«Wir müssen weitermachen»

Ihre höchste Konferenz endete im März dieses Jahres ohne Ergebnis und der weltweite Handel entzieht sich zunehmend ihren Regeln: Die Welthandelsorganisation (WTO) steht unter Druck. Generaldirektorin Ngozi Okonjo-Iweala bestreitet das nicht – wohl aber, dass die Organisation an Bedeutung verliert. Ein Besuch in Genf bei einer Frau, die in Nigeria einst «Okonjo-Wahala» genannt wurde («Okonjo-Ärger») und die auf Zweifel und Kritik mit harten Zahlen antwortet.

Hinter den schmiedeeisernen Toren und der Sicherheitskontrolle führt man uns durch die Eingangshalle des historischen Hauptsitzes der Welthandels­organisation (World Trade Organization, WTO) in Genf. Errichtet wurde das Gebäude in den 1920er-Jahren als Sitz der Internationalen Arbeitsorganisation; und das sieht man: An der Wand hinter dem Empfang erstreckt sich ein monumentales Keramikpaneel aus mehr als 2.000 handbemalten Fliesen. In dessen Zentrum steht ein Bauarbeiter, umgeben von Zeilen aus dem Versailler Vertrag über Frieden und soziale Gerechtigkeit. Dahinter öffnen hohe Fenster den Blick auf den Genfersee.

Als wir die WTO-Generaldirektorin Ngozi Okonjo-Iweala wenige Augenblicke später in einem herrschaftlichen Salon fragen, ob sie beim Gang durch dieses Haus manchmal daran denkt, für welche Weltordnung es gebaut wurde, antwortet sie sofort: «Absolut. Es vermittelt einem ein Gefühl für diese Geschichte, für eine vergangene Ära.» Dann kommt sie auf den Völkerbund, dessen Übergang in die Vereinten Nationen (United Nations, UN) und auf die Konferenz von Bretton Woods zu sprechen. Dort wurde 1944 die Grundlage der wirtschaftlichen Nachkriegsordnung gelegt; es wurden Institutionen wie der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank geschaffen.

Für Okonjo-Iweala steht diese Geschichte für eine Zeit, die bewusst auf internationale Zusammenarbeit setzte – so wie die WTO es tut. «Das Welthandelssystem hat viel Gutes hervorgebracht. Es ist nicht perfekt, aber mehr als eine Milliarde Menschen wurden auch dank des globalen Handelssystems aus der Armut geholt und grosse Teile der Welt haben dadurch an Wohlstand gewonnen», sagt sie. Doch die Nigerianerin, die auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, verweist auch auf die andere Seite dieser Bilanz: «Man denkt auch darüber nach, was nicht gut gelaufen ist – und was unsere Aufgabe ist, damit diese Dinge behoben werden.»

Reparaturbedarf gibt es genug. Seit Dezember 2019 ist die Berufungsinstanz der WTO-Streitschlichtung blockiert. Über dieses Verfahren setzt die Organisation ihre Regeln durch: Wirft ein Mitglied einem anderen einen Verstoss vor, entscheidet zunächst ein Gremium über den Fall. Gegen dessen Urteil kann Berufung eingelegt werden. Doch weil die USA seit Jahren die Nachbesetzung frei werdender Richterposten blockieren, ist die Berufungsinstanz nicht mehr beschlussfähig.

Zudem endete die WTO-Ministerkonferenz in Yaoundé im März 2026 ohne Einigung auf zentrale ­Vorhaben. Am letzten Konferenztag lief auch das ­Moratorium auf Zölle für elektronische Übertragungen aus: 1998 hatten sich die Mitglieder darauf geeinigt, dass alles, was digital gehandelt wird (von E-Books über Software bis heutzutage auch Streaming), zollfrei bleibt – eine Einigung, die in Yaoundé nicht verlängert wurde. Insgesamt finden derzeit noch 72 % des globalen Warenhandels nach dem Meistbegünstigungsprinzip (die grundsätzliche Gleichbehandlung aller WTO-Handelspartner, Anm.) statt, vor zwei Jahren waren es rund 80 %. Ab wann funktioniert dieses System nicht mehr? Okonjo-Iweala dreht die Frage um: «Angesichts aller Turbulenzen im globalen Handelssystem ist es bemerkenswert, dass noch immer fast drei Viertel des weltweiten Warenhandels nach den Meistbegünstigungsregeln der WTO stattfinden», sagt sie und stellt klar: «Ich möchte keine Zeit damit verbringen, darüber nachzudenken, ab welchem Punkt wir sagen würden, dass das System nicht mehr funktioniert. Der Fokus sollte vielmehr darauf liegen, wie wir verhindern, dass der Handel nach dem Meistbegünstigungsprinzip weiter erodiert.»

Okonjo-Iweala vergleicht das globale Handelssystem mit den Wasserleitungen in einem Haus: «Man kann nicht ohne sie leben, aber man denkt auch nicht jeden Tag darüber nach – bis ein Rohr bricht oder das System nicht mehr funktioniert. Dann merkt man plötzlich: Das muss schnell repariert werden.» Vielleicht erklärt das auch, warum sie wenig Lust verspürt, die Relevanz der WTO grundsätzlich zu verteidigen. «Wenn darüber gesprochen wird, ob die WTO und die globalen Handelsregeln nicht mehr relevant sind, muss ich einfach lächeln», sagt sie. «Wenn man das glauben möchte, ist das jedem selbst überlassen. Für mich erzählen die Zahlen die Geschichte.» Für 2025 hatte die WTO im Oktober ein Wachs­tum des weltweiten Warenhandels von 2,4 % prognostiziert, tatsächlich waren es 4,6 %. Besonders stark ent­wickelte sich der Handel mit Gütern, die für künstliche Intelligenz benötigt werden, wie Halbleiter und Chips: Ihr Wert stieg 2025 um 21,9 % auf 4,18 Bio. ­US-$ (3,42 Bio. CHF); obwohl sie nur rund ein Sechstel des Welthandels ausmachten, steuerten sie 42 % des gesamten Handelswachstums bei. Im ersten Quartal 2026 lag ihr Handelswert nochmals mehr als 40 % über dem Vorjahresniveau.

Auch das jüngste Handelsbarometer der WTO vom September zeigt Werte über dem langfristigen Trend: Der Gesamtindex liegt mit 102,4 Punkten über der Marke von 100, die den langfristigen Trend markiert. Das bedeutet, dass der Warenhandel derzeit schneller zunimmt als im Durchschnitt der vergangenen Jahre. «Der Handel wächst und erweist sich als wirklich ­widerstandsfähig», so Okonjo-Iweala.

Doch die Zahlen liefern bei näherem Hinsehen auch Einwände: Der KI-Boom treibt den Handel derzeit stark an, hinzu kommen Importe, die Unternehmen vor angekündigte Zollerhöhungen vorgezogen haben – beides kann sich schnell wieder verändern. Und die rund drei Viertel des Welthandels, die weiterhin nach dem Meistbegünstigungsprinzip laufen, sind vor allem das Ergebnis von Regeln, die vor Jahrzehnten ausgehandelt wurden; es stellt sich die Frage, inwieweit diese noch in die heutige Welt passen. Um die Knackpunkte weiss auch Okonjo-Iweala; doch sie bleibt optimistisch: «Das multilaterale Handelssystem steht unter Druck und unter Spannung, aber es steht nicht grundsätzlich infrage. Der Handel hat sich als widerstandsfähig erwiesen, er wächst, und das System hat Stärke gezeigt. Aber es ist nicht alles gut. Wir müssen akzeptieren, dass das System modernisiert werden muss und dass sich die Welt verändert» – denn KI, Digitalisierung und eine veränderte Geopolitik hätten die Bedingungen, unter denen die WTO arbeitet, grundlegend verschoben. «Man sieht heute, dass geopolitische Probleme mit Handelsinstrumenten gelöst werden sollen. Dafür wurden diese Instrumente nicht geschaffen – aber sie werden dafür eingesetzt», so die Generaldirektorin. «Wir sehen zunehmend, wie Handelsinstrumente als Druckmittel eingesetzt werden. Gleichzeitig gibt es heute kritische Knotenpunkte im Welthandel.»

Beispiele dafür gibt es genug: Die USA ­beschränken den Export von hoch entwickelten Halbleitern und KI-Technologie, China den Zugang zu kritischen Roh­stoffen und seltenen Erden. Gleichzeitig zeigt die Strasse von Hormus, wie verwundbar der Welthandel an wenigen zentralen Punkten ist: Seit der Verkehr dort nach den Angriffen auf den Iran Ende Februar praktisch zum Erliegen kam, sind die Handels- und Energieflüsse aus dem Nahen Osten massiv einge­brochen. Je stärker der Welthandel geopolitisch bestimmt wird, desto schwerer wird es für die 166 WTO-Mitglieder, gemeinsam neue Regeln zu finden. Denn die WTO entscheidet grundsätzlich im Konsens: Ein Beschluss kommt nur zustande, wenn kein Mitglied widerspricht. «Konsens ist etwas Gutes. Selbst das kleinste Mitglied hat dieselbe Stimme wie das grösste. Das wollen wir nicht abschaffen», sagt Okonjo-Iweala. «Was wir verbessern wollen, ist die praktische Umsetzung, damit wir schneller und flexibler werden. Wir müssen plurilaterale Abkommen leichter ermöglichen, damit jene, die eine Handelschance nutzen wollen, vorangehen können und andere später dazukommen können. Gleichzeitig brauchen wir angemessene Schutzmechanismen für diejenigen, die sich nicht beteiligen, damit sie nicht das Gefühl haben, ihre Position werde nicht berücksichtigt.» Dass das schwierig wird, sagt sie ebenso deutlich: «Es wird hart. Es wird nicht leicht.» Auf die Frage, ob es Momente gebe, in denen sie angesichts der Lage den Mut verliert, antwortet Okonjo-Iweala prompt: «Es gibt Momente, in denen man auf die Welt schaut und ein wenig deprimiert ist. Alles andere wäre unmenschlich.»

Das multilaterale Handelssystem steht unter Druck und unter Spannung – aber seine Relevanz steht für mich nicht infrage.

Ngozi Okonjo-Iweala

Ngozi Okonjo-Iweala wurde 1954 in Ogwashi-Uku im nigerianischen Bundesstaat Delta geboren. Ihre Eltern waren Professoren, einen Teil ihrer frühen Kindheit verbrachte sie bei ihrer Grossmutter. Als Ende der 1960er-Jahre der Biafra-Krieg ausbrach, war sie noch ein Teenager. Der Konflikt begann mit dem Versuch, die Region Biafra von Nigeria abzuspalten – und endete mit der Niederlage der Republik Biafra und deren Wiedereingliederung in Nigeria. Okonjo-Iwealas Vater hatte sich der Biafra-Armee angeschlossen; die Familie verlor ihren Besitz und lebte teils von einer Mahlzeit am Tag.

Nach dem Krieg ging Okonjo-Iweala in die USA, ­studierte Volkswirtschaft in Harvard und promovierte 1981 am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Es folgte eine jahrzehntelange Karriere bei der Weltbank, wo sie schliesslich Managing Director wurde. 2003 kehrte sie nach Nigeria zurück und wurde als erste Frau Finanzministerin des Landes; später war sie auch die erste Aussenministerin. Mit ihren Reformen gegen Korruption, intransparente Staatsfinanzen und ineffiziente Strukturen machte sie sich nicht nur Freunde: In Nigeria bekam sie den Spitznamen «Okonjo-Wahala» – übersetzt quasi «Okonjo-Ärger».

Wie persönlich der Widerstand werden konnte, zeigte sich 2012 während ihrer zweiten Amtszeit als Finanzministerin: Nachdem die Regierung milliardenschwere Zahlungen im Treibstoffsubventionssystem gestoppt hatte, bei denen Betrug vermutet wurde, wurde Okonjo-Iwealas damals 83-jährige Mutter vor ihrem Haus entführt. Die Täter forderten, dass Okonjo-Iweala ihren Rücktritt im Fernsehen verkündet. Sie weigerte sich. Nach fünf Tagen kam ihre Mutter frei.

Im Gespräch sagt sie über die Erfahrungen, die sie für ihren heutigen Job geprägt haben: «Man braucht Energie und Begeisterung.» Für sie geht gerade Letzteres auch mit Fokus einher: «Ich konzentriere mich sehr darauf, diese Ziele zu erreichen, und lasse mich deshalb nicht ablenken. Wir müssen weitermachen.»

Zu ihren grössten politischen Erfolgen zählt die ­Neuordnung von Nigerias Auslandsschulden. 2005 führte sie die nigerianische Delegation bei den Verhandlungen mit dem Pariser Club, einem informellen Zusammenschluss von Gläubigerstaaten, die über die Restrukturierung oder den Erlass von Staats­schulden verhandeln. Rund 30 Mrd. US-$ Schulden Nigerias wurden damals behandelt; ein erheblicher Teil davon wurde gestrichen, der Rest zurückgekauft be­ziehungsweise -gezahlt. Später wechselte Okonjo-Iweala erneut auf die internationale Ebene: Von 2016 bis 2020 stand sie dem Verwaltungsrat von Gavi, der globalen Impfallianz, vor. Seit dem 1. März 2021 führt sie die WTO – als erste Frau und erste Afrikanerin. Ihre zweite Amtszeit läuft bis Ende August 2029.

Wie Okonjo-Iweala ihre Erfahrung heute in konkrete Arbeit übersetzt, zeigt sich etwa beim Women Exporters in the Digital Economy Fund, kurz WEIDE. Das WTO-Sekretariat und das International Trade Centre haben den Fonds 2024 ins Leben gerufen, um Unternehmerinnen in Entwicklungs- und Schwellenländern den Zugang zu Finanzierung, digitalen Werkzeugen und internationalen Märkten zu erleichtern. Finanziert wird er unter anderem von den Vereinigten Arabischen Emiraten, dem FIFA World Cup Qatar 2022 Legacy Fund und Bahrain.

Der wirtschaftliche Hintergrund ist beträchtlich: Rund 70 % der formellen, von Frauen geführten Unternehmen in Entwicklungsländern erhalten nicht das Kapital, das sie benötigen; die Finanzierungslücke liegt bei rund 300 Mrd. US-$. Gleichzeitig verdienen von Frauen geführte Unternehmen, die exportieren, im Durchschnitt 2,8-mal so viel wie jene, die nicht exportieren.

Genau hier setzt WEIDE an. Der Fonds zielt auf ein Volumen von 50 Mio. US-$; 22 Mio. US-$ an ­Spenden und Zusagen sind bereits mobilisiert. Die Unterstützung umfasst Zuschüsse und Finanzierung, Trainings zu digitalen Fähigkeiten sowie Zugang zu Exportmärkten, Plattformen und internationalen Netzwerken.

Für Okonjo-Iweala liegt genau darin die Rolle der WTO: «Wir wollen zeigen, dass die Unterstützung von Frauen im Handel funktioniert – für die Weltwirtschaft, für Familien und für Gemeinschaften. Wenn wir zeigen können, dass diese Frauen erfolgreich sind, Arbeitsplätze schaffen und zu Vorbildern für andere werden, ist der Multiplikatoreffekt sehr stark.», sagt die 72-Jährige.

Solche Programme sind für sie allerdings nur ein Teil des grossen Ganzen. Bis zum Ende ihrer zweiten Amtszeit im August 2029 will sie vor allem eines: eine WTO hinterlassen, die die gegenwärtigen Turbulenzen überstanden hat. «Erfolg wäre für mich zunächst, wenn die Organisation aus diesen Turbulenzen herauskommt, weiterhin Bestand hat und der Grossteil des Handels weiterhin nach WTO-Regeln stattfindet. Das wäre wirklich ein Erfolg. Erfolg würde auch bedeuten, dass wir in ein oder zwei Bereichen substanziell vorankommen und die Mitglieder im Rahmen des Reformprozesses Regeln modernisieren», sagt Okonjo-Iweala.

Die nächste Ministerkonferenz dürfte 2028 stattfinden. Bis dahin stehen jene Reformen auf der Agenda, die in Yaoundé liegen geblieben sind – von der Entscheidungsfindung über die Streitschlichtung bis zur Frage, wie die WTO mit einer zunehmend geopolitisierten Handelswelt umgehen will. Am Ende will Okonjo-Iweala vor allem an Ergebnissen gemessen werden. Sie stellt dabei zugleich klar: «Niemand wird mehr infrage stellen, ob eine Frau diesen Laden führen und ihn effektiv führen kann» •

Ihre höchste Konferenz endete im März dieses Jahres ohne Ergebnis und der weltweite Handel entzieht sich zunehmend ihren Regeln: Die Welthandelsorganisation (WTO) steht unter Druck. Generaldirektorin Ngozi Okonjo-Iweala bestreitet das nicht – wohl aber, dass die Organisation an Bedeutung verliert. Ein Besuch in Genf bei einer Frau, die in Nigeria einst «Okonjo-Wahala» genannt wurde («Okonjo-Ärger») und die auf Zweifel und Kritik mit harten Zahlen antwortet.

Fotos: Sébastien Agnetti

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