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Wo einst der Maler Balthus lebte und der Geiger und Dirigent Yehudi Menuhin ein- und ausging, wurde diesen Sommer über die Zukunft der Kultur verhandelt: Beim ersten «The Summit» versammelte der Menuhin-FestivalGstaad-Intendant Daniel Hope im Grand Chalet in Rossinière internationale Stimmen aus Kunst, Musik, Technologie und Kulturmanagement; für Debatten über KI, Finanzierung, Kulturdiplomatie – und die nächste Generation.
Das Grand Chalet in Rossinière ist nicht nur ein architektonisches Monument des Alpenraums, sondern auch ein Ort der Kulturgeschichte: Von 1976 bis zu seinem Tod im Jahr 2001 lebte und arbeitete der polnischstämmige Maler Balthus (bürgerlich: Balthasar Klossowski de Rola) hier. Er gilt als einer der eigenwilligsten und faszinierendsten Meister der figurativen Malerei des 20. Jahrhunderts. Seine Werke und sein Erbe machten das historische Anwesen in Rossinière zu einem lebendigen Treffpunkt der internationalen Kunst- und Geisteswelt – mit Persönlichkeiten wie Yehudi Menuhin pflegte Balthus im Grand Chalet einen regen, inspirierenden Austausch über die Grenzen der Disziplinen hinweg.
Genau in diesen geschichtsträchtigen Räumen fand auf Einladung des Menuhin Festival Gstaad die erste Ausgabe von «The Summit» statt. Balthus’ Witwe Setsuko Klossowska de Rola, die 2005 als «Unesco-Künstlerin für den Frieden» ausgezeichnet wurde (und links auf dem Bild zu sehen ist), öffnete dafür das Grand Chalet und gewährte den Teilnehmern Gastrecht in dem historischen Anwesen. In Zusammenarbeit mit der Association L’Atelier de Balthus und initiiert vom Menuhin Festival Gstaad wurde das Grand Chalet des Malers zum Austragungsort für die Premiere von «The Summit». Mit dem neuen Format will das Menuhin Festival Gstaad einen «Thinktank für die Kultur von morgen» schaffen. 2026 kamen führende Denker des globalen Kulturbetriebs zusammen, um über KI, Kulturdiplomatie und die nächste Generation zu diskutieren.
Der Thinktank versteht sich als Antwort auf drängende Fragen des 21. Jahrhunderts: Wie lassen sich Kunst und klassische Musik nachhaltig finanzieren? Welche Rolle spielen künstliche Intelligenz und digitale Medien? Wie gewinnt man die nächste Generation für die Hochkultur? Und wie reagieren Kulturinstitutionen, wenn geopolitische Spannungen Künstler und Aufführungen zum Politikum machen?
Das Menuhin Festival Gstaad knüpft mit dem Format bewusst an das Erbe von Yehudi Menuhin an, der Musik nie nur als Kunstform, sondern stets auch als gesellschaftliche Verantwortung verstand. Dass Konzerte oder Festivals verschwinden, hält Daniel Hope, Intendant des Menuhin Festival Gstaad, für unwahrscheinlich – das physische und unmittelbare Live-Erlebnis vor Ort bleibe unersetzlich. Gleichzeitig müsse sich der Kulturbetrieb jedoch aktiv mit Streaming, sozialen Medien und KI auseinandersetzen. Durch das Programm führten Daniel Hope, Klaus Fiala (Chefredakteur Forbes Swiss) sowie Jessica Lustig (21C Media).
Freitag, 24. Juli:
Leadership, digitale Transformation und künstliche Intelligenz
Den Auftakt am Vormittag bildete das Thema Führung und Governance. Im Eröffnungsgespräch berührten Daniel Hope und Setsuko Klossowska de Rola das kulturelle Erbe des Veranstaltungsorts sowie die Frage, was Kunst eigentlich sei. Branchengrössen wie Ilona Schmiel (Intendantin Tonhalle Zürich) und Matthias Schulz (Intendant Opernhaus Zürich) diskutierten die Rolle der Kultur in Europa. Der Diskurs mit der Politik sowie die Überzeugung der jungen Generation waren zwei der grossen Herausforderungen, die hierbei definiert wurden. Durchaus intensiv wurde auch über das aktuelle politische Klima und die Auswirkungen für Kulturschaffende gesprochen.
Am Nachmittag übernahm Klaus Fiala (Forbes Swiss) die Moderation für den Schwerpunkt «Digitale Transformation und künstliche Intelligenz». Tech-Pioniere wie Jakub Fiebig und Paweł Jabłoński (Orfeon / OnstageAI) sowie Dr. Clemens Trautmann (Präsident Deutsche Grammophon) diskutierten über das Zusammenspiel von Technologie, künstlerischer Exzellenz und Authentizität. Fiebig und Jabłoński bieten mit Orfeon ein KI-unterstütztes Videosystem für Live-Performances. Dabei betonten die Gründer, dass die KI lediglich zusammenfasst und unterstützt, jedoch nie in das künstlerische Werk eingreift. Filmemacher und Fotojournalist Germinal Roaux reflektierte über die Grenzen von KI: «Künstliche Intelligenz ist für Künstler im Grunde etwas sehr Mechanisches. Der Name ist eigentlich falsch – es ist keine echte Intelligenz, sondern das Sammeln von Daten für eine Antwort.» Gerade darin liege jedoch eine Chance für das menschliche Schaffen: «Für die Kunst ist es vielleicht sogar ein Vorteil, weil der Wert von echtem menschlichem Schaffen und Live-Erlebnissen dadurch steigt.» Trautmann ergänzte: «KI ist ein gutes Werkzeug zur Informationsbeschaffung, aber man darf ihr nicht blind vertrauen, da die Antworten oft ungenau sind. Sie kann niemals die eigenständige Genie-Idee eines Komponisten oder die Energie einer Live-Performance ersetzen.» Wie viele Fragen noch offen sind, zeigte der Talk mit Patricia Ernst: Die Anwältin und Urheberrechtsexpertin fasste zusammen, wie gross die Fragen sind, die das Urheberrecht in Zeiten von KI beschäftigen. Gerade in der klassischen Musik, wo viele Werke bereits gemeinfrei sind, sind die Diskussionen aktuell riesig.
Samstag, 25. Juli:
Der wirtschaftliche Wert der Kultur
Der zweite Tag widmete sich unter der Moderation von Klaus Fiala der Finanzierung und dem gesellschaftlichen Wert von Hochkultur. Angesichts knapperer öffentlicher Mittel diskutierten Experten wie Peter Gartiser (METRUM) und Marie Babette Nierenz (Intendantin Philharmonie Essen) über neuartige Partnerschaften und Finanzierungsmodelle.
Ein zentrales Thema war zudem die veränderte Sichtbarkeit und Kommunikation durch soziale Medien. Nierenz: «Künstler und Musiker nutzen soziale Medien heute ganz natürlich als Sprachrohr, um ihre Geschichten zu erzählen und eine grössere Gemeinschaft zu erreichen, als es im Konzertsaal alleine möglich wäre.» Gleichzeitig wurde auf der Bühne vor einer oberflächlichen Wahrnehmung und einem Fokus auf Highlights gewarnt, statt Gesamtwerke und Kompositionen zu verstehen und wertzuschätzen. Guillem Gràcia Soler, einer der 17 Teilnehmer aus aller Welt an der diesjährigen String Academy (sie alle haben sich unter 400 Bewerbungen durchgesetzt), zeigte, in welchem Spannungsfeld junge Musiker heute leben: «Soziale Medien sind wie ein Sprungbrett, um zu zeigen, wer man ist. Allerdings bergen sie das Risiko, dass man nur die perfekten 20 Sekunden präsentiert, während die restlichen 40 Minuten Qualität in den Hintergrund treten.» Musikalisch umrahmt wurde der Tag durch ein Konzert der Menuhin Festival String Academy.
Sonntag, 26. Juli:
Kulturdiplomatie und Erbe
Der Abschlusstag unter der Moderation von Jessica Lustig und Antonin Scherrer widmete sich der Kulturdiplomatie. In Keynotes von Jessica Lustig, dem Anthropologen Faouzi Skali und Prof. Marco Malagodi (Universität Pavia) stand die Frage im Zentrum, ob Kultur erreichen kann, was Politik oft nicht vermag.
Als Abschluss dieser ersten Summit-Gespräche sprach der renommierte Experte für historische Streichinstrumente Malagodi in einem Vortrag über den Wert des Erhalts unseres kulturellen Erbes. Er nahm das Publikum mit auf eine Reise ins Cremona der Frühen Neuzeit, in die Blütezeit legendärer Geigenbau-Dynastien wie Amati, Guarneri oder Stradivari. Da deren Fachwissen aus Angst vor Konkurrenz nur mündlich weitergegeben wurde, musste die Forschung ab 1937 rein anhand der Instrumente selbst rekonstruiert werden.
Der gelernte Chemiker Malagodi zeigte auf, dass Geigenbauer damals sogar dieselben Pigmente für ihre Lacke nutzten wie die Kunstmaler ihrer Epoche – eine faszinierende Verbindung der Künste. Gerade in Zeiten einer technologischen Revolution war der Vortrag ein passender Ausklang für einen Thinktank, der Tradition und Zukunft erfolgreich miteinander verband.
Denn die grösste Erkenntnis der Premiere von «The Summit» war eine auf den ersten Blick banale, auf den zweiten Blick aber umso wertvollere: Dass sich so viele Menschen und führende kluge Köpfe ein ganzes Wochenende Zeit nehmen, um die Zukunft der Kultur in Europa und der Welt zu diskutieren, macht trotz aller Herausforderungen durchaus optimistisch für die Zukunft. •
Wo einst der Maler Balthus lebte und der Geiger und Dirigent Yehudi Menuhin ein- und ausging, wurde diesen Sommer über die Zukunft der Kultur verhandelt: Beim ersten «The Summit» versammelte der Menuhin-Festival-Gstaad-Intendant Daniel Hope im Grand Chalet in Rossinière internationale Stimmen aus Kunst, Musik, Technologie und Kulturmanagement; für Debatten über KI, Finanzierung, Kulturdiplomatie – und die nächste Generation.
Fotos: Bailey Davidson Photography / Menuhin Festival Gstaad