Kann KI die Demokratie retten?

Audrey Tang aus Taiwan gilt als eine der renommiertesten Vordenkerinnen des digitalen Zeitalters. Ihre Heimat hat sie als Ministerin mit moderner Technologie pluralistischer gemacht und die Debatten entpolarisiert. Was kann Europa von Tang und Taiwan lernen?

Jedes ihrer Worte hat Gewicht. Noch bevor das Interview mit Forbes begonnen hat, greift Audrey Tang zu ihrem Smartphone, um das Gespräch aufzuzeichnen. Eigentlich ist das ja der Job des Journalisten – doch Tang will ihre Aussagen selbst archivieren; sie ist ihre eigene Chronistin und wird alle Zitate anschliessend im Netz veröffentlichen. Als eine Fürsprecherin von „radikaler Transparenz“ hatte sie auch als Taiwans Digitalministerin die Diskussionen mit ihren engsten Beratern ins Netz gestellt. Die Bürger sollten sich unverzerrt ein Bild von den Debatten im Minis­terium machen – auch, um Verschwörungsmythen über korrupte Eliten und krumme Hinterzimmer-Deals entgegenzuwirken.

Ein Nachmittag Ende Mai im Londoner ­Viertel Shoreditch. In den alten Industriegebäuden der ­Gegend findet die Digitalkonferenz SXSW ­London statt, der europäische Ableger des berühmten Techie-­Treffens in Austin, Texas. Die Taiwanesin Tang sprach dort über ihre Vision: eine künstliche Intelligenz, die dem Menschen dient und Demokratie fördert; eine KI, die die menschliche Gemeinschaft stärkt, statt nur den Investoren der Tech-Konzerne neue Rekord­profite zu verschaffen. Nun sitzt Tang in einem Zimmer hinter der Bühne und lässt sich von ihrer Assistentin ein Sandwich bringen. Das Interview mit Forbes wird so zu einem verspäteten – und bescheidenen – Business-Lunch.

Audrey Tang gilt als eine der einflussreichsten Vor­denkerinnen für Zukunftstechnologien und ­künstliche Intelligenz. Die 44-Jährige ist überzeugt, dass die Menschheit am Beginn einer Revolution steht – und dass die kommenden Jahre entscheidend dafür sind, wie sich künst­liche Intelligenz entwickelt. Im Silicon Valley geht man davon aus, dass schon im ­kommenden Jahr KI-Systeme die kognitiven Fähigkeiten des Menschen übertreffen. Zwar gehört die Erzählung von der „künstlichen Superintelligenz“ seit Jahren zum Verkaufspitch der Tech-Unternehmer, doch auch Tang vergleicht die KI-Revolution mit einem Raketenstart: „Wir müssen nicht nur überlegen: Wie legen wir einen sicheren Start hin? Es geht auch darum, dass wir ­sicher landen.“ Wird KI das friedliche ­Zusammenleben stärken – oder wird sie ein Werkzeug für Polarisierung und Konflikte? Tang glaubt: „Die meisten Menschen in Taiwan, Europa, China oder den USA wollen eine Technologie, die sich in den Dienst der Menschheit stellt. Sie wollen keine KI, die den Menschen wie einen Hamster in ein Laufrad sperrt.“

Tang war von 2016 bis 2024 Taiwans Digitalministerin und reist heute als offizielle „Cyber-­Botschafterin“ um die Welt. Als Aktivistin bekannt wurde sie als Mit­glied des Kollektivs „g0V“, das sich für mehr ­Transparenz in der Politik einsetzte. Tangs Arbeit legte den Grundstein für die „Sonnenblumen­bewegung“ von 2014: Damals besetzten Hunderte junge Menschen das Parlament in Taipeh, aus Protest gegen ein Handels­abkommen mit China.

Die Proteste fanden damals international kaum ­Beachtung, der Fokus der Weltöffentlichkeit lag auf der Maidan-Revolution in der Ukraine und der Annexion der Krim durch Russland. Wenige Monate nach der Besetzung in Taipeh kam es zu den „Regenschirm-Demons­trationen“ in Hongkong. Die Proteste in Taipeh, Kiew und Hongkong verband, dass sich junge Menschen zusammentaten, um die Demokratie zu schützen und Widerstand gegen die Einverleibungs­gelüste autokratischer Regime zu leisten.

Die damalige Oppositionspartei DPP (Democratic Progressive Party) kam an die Macht und Aktivistin Tang wurde ins Kabinett berufen. Die neu gewählte Präsidentin Tsai Ing-wen, die erste Frau in diesem Amt, wollte dem Volk signalisieren, dass sie es ernst meint mit mehr Bürgerbeteiligung, Transparenz und Inno­vation. Tang stand für genau diese Themen, und so wurde sie als weltweit erste nonbinäre Transgender-Person in ein Regierungskabinett berufen.

Tang wurde 1981 als Autrijus Tang als Kind zweier Journalisten geboren. Damals herrschte in Taiwan eine Militärdiktatur, das Kriegsrecht wurde erst 1987 aufgehoben. Taiwan war im Zweiten Weltkrieg von Japan besetzt; die Zeit der Einheitsparteienregierung der Kuomintang nach 1945 endete final erst 1996, als freie Wahlen stattfanden. Seitdem hat sich der Inselstaat mit einer Bevölkerung von rund 23 Millionen zu einem der liberalsten und innovativsten Staaten Asiens entwickelt.

Tang war fünf Jahre alt, als Ärzte eine lebens­bedrohliche Herzerkrankung bei ihr feststellten. Erst mit zwölf Jahren konnte sie erfolgreich behandelt werden. In der Zwischenzeit, so erzählt Tang, gaben ihr die Ärzte eine 50-prozentige Überlebenschance. Sie sei jede Nacht mit dem Gefühl eingeschlafen, dass irgendwo eine Macht eine Münze wirft, die darüber entscheidet, ob sie noch einmal aufwache. Tang sagt, Taiwans Demokratie habe sich genauso verletzlich angefühlt wie damals ihre Gesundheit. Heute ist Tang vollständig kuriert; und auch Taiwan gelang ein bemerkenswert friedlicher Übergang von der Diktatur in die freie Gesellschaft.

Die meisten Menschen in Taiwan, Europa, China oder den USA wollen eine Technologie, die sich in den Dienst der Menschheit stellt.

Audrey Tang

Tang zeigte schon als Kleinkind Anzeichen ausser­gewöhnlicher Intelligenz, ihr IQ soll weit über 180 liegen. Die Schule sorgte bei ihr für Frust, weil sie Konzepte oft früher verstand als ihre Mitschüler. Mit Erlaubnis ihrer Eltern verliess Tang mit 14 Jahren die Schule und bildete sich autodidaktisch weiter, etwa indem sie Bücher online las und sich das Programmieren beibrachte. Zu jener Zeit begleitete sie ihren Vater nach Deutschland, der ein Jahr lang im Saarland eine Doktorarbeit abschloss. Tang lernte Deutsch und anschliessend Französisch. Das Interview mit Forbes führte sie auf Englisch (ihre fünfte Fremdsprache).

Im Alter von 15 Jahren gründete Tang während des Dotcom-Booms die Firma Inforian, die Suchmaschinen-­Technologie produzierte. Später kam Our Internet hinzu, die Lösungen für die Programmiersprache Perl anbietet. Anschliessend arbeitete Tang als Beraterin für Apple und half bei der Entwicklung des Chatbots Siri. Tang verdiente schon als Berufseinsteigerin ein Vermögen und zog sich im Alter von 33 Jahren aus dem Privatsektor zurück, um ihre Energie als „zivilgesellschaftliche Hackerin“ der Politik zu widmen.

Taiwans gesellschaftliche Umwälzungen vollzogen sich laut Tang parallel zu den Meilensteinen des Internetzeitalters: „Unsere ersten Präsidentschaftswahlen fanden 1996 statt, genau zur gleichen Zeit, als die ersten Webbrowser entwickelt wurden. Deshalb kann für uns das eine nicht ohne das andere existieren“, sagt Tang, für die Technologie und Politik wie die dualen Kräfte Yin und Yang verbunden sind. In einem viralen Video auf Instagram erklärte die politische Quereinsteigerin ihre Mission als Digitalministerin beim Zubereiten von Bubble Tea so: „Internet und Demokratie sind nicht zwei verschiedene Dinge, sondern ein und dasselbe. Genau wie Bubble Tea.“

Unsere ersten Präsidentschaftswahlen fanden 1996 statt, genau zur gleichen Zeit, als die ersten Webbrowser entwickelt wurden. Deshalb kann für uns das eine nicht ohne das andere existieren.

Audrey Tang

Kaum im Amt setzte sie konsequent auf Technologie, um das Vertrauen in den Staat zu steigern. Etwa während der Covid-19-Pandemie: Tang entwickelte ein Crowdsourcing-System, das Bürgern in Echtzeit anzeigte, in welchen Apotheken Gesichtsmasken verfügbar sind, was Panikkäufe verhinderte und zugleich das Vertrauen der Bevölkerung in die Fähigkeiten der politischen Entscheider stärkte.

Digitale Infrastruktur wird in Taiwan als kritische Infrastruktur behandelt – wie Wasser oder Strom. Anbieter müssen den Quellcode für Sicherheitstests zugänglich machen und Interoperabilität gewährleisten, damit Nutzer problemlos zwischen Anbietern wechseln können. Das Land erlebt mehr als zwei Millionen Cyberangriffe pro Tag. Die Regierung in Taipeh beklagt seit Jahren eine „hybride Kriegsführung“ Pekings, die von militärischen Drohgebärden bis hin zu Desinformationskampagnen reicht und auch die wichtige Halbleiterindustrie ins Visier nimmt. Peking bestreitet dies. Tang formuliert auch hier jedes Wort mit Vorsicht und macht keine Schuldzuweisungen. Vielmehr stellt sie mit einem Lächeln die Attacken als „kostenfreien Penetrationstest“ dar, der zur Stärkung und Widerstandskraft der IT-Systeme des Landes führe.

Tang hat mit der Einführung der Faktenprüfungs-Plattform Cofacts auch den Umgang mit Fake News und Desinformation revolutioniert: Dahinter stecken ein Chatbot und ein Angebot wie Wikipedia, ­betrieben von einer zivilgesellschaftlichen Organisation, bei der User mithelfen. Eine Information kann gepostet werden – und binnen Sekunden informiert der Chatbot, ob es sich um nachprüf­bare Fakten oder erfundene Fake News handelt. Diese Innovation hilft auch, wiederkehrende Mythen zu entlarven, vergleichbar mit einem Virus, das es schon einmal gab und dessen Mutationen erkannt werden.

Wenn Tang von der Offenheit gegenüber Technologie in ihrer Heimat erzählt, wird deutlich: Taiwan begreift Digitalisierung vor allem als Werkzeug. Auch Tang sagt: „In Taiwan herrscht eine andere Denkweise.“ Für viele Menschen dort ist digitale Technologie eine Verlängerung des PCs. In Europa schwingt im Umgang und in den Debatten über Digitalisierung hingegen oft etwas Finsteres mit: Technologie zerstört Jobs, klaut Daten, isoliert und radikalisiert. Oft seien diese Ängste ja nicht völlig unbegründet, sagt Tang – und doch scheint Taiwan auch soziale Medien verantwortungsvoller und reifer zu nutzen.

Das wichtigste soziale Medium ist PTT (Professional Technology Temple), das ähnlich wie Reddit funktioniert, aber von der National Taiwan University betrieben wird. Es ist Teil des akademischen Netzwerks, es gibt keine Werbetreibenden, keine Aktionäre, keine Gewinnmaximierung. Nutzer legen ihre eigenen Regeln in Form von Selbstverwaltung fest, indem sie etwa den Content-Algorithmus auf ihre Bedürfnisse und Inte­ressen zuschneiden können. Wie bei öffentlichen Ver­anstaltungen und anderen Formen der Bürger­beteiligung gilt auch bei PTT: Je mehr man sich beteiligt, desto mehr Einfluss hat man. So stärkt das wichtigste soziale Medium das bürgerschaftliche En­gagement, statt zu polarisieren.

Als weiteres Beispiel für Tangs Vision einer fortschrittlichen Tech-Demokratie gilt der Fall Uber: 2015 befragte Taiwan seine Bewohner in einer öffentlichen Konsultation, wie der Fahrdienst-Anbieter zu regulieren sei. Die Meinung der Bürger prägte massgeblich das Gesetz, das von Uber-Fahrern eine reguläre Taxi-Fahrerlaubnis und eine Integration in die bestehende Branche erfordert.

Taiwan erlebte viele Jahrzehnte vor allem ­Fortschritt und Wohlstand, doch heute ist die Insel ein ­geopolitischer Brennpunkt, auf den die Welt mit ­Ungewissheit und Sorge blickt. Die Volksrepublik China strebt eine „Wiedervereinigung“ mit dem Inselstaat an. ­Zwischen der Insel Taiwan und dem chinesischen Festland ­verläuft eine der wichtigsten Wasserstrassen der ­globalen Wirtschaft. Taiwan steht unter dem Schutz
der USA, doch zuletzt streute US-Präsident ­Donald Trump Zweifel an dem alten amerikanischen Schutzversprechen.

Dass Taiwan zum Spielball der Rivalen USA und China wurde, liegt vor allem an vier Buchstaben: TSMC – die Abkürzung für Taiwan Semiconductor ­Manufacturing Company. TSMC-Chips gelten als die fortschrittlichsten Halbleiter der Welt, sie sind in Smartphones, Autos und sämtlichen Hightech-­Maschinen verbaut. Taiwans Vorsprung durch Technik garantierte ein im Vergleich zu europäischen Staaten beneidenswertes Wachstum. Der Inselstaat liegt heute im Ranking der grössten Volkswirtschaften auf Platz 16 – vor der Schweiz auf Platz 20. Doch Erfolg weckt auch Begehrlichkeiten.

Kann Taiwan Donald Trump trauen? Politischen Fragen weicht Tang lieber aus und lässt nicht einmal leise Kritik am US-Präsidenten aufkommen. Lieber betont sie, dass es für Taiwan darum gehe, das Vertrauen der Welt zu bewahren – und erinnert an Trumps erste Amtszeit: Damals hatte sie mit dem US-Strategen und Diplomaten Keith Krach bei der Clean Network Ini­tiative zusammengearbeitet, die den Einfluss von Chinas Tech-Konzernen Huawei und ZTE in den USA und verbündeten Ländern zurückdrängte.

Sichtlich entspannter fühlt sich Tang, als es um die Frage geht, was Europa vom Tech-Musterland Taiwan lernen kann. Ihre Idee von der Bürgerbeteiligung durch Technologie hat Tang auch nach Deutschland gebracht. Die deutsche Bundesagentur für Sprunginnovationen, kurz SPRIND, fragt Bürger: „Deutschland, was nervt? Deutschland, was geht?“ Nutzer sollen Dampf ablassen und zugleich auch Lösungen anbieten können. Ziel ist es, die Verwaltungen schneller und effizienter zu machen. Tang sagt, genau dieses Beispiel zeige, wie Technologie die Demokratie fördert: „Demokratie sollte nicht allein darin bestehen, alle vier Jahre ein Kreuz bei einer Partei zu machen.“

Nach dem Treffen in London fliegt Tang nach Berlin und von dort weiter nach Taipeh. Eigentlich hat nach ihrem Abschied aus Taiwans Regierung ihre Arbeit als vielreisende Cyber-Botschafterin erst begonnen. Auch die KI-Revolution steht ja noch am Anfang. „Cyber“ kommt vom griechischen Wort „kybernetes“, was „Steuermann“ bedeutet, erklärt Tang. Doch lässt sich der KI-Boom überhaupt noch steuern – und wenn ja, von wem? In den KI-Wettlauf werden fast hundertfach höhere Summen gepumpt als in das Manhattan-Projekt, das den USA die Atombombe bescherte.

Tang erinnert an das Bild, mit dem der Papst den KI-Boom beschrieben hat: Auch Tang fürchtet, dass ­einige wenige gleich mehrere Türme zu Babel bauen, um sich gegenseitig zu übertrumpfen. Tang hofft, dass auch KI ein Werkzeug wird, wie es der Personal Computer war, eine „neue Form persönlicher Intelligenz“. Das ist ihre optimistische Version einer wohlmeinenden KI. Und damit diese Vision wahr werden kann, braucht es mehr Mitsprache, mehr Engagement; mehr Bürger, die sich aktiv einmischen, und Regierende, die diese Bürger auch mittels Technologie dazu befähigen. Tang wäre wohl zu bescheiden, um es so offen auszusprechen, aber im Kern ist ihre Botschaft für Europa eindeutig: Mehr Taiwan wagen!

Fotos: Eric Hsu

Reinhard Keck

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