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Gold hat wieder Hochkonjunktur. Steigende Staatsverschuldung, geopolitische Bruchlinien, fragile Banken, politisch motivierte Geldpolitik – in solchen Phasen greifen Anleger reflexartig zum Edelmetall. Gold gilt als Urform der Absicherung, als Vermögenswert jenseits politischer Willkür – und genau hier beginnt das intellektuelle Problem: Immer dann, wenn eine Anlage von der Mehrheit als «sicher» wahrgenommen wird, steigt nicht ihre Sicherheit, sondern ihre Verwundbarkeit.
Oft hört man, Gold habe keine Rendite. Das ist so nicht haltbar: Historisch hat Gold reale Renditen erzielt, auch nach Inflation. Nicht stetig, nicht planbar, aber signifikant über lange Zeiträume. Gold ist ein Vermögensspeicher mit diskontinuierlicher, nicht linearer Ertragsstruktur. Seine Rendite entsteht nicht aus Produktivität, sondern aus Systemfehlern. Es liefert keine Zinsen, keine Dividenden – es kompensiert. Es springt an, wenn Vertrauen zerbricht. Wer Gold wie eine Aktie bewertet, verfehlt den Punkt; wer es als Versicherung gegen monetäre Dummheit und politisches Versagen begreift, kommt näher an die Wahrheit.
Besonders aufschlussreich ist der Blick auf jene Akteure, die das System von innen kennen: Zentralbanken. Seit Jahren kaufen sie in grossem Stil Gold. Nicht aus Nostalgie, sondern aus nüchterner Risikoabwägung. Weil Gold kein Gegenparteirisiko trägt. Weil es kein Versprechen ist, sondern Besitz. Weil es ausserhalb des Schuldensystems steht. Wenn die Emittenten von Fiat-Geld beginnen, sich gegen ihr eigenes Produkt abzusichern, ist das ein strukturelles Warnsignal. Sie kaufen Gold nicht, weil sie den nächsten Preissprung prognostizieren, sondern weil sie wissen, wie fragil das globale Finanzsystem konstruiert ist. Sie denken nicht in Rendite, sondern in Überlebensfähigkeit.
Der Mythos vom «sicheren Hafen» entsteht aus Vereinfachung. Das Metall verändert sich nicht – was sich verändert, sind Erwartungen, Narrative und Angstpegel. Fragilität entsteht dabei nicht durch Volatilität, sondern durch Konsens: Wenn alle Marktteilnehmer dasselbe glauben, entsteht kein Schutz, sondern Klumpenrisiko. Gold schützt vor Währungsentwertung, Schuldenschnitten, Vertrauensverlust in Papiergeld. Es schützt nicht vor allem. Es kann politisch reguliert, besteuert oder marginalisiert werden. Gold ist robust, es profitiert aber nicht automatisch vom Chaos. Es überlebt es.
Viele Anleger kaufen Gold nicht aus Analyse, sondern aus Unbehagen. Ein diffuses Gefühl ersetzt eine saubere These. Doch wer Gold ohne klares Warum hält, wird es im falschen Moment verkaufen. Absicherung ohne Überzeugung ist Selbsttäuschung.
Ist Gold also überbewertet? Die ehrliche Antwort: Das ist die falsche Frage. In einem hoch verschuldeten System mit strukturell negativen Realzinsen ist Gold rational. In einem Umfeld stabiler Institutionen und real positiver Verzinsung verliert es an Attraktivität. Der Fehler liegt darin, Gold entweder zu glorifizieren oder zu verdammen. Beides ist bequem – beides ist falsch.
Die unbequeme Wahrheit ist dialektisch: Gold ist gleichzeitig sicher und riskant – robust als Beimischung, fragil als Heilsversprechen. Wirkliche Sicherheit entsteht nicht durch ein einzelnes Asset, sondern durch Struktur. Durch Diversifikation, die nicht aus vielen gleichen Risiken besteht. Durch die Bereitschaft, Unsicherheit auszuhalten, statt sie mit Symbolen zu überdecken. Gold ist ein Werkzeug. Kein Dogma. Kein Rettungsboot für Denkfaule. Überbewertet ist nicht das Metall – überbewertet ist der Glaube, man könne sich von Komplexität freikaufen.
Ronny Wagner
CEO
Gründer Schule des Geldes e.V.