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Balenciaga, Alexander McQueen, Tommy Hilfiger: Sie alle setzen auf recycelte Baumwolle von Säntis Textiles. Das Schweizer Textilunternehmen arbeitet mit einer patentierten Technologie, die Baumwollabfälle so aufbereitet, dass daraus erneut hochwertige Fasern für neue Stoffe entstehen können. CEO Annabelle Hutter treibt die Verbindung von Textiltechnologie und Kreislaufwirtschaft in der Branche massgeblich voran. Nun denkt sie über ihren nächsten Schritt nach – und darüber, warum sie ihre bisher sichtbarste Rolle vielleicht gerade hinter sich lässt.
Der Showroom des Schweizer Textilunternehmens Säntis Textiles liegt im Herzen der Zürcher Altstadt, in einer schmalen Gasse unweit des Niederdorfs. Hinter der dunkelroten Holzfassade öffnet sich ein kleiner Raum mit niedrigen Decken, alten Holzbalken und weiss verputzten Wänden. Auf Kleiderstangen hängen Shirts und Stofftaschen, auf dem grossen Holztisch liegen Stoffmuster, Garnrollen und Materialproben verteilt. Gleich daneben packt CEO Annabelle Hutter einen schwarzen Koffer mit Stoffresten und recycelten Fasern aus. Sie kommt gerade aus Asien zurück, war nur kurz zu Hause, bevor sie uns zum Interview trifft. «Ich habe meine Mutter noch gefragt, wie ich ein bisschen frischer aussehe – das Jetlag-Gesicht muss ja nicht mit aufs Foto!», sagt sie lachend.
Viel unterwegs zu sein gehört für Hutter allerdings schon lange zum Alltag. Ihre Kindheit verbrachte sie unter anderem in Taiwan, Singapur, Shanghai und Bangkok. Einen einzigen Ort als Heimat zu definieren fällt ihr bis heute schwer: «Ich glaube, viele Menschen versuchen sehr stark, irgendwo hineinzupassen – ich nicht.» Dass die Familie ständig weiterzog, hatte auch mit dem Beruf ihres Vaters zu tun: Nach Jahren in der internationalen Textilindustrie gründete Stefan Hutter 2005 in Singapur Säntis Textiles. Das Unternehmen startete als Beschaffungsexperte für Textilien und entwickelte für seine Kunden zunehmend auch eigene technische Lösungen. 2016 traf Stefan Hutter schliesslich beim Skifahren Daniel Grieder, damals CEO von Tommy Hilfiger Global und PVH Europe, dem Mutterkonzern von Calvin Klein und Tommy Hilfiger. Grieder stellte Hutter die Frage, ob sich Baumwolle für seine Marken zu 100 % recyceln lasse. Daran anschliessend entwickelte Hutter die patentierte RCO100-Technologie, das Kernstück von Säntis Textiles: Die Technologie ermöglicht ein mechanisches Verfahren, mit dem sich hochwertiges Garn aus 100 % recycelter Baumwolle herstellen lässt – ohne den Einsatz von Chemikalien. Genau darin liegt der Kern der Innovation: Baumwolle verliert beim Recycling normalerweise an Faserlänge und damit an Qualität; RCO100 soll diesen Kreislauf so weit schliessen, dass aus Textilabfällen wieder neue Stoffe entstehen können.
Allein ist Säntis mit diesem Ansatz allerdings nicht. Rund um das Textil-zu-Textil-Recycling ist in den vergangenen Jahren ein eigener Markt entstanden – Anbieter wie das spanische Unternehmen Recover, The New Denim Project aus Guatemala oder der japanische Textilkonzern Takihyo arbeiten ebenfalls daran, Baumwollabfälle wieder in neue Fasern und Garne zu überführen. Daneben entwickeln Unternehmen wie Circ oder Infinited Fiber chemische beziehungsweise hybride Recyclingverfahren für Baumwolle und Mischgewebe. Der Wettbewerb dreht sich dabei vor allem um eine Frage: Wie viel Qualität der ursprünglichen Faser lässt sich beim Recycling erhalten – und lässt sich das Verfahren zugleich industriell skalieren? Gerade dieser Frage geht derzeit auch Säntis Textiles nach: Die Recyclingmaschine wird auch an Dritte verkauft; gemeinsam mit Rieter – ein weltweit führender Schweizer Textilmaschinenbauer, der hochkomplexe Industrieanlagen zur Herstellung von Garnen aus Rohfasern und recycelten Textilien entwickelt – und dem belgischen Technologieunternehmen Valvan gründete Säntis im Juli 2026 zudem die Recycling Powerhouse Ltd. Das Ziel: standardisierte Recyclinganlagen über ein Franchisemodell international auszurollen. Die erste Anlage soll 2027 in Katar starten.
Ich war schon immer von der Geschichte hinter Dingen fasziniert – davon, wo etwas herkommt und wie es sich entwickelt hat.
Annabelle Hutter
Der Sitz der Säntis Textiles AG liegt in Bühler im Kanton Appenzell Ausserrhoden, operativ ist die Gruppe jedoch international aufgestellt – mit Singapur als wichtigem Hub sowie Büros und Produktionsstandorten unter anderem in der Türkei. 120 Mitarbeitende beschäftigt das Unternehmen, einen Umsatz nennt das Unternehmen nicht. Die Abnehmer der recycelten Baumwolle sind unter anderem Modehäuser wie Balenciaga, Alexander McQueen oder Tommy Hilfiger. Hutter bewegt sich damit an einer Stelle der Modeindustrie weit vor Laufsteg und Kleiderständern – und an dieser entscheidet sich, wie nachhaltig ein Kleidungsstück überhaupt sein kann, gerade bei Baumwolle: Laut dem Marktreport von Textile Exchange, einer internationalen Non-Profit-Organisation, die sich auf nachhaltigere Materialien in der Textil- und Modeindustrie konzentriert, wurden in der Saison 2023/2024 weltweit rund 24,5 Mio. Tonnen Baumwolle produziert. Recycelte Baumwolle machte zuletzt nur etwa 1 % des Markts aus.
Aufseiten der Modehäuser ist Nachhaltigkeit längst angekommen – zumindest auf der Ebene von Zielen und Beschaffung: Im «Materials Benchmark» von Textile Exchange berichteten 2025 insgesamt 423 Marken und Händler über ihren Materialeinsatz; bei den Unternehmen, die sowohl 2023 als auch 2024 Daten lieferten, stieg der Anteil von Rohstoffen aus anerkannten Nachhaltigkeitsprogrammen innerhalb eines Jahres von 58 auf 67 %. Textile Exchange weist allerdings darauf hin, dass diese Unternehmen beim Thema Nachhaltigkeit überdurchschnittlich weit sind und nicht für die gesamte Branche stehen – der Abstand zwischen Anspruch und Realität bleibt entsprechend gross: Laut «State of Fashion 2025» von McKinsey lagen 63 % der Modeunternehmen hinter ihren eigenen Nachhaltigkeitsverpflichtungen; zugleich zählten nur noch 18 % der befragten Führungskräfte Nachhaltigkeit zu den drei grössten Risiken für das Wachstum ihres Unternehmens – nach 29 % im Vorjahr. Einige Marken verschoben oder reduzierten ihre Klimaziele zuletzt wieder.
Für Hutter liegt ein Teil des Problems auch darin, wie wenig Konsumenten über das Material hinter ihrer Kleidung Bescheid wissen. «Ich gehe manchmal an die Bahnhofstrasse und höre den Leuten beim Shoppen zu. Sie reden darüber, ob etwas cool ist, über den Schnitt oder die Marke – aber nie über den Stoff. Dann denke ich mir: Was ist mit dem Stoff?» Ganz gleichgültig ist Konsumenten das Thema allerdings nicht; das Problem liegt eher woanders: Laut einer europäischen Erhebung der Boston Consulting Group berücksichtigen 44 % Nachhaltigkeit regelmässig beim Kauf von Kleidung – über verschiedene Produktkategorien hinweg sind jedoch nur rund 17 % bereit, für nachhaltigere Produkte einen Aufpreis zu bezahlen.
Hutters Ziel ist generell nicht, Recycling als besonderes Verkaufsargument zu inszenieren, sondern genau das Gegenteil: Es soll zum Standard werden. «Es wäre toll, wenn wir irgendwann damit aufhören könnten, überall dazuzuschreiben, dass etwas recycelt ist. Es soll einfach klar sein, dass das so ist. Das wäre ideal», so Hutter.
Annabelle Georgina Hutter wurde in Taipeh geboren und wuchs bei ihren Eltern in Taiwan, Singapur, Kuala Lumpur, Shanghai und Bangkok auf (die Sommer verbrachte sie regelmässig bei ihren Grosseltern in Roggwil im Kanton Thurgau). Später ging sie für die Ausbildung nach Europa, studierte unter anderem in Edinburgh und an der American University of Paris. «Ich war schon immer von der Geschichte hinter Dingen fasziniert – davon, wo etwas herkommt und wie es sich entwickelt hat», sagt sie. Der direkte Weg ins Familienunternehmen war zunächst nicht der Plan – nach dem Studium sammelte Hutter erst mal mehrere Jahre Erfahrung ausserhalb von Säntis Textiles. «Nach meinem Kunstgeschichtsstudium war mir klar, dass mein betriebswirtschaftliches Wissen nicht stark genug war. Aber ich wollte nicht noch einmal studieren. Also dachte ich: Ich gehe ins Marketing», sagt sie. So arbeitete sie zunächst für PVH und anschliessend für den französischen Medienkonzern Publicis. Dass sie diesen Umweg nahm, war auch familiär geprägt: «Meine Eltern waren nie die Art von Eltern, die einem einfach alles in die Hand drücken», so Hutter.
In Thailand begann Hutter parallel selbst zu experimentieren: Mit Born on Saturday gründete sie eine eigene Marke, für die sie unter anderem überschüssige Stoffe und recycelte Baumwolle verwendete, aus denen sie in Thailand Taschen fertigen liess. Gross auf den Produkten angebrachte Labels erklärten, woher der Stoff kam und was «Pre-Consumer Waste» (Materialabfälle, die bei der Herstellung oder Verarbeitung von Produkten anfallen, bevor diese überhaupt beim Endverbraucher ankommen) überhaupt bedeutet. Die Taschen waren nach eigenen Angaben in Thailand recht populär. 2020 wechselte Hutter schliesslich ins Familienunternehmen und kümmerte sich zunächst vor allem um RCO100 und dessen Positionierung gegenüber internationalen Modemarken. Zwei Jahre später folgte der nächste Schritt: Im Oktober 2022 übernahm sie mit 26 Jahren die Geschäftsleitung der Schweizer Säntis Textiles AG. Ihr Vater Stefan Hutter blieb Präsident des Verwaltungsrats. Eine klassische Übergabe war es allerdings nicht; im Gespräch widerspricht Hutter diesem Bild ausdrücklich: «Mein Vater musste eigentlich nie loslassen. Er wusste, dass ich nicht versuchen würde, ihn zu übergehen.» Stefan Hutter blieb für Maschinen, Produktion, technische Entwicklung und die langjährigen Industriekunden zuständig, seine Tochter konzentrierte sich stärker auf neue Kunden, Modehäuser, Markenführung und die kreative Übersetzung der Technologie. Hutter: «Er musste nie loslassen. Ich kam dazu, um ihn bei den Dingen zu unterstützen, in denen ich gut bin.»
Sechs Jahre nach ihrem Einstieg ins Familienunternehmen stellt Hutter ihre eigene Rolle aber zunehmend infrage: «Es war eine grossartige Zeit und ich habe unglaublich viel darüber gelernt, wie es ist, in der Schweiz ein Unternehmen zu führen und CEO zu sein», sagt sie. Gleichzeitig wiege die Verantwortung in einem Familienunternehmen anders als in einem Konzern: «Wenn du CEO eines Familienunternehmens bist, trägt das viel mehr Gewicht, als wenn du einfach jeden Tag ins Büro gehst. Ich bin Einzelkind, daher bin ich auf sehr viele Arten mit dem Unternehmen verbunden. Aber ich möchte nicht für immer dasselbe machen. Nach sechs Jahren ist für mich ein guter Zeitpunkt, meine Möglichkeiten neu zu bewerten. Ich glaube, ich bin bereit für eine neue Herausforderung.» Ganz von der Textilindustrie verabschieden will sie sich aber nicht, im Gegenteil: «Meine Stärke liegt darin, Probleme dieser Industrie zu erkennen, Lösungen zu entwickeln und die richtigen Leute zusammenzubringen», sagt Hutter. Daher kann sie sich gut vorstellen, zu einem der grossen Modehäuser zu gehen und sich dort einzubringen.
Parallel arbeitet Hutter zudem daran, unter ihrem neuen Label Camoufleur in Zürich eine Kollektion von rund 50 Jacken herauszubringen. Im Mittelpunkt steht ein Muster, das Hutter schon lange beschäftigt: Camouflage. Für sie ist es nicht nur Design, sondern ein Stoff mit Geschichte; und auch ein Symbol für Anpassung und Sichtbarkeit. Sie bezeichnet das Prinzip dahinter als «Visible Invisibility» – sichtbare Unsichtbarkeit. Ein Begriff, der in gewisser Weise auch zu ihr selbst passt: In den vergangenen sechs Jahren wurde Hutter nicht nur zur öffentlichen Vertreterin von Säntis Textiles, sondern selbst immer sichtbarer. «Ich finde es schön, dass die Leute inzwischen wissen, was ich gemacht habe. Aber mit der Öffentlichkeit der letzten sechs Jahre habe ich wirklich gekämpft. Irgendwann wurde es einfach zu viel. Das liegt eigentlich nicht in meiner Natur», erzählt sie und fügt hinzu: «Ich will kreativ sein und nach aussen arbeiten – aber nur bis zu einem gewissen Punkt.» •
Fotos: Soeren Funk