Mit dem FORBES-NEWSLETTER bekommen Sie regelmässig die spannendsten Artikel sowie Eventankündigungen direkt in Ihr E-mail-Postfach geliefert.
Wer Luxusuhren sammelt, kann für ein Stück schon einmal einen sechsstelligen Betrag bezahlen – eine Leidenschaft, die Pierre Biver lange Zeit unverständlich war. Dennoch ist er mittlerweile CEO der Luxus-Uhrenmarke Biver – die Liebe zu Uhren kam bei ihm aber erst spät.
Dass Pierre Biver heute CEO der High-End-Uhrenmarke Biver ist, hätte er sich als Kind nicht träumen lassen – denn eigentlich wollte er nie mit Uhren arbeiten. Dabei kannte er die Welt der Uhrmacherei
in- und auswendig: Sein Vater, Jean-Claude Biver, war über 50 Jahre bei den grössten und bekanntesten Marken tätig, von Audemars Piguet über Omega und Hublot bis hin zu TAG Heuer und Blancpain.
Genau dieser Umstand führte dazu, dass Pierre Biver sich kaum für schöne Uhren erwärmen konnte – sie gehörten einfach zum Alltag. «Ich war desillusioniert, weil ich das Ganze von innen heraus gesehen habe und viele Dinge an Uhren für mich keinen Sinn ergeben haben», erzählt er. Im Mittelpunkt stand für ihn die Frage, warum sich die Leute überhaupt so sehr für Uhren begeistern. Es brauchte Abstand und vor allem den Einfluss von Freunden statt von der Familie, um selbst den Reiz von Zeitmessern zu verstehen: Als Freunde sich plötzlich für Uhren interessierten und sie am Ende ihrer Schulzeit als Abschlussgeschenke bekamen – da habe er sich in Uhren verliebt, erzählt Biver.
Auf die neu entdeckte Leidenschaft folgte ein Praktikum in London im Uhren-Department des Auktionshauses Phillips. Daraus wurde schnell eine Festanstellung, aber nach zwei Jahren kehrte Biver für ein Wirtschaftsstudium zurück in seinen Heimatort Lausanne. Lange hielt es ihn allerdings nicht an der Universität; nach der Hälfte der vorgesehenen Semester brach er sein Studium ab. Ausgelöst wurde diese Entscheidung durch einen Schicksalsschlag: Sein Vater Jean-Claude hatte einen schweren Unfall.
Die schwierige Zeit damals sieht Biver heute als eine einmalige Chance. Jahrelang hatte sein Vater bereits über ein neues Projekt in der Pension nachgedacht. Pierre Biver drängte auf eine eigene Marke, doch Jean-Claude Biver war unschlüssig; er überlegte eher, eine bereits bestehende Marke zu kaufen und zu rebranden. «Erst der Unfall hat meinem Vater gezeigt, wie zerbrechlich das Leben ist – und dass er den nächsten Schritt jetzt wagen muss», sagt Pierre Biver. Damit war es fix: Das Vater-Sohn-Duo gründete 2021 die Luxus-Uhrenmarke Biver. Name, Know-how und Kapital kamen vom Vater, doch die Inspiration dahinter war Pierre.
Die erste Uhr war die extrem aufwendig gefertigte «Carillon Tourbillon»-Uhr. Sie kostet 500.000 CHF; pro Jahr werden maximal zehn Stück hergestellt. Pierre Biver ist eng in den Designprozess eingebunden und arbeitet dazu mit dem technischen Direktor zusammen. Im hauseigenen Atelier wird alles selbst zusammengebaut und dekoriert. Auch die Hälfte der 26 Angestellten arbeitet dort. Um die hochwertigsten Komponenten zu bekommen, setzt man auf spezialisierte Zulieferer.
2024 wurde die Kollektion um die sogenannten «Automatique»-Uhren erweitert. Sie sind «kleiner, tragbarer und nicht ganz so teuer», erklärt Biver. Der Preis beläuft sich auf etwa 100.000 CHF pro Stück. Doch nicht nur die Kollektion, auch der Umsatz wächst stetig: Nahm Biver 2020 noch etwa 6 Mio. CHF pro Jahr ein, waren es 2025 bereits zwischen 10 und 13 Mio. CHF.
Das führt Biver auch auf die Philosophie hinter
der Uhrenmarke zurück: Sie vereint traditionelle Uhrmacherei mit moderner Verarbeitung. Die Kombination spiegelt sich in dem Vater-Sohn-Gespann wider: «Generationen arbeiten miteinander und bauen Brücken», fasst Biver zusammen. Die Kunden reichen von erfolgreichen Unternehmern und Sportlern bis hin zu Mitgliedern königlicher Familien. Meist sammeln sie bereits seit Jahren Uhren und kennen die herkömmlichen Marken gut. «Eine der Eigenschaften, die die Kundinnen und Kunden auszeichnet, ist, dass sie etwas Einzigartiges wollen, etwas, mit dem sie sich identifizieren können. Sie möchten eine Beziehung zu den Menschen aufbauen, die hinter dem Produkt stehen», erklärt Biver.
Diesem Wunsch kommt man bei dem familiengeführten Unternehmen nach: Kunden erhalten nicht nur Geburtstagswünsche, sie dürfen auch die Uhrmacher treffen, die ihre Luxusuhren herstellen. «Wir sind wie ein Schneider, der einen Massanzug anfertigt», lacht Biver. Es gehe um mehr als reine Ingenieurskunst und die besten Materialien: «Wäre es nur ein Produkt, das sie kaufen, wäre es nicht so interessant. Man muss darüber hinausgehen und eine Art Mitgliedschaft anbieten, die man erwerben kann», erzählt er.
In Zukunft will man die Uhrenmarke noch weiter vorantreiben, allerdings sei das «ein Marathon und kein Sprint», betont Biver. Neue Produkte stehen schon in den Startlöchern; sie sollen auch mehr Komplikationen enthalten, wie etwa einen ewigen Kalender.
Davor gab es für den 26-Jährigen aber noch ein ganz besonderes persönliches Ereignis: Vor Kurzem kam sein zweites Kind zur Welt. Diesen Meilenstein würdigte er mit einer einzigartigen Biver-Uhr. «Ich habe sie extra für mich machen lassen», sagt er stolz. Täglich trägt er sie aber nicht – dafür ist sie zu kostbar.
Text: Katharina Strnadl
Foto: Biver
Bei Biver arbeiten Generationen miteinander und bauen Brücken.
Pierre Biver