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Mehr als 600.000 Polizeiberichte wurden bereits mithilfe von KI-Tools des US-Technologieunternehmens Axon erstellt. Von Forbes ausgewertete öffentliche Unterlagen zeigen jedoch: Die Systeme können Fehler produzieren – und Polizisten dadurch zusätzliche Arbeit verursachen.
In Lafayette im US-Bundesstaat Indiana, einer Stadt mit etwas mehr als 70.000 Einwohnern, testete die örtliche Polizei ein neues KI-Tool des Sicherheitstechnologieunternehmens Axon. Der Konzern mit einem Börsenwert von rund 35 Mrd. US-$ ist vor allem als Hersteller des Tasers bekannt.
Das getestete System namens Form One sollte Beamten administrative Arbeit abnehmen. Dafür wertet die Software Audiodaten von Körperkameras aus und übernimmt Informationen wie Namen von Polizisten und Bürgern, Ausweisdaten, Kennzeichen und andere Fahrzeugangaben automatisch in einen Polizeibericht. Für die Verantwortlichen in Lafayette, die bereits zuvor mit Axon an KI-Projekten gearbeitet hatten, klang das zunächst nach einer einfachen Möglichkeit, Zeit zu sparen.
Nach sieben Monaten Testbetrieb fiel das Urteil einiger Beamter jedoch deutlich kritischer aus. In E-Mails, die Forbes über Anfragen nach öffentlichen Unterlagen erhielt, berichteten Polizisten von falschen Namen, fehlerhaften Kennzeichen und zusätzlichem Korrekturaufwand. Ein Beamter schrieb, ein Formular, das zuvor rund 30 Sekunden gedauert habe, benötige mit Form One wegen der vielen Fehler etwa drei Minuten. Ein anderer kam zu dem Schluss, dass das System die Bearbeitung von Berichten deutlich verlängere.
Dabei gehört genau diese Art von Routinearbeit zu den Aufgaben, bei denen KI besonders viel Effizienz verspricht. Nach Angaben von Axon verbringen Polizisten bis zu 15 Stunden pro Woche mit dem Verfassen von Berichten. Diese Dokumente werden archiviert oder an Staatsanwälte weitergegeben, die auf ihrer Grundlage entscheiden können, ob Anklage erhoben wird. Entsprechend hoch sind die Anforderungen an ihre Genauigkeit. Für manche Beamte wird gerade die Kontrolle und Korrektur der von KI erstellten Inhalte zum zusätzlichen Aufwand.
Axon-Sprecherin Victoria Keough verweist darauf, dass sich Form One noch in einer frühen Testphase befinde, in der Behörden bewusst Feedback für die weitere Produktentwicklung liefern sollen. Die Beamten behielten ausserdem die vollständige Kontrolle über die endgültigen Berichte. Sergeant Matthew Santerre von der Polizei in Lafayette bestätigte, dass die von Forbes eingesehenen E-Mails aus einer Testphase stammen und die Mitarbeiter ausdrücklich um Verbesserungsvorschläge gebeten worden seien. Mehrere der angesprochenen Probleme seien inzwischen bearbeitet worden. Welche konkret behoben wurden, erklärte die Behörde nicht. Ob Lafayette Form One dauerhaft einsetzen wird, steht noch nicht fest.
Form One ist die jüngste Ergänzung von Axons wichtigstem KI-Produkt Draft One, das 2024 auf den Markt kam. Während Form One vor allem administrative Angaben wie Namen und Adressen einträgt, erstellt Draft One aus den Aufzeichnungen einer Körperkamera eine Beschreibung des jeweiligen Vorfalls. Nach Angaben von Axon wird Draft One inzwischen von 600 Polizeibehörden in den USA eingesetzt. Das System soll an rund 600.000 Polizeiberichten mitgewirkt und laut Kundenbefragungen des Unternehmens rund 300.000 Arbeitsstunden eingespart haben.
Unabhängige Daten zeichnen allerdings ein differenzierteres Bild. Eine 2024 im Journal of Experimental Criminologyveröffentlichte Studie untersuchte den Einsatz von Draft One bei der Polizei in Manchester im Bundesstaat New Hampshire. Der frühere Polizist und heutige Kriminologieprofessor Ian Adams von der University of South Carolina analysierte dabei die Zeit zwischen dem Beginn und der Abgabe eines Polizeiberichts. Nur ein Teil der Beamten hatte Zugang zur Software. Das Ergebnis: Bei der Bearbeitungszeit liess sich keine Verbesserung feststellen. Die Polizisten mussten erhebliche Zeit darauf verwenden, irrelevante Inhalte zu entfernen, Fehler zu korrigieren und wichtige Informationen zu ergänzen, die das System ausgelassen hatte. Lieutenant Matthew Barter, der an der Untersuchung beteiligt war, erklärte, dass es teilweise einfacher gewesen sei, die Berichte selbst zu schreiben.
Interessant war dabei auch die Wahrnehmung der Nutzer. Rund die Hälfte der befragten Polizisten war überzeugt, dass Draft One das Schreiben von Berichten beschleunige – obwohl die ausgewerteten Daten keinen entsprechenden Zeitgewinn zeigten. Adams sieht darin eine deutliche Lücke zwischen subjektiver Wahrnehmung und messbarer Realität. Manchester stellte den Einsatz von Draft One 2024 schliesslich ein. Im selben Jahr entschied sich auch die Polizei von Anchorage in Alaska gegen die weitere Nutzung und begründete dies ebenfalls damit, dass keine Zeit eingespart worden sei.
Axon weist darauf hin, dass diese Ergebnisse auf einer älteren Version des Systems und nur einer einzelnen Behörde basierten. Sprecher Alex Engel erklärte gegenüber Forbes, dass sich sowohl die KI-Technologie allgemein als auch Draft One in den vergangenen zwei Jahren deutlich weiterentwickelt hätten. Ergebnisse aus dem Jahr 2024 könnten deshalb nicht ohne Weiteres auf die heutige Version übertragen werden. Aktuelle, von Fachkollegen geprüfte Studien dazu, ob sich die Qualität der von Draft One erstellten Polizeiberichte inzwischen verbessert hat, gibt es laut Forbes bislang nicht. Für Axon ist künstliche Intelligenz inzwischen ein zentraler Wachstumstreiber. CEO Rick Smith bezeichnete KI in einem Aktionärsbrief als den bisher grössten Beschleuniger für das Unternehmen.
Form One und Draft One gehören zum sogenannten AI Era Plan des Konzerns. Das Angebot umfasst verschiedene KI-Produkte für Polizeibehörden, darunter Echtzeitübersetzungen sowie Computer-Vision-Systeme, mit denen Menschen oder Objekte in Videoaufnahmen gesucht werden können. Der Preis liegt bei 199 US-$ pro Polizist und Monat. Nach Angaben von Smith verbuchte Axon im Jahr nach dem Start von Draft One Ende 2024 AI-Era-Verträge mit einem potenziellen Gesamtwert von rund 750 Mio. US-$. Dabei handelt es sich um den möglichen Wert mehrjähriger Verträge, nicht um bereits realisierte Umsätze. Im ersten Quartal 2026 stiegen die Erlöse aus KI-Produkten nach Unternehmensangaben gegenüber dem Vorjahreszeitraum um mehr als 700 %. Wie viel Umsatz die einzelnen KI-Produkte tatsächlich erwirtschaften, hat Axon bislang nicht offengelegt. Nicht alle Polizisten bewerten den Einsatz von KI negativ. Greg Daly, Chef der Polizei von Avon im US-Bundesstaat Colorado, arbeitet mit Draft One sowie Produkten der Start-ups Truleo und Code Four. Aus seiner Sicht reduzieren solche Systeme die administrative Belastung. Nach einer Schicht könnten fünf oder sechs Berichte offen sein, die anschliessend an die Staatsanwaltschaft geschickt werden müssten. Bereits vorbereitete Entwürfe oder Grundgerüste könnten die Arbeit erheblich erleichtern und den Stress für Beamte reduzieren.
Gleichzeitig wächst die Sorge, dass eine zu starke Abhängigkeit von KI zu Nachlässigkeit führen könnte. Eine von Forbes erhaltene E-Mail aus dem März 2025 zeigt, dass Axon die Polizei in Lafayette um Zitate für Werbematerial zu Draft One bat. Darunter befand sich die Aussage eines Beamten, der erklärte, er müsse Berichte teilweise zu Hause fertigstellen und könne dank des Systems stattdessen mehr Zeit mit seiner Familie verbringen. Die Führung der Polizeibehörde wollte diese Aussage nicht in einer Pressemitteilung sehen. Ein Sergeant bezeichnete sie intern als Beispiel für „reine Faulheit“. In einigen Regionen sind die Bedenken bereits so gross, dass KI-generierte Polizeiberichte nicht als Beweismittel akzeptiert werden sollen. Die Staatsanwaltschaft von King County im Bundesstaat Washington informierte Polizeibehörden 2024 darüber, keine mithilfe von KI erstellten Berichte anzunehmen. Als Grund nannte sie mögliche Halluzinationen der Systeme.
Staatsanwalt Daniel Clark berichtete gegenüber Forbes unter anderem von falschen Namen von Zeugen und Polizisten. In anderen Fällen seien Beamte von der KI als am Einsatzort anwesend beschrieben worden, obwohl sie lediglich über Funk beteiligt gewesen seien. Solche Fehler könnten vor Gericht die Glaubwürdigkeit eines Polizisten beschädigen und den Eindruck entstehen lassen, der Beamte habe unsauber, nachlässig oder unehrlich gearbeitet.
Der Markt für KI-gestützte Polizeisoftware wächst dennoch. Neben Axon bieten inzwischen mehrere Start-ups ähnliche Systeme an. Abel Police, ein ehemaliges Y-Combinator-Unternehmen mit 5 Mio. US-$ an eingesammeltem Kapital, analysiert neben Audiodaten auch Videos von Körperkameras. Gründer und CEO Daniel Francis zufolge kann das System daraus unter anderem Emotionen sowie eine ungefähre Einschätzung von Alter und ethnischer Zugehörigkeit einer Person ableiten.
Code Four, ebenfalls aus dem Umfeld von Y Combinator und von den früheren MIT-Studenten George Cheng und Dylan Nguyen gegründet, hat bislang 2,5 Mio. US-$ eingesammelt. Die Software verbindet KI-generierte Berichte mit weiteren Polizeidatenbanken. Dadurch sollen Ermittler schneller Zusammenhänge zwischen Personen in einem aktuellen Vorfall und früheren Polizeikontakten erkennen können.
Andere Anbieter verfolgen bewusst einen zurückhaltenderen Ansatz. Anthony Tassone, CEO des Polizeitechnologieunternehmens Truleo, warnt davor, komplette Berichte von künstlicher Intelligenz erstellen zu lassen. Ein KI-System könne weder über eine Kamera noch über ein Mikrofon den Kontext und das Urteilsvermögen eines menschlichen Polizisten vollständig ersetzen.
Truleos Software erstellt deshalb nicht selbst die komplette Beschreibung eines Vorfalls. Stattdessen beginnt der Beamte den Bericht schriftlich oder diktiert ihn. Die KI übernimmt anschliessend die Bearbeitung und Formatierung und weist auf mögliche Fakten hin, die im Vergleich mit den Aufnahmen der Körperkamera fehlen. Auch die Polizei in Manchester testet derzeit einen solchen KI-Assistenten des kalifornischen Start-ups PoliceNarratives.AI. Die Untersuchung zur Wirksamkeit ist noch nicht abgeschlossen, erste Eindrücke bezeichnete Lieutenant Barter gegenüber Forbes jedoch als vielversprechend. Neben Genauigkeit und Effizienz stellt der Einsatz der Technologie eine weitere Frage: den Datenschutz. Körperkameras zeichnen häufig besonders sensible Situationen auf – auch dann, wenn die betroffenen Personen weder verdächtig noch strafrechtlich relevant sind.
Von Forbes eingesehene KI-generierte Polizeiberichte aus Richmond in Kalifornien enthalten beispielsweise Vorfälle an Schulen, bei denen Schüler oder Lehrer gemobbt wurden, obwohl keine Straftat vorlag. Andere Berichte behandeln natürliche Todesfälle oder enthalten detaillierte Beschreibungen sexueller Übergriffe. Calli Schroeder vom Electronic Privacy Information Center warnt deshalb davor, dass aus einem ursprünglich zur Kontrolle polizeilichen Handelns gedachten Instrument zunehmend ein Werkzeug der öffentlichen Überwachung werden könnte. Wie weit diese Datenspeicherung reichen kann, zeigt ein Fall aus Richmond. Ein jugendlicher Schüler hatte auf seinem Laptop ein Zitat aus der Zeichentrickserie SpongeBob SquarePants eingetippt, in dem von einer Bombe die Rede war. Ein Mitschüler verstand die Zeile als mögliche Bedrohung und informierte die Schule, die daraufhin die Polizei verständigte. Der eintreffende Beamte stellte schnell fest, dass es sich lediglich um ein Missverständnis handelte. Im von der KI erstellten Bericht wurde der Vorfall dennoch mit dem Hinweis versehen, dass er für eine spätere Erkennung möglicher Muster gespeichert werde.
Text: Thomas Brewster
Foto: Nick Page