Konfrontation statt komfort

„Status zählt nichts, wenn ein Schneesturm tobt“ – nach mehr als 25 Jahren in den Polarregionen weiss Inge Solheim, wie schnell Macht, Geld und gesellschaftliches Ansehen ­bedeutungslos werden können. Der Norweger zählt heute zu den gefragtesten Polar-Guides der Welt. Doch wer mit Solheim reist, kauft nicht Komfort, sondern Konfrontation – mit der Natur und mit sich selbst. Im Gespräch mit Forbes spricht Solheim darüber, was eine Expedition zum Nordpol mit Luxus zu tun hat.

Bei Fernsehproduzenten, die in Polarregionen filmen wollen, ist Inge Solheim dank seiner Expertise ziemlich weit oben auf der Kontaktliste – und nicht ohne Grund: Solheim bringt mit 53 Jahren mittlerweile über 25 Jahre Erfahrung als professioneller Erlebnisguide, Entdecker und Berater an den extremsten Orten der Welt mit. Seit 1999 hat er mehr als 20 Expeditionen zum Nordpol geleitet; sowie zahlreiche weitere Expeditionen, darunter Reisen in die Antarktis, nach Grönland, Island, Kasach­stan und Sibirien. Rückblickend auf die bisherige Karriere des Polar-Guides treten zwei besondere Meilensteine hervor: Vor rund 20 Jahren nahm er als Mitglied des norwegischen Teams an der legendären Expedition teil, die im Auftrag der BBC das historische Rennen zwischen Amundsen und Scott zum Südpol nachstellte. Zudem markierte der April dieses Jahres das 15-jährige Jubiläum seines Einsatzes als Lead-Guide bei der Expedition „Walking with the Wounded“, an der er vier kriegsversehrte Veteranen und Prinz Harry 13 Tage durch die Arktis führte. Im Lauf dieser Jahre hat sich seine Priorität zusehends verschoben: Weg von der rein körperlichen Bewältigung extremer Distanzen, hin zur Begleitung der mentalen Prozesse und der individuellen Weiterentwicklung seiner Teilnehmer.

Luxus hat viele Formen. Während die meisten dabei an exklusiven Butlerservice oder Privatjet-Reisen in die Karibik denken, gibt Inge Solheim dem Begriff eine völlig neue Bedeutung. Was er bietet, hat wenig Bezug zur herkömmlichen Definition von Luxus – gleichzeitig ist eine Reise mit ihm hochexklusiv und teuer. Für den Norweger beginnt Luxus dort, wo Annehmlichkeiten verschwinden. Solheim ist der Überzeugung: „Ich denke, Luxus muss umdefiniert werden.“ Der wahre Wert seiner Tätigkeit liegt für ihn nicht in einer klassischen Dienstleistung, sondern vielmehr in der Stille, der persönlichen Selbstüberwindung und den unerbittlichen Lektionen, die einem nur die unberührte Natur vermitteln kann.

Diese Sichtweise überrascht nicht, wenn man seine Lebensgeschichte kennt. Der Ursprung seiner Verbindung zur Natur ist auf seine Kindheit zurückzuführen, die er als schwer beschreibt. Bereits im Alter von acht Jahren fing er an, die atemberaubende norwegische Landschaft, in der er aufwuchs, für sich zu erkunden. Die Ausflüge setzten sein Leben in Perspektive – ein Leben, das von Armut geprägt war und in starkem Kontrast zum Wohlstand anderer norwegischer Familien stand. Die Seen, Gletscher, Berge und Täler wurden zu seinem Zufluchtsort. Dort fand Solheim Selbst­vertrauen, Orientierung und ein Gefühl der Zugehörigkeit. Für Hobbys wie Fussball, lacht er, hatte er keine besondere Begabung.

Seinen Entdeckergeist und seine Erfahrungen in der Wildnis machte er sich bereits in seiner frühen Jugend zunutze; erste Wanderungen führte er in seinen Teen­agerjahren. Doch sein weiterer Karriereweg verlief alles andere als geradlinig: Eine akademische Ausbildung hat Solheim nie absolviert – stattdessen arbeitete er bereits mit 15 Jahren in einem Pizzarestaurant, ab­solvierte seinen Militärdienst und schlug anschliessend eine Karriere im Finanzsektor ein, wobei er seine mangelnde Ausbildung durch intensives Selbststudium ausglich. Neun Jahre lang war er unter anderem als Fonds­manager, Börsenmakler und später als Assistant Director des norwegischen Sparkassenverbands tätig. Er bewies sich trotz mangelnden Abschlusses, allerdings blieb ein Gefühl der Unvollständigkeit bestehen. „Es war alles gut“, erinnert er sich, „abgesehen davon, dass mir die Natur fehlte.“

Die Entscheidung, die Finanzwelt hinter sich zu lassen, begann mit einer Reise nach Spitzbergen. Die arktische Inselgruppe faszinierte ihn sofort. Schon zwei Jahre darauf, 1999, war er als Assistent an einer Expedition zum Nordpol beteiligt. Rückblickend bezeichnet er die Reise als eine der ersten wegweisenden kommerziellen Expeditionen in die Region. Spätestens zu dem Zeitpunkt wurde ihm klar, dass er für die Tätigkeit brennt. „Ich war einfach gefesselt“, so Solheim.

Der Status, der Ruhm, deine familiäre Herkunft: All das zählt nichts, wenn ein Schneesturm tobt.

Inge Solheim

Eines der profiliertesten Vorhaben in seiner Laufbahn stellt die Rekonstruktion des historischen Südpol-­Wettstreits von 1911 dar, bei dem Roald Amundsen und Robert Falcon Scott gegeneinander antraten. Im Rahmen einer BBC-Produktion wurde die gesamte Ausrüstung – von der Kleidung über den Proviant bis hin zur Navigation – so authentisch wie möglich nach­empfunden. Da Schlittenhunde in der Antarktis mittlerweile untersagt sind, wich die Produktion 2005 nach Grönland aus, um die dortige Isolation und Weite als Kulisse zu nutzen. Diese unter dem Titel „Blizzard“ veröffentlichte Expedition erstreckte sich über 2.400 Kilometer, dauerte 61 Tage und markiert einen zentralen Meilenstein in Solheims Karriere.

Besonders am Herzen liegen Solheim jedoch jene Unternehmungen, die Menschen mit körperlichen Einschränkungen völlig neue Perspektiven aufzeigen. Dazu gehört die Nordpol-Expedition 2011 für die Organisation „Walking With The Wounded“: Zusammen mit vier kriegsversehrten Veteranen erreichte die Gruppe den geografischen Nordpol nach 13 Tagen – schneller als ursprünglich kalkuliert. Auch Prinz Harry, der das Projekt unterstützte, hielt an der insgesamt 305 Kilometer langen Strecke vier Tage mit. „Niemand kehrte von der Expedition unberührt zurück“, so Solheim. Erst kürzlich kamen die Teilnehmer zusammen, um das 15-jährige Jubiläum der Expedition zu feiern. An dieses Projekt knüpfte später die „South Pole Allied Challenge“ an, deren Führung Solheim ebenfalls übernahm.

Über die Jahre hat sich Solheim eine exklusive Klientel aus Unternehmern, Investoren und Führungs­persönlichkeiten aufgebaut. Dass Solheims Expeditionen in der Regel zwischen 50.000 und 80.000 € pro Person kosten, liegt vor allem am beträchtlichen logistischen Aufwand: Allein die Beförderung von Teilnehmern und Ausrüstung in extrem abgelegene Polar­regionen verursacht erhebliche Kosten. Neben der reinen Logistik fliessen auch die intensive Vorbereitung, spezialisierte Ausrüstung sowie die oft mehrwöchige oder gar monatelange Expeditionsdauer in die Kalkulation ein.

Im Forbes-Gespräch stellt der Polar-Guide allerdings klar: Gesellschaftlicher Status spielt für ihn dabei keine Rolle. Auf „Namedropping“ verzichtet der Polar-Experte bewusst. „Der Status, der Ruhm, deine familiäre Herkunft: All das zählt nichts, wenn ein Schneesturm tobt. In der Natur sind wir alle gleich.“ Diese Überzeugung prägt nicht nur seine Sicht auf Menschen, sondern auch seine Arbeit als Expeditionsleiter. Es treten Eigenschaften in den Vordergrund, die über Erfolg oder Scheitern einer Expedition entscheiden: Belastbarkeit, Anpassungsfähigkeit und die Fähigkeit, Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen. Eine der grössten Herausforderungen besteht darin, Teilnehmern ein realistisches Bild ihrer körperlichen und mentalen Belastbarkeit zu vermitteln. Viele seiner Kunden sind es gewohnt, in ihrem beruflichen Umfeld erfolgreich zu sein – die Anforderungen einer Polarexpedition folgen jedoch anderen Regeln. Für Solheim ist die Konfrontation mit den eigenen Grenzen aber ein zentraler Bestandteil der Erfahrung: „Wahrer Erfolg bedeutet, Schwierigkeiten zu überwinden. In der Bequemlichkeit gibt es kein Wachstum.“

Wahrer Erfolg bedeutet, Schwierigkeiten zu überwinden. In der Bequemlichkeit gibt es kein Wachstum.

Inge Solheim

Inge Solheim agiert bei der Klientenauswahl mit kompromissloser Offenheit und nimmt nur einen Bruchteil der eingegangenen Anfragen an. Ein wesentlicher Aspekt seiner Auswahlkriterien ist die Möglichkeit eines gegenseitigen Lernprozesses. „Ich arbeite viel mit Prominenten zusammen, sowohl auf meinen Expedi­tionen als auch bei anderen Aufträgen, die ich habe, und das ist sehr faszinierend, weil viele dieser Menschen äusserst talentiert sind“, erklärt er. „Ich habe oft das ­Gefühl, selbst mehr von meinem Gegenüber zu lernen, als ich ihm oder ihr vermittle.“

Zunächst müssen Teilnehmer durch eine tief­greifende Trainings- und Vorbereitungsphase, die sie oft als überraschend anspruchsvoll empfinden. Doch für Solheim hat diese Vorgehensweise einen guten Grund: „Fehler auf dem Nordpol, dem Südpol oder dem Mount Everest können enorme Folgen haben.“ Die grösste Gefahr lauert für ihn nicht in der Kälte oder bei Eisbären, sondern im Verlust der Konzentration, der zu Unfällen wie etwa Kohlenmonoxidvergiftungen oder Zelt­bränden führen kann.

Nach mehr als 25 Jahren als Guide hat Solheims beruflicher Schwerpunkt sich schrittweise von der Expeditionsleitung hin zu Coaching, Mentoring und persönlicher Weiterentwicklung verlagert. Aktuell arbeitet er an einem Buch mit dem Titel „Robust“, in dem er seine Methoden zur Stärkung mentaler und körperlicher Widerstandsfähigkeit einem breiteren Publikum zugänglich machen möchte. Ausserdem verfolgt er die Vision, ein Wellness- und Longevity-Unternehmen aufzubauen, das Beratung sowie möglicherweise auch Produkte und Behandlungen in diesem Bereich anbietet. Ziel ist es, diese Angebote mit dem psychologischen und emotionalen Wert von Natur- und Outdoor-Erlebnissen zu verbinden.

Solheim beobachtet in seiner Arbeit als Expe­ditionsleiter – die ein hohes Mass an Menschenkenntnis er­fordert und diese auch fördert – seit Jahren einen ­spürbaren Wertewandel: „Ich halte das für eine gesunde Entwicklung – ein kollektives Erwachen.“ Die Sehnsucht vieler seiner Kunden deckt sich mit dem, was er selbst vermitteln möchte. Wer sich monatelang auf eine Expedition vorbereitet, körperlich trainiert, mentale Grenzen verschiebt und schliesslich unter extremen Bedingungen besteht, erlebt etwas, das sich nicht kaufen lässt – gerade für Menschen, die im Alltag über nahezu unbegrenzte Ressourcen verfügen. Hunger, Kälte, Erschöpfung, Schlafmangel oder Einsamkeit sind in den Augen Solheims Türöffner für wertvolle Erkenntnisse, die im Komfort selten entstehen. Für ihn liegt darin eine der grössten Formen von Luxus: die Möglichkeit, sich selbst neu kennenzulernen.

Fotos: Inge Solheim, Conor McDonnell, Todd Thimios

Klara Csongrady

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