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Das Zürcher Fintech GenTwo will der Technologiepartner der neuen Creator Economy in der Finanzbranche sein. Die Vision von Mitgründer und CEO Philippe A. Naegeli: Statt vorgefertigter Anlagelösungen bauen sich Kunden als «Creators» in Zukunft ihre eigenen Finanzprodukte. Der Markt wächst rasant und KI beschleunigt die Veränderung. Naegeli betont, dass GenTwo traditionelle Finanzakteure nicht ersetzen, sondern enablen will. Und GenTwo hat Grosses vor: 2027 soll die Expansion in die USA und nach Singapur erfolgen.
Philippe A. Naegeli ist dieser Tage viel unterwegs. Gerade kam der Mitgründer und CEO von GenTwo aus Miami zurück, wo er bei Kundenbesuchen unterwegs war. Zwar sind die USA aktuell noch nicht ganz oben auf der Prioritätenliste in Sachen Expansion für das Schweizer Fintech-Unternehmen; lange wird es aber nicht mehr dauern, bis der grösste Finanzmarkt der Welt in den Fokus rückt: «Wir sind jetzt in London live, die USA und auch Singapur stehen für 2027 auf dem Plan», so Naegeli.
Mit seiner Technologie bietet GenTwo Finanzunternehmen die Infrastruktur, um jedes Asset bank- und investierfähig zu machen. Dabei kreiert GenTwo eine Hülle, neudeutsch «Wrapper» genannt, mit deren Hilfe Assets gehandelt werden können. Die Mission adressiert dabei einen grösseren Trend, den GenTwo identifiziert hat: Die technologische Revolution führt dazu, dass der Finanzmarkt sich dreht; vom Seller’s zum Buyer’s Market.
«Früher wurde in alles investiert, was im ‹Regal› stand – weil es die Banken eben ins Regal gestellt haben», so Naegeli. Im Zuge der Massenpersonalisierung, die die Finanzbranche aktuell stark beschäftigt, verändere sich das aber: Kunden bauen sich quasi ihr eigenes Investmentprodukt und setzen dieses dann mithilfe der «grossen» Finanzinstitute um. Naegeli spricht in diesem Zusammenhang von einer entstehenden «Creator Economy in der Finanzbranche»; GenTwo stelle dabei die passende Technologie zur Verfügung. Naegeli wechselt ins Englische, um die eigene Mission zu umreissen: «In a world dominated by traditional finance, we’re creating and providing the rails for anyone to invest in what they believe in.»
«Creator Economy in Finance» heisst: Jeder kann in das investieren, woran er glaubt – wir bauen die Schienen dafür.
Philippe A. Naegeli
Die Parallele, die er im Interview bringt, ist jene von Spotify und Co: «Es ist wie in der Musikindustrie der ‹Streaming-Moment›: Es geht nicht mehr darum, dass man kauft, was man kriegt, sondern man kann wirklich auch selbst etwas bauen.»
Trotz geopolitischer Schwankungen und Verschiebungen wächst der Markt jedenfalls deutlich. Laut einer Analyse des Beratungshauses Oliver Wyman wird sich der «Total Addressable Market» von Assets – also das Universum von bankfähigen und noch nicht bankfähigen Assets – von 2020 bis 2030 auf bis zu 400 Bio. US-$ verdoppeln. Der Markt für verbriefte Investmentprodukte («Wrapped Products») könnte sich im gleichen Zeitraum auf bis zu 80 Bio. US-$ fast vervierfachen – der für GenTwo relevante Markt wächst also deutlich über dem Gesamtmarkt. Für Naegeli ist die Reise erst am Anfang: Er will GenTwo nicht als dominanten Player sehen, sondern als die unsichtbare Infrastruktur hinter Tausenden von neuen Finanzschöpfern.
Dabei fungiert GenTwo als technologisches Bindeglied, das es Finanzintermediären ermöglicht, jedes beliebige Asset – von Oldtimern und Kunst bis hin zu komplexen digitalen Strategien – in ein verbrieftes, bankfähiges Produkt zu verwandeln. Mit über 300 Kunden in 26 Ländern und mehr als 1.400 emittierten Produkten hat das Unternehmen bewiesen, dass die Nachfrage nach dieser «Mass Customization» real ist. Doch der Fokus hat sich weiterentwickelt: Man will nicht nur Assets bankfähig machen, sondern die Produkterstellung selbst demokratisieren: «Wir machen es so einfach wie einen Flug zu buchen.»
Um zu verstehen, wie Naegeli an diesen Punkt kam, muss man zurück zum Ursprung von GenTwo im Jahr 2018 blicken. Gemeinsam mit Patrick Loepfe gründete er das Unternehmen in der Überzeugung, dass das Finanzwesen den Kontakt zur Realität der Anleger verloren hatte. Die Menschen wollten in ihre Leidenschaften und Werte investieren, doch die Infrastruktur fehlte. In den ersten Jahren bauten sie mühsam die Rails, also die Schienen, auf denen diese neuen Produkte rollen konnten. Es war eine Phase der Aufklärung und des Aufbaus, in der sie gegen die Skepsis etablierter Institutionen ankämpften, die im «Assetization»-Trend eine Bedrohung sahen.
Heute hat sich diese Vision durch den Einsatz künstlicher Intelligenz massiv beschleunigt. Doch das bringt auch neue Herausforderungen mit sich – gerade wenn es um Finanzthemen geht, die in der Regel hochsensibel sind: «In einer Welt, in der die Komplexität der Branche Vertrauen frisst, ist die KI unser Werkzeug, um Komplexität zu reduzieren und neues Vertrauen zu schaffen», so Naegeli.
Diese höhere Geschwindigkeit bei höherem Vertrauen beschäftigt GenTwo auch intern: «Wir haben dieses Quartal eine Priorität bei GenTwo: das erste Produkt vom Language Prompt direkt bis zur Emission, Issuance, zu bringen.»
Naegeli sieht eine Welt, in der in naher Zukunft ein Berater oder Investor nicht mehr Wochen mit Papierkram verbringen wird, um eine Anlageidee umzusetzen. Stattdessen beschreibt er ein Szenario, in dem ein KI-Agent per Sprachbefehl – «from prompt to product» – innerhalb von nur drei bis fünf Minuten ein vollständig reguliertes und verbrieftes Produkt erstellt. Die Technologie ist bereits so weit, dass sie Term-Sheets entwirft und Daten in Echtzeit analysiert. Der Flaschenhals sind derzeit vor allem die psychologische Akzeptanz sowie die regulatorische Anpassung im Markt. «Heute spricht ein Kunde wahrscheinlich lieber noch mit dem Key-Account-Manager, zu dem er Vertrauen hat», sagt Naegeli; doch er ist sich sicher, dass sich das verändern wird: «Unsere Idee war vor drei Jahren noch Fiktion. Heute kann man damit rechnen, dass genau das kommen wird.» Der Human Touch wird dabei aber laut Naegeli eher verstärkt statt abgelöst: «Persönliche Beziehungen werden immer noch den Ton angeben – und zwar für lange, lange Zeit.»
Deshalb sieht Naegeli auch den klassischen Kundenberater bei einer Bank vor einer existenziellen Entscheidung: Wer nur Produkte aus einem Katalog verkauft, wird durch die KI ersetzt. Wer aber zum Ermöglicher von Kundenwünschen wird, wird in der neuen Ära florieren. Auch deshalb will Naegeli GenTwo keinesfalls – wie zu Beginn von etablierten Playern befürchtet – als Konkurrenten etablieren. Vielmehr soll das Unternehmen Banken helfen, den nächsten Schritt in ihrer Entwicklung zu nehmen: «Traditionelle Banken sind in einem Korsett, das immer enger wird. Sie brauchen neue Ansätze, um über ihre Bilanz hinaus zu denken.» Das Stichwort, das Naegeli dazu wählt: Off-Balance-Sheet Structuring.
Als er das Gespräch beendet, um sich seinem nächsten Termin zu widmen, bleibt das Bild eines Mannes zurück, der fest daran glaubt, dass die Macht über das Kapital endlich in die Hände derer zurückkehrt, denen es gehört. Mit einem knappen Lächeln und einem festen Händedruck verabschiedet er sich in Richtung des geschäftigen Treibens auf dem ehemaligen UBS-Trading-Floor. «Die Schienen sind verlegt – jetzt müssen die Züge nur noch rollen.» Was wie ein beiläufiger Satz wirkt, ist in Wahrheit Programm. Dass Naegeli parallel zu alledem ein Buch schreibt, überrascht weniger, als es zunächst scheint: «Assetization – Inside the Trillion-Dollar Investing Revolution» (Wiley), dessen zweite Auflage im Mai 2026 erscheint, ist der Versuch, diese Bewegung für alle greifbar zu machen. Und Naegeli fügt hinzu: «Wenn wir es nicht machen, wird es jemand anderes tun. Es ist unausweichlich.»
Text: Forbes-Redaktion
Fotos: Florian Spring