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Jean-Claude Biver ist eine der prägendsten Figuren der Schweizer Uhrenbranche: Der heute 75-Jährige verhalf etwa Blancpain, Omega und Hublot zu neuem Ruhm und hauchte dem gesamten Sektor neues Leben ein. Nach 50 Jahren in der Branche entschied sich Biver 2023, seine eigene Marke, Biver, ins Leben zu rufen – mit Sohn Pierre arbeitet er seither in einem umgebauten Farmhaus an hochpreisigen Uhren. Sein Ziel? Etwas zu schaffen, das die Zeit überdauert, denn: «In der Perfektion findet man einen Teil der Ewigkeit.»
An dem Farmhaus, das quasi ohne Nachbarn wie ein Solitär in der Einöde steht, könnte man problemlos vorbeifahren – nur wer weiss, was sich hinter den Mauern versteckt, hat einen Grund, stehen zu bleiben. Hier, unweit des Genfer Sees, hat sich nämlich einer der bekanntesten Namen der Schweizer Uhrenwelt niedergelassen, um seiner Vorzeigekarriere das wohl letzte Kapitel hinzuzufügen.
Das Ziel, das Jean-Claude Biver gemeinsam mit seinem Sohn Pierre in Givrins verfolgt, ist grösser,
als lediglich ein gutes Produkt zu kreieren: Für Biver senior, der in 50 Jahren in der Uhrenbranche einige der bekanntesten Marken der Welt massgeblich mitgeprägt hat, geht es um ein Konzept, das Philosophen wie Theologen seit Jahrhunderten fasziniert: die Ewigkeit.
«In der Perfektion findet man einen Teil der Ewigkeit», erklärt der 75-Jährige im Gespräch, als Forbes Swiss ihn in ebenjenem umgebauten Farmhaus besucht, in dem Biver gemeinsam mit seinem Sohn und einem 30-köpfigen Team die gleichnamige Marke auf- und ausbaut. Auch eine erst kürzlich über ihn erschienene Dokumentation beschreibt Bivers grosses Ziel unter dem Titel «Chasing Eternity». Im Gegensatz zu Theologen und Philosophen ist Ewigkeit für Biver aber kein abstraktes Zeitmass, sondern das Resultat kompromissloser Qualität.
Bis Biver seinen Namen auf eine Uhr brachte, dauerte es ganze fünf Jahrzehnte. Zuvor hatte er Marken wie Blancpain, Omega, Hublot, TAG Heuer oder Zenith stark geprägt – und damit in gewisser Weise der ganzen Schweizer Uhrenbranche seinen Stempel aufgedrückt. «Meine Motivation, eine eigene Marke zu gründen, kam vorrangig von meinem Sohn», so Biver – Pierre, 26 Jahre alt, teilt die Leidenschaft des Vaters für die Uhrmacherei.
Als Biver 2022 schliesslich ankündigte, seine eigene Marke zu starten, war die Vorfreude bei Uhrenliebhabern riesig. Dass das erste Modell der Marke aber eine 500.000 CHF teure Grand Complication sein würde (die das Branchenportal Hodinkee als «ästhetisch ungewöhnlich» bezeichnete), verwunderte dennoch viele Beobachter. Heute reichen die Preise der Uhren von 80.000 CHF Einstiegspreis bis hin zu 1,3 Mio. CHF. Für Biver spielt der Preis aber nicht die wichtigste Rolle: «Die Qualität steht an erster Stelle, erst dann kommt der Preis.»
Von Anfang an war klar, dass der Druck, der auf Biver lastet, hoch sein wird – denn wenn ein No-Name in der Branche scheitert, ist das eine Sache; wenn aber einer der grössten Namen der Uhrenwelt mit seiner eigenen Marke keinen Erfolg hat, wäre das etwas ganz anderes. Wir wollen von ihm wissen, ob es heute und mit so viel Erfolg im Rücken leichter oder schwerer sei, eine eigene Marke zu starten.
«Ich musste einige Herausforderungen lösen, da ich noch nie für so eine kleine Marke gearbeitet habe. Ich hatte immer eine Assistentin, jetzt plötzlich nicht mehr. Ich musste mich also, trotz über 50 Jahren in der Branche, neu einstellen.» Trotz der ungeahnten Herausforderungen ist Biver mehr als zufrieden mit dem Start: «Wir haben mehr geschafft, als ich je gedacht hätte. Auch, weil wir viel Unterstützung aus der Branche bekommen haben.» Und doch ist ihm klar, dass die Reise erst begonnen hat: «Die Marke ist drei Jahre alt. Wir sind noch ein Baby. Vieles muss noch getan werden.»
Im Sommer 2024 kam mit James Marks ein erfahrener Uhrenmanager an Bord, der die Rolle als CEO übernehmen und die Marke in die Zukunft führen sollte. Doch die Vorstellungen gingen offensichtlich auseinander – denn als wir Biver im Mai 2026 treffen, heisst der CEO nicht mehr James Marks, sondern Pierre Biver.
Er füllt die Rolle neben seiner Tätigkeit als Creative Director seit Januar 2026 aus.
Biver beschreibt, was alles in die Uhr fliesst. So zeigt er etwa, dass die Zeiger der Uhr graviert sind und poliert wurden. «Wir haben auf einem Zeiger sechs verschiedene Qualitäten in der Oberfläche. Manche sagen: ‹Na und?›» – doch Biver ist überzeugt, dass dieses Auge fürs Detail den Unterschied macht: «Uhrenkenner schätzen genau diese Details.» Auch deshalb sei Biver aktuell kein Produkt für den Massenmarkt, so der Gründer – «das wird es vielleicht nie sein, weil wir die Quantitäten nicht produzieren könnten».
Neben den Uhrzeigern spricht Biver in diesem Zusammenhang etwa über die Rückseite der Uhren: «Ich habe gesagt, die Rückseite muss genauso gut aussehen wie das Uhrenblatt. Und die Leute haben gesagt: ‹Das kann niemand sehen, wen interessiert das?›» Biver sagt, dass es im 18. und 19. Jahrhundert eine Regel in der Uhrmacherei gab: Keine Abkürzungen. In Funktion und Aussehen muss die Uhr eben perfekt sein. «Die Rückseite muss die gleiche Qualität haben wie die Vorderseite», so Biver.
Denn heute, im Alter von 75 Jahren, geht es für den ehemaligen Manager Biver nicht mehr um Budgets, Wachstumsraten oder Marktanteile: «Die Qualität ist mein Boss», sagt er. Zudem sagt Biver, dass er nach der «Seele» der Uhren suche. Er ist überzeugt: Lange nachdem ein Kunde den Preis eines Produkts vergessen hat, wird er sich an die Qualität erinnern – und genau dort beginnt für ihn eben die Ewigkeit.
Die «Automatique»-Kollektion, die nach der Grand Complication an den Start ging, gilt heute als Einsteigermodell. Mit 80.000 CHF ist das aber durchaus hoch gepreist: Lediglich Richard Mille und Zukunftshoffnung Rexhep Rexhepi, von dem nicht nur die Branche, sondern auch Biver selbst in den höchsten Tönen spricht, verlangen höhere Preise im Einstiegssegment.
Mit konkreten Verkaufszahlen hält sich das Unternehmen zurück. Nachdem das erste Modell mit einer Limitierung von 50 Stück an den Start ging (die laut Aussage von James Marks im September 2024 gegenüber der Financial Times fast vollständig verkauft waren), ergibt sich bei einem Preis von 500.000 CHF in den Jahren 2023 und 2024 ein kumulierter Gesamtumsatz von 25 Mio. CHF. Inwiefern diese Zahl korrekt ist, will das Unternehmen nicht kommentieren.
Die Marke ist drei Jahre alt – wir sind noch ein Baby. Vieles muss noch getan werden.
Jean-Claude Biver
Die einzige Information, die kommuniziert wird, ist, dass für 2026 die Produktion von 80 Uhren geplant ist, wovon die Mehrheit aus der «Automatique»-Kollektion stammt – ergänzt um einige Minute Repeater (eine Komplikation bei mechanischen Uhren, welche die Uhrzeit akustisch wiedergibt). Auf Basis der aktuellen Kaufpreise würde das wiederum einen geschätzten Jahresumsatz von rund 10 Mio. CHF ergeben – auch hier will das Unternehmen aber keinen Kommentar abgeben.
Die Käufer sind weltweit verstreut, wobei Asien und die USA die wichtigsten Märkte sind, dicht gefolgt vom Heimatmarkt Schweiz. Biver arbeitet lediglich mit ausgewählten Händlern; elf sind es an der Zahl, unter anderem Bucherer in Europa, Material Good in den USA (an den Standorten in New York, Miami, Boston und Dallas) sowie eine eigene Biver Lounge in Hongkong. «Wir sind unseren Händlern sehr treu und haben glücklicherweise Kunden, die zu diesen wenigen Verkaufspunkten kommen», sagt Biver.
Mitgründer, CEO und Creative Director Pierre Biver, der es 2025 auf die Forbes Under 30- Liste für die Schweiz schaffte, zeigt sich während des Interviews nur ganz kurz. Der 26-Jährige ist am Tag des Interviews offiziell gar nicht im Büro – und doch ist er, insbesondere in den Ausführungen des Vaters, durchaus präsent. 25 Mitarbeiter arbeiten für die Marke; in der Produktion sitzen Uhrmacher, die bei den grössten Marken der Branche gelernt und gearbeitet haben und die die Uhren weitgehend in Handarbeit herstellen. Sie sind alle vorrangig wegen Biver zu diesem Start-up gewechselt. Er sei sich der Verantwortung, die er für sein Team trägt, durchaus bewusst, sagt der Unternehmer im Gespräch. In der Werkstatt werden Einzelteile poliert, Zeiger geschliffen, Zifferblätter vollendet. Selbst der Ton der Uhren wird geprüft. Wer Perfektion anstrebt, muss im Detail anfangen.
Geboren am 20. September 1949 in Luxemburg zog Jean-Claude Biver im Alter von zehn Jahren in die Schweiz. Nach seinem Studium an der HEC Lausanne tauchte er im Vallée de Joux in die Welt der Mechanik ein. Dabei war sein Weg keineswegs vorgezeichnet; Biver selbst erinnert sich an eine Jugend voller Freiheiten: «Meine Eltern liessen mich meinen eigenen Weg wählen, selbst als ich ein Hippie war. Sie hielten mich nicht auf, sie nahmen mich einfach so, wie ich war» – eine Einstellung, die Biver auch gegenüber seinen eigenen Kindern wiederholen sollte.
Diese frühe Freiheit spiegelte sich später in seinem Mut wider, gegen den Strom zu schwimmen. Als in den 1980er-Jahren die gesamte Industrie auf die vermeintliche Zukunft Quarzuhr setzte, entschied sich Biver für die «Rückwärtsinnovation»: 1982 erwarben Biver und Jacques Piguet für lediglich 22.000 CHF die Rechte an der damals stillgelegten Marke Blancpain; mit dem provokanten Slogan «Seit 1735 gibt es bei Blancpain keine Quarzuhr – und es wird nie eine geben» forderte er den Markt heraus. Die Not machte erfinderisch: Biver und Piguet reisten zur Baselworld, hatten aber nur zwei Uhren im Gepäck, für mehr reichte das Geld nicht. Da ihnen das merkwürdig erschien, stellten sie statt der beiden Uhren einfach gar keine Uhr aus – «und alle sprachen über uns». Ein Jahr später hatten die Veranstalter entschieden, dass jeder Aussteller auch Uhren zeigen muss. Der Standbauer hatte in diesem Jahr die Idee, das Showcase, in dem die Uhren lagen, zu zerbrechen – als wäre jemand beim Blancpain-Stand eingebrochen. «Und wieder: Alle sprachen über uns», so Biver nicht ohne Stolz.
1992, also zehn Jahre später, verkaufte er die sanierte Marke für 60 Mio. CHF an die heutige Swatch Group. Rückblickend beschreibt er den Verkauf als einen Moment des Bedauerns: «Ich fühlte mich schuldig, weil ich das Team verlassen hatte. Ich dachte nie, dass ich jemals verkaufen würde. Aber voilà, so ist das Leben.» Heute sagt Biver, dass ihm die Gründung seiner eigenen Marke geholfen habe, dieses Kapitel endgültig abzuschliessen. Sein weiterer Weg führte ihn ins Management von Swatch und dort als CEO zu Omega, wo er durch prominentes Product Placement – etwa am Handgelenk von James Bond – die Verkäufe innerhalb eines Jahrzehnts von 350 Mio. CHF auf 900 Mio. CHF fast verdreifachte. 2003 verliess er die Marke. Es folgte der spektakuläre Aufstieg von Hublot: Ab 2004 leitete Biver die vom Italiener Carlo Crocco in den 1980er-Jahren gegründete Marke als CEO und Minderheitsaktionär. Zwischen 2004 und 2008 stiegen die Umsätze von rund 25 Mio. CHF (2004) auf rund 150 Mio. CHF (2007) – unter anderem durch die Einführung des neuen Flagship-Modells der Marke im Jahr 2005, der «Big Bang». Drei Jahre später, 2008, wurde Hublot schliesslich von LVMH übernommen. Biver blieb bis 2012 an der Spitze der Marke, anschliessend wechselte er in den Verwaltungsrat.
Meine Motivation, eine eigene Marke zu gründen, kam vorrangig von
meinem Sohn.
Jean-Claude Biver
2014 übernahm er die Führung der Uhrensparte von LVMH, die auch TAG Heuer und Zenith umfasste. 2018 trat er schliesslich auch von dieser Rolle zurück – aus gesundheitlichen Gründen. Heute beschreibt er die dreimonatige Auszeit, die er sich damals gönnte, als Grundstein für die Möglichkeit, seine eigene Marke ins Leben zu rufen. Aus seiner Karriere hat Biver, der oft als Marketinggenie bezeichnet wird, eine Erkenntnis mitgenommen: Gutes Marketing ist eine schwierige Übung – insbesondere in der Uhrenbranche: «Man muss glaubwürdig bleiben. Wenn man Marketing betreiben will, wird man unglaubwürdig. Das ist die Gefahr. Wenn man Marketing machen will, muss man es auf eine verborgene Art und Weise tun.»
Die grösste Herausforderung bleibt die physikalische Unmöglichkeit, Perfektion in Serie zu produzieren. «Um Mengen zu produzieren, bräuchten wir so viele Leute, dass wir sie gar nicht alle bezahlen könnten», gibt Biver offen zu. Doch Wachstum ist hier ohnehin kein Massstab mehr für Erfolg – stattdessen ist es die Weitergabe von Wissen
an die nächste Generation. Dass Pierre bereits als 26-Jähriger Verantwortung übernimmt, gibt dem charismatischen Patron die Sicherheit, die er für sein letztes Kapitel braucht: «Wenn man Menschen von dort, wo sie sind, langsam nach oben bringt, bis sie CEO werden – das ist eine grosse Verantwortung, aber ein noch grösseres Vergnügen», sagt Biver.
Dass er Uhren weiterhin liebt, zeigt sich auch im Gespräch. Zwar trägt Biver standesgemäss eine Uhr der eigenen Marke, doch er betont, durchaus auch andere Modelle zu tragen. Es sei auch mal eine andere Marke dabei, etwa von anderen hochpreisigen Schweizer Uhrherstellern; aber durchaus auch mal eine Swatch. «Ich trage, was ich liebe», so der 75-Jährige.
Eine Anekdote im Gespräch zeigt, was ihn antreibt: Er erinnert sich an einen Moment mit seinem Vater kurz vor dessen Tod. Dieser überreichte ihm seine Uhr – jenes Stück, das ihm Bivers Mutter zur Verlobung im Jahr 1942 geschenkt hatte. Biver hielt sie sich ans Ohr und hörte das stetige Ticken. «Die Uhr läuft, Papa!», rief er erstaunt. Sein Vater antwortete gelassen, dass sie das natürlich tue; abgesehen von ein wenig Öl und Service habe sie seit Jahrzehnten nie aufgehört. «Das hat mir gezeigt: Wenn man Perfektion erreicht, begegnet man der Ewigkeit», sagt Biver leise. «Und der Ewigkeit zu begegnen, während man noch am Leben ist – das ist echter Luxus.»
Für die kommenden Jahre hat Biver ein klares Ziel: Er will im Unternehmen und ganz generell aktiv bleiben, solange seine Konstitution es zulässt. Sein persönlicher Blick auf die Ewigkeit ist dabei so unkonventionell wie seine Geschäftsstrategien: «Ich hoffe, ich bin nicht mehr da, wenn ich sterbe», sagt er lachend. Und dann, etwas ernster: «Ich werde mich selbst nicht sterben sehen. Ich werde einfach verpuffen und tot sein. Es spielt keine Rolle, ob ich 96 bin, ob ich 99 bin oder 100 – ich möchte weg sein an dem Tag, an dem Gott entscheidet und zu mir sagt: ‹Komm zurück!›», sagt er mit einem verschmitzten Lächeln. Bis dahin wird er jedoch weiterhin jeden Morgen in Givrins nach der Seele in den Goldgehäusen suchen; denn: «Man kann sie nicht sehen, aber man kann sie fühlen», sagt Biver über die Essenz seiner Uhren …
Fotos: Sébastien Agnetti