Wie CEOs durch die Krise führen

Inflation, KI-Kosten, Energiefragen und gesellschaftliche Polarisierung setzen CEOs unter Druck. Heidrick-&-Struggles-Chef Tom Monahan erklärt, worauf Führungskräfte jetzt achten müssen.

Die Geschwindigkeit, mit der sich Märkte, Politik und Technologie verändern, ist für Unternehmen längst zur Normalität geworden. Einfacher wird Führung dadurch nicht. Im Gegenteil: Wer heute ein Unternehmen steuert, braucht klare Prioritäten, belastbare Teams und die Fähigkeit, Annahmen regelmässig zu hinterfragen.

Tom Monahan, CEO der Leadership-Beratung Heidrick & Struggles, sieht genau darin den entscheidenden Unterschied. Erfolgreiche Unternehmen würden nicht nur versuchen, bestehende Strukturen günstiger zu betreiben. Sie würden prüfen, ob sie ihre Organisation wirklich neu denken müssen – mit Blick auf Kunden, Marktveränderungen und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz.

Inflation und KI-Kosten belasten Märkte
Auch das wirtschaftliche Umfeld bleibt angespannt. In den USA stieg die Inflation im Mai laut dem Bureau of Economic Analysis auf 3,4% – den höchsten Wert seit Oktober 2023. Der von der US-Notenbank besonders beachtete Preisindex für persönliche Konsumausgaben, bereinigt um volatile Lebensmittel- und Energiepreise, lag 4,1% über dem Vorjahreswert.

Zusätzlichen Druck erzeugen steigende Technologiekosten. Apple-Laptops und iPads sollen mindestens 200 US-$ teurer werden, Microsoft erhöht die Preise neuer Xbox-Konsolen um 100 bis 150 US-$. Grund dafür ist die stark wachsende Nachfrage nach Speicherchips für KI-Anwendungen. Apple-CEO Tim Cook bezeichnete die Preiserhöhung als „unvermeidbar“. Nach der Ankündigung fiel die Apple-Aktie um mehr als 5%. Microsofts Titel erholten sich zwar rasch von einem Rückgang um 6%, doch der Konsumentenmarkt bleibt herausfordernd: Die Xbox-Verkäufe erreichten laut Forbes-Autor Paul Tassi zuletzt ein Rekordtief. Die Kosten für KI-Infrastruktur und die Nachfrage nach Speicherchips belasteten auch die globalen Aktienmärkte. Anleger warteten auf Signale des Speicherchip-Herstellers Micron. Nach starken Zahlen erholten sich die Märkte kurzfristig, blieben insgesamt aber schwächer als in der Vorwoche. Die Unsicherheit rund um KI-Kosten sowie die Entwicklung nach dem SpaceX-Börsengang sollen laut Bericht auch OpenAI dazu bewegen, einen ursprünglich für später im Jahr geplanten IPO zu verschieben.

Energie wird zur KI-Schlüsselressource
Parallel rückt die Energiefrage stärker in den Fokus. Beim zweiten Future of Energy Summit von Honeywell in Washington, D.C. diskutierten politische Entscheidungsträger und Branchenvertreter darüber, wie der steigende Strombedarf von KI-Rechenzentren gedeckt werden kann. Der stellvertretende US-Handelsminister Paul Dabbar sagte, die Vereinigten Staaten lägen bei den Kapazitäten im globalen Wettbewerb weit vorne. Das Land verfüge nicht nur über die grösste Volkswirtschaft der Welt, sondern sei auch bei Rechenzentren führend. Loudoun County im US-Bundesstaat Virginia beherberge etwas mehr als ein Drittel aller Rechenzentren weltweit und habe den steigenden Energiebedarf bisher bewältigt. US-Senator Dave McCormick betonte, dass Rechenzentren nur mit lokaler Akzeptanz realisierbar seien. Unternehmen müssten Gemeinden früh einbinden, Strompreise für Anwohner schützen und beim Bau eigener Energieversorgung mitdenken. Ebenso wichtig seien der Schutz natürlicher Ressourcen, der Umgang mit Wasser und Abfall sowie klare wirtschaftliche Vorteile für die Region – etwa Jobs, Infrastrukturinvestitionen und zusätzliche Steuereinnahmen.

Was erfolgreiche CEOs anders machen
Monahan sieht die entscheidende Führungsfrage darin, ob Unternehmen ihre Kunden und Märkte tief genug verstehen. Es gehe nicht nur darum, welches Produkt jemand kauft, sondern welches Bedürfnis dahintersteht – und ob KI die Ökonomie dieses Angebots verändern kann. Führende Unternehmen stellen laut Monahan genau diese Fragen: Haben wir die richtigen Fähigkeiten? Arbeiten unsere Teams schnell genug? Brauchen wir neue Rollen? Denn KI senkt die Kosten von Experimenten und erhöht das Innovationstempo. Klassische Führungsroutinen reichen dafür oft nicht mehr aus. Ein Vorstandsteam könne nicht mehr quartalsweise Berichte austauschen und danach drei Monate warten. Die Organisation müsse mit der Geschwindigkeit arbeiten, in der Innovation tatsächlich stattfindet. Dafür brauche es andere Arbeitsweisen, andere Kompetenzen und ein stärkeres Zusammenspiel im Management.

Polarisierung als Produktivitätsrisiko
Eine weitere Herausforderung ist die gesellschaftliche Polarisierung. Viele Unternehmen müssen heute entscheiden, wann sie sich öffentlich äussern – und wann nicht. Monahan empfiehlt, dafür klare Strukturen zu schaffen: Welche Themen betreffen das Unternehmen direkt? Wo braucht es eine öffentliche Haltung? Wo reicht eine technische oder regulatorische Positionierung? Unternehmen würden Themen nicht mehr zufällig auswählen, sondern strukturierter vorgehen. Entscheidend sei, wie sie in einem polarisierten Umfeld auftreten. Denn auch innerhalb eines Unternehmens gebe es meist sehr unterschiedliche Perspektiven. CEOs können grosse öffentliche Positionierungen vermeiden, müssen aber verbindende Themen finden. Monahan sieht darin eine zentrale Führungsaufgabe: gemeinsame Ziele formulieren, über Grenzen hinweg Gesprächsfähigkeit schaffen und erklären, wofür das Unternehmen steht. Gelingt das nicht, kann Polarisierung zur Gefahr für die Produktivität werden.

Der Rat an aufstrebende Führungskräfte
Für Manager, die aufsteigen wollen, nennt Monahan drei Punkte. Erstens: Sie müssen mehrere Zeithorizonte gleichzeitig managen. Nur das aktuelle Geschäftsjahr zu optimieren, reicht nicht. Nur auf die Zukunft zu setzen, ist ebenfalls zu wenig. Die Kunst liegt darin, beides zu verbinden.

Zweitens zählt die Qualität des Teams. Führung sei kein Einzelsport. Topmanager könnten keine Ergebnisse allein erzwingen, sondern müssten die richtigen Menschen in die richtigen Rollen bringen – und sicherstellen, dass sie wirksam zusammenarbeiten.

Drittens müssen Führungskräfte bereit sein, Annahmen laufend zu überprüfen. Wer gut startet, neugierig bleibt, kritische Informationen sucht und interne wie externe Kritiker ernst nimmt, lernt schneller. Gerade in einem volatilen Umfeld kann diese Lernfähigkeit entscheidend sein.

Wechsel an der Unternehmensspitze
Auch personell gibt es Bewegung in mehreren grossen Unternehmen. Heineken ernannte Rafael Oliveira zum nächsten CEO. Er übernimmt die Rolle mit 1. Oktober und kommt von JDE Peet’s, wo er ebenfalls als CEO tätig war. Zuvor hatte er Führungsfunktionen bei Kraft Heinz inne. Der Rüstungs- und Technologiekonzern KBR wählte Michael LaRouche zum Präsidenten und CEO der geplanten Abspaltung im Bereich Mission Technology Solutions. Er tritt seine neue Funktion am 24. September an und kommt von Serco North America. Davor war er unter anderem bei SAIC und Raytheon in Führungspositionen tätig. Domino’s Pizza beförderte Joe Jordan zum nächsten CEO. Er übernimmt am 1. Oktober. Jordan ist seit fast 15 Jahren im Unternehmen und aktuell COO sowie Präsident von Domino’s U.S. Er folgt auf Russell Weiner, der nach 28 Jahren bei Domino’s in den Ruhestand geht.

Was CEOs von der Fussball-WM lernen können
Während die Welt auf die FIFA-Weltmeisterschaft blickt, lohnt sich auch für CEOs ein Blick hinter die Kulissen. Überraschende Siege und Niederlagen entstehen nicht aus dem Nichts. Dahinter stehen Jahre der Vorbereitung, Strukturen und Wiederholung. Für Führungskräfte liegt genau darin eine zentrale Lehre: Erfolg entsteht lange vor dem sichtbaren Moment. Gleichzeitig bleibt Produktivität nicht nur eine Frage permanenter Verfügbarkeit. Wer dauerhaft gute Entscheidungen treffen will, muss auch bewusst abschalten können. Pausen sind kein Gegensatz zu Leistung, sondern oft die Voraussetzung dafür, nach der Rückkehr produktiver und fokussierter zu arbeiten.

Text: Megan Poinski
Foto: Getty Images

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