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Die Welt steht kopf. Der Krieg in der Ukraine dauert seit über vier Jahren an, die USA zeigen unter Donald Trump neue Aggressionen in allerlei Richtungen; und Europa sitzt zwischen den Stühlen. Sicherheitsexperte Nico Lange, ehemaliger Chef des Leitungsstabs im deutschen Verteidigungsministerium und heute Gründer des Instituts für Risikoanalyse und Internationale Sicherheit, fordert Deutschland und Europa auf, eine Strategie zu entwickeln – und sich sicherheitspolitisch von den USA zu emanzipieren.
Seit Wochen dominieren geopolitische Konflikte nicht nur die Weltwirtschaft, sondern auch die Schlagzeilen. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine dauert mittlerweile vier Jahre an; die USA zeigen unter Präsident Donald Trump eine scharfe Kante in der Aussenpolitik; und Europas Regierungschefs müssen sich notgedrungen fragen, wie sie in dieser neuen Realität ihre eigene Rolle definieren. Für Nico Lange, der sein Geld mit Analysen zu sicherheitspolitischen Themen verdient, bedeutet das mehr denn je, Rauschen von relevanten Informationen zu trennen. Denn der Gründer und Direktor von IRIS (Institut für Risikoanalyse und Internationale Sicherheit) hat einen hohen Anspruch an das, was er als Informationen für seine Arbeit nutzt: «Man kann sich nicht nur aus den Medien informieren, wenn man seriöse Analyse betreiben will», sagt Lange.
Lange verwendet technische Daten, kauft also etwa kommerzielle Satellitenbilder, um sich ein Bild der Lage vor Ort zu machen. Neben der Lektüre von Fachbeiträgen setzt er aber vor allem – und wo möglich –
auf den Dialog mit Menschen vor Ort. Dass er fliessend Russisch und Ukrainisch spricht, ist für den Einblick in den Konflikt in der Ukraine natürlich ein grosser Vorteil. Auch deshalb ist Lange spätestens seit Ausbruch des Kriegs ein gefragter Beobachter der Weltlage. Der Deutsche, der bis 2022 Leiter des Leitungsstabs im deutschen Bundesministerium der Verteidigung war, hat aber auch eine Vergangenheit in den USA, wo er von 2017 bis 2018 das Auslandsbüro der Konrad-Adenauer-Stiftung leitete. Auch diese Erfahrung kommt ihm bei der Einordnung der aktuellen Geschehnisse zugute.
So oder so ist Lange Realist: «Wir sollten uns auf keinen Fall darauf verlassen, dass die USA die Sicherheitsprobleme, die wir in Europa haben, lösen werden.» Denn zu lange habe Europa sich auf «Daddy» verlassen, womit Lange die USA meint – Europa habe in einer passiven oder gar moralisierenden Position verharrt. Das räche sich nun: «Wir haben uns als Westeuropäer seit Jahrzehnten darauf verlassen, dass die Sicherheit von den Vereinigten Staaten gewährt wird.»
Das Verteidigungsbündnis Nato (North Atlantic Treaty Organization) sollte die Verteidigung seiner Mitgliedsstaaten im Falle eines Angriffs sicherstellen. Im Kern geht es dabei um die Beistandsklausel, die in Artikel 5 des Vertrags geregelt ist und die gegenseitige militärische Unterstützung im Fall des Angriffs auf einen Mitgliedsstaat sicherstellt. US-Präsident Donald Trump sorgte mit seinen Äusserungen immer wieder dafür, dass die Stabilität ebendieses Bündnisses zumindest infrage gestellt wird. In jedem Fall ist aber spätestens seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine klar, dass der neudeutsche Begriff «Defence» weltweit wieder Hochkonjunktur hat. Die globalen Ausgaben für Verteidigung stiegen 2025 um 2,5 % auf 2,63 Bio. US-$ (2 Bio. CHF). Nachdem zahlreiche grosse Nationen, darunter Deutschland, sich verpflichteten, die von der Nato geforderte Quote zu erfüllen, wonach 5 % des Bruttoinlandsprodukts in Verteidigung fliessen sollen, wird diese Zahl weiter steigen. Auch Start-ups in diesem Bereich spriessen aus dem Boden; Investoren steckten zuletzt rund 1,5 Mrd. € in europäische Defence-Start-ups. Das ist ein sattes Wachstum, gegenüber den USA aber fast lächerlich: Alleine im ersten Halbjahr 2025 sammelten US-Start-ups in diesem Bereich 28 Mrd. US-$ ein – das von Oculus-Gründer Palmer Luckey angeführte Unternehmen Anduril holte in einer Finanzierungsrunde alleine 2,5 Mrd. US-$ Funding.
Trump ist für viele politische Entscheider eine gute Ablenkung von den eigenen Unzulänglichkeiten.
Nico Lange
In jedem Fall geht der Trend also nach oben. Und das wird so weitergehen – denn dass sich die Welt in Kürze wieder beruhigt und alles «zum Alten» zurückkehrt, erwartet Lange nicht: Für ihn ist der Krieg in der Ukraine nur ein erster Schritt in den Vorstellungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin. «Putin möchte Europa neu gestalten. Die Ukraine ist ein Weg dorthin, sozusagen ein erstes Tool zur Umgestaltung Europas», sagt Lange.
In Langes Analyse ist das bisherige zögerliche Vorgehen des Westens ein strategischer Kardinalfehler, der den Konflikt unnötig in die Länge zieht. Laut dem Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel) stellten alleine die EU-Mitgliedsstaaten seit Februar 2022 321 Mrd. € an Hilfen (militärisch und humanitär) zur Verfügung. Gemeinsam mit den USA und anderen Staaten lag die Summe Ende 2025 je nach Schätzung bei über 500 Mrd. €. Doch die Zusagen waren politisch oft hart erkämpft, ein relevanter Teil des Geldes fliesst erst in die Ukraine. «Dieses langsame Helfen ist ja militärisch, ökonomisch und finanziell im Grunde das Dümmste, was man machen kann. Schneller gewinnen ist besser», kommentiert Lange.
Statt einer Politik der kleinen Schritte fordert er eine klare Ausrichtung auf einen Sieg. Lange plädiert dafür, der Ukraine die volle Handlungsfähigkeit zurückzugeben, anstatt sie durch langwierige Diskussionen einzuschränken. «Man müsste sich die Frage stellen: Was würden wir selbst tun, um dieses militärische Problem zu lösen? Und dann muss man genau diese Instrumente auch der Ukraine geben», so der Sicherheitsexperte. Er warnt eindringlich davor, dass jedes Zugeständnis an Moskau den Aggressor nur weiter ermutigt: «Wir füttern sozusagen Putins Appetit für die Umgestaltung Europas, wenn man sich auf solche Dinge einlässt.»
Parallel zur Ukraine blickt Lange auch auf die anhaltende Dynamik im Nahen Osten. Im Konflikt zwischen den USA und dem Iran erkennt er neue Erpressungsmuster, die über das reine Nuklearprogramm hinausgehen. Lange: «Der Iran hat mit der Strasse von Hormus im Grunde eine neue Bombe entdeckt und wird sie nicht wieder aus der Hand geben. Es wird keine Rückkehr geben zu der Regelung von davor.» Er bleibt zwar skeptisch gegenüber anhaltenden und schnellen diplomatischen Erfolgen, da die Region als permanenter Druckpunkt fungiert. Und doch hält Lange es für sehr wahrscheinlich, dass der Iran-Konflikt relativ rasch gelöst werden könnte – zumindest vorübergehend.
Denn Lange erwartet, dass die USA ihren Fokus wieder verstärkt auf ihre direkte Nachbarschaft richten werden. Er hält eine Rückkehr zu geopolitischen Operationen in der Karibik für sehr wahrscheinlich. «Die Lage in Kuba ist desaströs. Ich halte einen Wechsel des Schauplatzes durch die USA – zurück in die westliche Hemisphäre, so wie das bei Venezuela passiert ist – jetzt in Richtung Kuba für sehr wahrscheinlich.»
In Bezug auf Donald Trump mahnt Lange zu Professionalität anstelle emotionaler Reaktionen. Er kritisiert, dass Trump oft als Vorwand genutzt wird, um von eigenem Versagen abzulenken. «Trump ist für viele politische Entscheider eine gute Ablenkung von der eigenen Agenda und den eigenen Unzulänglichkeiten. Man kann immer wieder darüber reden, wie komisch oder blöd er ist – dann spricht man weniger über die eigenen Probleme.» Lange betont, dass Geopolitik kühl berechnet werden muss: «Man darf nicht auf der Grundlage seiner Befindlichkeit handeln, sondern auf der Grundlage seiner Interessen.»
Europa muss laut Lange schleunigst lernen, eigenständig zu handeln, und sich aus der passiven Abhängigkeit von Washington lösen. Er vergleicht das aktuelle Verhältnis mit einer schwierigen Partnerschaft, die strategisches Geschick verlangt: «Es ist so ein bisschen wie in einer toxischen Beziehung, wo man sich heimlich lange darauf vorbereitet, dass man in die Trennung gehen kann. Aber solange man nicht vorbereitet ist, muss man das Ganze irgendwie noch gut managen.»
Dieser Prozess der Emanzipation erfordert eine ehrliche Kommunikation der Politik gegenüber der Bevölkerung. Lange: «Der Modus der deutschen Politik ist ja sehr stark, bei jedem Problem erst mal intuitiv die Leute zu beschwichtigen. Die Menschen sind aber erwachsen, sie haben ein Bedürfnis nach Klarheit und Orientierung.» Diese Klarheit bedeutet auch, die Ukraine endlich als integralen Bestandteil der eigenen Sicherheitsarchitektur zu begreifen.
Um diese Wehrhaftigkeit finanziell zu unterlegen, sieht Lange vor allem Deutschland in der Pflicht,
seine wirtschaftliche Macht in militärische Handlungsfähigkeit zu übersetzen: «Put your money where your mouth is – wenn wir europäisch eigenständig sein wollen, dann müssen wir es machen.» Lange fordert, dass der deutsche Verteidigungshaushalt konsequent auf innovative Technologien und die Unterstützung von Partnern ausgerichtet wird, anstatt lediglich alte Strukturen zu verwalten. «Verteidigung, das sind ja keine Ausgaben, die einfach weg sind; sondern das sind Investitionen, die uns auch gemeinsam etwas bringen», so Lange. Doch die Aufrüstung kann auch eine immense Chance für den Wirtschaftsstandort Europa und die Innovationskraft in der Region sein. Lange beobachtet eine neue Attraktivität von Sicherheitsthemen, die weit über klassische Rüstung hinausgehen und junge Talente anziehen: «Ich habe noch nie im Verteidigungsbereich so eine aktive Zeit erlebt wie jetzt gerade.»
Fotos: IRIS, Münchner Sicherheitskonferenz, Shealah Craighead / Forbes US