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Welche Rolle spielen Design und Markenbildung in Zeiten künstlicher Intelligenz? Und was bedeutet es heute, „kreativ“ zu sein, wenn die KI in der Wahrnehmung von immer mehr Menschen alles besser gestalten kann? Wir sprachen mit Justus Oehler, Partner der weltweit renommierten Design- und Branding-Agentur Pentagram.
Als er das Telefon abhebt, sitzt Justus Oehler am Flughafen und wartet auf seinen Anschlussflug nach Berlin. „Ich schaue gerade auf den Flieger, in den ich gleich einsteigen werde, mit unserem Star-Alliance-Logo drauf“, sagt er. Kenner wissen: Es geht dabei um einen Branding-Prozess, der vor gut 20 Jahren auf den Weg gebracht wurde – und bis heute mit kleinen Adaptionen dennoch kontinuierlich anhält. „Nach so vielen Jahren, die ich diesen Kunden bereits begleite, bin ich mittlerweile zu so etwas wie dem Beschützer dieser Marke geworden, das ist schon wieder interessant“, sagt Oehler, den wir am Heimweg von einem Partnertreffen in den Vereinigten Staaten kurz sprechen, um mit ihm einen Interviewtermin zu vereinbaren. „Eines vorneweg“, sagt er: „Wir haben in den USA eingehend über die künstliche Intelligenz gesprochen; und über die Konsequenzen, die sie für unseren Job mit sich bringt.“
Einige Wochen später treffen wir den 64 Jahre alten langjährigen Partner der weltweit renommierten Design-Agentur Pentagram sowie leidenschaftlichen Multiinstrumentalisten in seinem Haus in Berlin-Zehlendorf. Es ist ein feucht-kühler Tag in der deutschen Hauptstadt, die Wolken hängen tief, der Himmel ist grau. Als wir ankommen, steht die Haustür weit offen. Oehlers Lebensgefährtin macht sich gerade auf den Weg zum Einkaufen; sie verabschiedet sich, während wir in den schmalen Flur eintreten. Rechter Hand geht eine steile, schmale Treppe hoch in den ersten Stock, links geht es in die Küche. Oehler macht Kaffee und erzählt gleich vom Architekten seines Wohnhauses, das er vor einigen Jahren durch einen glücklichen Zufall erwerben konnte: Der 1978 in Wien verstorbene Architekt Arthur Korn war in den 1920er-Jahren ein Vertreter des sogenannten Neuen Bauens. „Zu dieser Zeit gab es sehr viele Bauprojekte, besonders viele in Berlin; in ganz Deutschland gehörten rund 500 Architekten dieser Gruppe an. Darunter waren viele Juden, und so auch Arthur Korn“, holt Oehler aus. 1935 flüchtete der Architekt vor den Nazis zunächst ins damalige Jugoslawien und baute sich einige Jahre später in London ein zweites Leben auf. Korn wurde Mitglied der Modern Architectural Research Group (MARS-Gruppe), widmete sich fortan der Stadtplanung und unterrichtete von 1945 bis 1965 an der Architectural Association School.
Zahlreiche Gebäude der damaligen Zeit, Wohnhäuser wie auch gewerblich genutzte Bauten, wurden von den Nazis, „durch den Krieg und auch heute noch dem Erdboden gleichgemacht. Und von den Wohnhäusern dieses Stils stehen viele nicht mehr“, so Oehler weiter. „Gott sei Dank hat Korn überlebt und konnte sich in London eine zweite Karriere aufbauen“, sagt er. Wenn diese Menschen (nicht nur Architekten) überhaupt überlebt haben, konnten sie ihr Portfolio oder ihre Arbeiten in ganz vielen Fällen nicht retten und durften an ihren Fluchtorten oft gar nicht in ihren angestammten Berufen arbeiten; viele waren der neuen Sprachen auch nicht mächtig, so Oehler über jene, die den Nazi-Terror überlebt hatten und als Geflüchtete vielfach vor dem Nichts standen.
Sein heutiges Wohnhaus sei jedenfalls denkmalgeschützt, führt er fort und zeigt auf die doppelten Fenster mit ihren schwarzen Original-Handgriffen. Die Heizkörper wurden irgendwann später von einem der Vorbesitzer eingebaut, der Rest sei im ursprünglichen Zustand. „Manchmal zieht es wie in einem Vogelhaus“, sagt Oehler. „Vom Standpunkt des klimafreundlichen Wohnens aus betrachtet ist dieses Haus ein kompletter Albtraum!“, lacht er. Jeder vernünftige Mensch würde sofort doppelt verglaste Isolierfenster einbauen. Wenn man aber über die Geschichte und Schönheit dieses Hauses und seine perfekten Proportionen Bescheid wisse, so der Designer weiter, sei es ein Schatz, über den er sehr froh sei, ihn entdeckt zu haben.
Wir wechseln ins Wohnzimmer: Liv, Oehlers Katze, schläft in ihrem Körbchen. Sie ist krank, sagt Oehler; sie wird aber später für ein paar Streicheleinheiten auf seinen Schoss springen. Auf dem Tisch liegt eine geschnitzte Druckschablone aus Holz – mit buddhistischem Motiv. Behutsam dreht Oehler das Stück in seinen Händen und strahlt: „Das hing viele Jahre bei meinen Eltern; als sie gestorben sind, ging es dann an mich. Und dann habe ich das Stück umgedreht und erstmals gesehen, dass die Rückseite für Werbung genutzt worden war, was für mich ja deutlich interessanter ist als die Vorderseite.“ Tatsächlich handelt es sich dabei um ein Drucker-Modell für eine Reklame aus Japan, das aussieht, als wäre es mehr als 100 Jahre alt – ein Stück, das einiges über Oehlers Grosswerden preisgibt.
Justus Oehler wurde 1961 in Tokio geboren – als zweitältester von drei Brüdern. Sein Vater eröffnete die japanische Niederlassung des Goethe-Instituts in Nippons Hauptstadt. Es sei einer der grossen Wünsche des Germanisten gewesen, nach Asien zu gehen, zumal auch sein Vater, Oehlers Grossvater, als Missionar in China tätig gewesen war. Beruflich mit dem Goethe-Institut verbunden zu sein ähnle dem Leben von Diplomaten, erklärt Oehler seine Kindheit und Jugend: „Alle paar Jahre packt man seine Sachen und zieht um.“ So auch seine Familie – von Tokio ging es weiter nach Marseille, wieder nach Tokio und danach nach Athen, wo die Familie länger als die üblichen drei oder fünf Jahre bleiben durfte, weil zunächst Oehlers älterer Bruder dort Abitur machen sollte und danach er selbst. Zu Athen habe er aus diesem Grund bis heute ein ganz besonderes Verhältnis, sagt Oehler.
Richtungsweisend für seine spätere Karriere war seine absolut nicht vorhandene mathematische Begabung, die ihn davon abgehalten habe, Architektur zu studieren. Eher durch Zufall sei er zum Grafikdesign gekommen – an der Fachhochschule in München. Die Anfänge dürften allerdings nicht besonders prickelnd gewesen sein: „Zwei Jahre lang habe ich nicht gewusst, wo das alles hinführen soll. Da kam ich aus diesem Akademiker-Haushalt und habe Buchstaben gezeichnet und im Bleisatz gesetzt – bis ich im dritten Jahr dann einen Professor bekam, der uns im Corporate Design und Branding unterrichtete“, erzählt Oehler.
An der Hochschule lernte er über einen der Vorträge Rolf Müller kennen, der es seit seiner Mitarbeit an der visuellen Gestaltung der Olympischen Spiele 1972 zu internationaler Bekanntheit gebracht hatte. „Das war einer der angesagtesten deutschen Designer; er praktizierte auch in München. Und ich bin dann, weil er auch der Einzige war, den ich kannte, nach dem Diplom mit meiner Mappe zu seinem Büro hin und habe gefragt: ‚Wie wäre es?‘“ Von dort aus ging es für Oehler weiter nach London, für ein Master’s Degree. Die Arbeiten, die er aus den britischen Magazinen kannte – „es gab ja noch kein Internet“ –, sprachen ihn an. „Sie waren weniger dogmatisch und mehr ‚entertaining‘ als der deutsche Stil der damaligen Zeit“, erklärt er. Nach dem Abschluss heuerte Oehler bei Pentagram in London an, jener Agentur, die ihn am meisten beeindruckt hatte.
Unsere Rolle besteht heute auch darin, für dieses Design zu kämpfen.
Justus Oehler
Ein grosser Schritt, da historisch betrachtet in Grossbritannien vor allem dem Grafikdesign eine besonders wichtige Stellung zuteilwird. Oehler: „Generell hatte ich das Gefühl, dass Design immer dort wichtiger ist, wo nicht so viel produziert wird. Wenn du ein Auto baust, dann geht es um Produktdesign; wenn du kein Auto baust, dann ist die Verpackung des Autos wichtig. Und die Engländer sind Verpackungskünstler, die sind Kommunikationskünstler; die Deutschen sind eher Produktgestaltungskünstler. Im Grunde genommen ist in England eine ganze Industrie zu Hause, die sich darum kümmert, Inhalte und Produkte zu vermarkten und zu verpacken – verbal und illustrativ.“ Oehler war angekommen.
1996 kam eine Anfrage ins New Yorker Pentagram-Büro geflattert, in die auch die Fluglinie Lufthansa involviert war – ein Auftrag, der dem jungen, neuen Partner aus Deutschland zugeteilt wurde, der damals die Brand Identity von Star Alliance ins Leben rief und bis heute hütet. Das, was heute wie selbstverständlich anmutet, nämlich als Passagier innerhalb des Verbunds verschiedener Fluglinien Meilen zu sammeln, um so als „Senator“ klassifiziert zu werden und in den Genuss der damit verbundenen Vorzüge zu kommen, gab es damals noch nicht. Es wurde also ein multiples „Code-Share Agreement unter den Linien geschlossen“, erzählt Oehler, der später den heute gängigen Begriff „Alliance“ für diesen Verbund der Fluglinien erfand. Im Augenblick seien es 26, sagt er. Jede Adaption des Markenbildes, jedes Branding-Detail wird von Oehlers Team bearbeitet und im Brand-Book aktualisiert. Das passiere fortwährend, so der Designer; und auch, dass daraus neue Produkte entstehen, die benannt und gestaltet werden wollen. „Star Alliance ist als Alliance Brand vergleichbar mit Relais & Châteaux“, sagt Oehler, dieser kleinen Lilie als Qualitätsmerkmal, die sich am Eingang von so manchem Hotel auf der Welt findet und Mitgliedern Vorteile aller Art bietet.
Heute, viele Jahre nach der Entstehung der Brand Star Alliance, sieht Oehler sich selbst und Pentagram auch als Wächter ihres Schaffens: „Unsere Rolle bestand und besteht auch darin, für dieses Design zu kämpfen.“ Bestrebungen, das Logo mit jedem Jubiläum zu verändern, gab es genügend, sagt der Designer. „Und dann haben wir gesagt: ‚Also Coca-Cola würde so was nicht machen!‘“ Und so wurde Pentagram auch zum Gedächtnis dieser Marke – was in Anbetracht einer immer weiter ins Feld rückenden künstlichen Intelligenz nicht ganz unerheblich sei, so Oehler weiter. Beim globalen Pentagram-Meeting in Austin ging es genau darum.
Braucht es die Arbeit, das Wissen von Designern in Zeiten von Chat GPT überhaupt noch? Was bedeutet Kreativität, wenn KI vermeintlich alles gestalten kann? Was die künstliche Intelligenz gut könne, so Oehler, sei es, Unmengen an Output aus bereits existierenden Daten zu generieren. Das heisst für den Designer, dass er oder sie mit der KI zumindest in einem Geschwindigkeitswettbewerb stehe. Heisst so viel wie: Der Output steigt, der Preis geht runter. Da die Quellen für diese Interpretationen aber bereits als Daten vorhanden sind, handelt es sich bestenfalls um eine Interpretation der Daten. Kreativ und lösungsorientiert – Grundvoraussetzungen guten Designs – sei da nichts; von Problemlösungskompetenz sei hier weit und breit keine Spur, sagt Oehler: „Wo ist denn hier die Tiefe?“
In den letzten Jahren kämen zunehmend Anfragen ins Haus, die direkt von Chat GPT abgeschrieben seien, so der Designer; auch Start-ups klopften bei Pentagram an, die für vollkommen unausgereifte Ideen plötzlich viel Geld bekommen hätten und ihr bestehendes Logo aufhübschen wollten, haut Oehler eine Schnurre nach der anderen raus. „Diese eklatante Uninformiertheit und fehlende Erfahrung zerstört einfach viele Branchen und zeigt das Missverständnis zwischen dem, was wir machen, was wir können und können sollten, und dem, was man erwarten kann“, so Oehler weiter. „Wenn du davon ausgehst, dass ein Stratege nur in Worten denkt und der Designer dann später nur das Bild dazu gestaltet, kommt so was dabei raus.“
Im Berliner Pentagram-Büro, das Oehler 2003 eröffnet hat, ist er nach wie vor mit seinem Team aktiv. Wie lange er weitermachen wolle? Er lasse das auf sich zukommen. Denn jetzt, wo er keine existenziellen Ängste mehr haben müsse, verspüre er wieder mehr Lust, zu arbeiten. „Aber eine Band würde mir auch unheimlich viel Spass machen!“, lacht er …
Fotos: Charlotte de la Fuente