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Mit der patentierten HealthCard gibt Jennifer Urwyler, CEO von MedicalSwitzerland, Patienten die Kontrolle über ihre medizinischen Daten zurück. Gemeinsam mit Laura Henrich, CEO des Digital-Health-Start-ups Klenico, erweitert sie ihr Angebot nun um mentale Gesundheit. Das Ziel: Patienten zu Managern ihrer eigenen Gesundheit zu machen – mit einer Plattform, die Gesundheitsdaten, digitale Services und Versorgung an einem Ort bündelt.
Strahlender Sonnenschein, glitzerndes Wasser und ein paar vereinzelte Schwimmer im See: Das am Vierwaldstättersee gelegene Weggis im Herzen der Schweiz zeigt sich von seiner Postkartenseite, als wir uns dort zum Interview mit Jennifer Urwyler treffen. Entgegen der Idylle und Ruhe sprüht Urwyler förmlich vor Energie, als sie die Tür öffnet. «Ich liebe gute Herausforderungen», sagt die Serienunternehmerin wenig später. «Ich liebe gute Ideen und den Versuch, daraus etwas aufzubauen.»
Mit MedicalSwitzerland arbeitet sie derzeit daran, ein zentrales Problem im Gesundheitswesen zu lösen: den fehlenden oder nur fragmentiert vorhandenen Zugang zu medizinischen Daten im entscheidenden Moment. Damit bewegt sie sich in einem der grössten und kostenintensivsten Märkte der Schweiz: Für 2025 wurden die Gesundheitskosten auf rund 100,7 Mrd. CHF beziehungsweise 11.090 CHF pro Person geschätzt. «Das Problem ist nicht, dass es keine Daten gibt. Das Problem ist, dass sie oft in verschiedenen Systemen liegen, die nicht miteinander kommunizieren», so Urwyler. Eine Tatsache, die Konsequenzen nach sich zieht: Eine in «BMJ Quality & Safety» veröffentlichte Studie zeigt, dass Patienten mit mehrfach angelegten Patientenakten gegenüber jenen mit nur einer einzigen Akte ein fast fünffach erhöhtes Risiko aufwiesen, während eines Spitalsaufenthalts zu sterben.
Meine Vision ist ein Gesundheitssystem, das Menschen ein vollständiges Bild ihrer Gesundheit gibt.
Jennifer Urwyler
Mit dem elektronischen Patientendossier – kurz EPD – sollte in der Schweiz eine digitale Infrastruktur entstehen, die ebendieses Problem löst und Gesundheitsinformationen sicher zugänglich macht. In der Praxis wurden seit 2022 schweizweit jedoch nur rund 1,4 % EPD eröffnet; das Fachjournal «Swiss Medical Weekly» spricht von einer «Adoptionskrise». Als Gründe werden vom Bundesrat strukturelle Hürden genannt: Eine komplexe Struktur mit zahlreichen privaten Anbietern und ein aufwendiger Eröffnungsprozess haben dazu geführt, dass die Nutzung hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist. Urwyler will das ändern: Die von ihr entwickelte und patentierte HealthCard funktioniert über NFC-Technologie, ähnlich wie beim kontaktlosen Bezahlen. Wird die Karte an ein Smartphone gehalten, können hinterlegte Informationen abgerufen werden. «Im Notfall können die richtigen Informationen Leben retten – etwa jene über Allergien, Medikamente oder Vorerkrankungen», so Urwyler. Sensiblere medizinische Daten bleiben geschützt und sollen nur mit entsprechender Freigabe des Patienten zugänglich sein. Der zentrale Gedanke dahinter: Die Informationen reisen nicht mehr mühsam von Praxis zu Praxis oder von System zu System, sondern mit den Patienten selbst. «Es geht darum, Menschen die Kontrolle über ihre Gesundheitsdaten zurückzugeben», sagt Urwyler.
Patienten müssen stärker zu Managern ihrer eigenen Gesundheit werden.
Laura Henrich
Jennifer Urwyler absolvierte das John Abbott College in Kanada und arbeitete anschliessend im Vertrieb für den US-amerikanischen Schuh- und Bekleidungskonzern Collective Brands, Inc. Als dieser 2012 nach einer 2 Mrd. US-$ (1,6 Mrd. CHF) schweren Übernahme aufgeteilt wurde, machte sich Urwyler selbstständig. Gemeinsam mit dem ehemaligen Investmentbanker Michael Gelpke baute sie zunächst ein international tätiges Produktions- und Handelsunternehmen für Medizin- und Konsumgüter auf. Später folgten Aktivitäten im Immobilienbereich. Seit 2022 ist Urwyler zudem Eigentümerin der Dubaier Luxusimmobilienagentur Glam Properties und Partnerin des Aymara International Fund. 2023 gründete sie dann gemeinsam mit einem in der Schweiz ansässigen Arzt die MedicalSwitzerland AG. Die Idee entstand aus dessen Praxisalltag: Immer wieder behandelte er internationale Patienten, deren medizinische Vorgeschichte über verschiedene Ärzte, Kliniken und Länder verstreut war. Das mühsame Zusammentragen von Befunden und Berichten kostete wertvolle Zeit. Urwylers Antwort darauf: die HealthCard.
Heute arbeitet MedicalSwitzerland mit einem Kernteam von etwa zehn Mitarbeitenden sowie einem internationalen Netzwerk aus Agenten, Kliniken und NGOs. So ist MedicalSwitzerland etwa auch in Afrika aktiv. Gerade dort sieht Urwyler nämlich grosses Potenzial: «In diesen Ländern gibt es noch kaum elektronische Gesundheitsdaten. Gleichzeitig haben fast alle ein Mobiltelefon.» Mit ihrem Unternehmen verfolgt sie generell zwei verschiedene Ansätze: Privatpersonen können ihre Daten selbst verwalten, während Kliniken und staatliche Institutionen die Technologie in grössere Versorgungsstrukturen integrieren. «Wir wollen nicht nur eine Karte bieten, sondern eine Plattform, auf der verschiedene Gesundheitsservices zusammenkommen – quasi einen One-Stop-Shop für die Gesundheit», sagt Urwyler.
Bereits heute können Patienten darüber virtuelle Konsultationen mit Ärzten vereinbaren, was insbesondere Menschen in ländlichen oder medizinisch unterversorgten Regionen den Zugang zur Versorgung erleichtern soll. Künftig soll zudem ein KI-gestützter digitaler Arzt eine erste Orientierung bieten und Patienten zu passenden Angeboten weiterleiten. Weitere spezialisierte Partner sollen das Angebot schrittweise um Leistungen in den Bereichen Prävention, Optimierung der Gesundheit und Longevity ergänzen. Den nächsten Schritt geht MedicalSwitzerland dafür gemeinsam mit Laura Henrich, CEO von Klenico.
Klenico ging aus einem 2015 gestarteten Projekt der Universität Zürich hervor. Im Zentrum steht eine digitale Software, die psychische Beschwerden strukturiert erfasst und sichtbar macht. Nutzer beantworten Fragen zu ihren Symptomen, die anschliessend in einer visuellen Karte einfach erklärt Auskunft über den aktuellen psychischen Zustand geben. Passende digitale Angebote werden verlinkt. Bei weiterem Bedarf findet eine Vermittlung in Videogespräche mit Fachpersonen statt, welche eine Diagnose vergeben, damit, falls nötig, schnell die Behandlung starten kann. So können hohe Folgekosten durch Chronifizierung und stationäre Aufenthalte vermieden werden. Der Bedarf ist gross: Laut einer AXA-Studie (2026) leidet jeder vierte Schweizer an einer psychischen Erkrankung. Besonders betroffen sind junge Erwachsene – bei ihnen sind es 39 %. Und das kostet: Laut Bundesamt für Gesundheit beziffern sich die volkswirtschaftlichen Kosten auf mehr als 7 Mrd. CHF pro Jahr. «Klenico soll die Therapie nicht ersetzen, sondern früher Orientierung geben, Beschwerden strukturiert erfassen und Betroffene schneller zur passenden Versorgung führen», sagt Henrich.
Klenico wird nun in das Angebot von MedicalSwitzerland integriert und erweitert die HealthCard damit um mentale Gesundheit. Nutzern bringt das einen zentralen Zugang zu medizinischen Daten, digitaler Versorgung und psychischer Unterstützung. «Körperliche und mentale Gesundheit hängen oft zusammen. Deshalb macht es keinen Sinn, sie isoliert zu betrachten», sagt Henrich. Die Vision der beiden Unternehmerinnen ist jedoch eine grössere.
Entstehen soll ein Gesundheitswesen, in dem medizinische Informationen nicht länger über verschiedene Systeme, Institutionen und Anwendungen verstreut sind – sondern dort zusammenlaufen, wo sie gebraucht werden: bei den Patienten selbst. «Patienten müssen stärker zu Managern ihrer eigenen Gesundheit werden», erläutert Henrich. «Meine Vision ist ein Gesundheitssystem, das weniger fragmentiert ist und den Menschen ein vollständiges Bild ihrer eigenen Gesundheit gibt», fügt Urwyler hinzu. Mit der Integration von Klenico kommt MedicalSwitzerland diesem Ziel nun einen grossen Schritt näher. •
Fotos: Lukas Lienhard