Zukunftslust verbreiten

Christina Kehl ist eines der prägendsten Gesichter der Schweizer Start-up-Szene. Nach Erfolgen im Fintech-Sektor und dem Aufbau des Branchenverbands Swiss Fintech schreibt die Juristin und Unternehmerin nun ein neues Kapitel; mit Fokus auf der gesellschaftlichen und beruflichen Transformation durch künstliche Intelligenz: Mit der Initiative Isa will sie Menschen für die Arbeitswelt von morgen rüsten – und neuen Unternehmergeist in der Schweiz entfachen.

«Think Outside The Box» steht in blauen Neonlettern auf einem Regal, daneben liegen Bücher wie «Silicon Germany» von Christoph Keese oder «The Art of The Good Life» von Rolf Dobelli. Direkt darunter steht ein grosser Kasten voller Lego-Bausteine. «Als wir unsere Prototypen noch nicht mit KI simulieren konnten, ­haben wir sie aus Lego gebaut», sagt Christina Kehl.

Wer Kehl in den Räumlichkeiten des Innovationsverbands Schweizer Arbeitsmarkt (Isa) im Zürcher Launchspace trifft, spürt sofort viel Energie. Kehl sitzt nicht ruhig am Schreibtisch; sie bewegt sich durch die Schulungs- und Eventräume, gestikuliert viel und skizziert, wie sich der Arbeitsmarkt gerade radikal wandelt. Jobverlust durch Automatisierung oder die Trägheit des Bildungssystems sind Themen, doch Kehl sieht vor allem Handlungsbedarf – und viele, viele Möglichkeiten.

Die Zahlen und Entwicklungen sprechen eine ­deutliche Sprache: Während traditionelle Hochschulen Jahre brauchen, um Studiengänge anzupassen, erreichen Kehl und ihr Team mit der Initiative Isa bereits rund 7.700 Professionals – weitgehend kostenlos und eigenfinanziert. Was als Initiative von zehn Unter­nehmern begann, hat sich zu einer Bewegung mit über 20 Köpfen entwickelt. Kehls These: Das klassische Angestelltenmodell bröckelt, die Weiterbildung der Zukunft ist kein theoretisches Studium mehr, sondern praxisnahes Training.

Die Dringlichkeit ist hoch – nach aktuellen Analysen von Unternehmensberatungen wie der Boston Consulting Group (BCG) gehören Arbeitnehmer durch die rasante KI-Entwicklung zu den grössten potenziellen Verlierern der anstehenden Umbrüche. Sie könnten zwar als Konsumenten auch massiv von den neuen Technologien profitieren, viele Beschäftigte spüren allerdings, dass sie durch die KI-Revolution beruflich das Nachsehen haben könnten. «Das ist das, was die Leute spüren und was viele auch verunsichert», erklärt Kehl. Zwar gebe es einen riesigen Hype um KI-Giganten wie Nvidia oder Open AI, auf der Capability-Seite – also bei dem, was KI heute bereits leisten kann – sei die Entwicklung jedoch fast «underhyped». «Mein einziges Nadelöhr mit KI ist im Moment meine Kreativität und meine Zeit. Produkte zu bauen ist extrem einfach geworden», so Kehl.

Kehl sieht hier eine gesellschaftliche Zeitbombe – insbesondere, weil der Einstieg für junge Universitäts­absolventen zunehmend wegbricht und etablierte Unternehmen oft viel zu langsam reagieren. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, bei dem die Schweizer Wirtschaft ihr wichtigstes Gut aufs Spiel setzt: ihre Fachkräfte. Kehl: «Kluge Köpfe sind das wichtigste Gut der Schweizer Wirtschaft. Wenn wir die jungen Leute nicht sinnvoll in die Arbeitswelt integrieren, verspielen wir unsere Zukunft.»

Der Weg von Christina Kehl war keineswegs geradlinig, aber schon früh von einer ausgeprägten ­unternehmerischen Ader geprägt. In Deutschland geboren studierte sie Rechtswissenschaften in Würzburg, Hel­sinki und Oxford. «Ich habe Jura aus rein rationalen Gründen gewählt», erinnert sie sich schmunzelnd. Doch schon während des Studiums hielt es sie nicht im Hörsaal: Im Alter von 19 Jahren gründete sie ihr ­erstes eigenes Unternehmen – eine Bildungsberatung, mit der sie ihr Studium finanzierte.

Anstatt nach dem Staatsexamen den klassischen Weg in eine Kanzlei einzuschlagen, zog es Kehl in die Start-up-Welt von Berlin und London. 2013 kam sie nach Zürich und stieg als Mitgründerin und Chief ­Operating Officer beim Mobile-Versicherungsbroker Knip ein – einem der ersten und erfolgreichsten Fintech-Aushängeschilder der Schweiz.

Mein einziges Nadelöhr mit KI ist im Moment meine Kreativität und meine Zeit. Produkte zu bauen ist extrem einfach geworden.

Christina Kehl

Kehl prägte die Szene nachhaltig: 2014 gründete sie den Verband Swiss Fintech mit und übernahm 2016 dessen Geschäftsführung. Rund eine Dekade lang vertrat sie die Interessen von Start-ups gegenüber Politik, Banken und Regulatoren, initiierte die Swiss Fintech Fair und holte die Bundespolitik an den Tisch. Zudem wurde sie als jüngstes Mitglied in den Beirat für digitale Transformation des Schweizer Bundesrats sowie in Aufsichtsgremien wie die Globalance Bank oder die Law and Economics Foundation St. Gallen berufen.

Doch Ende 2022, als Chat GPT auf den Markt kam, spürte Kehl den Drang nach Veränderung: «Ich hatte das Gefühl, im Fintech-Bereich alles gesehen zu haben. Ich wollte das gesellschaftliche Hauptthema der nächsten zehn bis fünfzehn Jahre adressieren.» Kehl zog die Reissleine, gab Schritt für Schritt ihre Funktionen – Verbandsleitung, Verwaltungsratsmandate – ab und fing 2023 bei null an.

Heute bündelt die Unternehmerin rund 60 % ihrer Energie in der Arbeitsmarkt-Initiative Isa, während der Rest in strategische Projekte wie die Graduate School of Applied Technology & Management und

die Atlass Technology AG fliesst. Isa bietet viele kosten­lose Events an, Kehl spricht von etwa 80 pro Jahr. Abgedeckt werden Themen wie Karriere, Employability, Arbeitsmarkt oder künstliche Intelligenz. «Wir bieten zudem über Isa Invest Teil­stipendien und Subventionen für innovative Trainings an, die wir in Partnerschaft mit der Graduate School of Applied Technology & Management ­durchführen», so Kehl. Ein Baustein ist auch eigenfinanziertes Simu­lationstraining statt theore­tischer Hochschulbildung: «Man kann KI nicht aus einem Schulbuch lernen. Du musst es testen; du brauchst einfach Lust, die Technologie auszupro­bieren», betont Kehl.

Statt starrer Studiengänge bietet sie mit Formaten wie dem «AI Powered Career Bootcamp» oder dem «AI Business Specialist» Trainings an, die alle paar Wochen an die neuesten KI-Sprunginnovationen angepasst werden. Ein Teil der Teilnehmenden nutzt die Kurse in Übergangsphasen zur Neuorientierung – «wie es auch in vielen anderen Weiterbildungen der Fall ist», so Kehl. Der «AI Business Specialist» wiederum bereitet gezielt auf einen eidgenössischen Fachausweis vor, der Kompetenzen im Bereich KI zeigen soll. Doch im Launchspace kommen auch Abteilungen zusammen, um sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Das Konzept dahinter erinnert an Flugsimulatoren für Piloten: Führungskräfte und Arbeitssuchende trainieren Entscheidungen in Zeiten von KI unter realistischen Bedingungen.

Für Kehl geht die Transformation weit über die reine Arbeitsplatzdebatte hinaus; sie berühre das gesellschaft­liche Metathema unserer Zeit. «Ich spürte damals: Das wird das Thema sein, das jeden Einzelnen von uns auf der ganzen Welt die nächsten zehn, fünfzehn Jahre beschäftigen wird – ähnlich wie der Klimawandel», betont sie. Umso wichtiger sei es, den Blickwinkel zu ändern und das Thema positiv zu besetzen: «Wir dürfen die Diskussion über die Zukunft der Arbeit nicht den Tech-Bros überlassen. Wir müssen lösungsorientierte Perspektiven aufzeigen. KI ist längst eine Basiskompetenz; je besser die Technologie wird, desto mehr wird sie zur Commodity. Was in Zukunft zählt, ist die menschliche Resonanz, die Veränderungsbereitschaft und das Herauskitzeln des eigenen Unternehmergeists.»

Gerade für den Standort Schweiz sieht die Juristin in dieser Entwicklung eine enorme Chance. «Die Schweiz hat Spitzenforschung, eine starke KMU-­Tradition und ist klein genug, um flexibel zu reagieren», analysiert Kehl. Doch das hohe Wohlstandsniveau verleite auch zur Trägheit. Kehl: «Früher dachte man: ­‹Warum soll ich mir das Risiko einer Gründung antun? Ich nehme einen sicheren Job im Corporate-Bereich.› Diese Welt des klassischen Angestelltendaseins ver­ändert sich aber gerade massiv.»

Für die Zukunft fordert Kehl ein Umdenken im Schweizer Bildungssystem und am Arbeitsmarkt. Um dem drohenden Mangel an Einstiegspositionen für Universitätsabsolventen entgegenzuwirken, schlägt sie staatlich unterstützte Start-up-Programme vor: «Wir müssen das Unternehmertum in der Schweiz wieder pushen. Früher brauchte man ein HSG-Diplom für die Karriere, heute hat KI den Zugang ­demokratisiert. Wenn der Staat klug wäre, würde er Absolventen und interessierte ­Professionals beim Gründen anleiten – das wäre die beste Stand­ort­förderung.» Kehl glaubt fest daran, dass in der aktuellen Transformation eine historisch einmalige Chance liegt. «Diesmal haben wir nicht nur eine neue Erfindung wie die Dampfmaschine gemacht, sondern eine neue Erfinderin erschaffen», bringt sie es auf den Punkt. «Wir dürfen nicht nur Ängste schüren», sagt sie abschliessend, «wir müssen den Menschen einfach wieder Lust auf die Zukunft machen.» •

Fotos: Kilian J. Kessler

Klaus Fiala,
Chefredakteur

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