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Rund jedes sechste Paket, das im DACH-Raum online bestellt wird, kehrt laut Statista zurück an den Händler – ein Grossteil davon landet jedoch nicht im Verkauf, sondern im Container. Der Grund: Der wirtschaftliche Aufwand für die Aufbereitung ist zu hoch und zeitintensiv. Das Grazer Start-up Byeagain hat dafür eine Lösung gefunden: Es hat sich auf die datengetriebene Aufbereitung von Retouren, B-Ware und Ausstellungsstücken spezialisiert.
Dass Jan Kranner überhaupt Unternehmer wurde, hat mit einem Ort zu tun, der wenig mit Start-up-Romantik gemein hat: dem Logistikzentrum. Gemeinsam mit seinem späteren Co-Founder Wolfgang Weingraber arbeitete er sechs Jahre bei SSI Schäfer, einem grossen Anbieter von automatisierten Intralogistikanlagen.
„Was heute technisch sehr gut funktioniert, ist der voll automatisierte Versand von Bestellungen“, sagt Kranner – „das Problem entsteht auf der Rückseite.“ Denn zurückkommende Pakete sind oft bereits geöffnet, unförmig und damit nicht mehr automatisiert verarbeitbar. Die wirtschaftlich einfachste Lösung war lange Zeit dieselbe: entsorgen oder günstig an Liquidatoren verkaufen. Kranner und Weingraber beobachteten das täglich – an Wochenenden und
nach Feierabend begannen sie, an einer Alternative
zu tüfteln.
Daraus entstand 2021 ein Start-up namens Byeagain, das seither rund 30.000 Produkte vor der Entsorgung bewahrt hat, was laut Unternehmensangaben 1.650 Tonnen CO2-Äquivalent entspricht. Kranner und Weingraber starteten zunächst mit einem B2C-Ansatz – die Ware von Privatpersonen wurde angekauft, generalüberholt und weiterverkauft. Der Plan scheiterte schnell: Die Produktqualität war zu uneinheitlich, während sich die Logistik als zu komplex herausstellte. „Man muss bereit sein zu pivotieren“, sagt Kranner heute. „Man findet immer einen Weg, wenn man wirklich will.“ Der Pivot ins B2B-Geschäft legte schliesslich die Basis für das, was Byeagain heute ist: ein Unternehmen mit 19 aktiven Kunden, darunter Bosch, Chicco und Kinderkraft.
2024 wurden über Byeagain Waren im Gesamtwert von 80.000 € verkauft. Ein Jahr später waren es 770.000 € – ein Wachstum um den Faktor 9,6. In den ersten vier Monaten dieses Jahres hat das Unternehmen bereits Waren im Wert von 600.000 € umgesetzt. Monatlich verlassen rund 5.000 aufbereitete Produkte aus den Bereichen Kinderartikel, Do-it-yourself und Haushalt das Lager in Fernitz-Mellach.
Man muss bereit sein zu pivotieren. Man findet immer einen Weg, wenn man wirklich will.
Jan Kranner
Das technische Herzstück des Unternehmens ist eine KI-gestützte Software, die den Prüfprozess für einzelne Produkte standardisiert. Während ein iPhone millionenfach in derselben Ausführung existiert, was sich gut automatisieren lässt, sieht die Realität bei einem Buggy, einer Babywippe oder einem Spielbogen anders aus. Die Byeagain-Software sammelt historische Daten bereits generalüberholter Produkte, ergänzt sie mit Marktplatzdaten und erstellt daraus eine individuelle Prüf-Guideline für den Mitarbeiter, der das jeweilige Produkt bearbeitet. „Ohne unsere Software müsste jeder Mitarbeiter diese Einschätzung aus dem Bauch heraus treffen“, sagt Kranner. Die aufbereiteten Produkte werden anschliessend auf Partner-Plattformen wie Refurbed, Amazon, E-Bay oder Kaufland gelistet. Auf der Verkaufsseite ist Byeagain damit bereits in Deutschland, Frankreich, Italien, Schweden und Spanien aktiv.
Die operative Infrastruktur wuchs mit den Unternehmenszahlen: Die Nutzfläche erhöhte sich von 100 auf 1.200 Quadratmeter, die Mitarbeiterzahl von fünf auf heute 13. Finanziert wurde das Wachstum durch ein Nachrangdarlehen der Erste Bank sowie eine Förderung der Austria Wirtschaftsservice GmbH (aws). Externe Investoren hat Byeagain bisher keine an Bord, das soll sich jedoch bald ändern: Eine Finanzierungsrunde ist derzeit in Vorbereitung.
Jan Kranner wusste bereits früh, dass der Weg ins Unternehmertum eine Option für ihn sein würde – schon in der Schulzeit übernahm er Verantwortung
und leitete ein Jugendhaus mit 30 Kindern in Kaindorf bei Hartberg. „Ich bin jemand, der gerne Verantwortung übernimmt“, sagt er, „und diese Art von Verantwortung hat man in der Selbstständigkeit in viel grösserem Mass als als Angestellter.“ Trotzdem war der Sprung vom sicheren Job in die Selbstständigkeit auch für ihn kein leichter: „Die finanzielle Absicherung fällt plötzlich weg und man ist komplett auf sich gestellt.“ Bereut hat er es dennoch nie.
Ob Kranners Unternehmerreise mit Byeagain endet oder irgendwann eine neue Idee folgt, lässt er vorerst offen. Die klare Priorität der nächsten drei bis vier Jahre liegt auf Byeagain; mit einem Wachstumsziel für 2027, das dem 6,3-Fachen des heurigen Jahrs entspricht. „Es kann nicht sein, dass es keinen Weg gibt, ein Produkt noch einmal in die Wirtschaft zu bringen. Das in Europa zu etablieren ist unser grösster Antrieb“, fasst Kranner abschliessend die Mission von Byeagain zusammen.
Foto: Byeagain, Jan Kranner