TikToks Drogenproblem

Auf TikTok schalteten Händler Anzeigen für illegale Drogen und verschreibungspflichtige Medikamente wie Kokain, Xanax oder Codein. Eine Forbes-Recherche zeigt, dass die Werbung teils gezielt an Nutzer in Europa ausgespielt wurde – obwohl die Plattform solche Inhalte ausdrücklich verbietet. Ob auch Nutzer in der Schweiz betroffen waren, geht aus der Recherche nicht hervor.

Im Juli lief auf TikTok eine Anzeige, die eine Flasche mit weissen Tabletten zeigte. Die Beschriftung war verdeckt, auf den Pillen war jedoch der Code des opioidbasierten Schmerzmittels Percocet zu erkennen. Derselbe Account bewarb unter anderem das ADHS-Medikament Vyvanse sowie weitere kontrollierte Substanzen, darunter Codein und Xanax.

Allein im Juli schaltete der Account 27 ähnliche Anzeigen. Sie richteten sich an Nutzer mit Interesse an «Health & Wellness», vor allem in Deutschland, den Niederlanden und Irland. Der Verkauf der beworbenen Medikamente ohne Rezept ist in allen drei Ländern illegal. Hinweise darauf, dass diese konkreten Anzeigen auch in der Schweiz ausgespielt wurden, liefert die Recherche nicht.

Dabei handelt es sich offenbar nicht um einen Einzelfall. Innerhalb eines Monats erschienen auf TikTok Anzeigen für illegale Substanzen wie Kokain und Methamphetamin sowie für kontrollierte Medikamente wie Adderall, Xanax und Valium. Parallel wurden gefälschte GLP-1-Abnehmpräparate, experimentelle Peptide aus China und gefälschte Luxusprodukte beworben. TikTok untersagt die Bewerbung und den Verkauf illegaler Drogen, kontrollierter Medikamente sowie entsprechender Utensilien. Dennoch wurden einem von Forbes betriebenen TikTok-Account innerhalb von zwei Wochen Anzeigen von 21 Accounts ausgespielt, die entsprechende Produkte anboten.

Ein Beispiel war ein Account mit dem Namen ScarfaceWorldwide. Dieser kaufte Werbeanzeigen für Nutzer in Grossbritannien, Deutschland und den Niederlanden, die TikTok unter anderem den Interessengebieten Bildung, Babys und Shopping zuordnete. Auf dem Profil wurden illegale Drogen und kontrollierte Medikamente angeboten und Nutzer zu einem externen Messenger weitergeleitet. Nachdem Forbes TikTok mit den Rechercheergebnissen konfrontiert hatte, sperrte das Unternehmen den Grossteil der gemeldeten Werbekonten und Seiten. Neue Anzeigen anderer Accounts, die Drogen bewarben, tauchten laut der Recherche allerdings weiterhin auf.

Für TikTok ist das auch wirtschaftlich relevant: Die Plattform verdient an jeder geschalteten Anzeige. ByteDance, der Mutterkonzern von TikTok, erzielte 2025 laut Schätzungen einen Umsatz von 186 Mrd. US-$. Das Geschäft in Grossbritannien, Europa und Lateinamerika kam auf 9,1 Mrd. US-$ Umsatz und schrieb erstmals einen Gewinn.

TikTok verweist auf seine eigenen Kontrollmechanismen. Nach Angaben des Unternehmens wurden im ersten Quartal 99,8 % jener Videos, die wegen Verstössen gegen Regeln zu regulierten Waren und Dienstleistungen entfernt wurden, bereits gelöscht, bevor Nutzer sie meldeten. Insgesamt sperrte TikTok im selben Zeitraum 16 Millionen Werbetreibende. Einige der von Forbes beobachteten Accounts waren dennoch mindestens seit April aktiv.

Lücken in der Werbetransparenz
Seit 2023 betreibt TikTok für Grossbritannien und Europa eine öffentlich zugängliche Datenbank für kommerzielle Inhalte. Wie viele Anzeigen für illegale Produkte tatsächlich geschaltet wurden, lässt sich daraus jedoch nicht verlässlich ableiten. Suchanfragen nach gängigen Bezeichnungen für Strassendrogen lieferten teilweise keine Ergebnisse. Zudem waren mehrere Accounts, deren Anzeigen dem Forbes-Profil ausgespielt wurden, überhaupt nicht in der Datenbank zu finden.

Die Europäische Kommission kam im Mai 2025 vorläufig zu dem Schluss, dass ByteDance mit der TikTok-Werbebibliothek gegen den Digital Services Act verstossen habe. Kritisiert wurde unter anderem, dass die Datenbank nicht umfassend durchsuchbar sei und zu wenig Informationen über Werbetreibende offenlege. Im Dezember verpflichtete sich TikTok zu Änderungen, darunter mehr Informationen zu Anzeigen und zusätzliche Suchmöglichkeiten.

Neben den bezahlten Anzeigen fand Forbes mehr als 30 weitere TikTok-Accounts, die in ihren Namen, Profilbeschreibungen oder Videos auf illegale Drogen verwiesen. Mehrere dieser Konten forderten Nutzer dazu auf, sie über externe Messenger zu kontaktieren. Einige gleichnamige Profile waren auch auf Instagram aktiv. TikTok verfügt laut seinem Transparenzbericht allein für die Europäische Union über 4.596 menschliche Moderatoren. Trotzdem blieben mehrere von Forbes identifizierte Accounts aktiv, bis sie der Plattform gemeldet wurden.

Neuer Druck auf ByteDance
Die Fälle könnten den regulatorischen Druck auf ByteDance in Europa weiter erhöhen. TikTok steht dort bereits wegen Datenschutz, Jugendschutz und der Gestaltung seiner Plattform unter Beobachtung. In Europa wurden gegen das Unternehmen bereits Geldstrafen von insgesamt mehr als 1 Mrd. US-$ wegen Verstössen gegen Datenschutz- und Privatsphäreregeln verhängt.

Der Digital Services Act erlaubt europäischen Behörden bei schweren Verstössen Geldstrafen von bis zu 6 % des weltweiten Jahresumsatzes eines grossen Technologiekonzerns. Für die Schweiz gilt diese EU-Regelung nicht. Die Forbes-Recherche zeigt jedoch, wie schwierig die Kontrolle des digitalen Werbemarkts selbst für eine Plattform mit umfassenden automatisierten Systemen und Tausenden Moderatoren bleibt.

Text: Iain Martin
Foto: Fernando Capeto via Chatgpt

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