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Kaum ein Thema wurde in den vergangenen Monaten im Marketing, in der Customer Experience und im Vertrieb so intensiv diskutiert wie „Agentic AI“. Die Erwartungen sind so hoch wie verheissungsvoll: intelligentere Interaktionen, reibungslosere Journeys, bessere Erlebnisse für Kundinnen und Kunden. Und ja, das Potenzial ist absolut real. Nach den ersten Jahren praktischer Erfahrung im Markt ist aber auch klar: Zwischen technologischer Vision und angestrebter Wirkung liegt momentan eine operative Realität, die viele Unternehmen unterschätzt haben.
In Gesprächen mit Führungskräften erlebe ich aktuell genau diese Spannung. Auf der einen Seite steht die berechtigte Begeisterung für eine innovative Technologie, die das Kundenerlebnis, die Customer Experience grundlegend verändern kann. Auf der anderen Seite zeigt sich im Alltag, welche Voraussetzungen noch geschaffen werden müssen, damit aus diesem Potenzial belastbare Realität mit klarem Mehrwert wird.
Gerade deshalb ist jetzt der richtige Moment für ein erstes Zwischenfazit. Denn wir treten nun in eine entscheidende Phase ein und sollten Klarheit herstellen, worauf es nun wirklich ankommt.
Warum Betriebsreife zum entscheidenden Erfolgsfaktor für Agentic AI wird
Wenn agentische KI im Kundenkontakt heute noch nicht überall ihr Potenzial entfaltet, liegt das selten an der Vision – die ist oft überzeugend. Entscheidend ist vielmehr, dass viele Organisationen erst dabei sind, die operative Reife aufzubauen, auf der diese Systeme ihre volle Wirkung entfalten können.
Die Branche spricht längst nicht mehr nur über einzelne KI-Anwendungen, sondern über die Orchestrierung von Systemen. Systeme, die Zusammenhänge verstehen, Anliegen eigenständig bearbeiten, Prozesse anstossen und Entscheidungen vorbereiten. Genau darin liegt der faszinierende Sprung. Aber genau hier steigen auch die Anforderungen: Agentische KI funktioniert nicht im luftleeren Raum.
Sie braucht verlässliche Daten, saubere Systemanbindungen, klare Prozesslogiken, definierte Verantwortlichkeiten und Regeln für Governance und Steuerung. Erst auf diesem Fundament kann agentische KI ihr Versprechen einlösen und echte Verbesserungen im Kundenerlebnis schaffen. Wo Daten, Systeme und Verantwortlichkeiten sauber zusammenspielen, entsteht genau jene Kontinuität, die Kundinnen und Kunden heute erwarten - und die den Unterschied macht.
Gerade beim Aufbau proaktiver Kundenerlebnisse stossen viele Unternehmen derzeit weniger an technologische Grenzen als an ihre eigene organisatorische Reife. Entscheidend ist, ob Unternehmen Kontext, Verantwortung und Wirkung klar verankern und aktiv steuern.
Omnichannel war nur die Vorbereitung. Jetzt geht es um Kontext!
Ein zweites Missverständnis sehe ich ebenfalls besonders häufig: Agentic AI wird noch immer wie ein zusätzlicher Kanal oder neuer Touchpoint betrachtet, doch genau das greift zu kurz.
Der eigentliche Wert dieser Technologie liegt nicht darin, noch einen weiteren Kontaktpunkt kunstvoll in die Customer Journey einzuflechten. Ihr Wert liegt darin, den relevanten Kontext über alle Touchpoints hinweg nutzbar zu machen. Also Historie, Absicht, Präferenzen und den nächsten sinnvollen Schritt so zusammenzuführen, dass aus Interaktion echte Kontinuität entsteht. Wem dies gelingt, der bietet echten Mehrwert und setzt sich erkennbar vom Wettbewerb ab.
Kundinnen und Kunden wollen nicht bei jedem Kanalwechsel wieder von vorne anfangen. Sie wollen Informationen nicht mehrfach übermitteln und sich stets neu erklären. Kurzum: Sie wollen nicht spüren, wo in unseren Unternehmen Systeme, Daten oder Zuständigkeiten enden.
Damit verändert sich auch die Definition guter Customer Experience. Entscheidend ist künftig weniger, wie viele Touchpoints eine Marke orchestriert. Entscheidend ist, wie gut sie den Zusammenhang dazwischen versteht und bewahrt. Daten- und Kontextbrüche werden zur neuen Hauptursache für schlechte CX. Und genau hier kann agentische KI einen qualitativen Sprung ermöglichen, wenn sie tief genug in der Journey verankert ist.
Wer den ROI nicht zeigen kann, betreibt nur Innovationstheater
Das Ermutigende ist: Für einige der weltweit führenden Marken, wie BSH, Nestlé oder Continental, geht die Phase des Experimentierens gerade zu Ende. In diesen Fällen ist Agentic AI bereits über die Kinderschuhe hinausgewachsen – und beginnt, messbaren Mehrwert im operativen Alltag zu liefern.
Dabei reicht es nicht mehr, Nutzung, Automatisierungsgrad oder Anzahl der Piloten zu zählen. Diese Kennzahlen zeigen Willen und Aktivität. Aber sie sagen noch nichts darüber aus, ob das Kundenerlebnis wirklich besser wird. Genau das ist jetzt aber die entscheidende Frage.
Werden Anliegen schneller gelöst? Müssen Kundinnen und Kunden sich seltener wiederholen? Nimmt Reibung in der Journey tatsächlich ab? Verbessert sich die Servicequalität nur punktuell oder systemisch?
Agentische KI braucht eine neue Form der Messbarkeit: nicht technologiezentriert, sondern klar ergebnisorientiert. Nur was sinnvoll gemessen wird, lässt sich auch steuern, verbessern und skalieren. Ohne diese Logik verkommt Agentic AI schnell zu einem Signal für Innovationsbereitschaft, aber es wird nicht zu einem belastbaren Hebel für bessere Customer Experience.
Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt jetzt
Agentic AI ist kein weiterer Technologietrend, den man einfach auf bestehende Strukturen aufsetzt und anwendet. Sie verändert grundlegend, wie Kundenerlebnisse gestaltet, orchestriert und bewertet werden.
Genau deshalb braucht es jetzt mehr Klarheit. Klarheit über Daten, über Kontext, über Governance und Wirkung. Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob Unternehmen agentische KI einsetzen sollten. Die entscheidende Frage ist, wie konsequent sie bereit sind, die organisatorischen und operativen Voraussetzungen zu schaffen, unter denen diese Technologie ihr volles Potenzial entfalten kann.
Am Ende entscheidet sich der Wert von Agentic AI nicht in der Demo. Nicht im Piloten. Und auch nicht in der Vision. Sondern dort, wo Technologie, Organisation und Verantwortung bewusst zusammengeführt werden - und messbar zum Geschäftserfolg beitragen. Agentic AI wird damit weniger zu einer reinen Technologiefrage und mehr zu einer gemeinsamen Führungsaufgabe.
Autorin
Nadine Wolanke ist Vice President und Managing Director Central Europe Adobe. Sie verantwortet das Geschäft in der DACH-Region und treibt den strategischen Einsatz von KI in Marketing und Customer Experience voran.