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Anfang 2026 zierte Thomas Taroni, Executive Chairman von Phoeniqs, das Cover von Forbes Swiss. Heute dreht sich das Rad im Tech-Sektor noch schneller – und Mitgründerin Carla Bünger treibt das rasante Wachstum von Phoeniqs voran. Zwischen Expansionsplänen Finanzierungsrunden und einer Sunrise-Partnerschaft trafen wir Bünger zum Interview.
«Operating Switzerland’s sovereign AI & cloud infrastructure, Tech entrepreneur» steht auf Carla Büngers Linkedin-Profil – als Mitgründerin und Vice-Chairwoman von Phoeniqs will sie ihren Kunden aber vor allem eines geben: Freiheit. Im Interview fasst sie das Versprechen ihres Unternehmens so zusammen: «Wir bieten digitale Freiheit.» Das bedeutet für Bünger vor allem: Wahlmöglichkeit in einer sich schnell wandelnden Welt. «Freiheit heisst, wählen zu können – in einer gewissen Situation einen Pivot machen zu können und zu sagen: ‹So wie es jetzt dasteht, passt mir das nicht›», erklärt Bünger im Gespräch. Das «es», das Bünger anspricht, ist in der Regel die digitale Infrastruktur, die grosse Unternehmen sich schrittweise aufgebaut haben; denn die Abhängigkeit von IT-Systemen bei Schweizer und europäischen Unternehmen ist hoch, für viele zu hoch – insbesondere von grossen US-Konzernen. Vor allem seit der aktuellen US-Administration unter Präsident Donald Trump sind die Herausforderungen nicht nur grösser, sondern vor allem auch unberechenbarer geworden – genau dabei will Phoeniqs helfen.
Wie fragil das Vertrauen auf ausländische Schnittstellen in der Praxis ist, führte der Vorfall um Claude Fable 5 vor wenigen Monaten eindrücklich vor Augen: Als die US-Regierung per Exportkontroll-Direktive den Zugriff ausländischer Staatsbürger auf das Modell überraschend sperren liess, stellte der Entwickler Anthropic den Dienst weltweit schlagartig ab – da eine Verifizierung der Nationalität pro API-Call schlicht unmöglich war. Über Nacht standen unzählige Unternehmen vor blockierten Systemen und Arbeitsabläufen.
Alle wollen ein Stück weit unabhängig von den USA werden.
Carla Bünger
Verstärkt wird diese Unsicherheit durch jüngste Vorfälle rund um autonome KI-Agenten, die bei US-Entwicklern aus der Sicherheitsarchitektur ausgebrochen sind. Während solche Fälle in Washington umgehend für hektische Debatten und Regulierungsdrohungen sorgen, sieht Bünger darin auch viel Inszenierung: «Ein Agent, der angeblich ausbricht, ist natürlich die beste PR, um zu zeigen, wie weit man bei Frontier-Technologie schon ist», merkt Bünger mit einem Augenzwinkern an. «Aber ob PR oder reales Risiko: Für uns in Europa zeigt es, dass wir uns nicht von Unberechenbarkeit abhängig machen dürfen. Wir müssen die Kontrolle über unsere kritischen Infrastrukturen behalten.»
Diese Haltung prägt auch die jüngsten wirtschaftlichen Weichenstellungen der Firma: Im Frühjahr schloss Phoeniqs eine dreiteilige Partnerschaft mit dem Schweizer Telekommunikationsanbieter Sunrise ab. Das Geschäft erweitert das Portfolio von Sunrise im Schweizer KMU-Segment um souveräne Cloud- und KI-Produkte. Ein weiterer Teil der Vereinbarung ist zudem ein langfristiger Plan zur schrittweisen Integration der Sunrise-Umgebung in die Infrastruktur von Phoeniqs; sowie eine Beteiligungsoption für Sunrise. «Die Partnerschaft beschleunigt uns ohne Ende – das ist genial», sagt Bünger über die beflügelnde Kooperation.
Eine internationale Expansion soll das schweizerische Erfolgsmodell über die Grenzen hinaustragen. Neben Grossbritannien und Deutschland sieht Phoeniqs auch in anderen europäischen Märkten sowie dem arabischen Raum grosse Chancen: «Alle wollen ein Stück weit unabhängig von den USA werden. Die Intention ist also da wie dort die gleiche», so Bünger.
Die Nachfrage nach dem Angebot speist sich aus einem spürbaren Stimmungsumschlag in den Teppichetagen: In vielen Schweizer Traditionsunternehmen wächst das Bewusstsein für die Risiken einer ungeschützten Datenhaltung im Ausland. Wer seine Finanzdaten oder Kernprozesse ungeschützt über internationale Schnittstellen verarbeitet, läuft Gefahr, die Kontrolle über das eigene operative Rückgrat abzugeben.
Bünger bringt das Problem bei automatisierten Finanzprozessen auf den Punkt: «Wenn du deine Finanzdaten über KI abwickelst und das alles in die USA geht, könnte man, wenn man will, die gesamten Finanzdaten eines Unternehmens nachbauen». Es gehe dabei keineswegs um Antiamerikanismus oder Schweizer Patriotismus: «Ich würde dazu nicht Patriotismus sagen. Ich denke, es geht eher um Contingency und Resilienz», so Bünger.
Mit dem Hosting des an der ETH Zürich, am CSCS und an der EPF in Lausanne entwickelten Sprachmodells Apertus bietet Phoeniqs eine KI-Anwendung, die in puncto Transparenz und Objektivität ihresgleichen sucht. Bünger nutzt das Modell selbst intensiv im Alltag – sie gibt zu, dass es mit den geschlossenen Frontier Models der Grossen nicht ganz mithalten kann, aber das sei auch gar nicht nötig, so Bünger: «Für 90 % all meiner Tasks reicht Apertus vollkommen aus – und dann habe ich einerseits die Wertschöpfung lieber in der Schweiz und andererseits ein KI-Modell, das mir kulturell am nächsten ist.» Der Betrieb von über 20 Open-Weight-AI-Modellen in der Schweiz erlaubt den Kunden von Phoeniqs, die sensiblen Rechenprozesse innerhalb der Landesgrenzen zu halten – eine erfrischende Alternative zur US-Abhängigkeit.
Das rasante Wachstum stellt Phoeniqs jedoch auch vor organisatorische Fragen. Mit aktuell 75 Mitarbeitern stossen die bestehenden Kapazitäten beim Onboarding neuer Kunden an Grenzen. «Wir haben tendenziell nicht genug Hände an Bord, um den Kunden-Inflow zu managen», gibt Bünger zu. Um das Tempo aufrechtzuerhalten und die Expansion in den Nahen Osten sowie nach Deutschland und Grossbritannien voranzutreiben, prüft das Gründerteam derzeit eine Finanzierungsrunde im Umfang von etwa 150 Mio. CHF. Bünger sucht dabei gezielt nach Investoren aus dem europäischen Raum, die neben Kapital auch die nötigen Netzwerke für den Markteintritt mitbringen. «Unsere Strategie ist ja, der grösste Player in Europa zu werden; und wir wollen nicht der Grösste in Europa sein, indem wir stärker amerikanisch werden», betont sie.
Innerhalb der Führungsriege bildet Bünger das verbindende Element zwischen den ausgeprägten Spezialisierungen ihrer Mitgründer: Während Thomas Taroni als «Erfinder» vor allem in den technologischen Zukunftsthemen verankert ist und CEO Angel Nunez Mencias seine jahrzehntelange Konzernerfahrung aus dem IBM-Umfeld einbringt, steuert Bünger das strategische Wachstum, den Vertrieb und die Unternehmenskultur. «Ich nehme meine Rolle so wahr, dass ich eigentlich da bin, um meine beiden Mitgründer so zu beflügeln, dass sie ihr Genie entfalten können – und ich fange dahinter dann die Sachen auf, um die sie sich nicht kümmern wollen oder können», erzählt Bünger schmunzelnd. «Wir sind alle Alphas, aber es funktioniert sehr gut zwischen uns.»
Die kommenden Monate stehen ganz im Zeichen der internationalen Ausrollung und der Erschliessung neuer Kundensegmente. Neben den Expansionsschritten im Nahen Osten und grossen Corporates rücken aktuell auch die im internationalen Genf ansässigen UN-Organisationen und Nichtregierungsorganisationen stärker in den Fokus, die angesichts geänderter Rahmenbedingungen nach verlässlichen lokalen Infrastrukturen suchen. Dafür hat der Schweizer Bund kürzlich 300 Mio. CHF Zusatzbudget für Tech-Infrastruktur versprochen; für Phoeniqs natürlich ein äusserst spannendes Thema.
Für Bünger bleibt der Weg zum Ziel aber trotz aller Hitze im Markt weiterhin eine Abfolge kleiner Schritte. Auf die Frage, wie sie bei so viel Dynamik nicht durchdrehe, sagt sie lachend: «Meistens drehe ich durch!» Was ist ihr Rezept gegen den täglichen Druck? «Ich mache halt einfach einen Schritt nach dem anderen – und irgendwie geht es dann schon.»
Fotos: Mara Truog