technologie gar nicht.» Um all das auch in Zukunft stemmen zu können, müssen Taroni und Co aber von einem Prinzip abweichen, das bisher gut funktioniert hat: Wachstum aus eigener Kraft.
Denn ungewöhnlich für Deeptech-Unternehmen ist, dass Phoenix es bisher geschafft hat, aus eigenen Mitteln zu wachsen. Das Unternehmen ist heute noch zu einem sehr grossen Teil im Besitz der Gründer, Schweizer Family Offices halten zudem einen Minderheitsanteil an Phoenix. Sprich: Es wurden bisher keine grossen Investitionsrunden durchgeführt. Doch die Weiterentwicklung der Technologie und des Teams kosten Zeit und Geld. Aktuell prüft Phoenix daher eine Finanzierungsrunde; die Bewertung wird vertraulich behandelt. Taroni verweist auf laufende Gespräche und will sich dazu nicht äussern.
Das Geld würde nicht nur in Infrastruktur gesteckt werden – kürzlich kaufte Phoenix einen Supercomputer um einen zweistelligen Millionenbetrag –, sondern auch in Expansion. Taroni kann sich vorstellen, die Schablone, die in der Schweiz funktioniert, auch in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden oder anderen europäischen Märkten anzuwenden: «Wir wollen ein europäischer Anbieter von Cloudservices sein; dabei aber jeweils datensouverän bleiben können.»
Branchenübliche Multiples liegen deutlich im zweistelligen Bereich (auf den Umsatz), weshalb eine Unternehmensbewertung von einer Mrd. CHF (oder mehr) – sofern die Ziele für 2026 erreicht werden – durchaus im Bereich des Möglichen liegt. Auch hier winkt Taroni aber ab und will Spekulationen um eine Unternehmensbewertung nicht kommentieren. Dass ein Exit früher oder später ein Thema sein könnte, ist Taroni klar: «Als Firma brauchst du natürlich ein Exit-Szenario für Investoren, sonst geht das nicht. Am Ende des Tages will jemand, der investiert, auch wieder raus – im Normalfall mit mehr, als er investiert hat.»
Doch was treibt Taroni eigentlich an? «Ich höre immer wieder die Frage: ‹Warum machst du das?› Ich will einfach zeigen, dass es geht. Natürlich will ich die Welt verbessern, automatisieren, verschnellern, aber am Schluss will ich zeigen, dass es geht – also dass man in der Schweiz ein Hightech-Unternehmen gründen kann; und dass man in Europa eine solche Cloud bauen kann.»
Vielleicht findet sich seine Motivation aber auch in etwas Einfacherem – etwas, das Taroni schon im Kinderzimmer beim Zusammenbauen seines Computers Spass gemacht hat: «Ich hatte immer meine Freude, wenn das grüne Lämpchen leuchtet und zeigt, dass die Kiste wieder läuft.»
Fotos: Florian Spring